Neuartige Steuerprozesse

Traditionell wird unter einem Steuerprozess die Verhandlung in einer Steuerangelegenheit vor einem Finanzgericht verstanden. In neuerer Zeit wird der Ausdruck „Steuerprozess“ aber zunehmend zur Bezeichnung ganz anderer Sachverhalte verwendet. Diese Ausweitung des Begriffs „Steuerprozess“ kann als Ausdruck einer neuen Entwicklung gewertet werden, die möglicherweise zu einer deutlichen Veränderung der Steuerwelt beitragen kann.Bezeichnet man als Prozess ein strukturiertes und zielgerichtetes Vorgehen, so bieten neuere Entwicklungen im steuerlichen Bereich insbesondere zwei Ansatzpunkte für ein prozessorientiertes Denken. Einmal gibt es den digitalen Transfer steuerlich relevanter Daten vom Steuerpflichtigen bzw. seinem Berater zur Finanzverwaltung. Dieser Prozess sollte aber nicht zur Einbahnstraße verkommen, sondern auch die digitale Rückübertragung abweichender Ergebnisse an den Steuerpflichtigen umfassen. Im Zusammenhang mit den neuen Schlagworten E-Government und E-Taxation wird hier von einer E-Taxation-Wertschöpfungskette bzw. einem steuerlichen Wertschöpfungsprozess gesprochen. Unter dem Schlagwort „E-Bilanz“ wird diese Entwicklung in Deutschland ebenso wie in vielen anderen Staaten intensiv diskutiert, wobei die Rückwirkung auf die Unternehmen besondere Bedeutung erlangt. Damit ergibt sich eine Verbindung zu weiteren Steuerprozessen.

Neben diesem Datenaustausch mit der Finanzverwaltung wird der Begriff Prozess im steuerlichen Bereich aber auch für unternehmensinterne Vorgänge verwendet. Nicht selten hört man von Mitarbeitern einer Steuerabteilung, dass zur Generierung steuerlich relevanter Daten Prozesse aufgesetzt werden müssen. Diese Prozesse können sowohl zur Ermittlung von laufenden aber sehr häufig auch von latenten Steuern dienen und führen nicht selten dazu, die zutreffende steuerliche Abbildung von steuerlich relevanten Sachverhalten im Konzernabschluss zu gewährleisten. Diese neuartigen Steuerprozesse zeichnen sich regelmäßig durch ein hohes Maß an IT-Unterstützung aus und erfordern regelmäßig den Einsatz entsprechender Werkzeuge (Tools).

Im Ergebnis  bringt die Ausweitung des Begriffs Steuerprozess auch zum Ausdruck, dass sich die Anforderungen an die Steuerabteilungen und die steuerliche Beratung in den letzten Jahren deutlich und dramatisch verändert haben. Die immense Ausweitung des Tax Accounting auf der einen Seite und die intensive Diskussion um die Einführung der E-Bilanz verdeutlichen diese Entwicklungen schlaglichtartig. Hinter der Ausweitung des Begriffs Steuerprozess verbirgt sich somit eine deutliche Ausweitung der steuerlichen Aufgabenstellungen. Wir werden uns deswegen neben dem Gerichtsprozess auch im steuerlichen Bereich mit vielfältigen weiteren Prozessen vertraut machen müssen.

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Norbert Herzig

Über Norbert Herzig

WP/StB Prof. Dr. Norbert Herzig ist Direktor des Seminars für Allgemeine Betriebswirtschaftslehre und Betriebswirtschaftliche Steuerlehre an der Universität zu Köln. Seine Hauptarbeitsgebiete sind unter anderem die Rechnungslegung und die Unternehmensbesteuerung. Er ist Vizepräsident der Schmalenbach-Gesellschaft für Betriebswirtschaft e. V. und Leiter des Arbeitskreises Steuern dieser Gesellschaft. Darüber hinaus ist er im Vorstand der Deutschen Vereinigung für Internationales Steuerrecht (IFA) und Mitglied des Steuerausschusses des Instituts der Wirtschaftsprüfer.

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