» 12. August 2009, 11:59 Uhr

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SpiralFrog oder die Lebenslüge des Internets

Der Musikdienst SpiralFrog: Ein Lehrstück über die katstrophale Fehleinschätzung, dass viel Traffic auf einer Webseite auch schon ein komplettes Businessmodell darstellt. Und ein Lehrstück über Start-Up-Manager, die das einfach nicht wahr haben wollen.Der Branchendienst Cnet.com hat sich einmal dMühe gemacht und das kurze Leben von Spiralfrog nachrecherchiert. 2004 gegründet, ist die werbefinanzierte Musikwebseite nicht an den angeblich überzogenen Forderungen der Plattenindustrie gescheitert, der Weltwirtschaft oder an fehlender Finanzierung. Im Gegenteil; Geld war in Massen da und es wurde auch gnadenlos verbraten. Nur leider für die falschen Dinge und in weiten Teilen kozenptlos. Ein absolut lesenswerte Stück Journalismus und Pflichtlektüre für jeden potenziellen Investor in Web-Unternehmen.

„We were claiming super-unique user growth while we knew we were just getting users to bounce off our site. Our approach was not far from hiring Internet users in India to click on our home page.“
–Former SpiralFrog CTO in e-mail to founder

Dieses entwaffnend offene Zitat aus einem der vielen Dokumente, die Cnet im Zuge der Recherche ausgeweirtet hat, sagt eigentlich schon alles. Tolle Chart mit Webzugriffszahlen sollten Erfolg suggerieren, alte Investoren bei Laune halten und neue anlocken. PI’s und Nutzerzahlen als das digitale Pentdant zu Madoffschen Renditeversprechen. Cnet nennt Marketingaktionen für 300.000 Dollar, die 5.000 Nutzer brachten. Wohlgemerkt einmalige Nutzer, die ein Video angeschaut und dann wieder gegangen sind. Traffic-Akquisitionkosten nennt man so was. Das Fatale: erstens kann es schief gehen und zweitens bleiben die Nutzer weg, wenn nicht permanent neues Geld in die Generierung von Traffic investiert wird. Das Problem ist schlicht fehlende Loyalität der Surfer. Die Umwandlung der Clicks in Registrierungen misslang. SpiralFrog nutzte DRM-geschützte Musik, die man auf seinen (Microsoft-DRM-fähigen) MP3-Player ownloaden konnte. Einmal im Monat musste man die Lizenz zum Musikhören erneuern, indem man auf die Webseite zurückkehrte und synchronisierte (was übrigens damals schon nicht sehr nutzerfreundlich war).

Ohne Traffic und registrierte Kunden aber keine Attraktivität für Werbekunden. Spiralfrog geriet immer stärker auf Droge und investierte in Affiliate-Marketing, Suchmachinen-werbung und was so alles ging, um den Schein der großen Zahlen aufrecht zu erhalten. Am Ende, als die Pleite Anfang 2009 unvermeidlich ar, lag ein desaströses Geschäftsjahr 2008 mit laut Cnet 1,2 Mio. Dollar Umsatz und ein Nettoverlust von 26,3 Mio. Dollar. Die internen Umsatzprognosen für dieses Jahr sollen gegenüber den Investoren von 55 Mio. Dollar auf 25 Mio. und schließlich auf 3 Mio. reduziert worden sein – und nicht mal die wurden erreicht.

Hier der Link zum ausführlichen Cnet-Artikel mit vielen Details, Grafiken und dem internen Zoff der Gründer untereinander, der letztlich den Niedergang nur noch beschleunigt hat.

Wer heute auf www.spiralfrog.com geht, der wird auf MyMojo umgeleitet, eine Seite für Klingeltöne und sonstige digitale Inhalte für Mobiltelefone. MyMoja hat sich die Domain aus der Resteverwertung gesichert und will nach eigenen Angaben “die Fehler von SpiralFrog” vermeiden. Unter anderem hat MyMojo gar nicht erst versucht, teure Verträge mit den Musikfirman abzuschließen und verlangt auch nicht die Installation eines eigenen Musikplayers.

Axel Postinett

» 12. August 2009, 11:59 Uhr