CorpTech in the Boardroom – zur Einwirkung neuer Technologien auf den Aufsichtsrat

Prof. Dr. Dirk Zetzsche, LL.M., Universität Luxembourg

Ob und wie sich sog. Neue Technologien, insbesondere Künstliche Intelligenz (AI), Blockchain und Smart Contracts – im Folgenden zusammenfassend als CorpTech bezeichnet – auf die Arbeit von Vorstand und Aufsichtsrat auswirkt, wird derzeit viel diskutiert. Nach einer sehr optimistischen Ansicht in der Literatur soll CorpTech zur ultimativen Lösung der Corporate Governance Probleme beitragen. So soll CorpTech etwa optimale Vergütungsmodelle schaffen können, um Interessenkonflikte der Organmitglieder zu beseitigen; CorpTech soll Preisbildungsmechanismen an Märkten beschleunigen, so dass sich aktivistische Handels- und Engagementstrategien nicht mehr lohnen; schließlich sollen CorpTech-basierte Abstimmungen und Aktionärsinitiativen auch die rationale Apathie des Aktionariats überwinden; die Überwachung des nunmehr aktiven Aktionariats könnte dann den Aufsichtsrat ersetzen.

Bei genauer Betrachtung liegt diesen Prophezeiungen ein Argumentationsmuster zugrunde, dass die fehlerhafte Gegenwart mit einer scheinbar perfekten Zukunft vergleicht (sog. Tech Nirvana Fallacy). Unbeantwortet bleibt, woher die perfekte Technologie kommen soll. Solange CorpTech von Menschenhand erfunden und/oder entwickelt wird, setzen sich die Schwächen und Konflikte der menschlichen Schöpfer in der Technologie fort.

Die Frage darf daher nicht lauten: Werden Corporate Technologies Vorstand und Aufsichtsrat verdrängen? Richtig muss die Frage lauten: Unter welchen Voraussetzungen können Vorstand und Aufsichtsrat (und ggf. Aktionäre) Technologien zum Nutzen des Unternehmens einsetzen, so dass die Kombination aus Mensch und Maschine gegenüber dem derzeitigen einen besseren Zustand darstellt?

Dafür ist ein klarer Blick auf das Potential und die Grenzen von Corporate Technologies vonnöten. In einer jüngst von meinem Kollegen Luca Enriques und mir verfassten Studie haben wir mit Blick auf den Aufsichtsrat (bzw. das Board im eingliedrigen System) die Grenzen des Einsatzes von CorpTech untersucht. Dabei kamen wir zu dem Ergebnis, dass sowohl bei der Überwachung als auch bei der Kommunikation technische Defizite und Eigenarten der Corporate Governance einen von Menschen besetzten Aufsichtsrat weiterhin empfehlenswert erscheinen lassen. Desungeachtet gebietet das Vordringen von CorpTech eine Fortentwicklung der Aufsichtsratsarbeit. Die bisher anzutreffenden tech committees oder mit Technologie befassten Aufsichtsratsausschüsse sind zumeist auf Cyberrisiken fokussiert. Empfehlenswert ist die Ergänzung der Aufsichtsratsfunktionen um Governance-Aspekte des Technikeinsatzes sowie die Offenlegung diesbezüglicher Aufsichtsschwerpunkte im Aufsichtsratsbericht.

Die Ergebnisse unserer Untersuchung lassen sich auf andere Handlungsfelder der Kooperation von Mensch und Maschine übertragen. Gleich ob es um autonomes Fahren, die automatisierte Entwicklung genetischer Medikamente oder die datengestützte (agro-)chemische Forschung geht: Solange die grundlegenden Entscheidungen in puncto Design, Funktion, Entwicklung und Einsatz der Technik von Menschen getroffen werden, gilt es (menschliche) Mechanismen beizubehalten, die diese Entscheidungsträger auf der rechten Bahn halten.

Die Studie unter dem Titel „Corporate Technologies and the Tech Nirvana Fallacy“ ist hier abrufbar.

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