Das hat Stil. Der Insider-Blog Valleywag muss 60 Prozent der Stellen streichen – und setzt den dazu passenden Begründungs-Brief des eigenen Verlegers genüsslich 1:1 ins Internet. Chapeau!Valleywag gehört zu den profiliertesten Gossip-Seiten des Silicon Valley. Kein Gerücht war zu heiß, keine Story zu gewagt. Wer mit wem, oder wer gegen wen: Die Jungs und Mädels mit dem Ohr am Puls des Web 2.0 haben Entlassungen und Karriereknicks ebenso zelebriert wie den ein oder anderen Kapitalmarktdeal. “Wir haben die Entlassungen bei anderen nie mit Zuckerguss zugekleistert”, schreibt Valleywag jetzt, “also jetzt unsere auch nicht”. Wir feuern. Allerdings nicht freiwillig, sondern auf Druck. Neben dem Bild des Weißwein schlürfenden Verlegers in Frack und Fummel (Untertitel “Slasher”) dann seine Mail an die Mitarbeiter.
Die sagt im Kern “Ja, es geht uns blendend. Wir verdienen Geld und die Anzeigenumsätze liegen 30 Prozent über Vorjahr. Zugegeben, unsere Anzeigenkunden (Elektronikhersteller) sind ziemlich resistent gegen den Abschwung. Aber wie lange denn noch? Jetzt geht alles den Bach runter! Ok, das habe ich 2006 auch gesagt, und dann kam alles anders. Aber diesmal nicht! Also Entlassungen und keine Bonuszahlungen ab kommendem Jahr.”
Nun ja, da nutzt jemand die Gunst der Stunde, möchte man meinen.
Bemerkenswert ist aber ein Passus, der wahrscheinlich des Pudels Kern am besten und das Selbstverständnis der New Economy im Zentralnerv trifft.
We never used to talk about the business side of the operation. Traffic was the only concern; my belief was that juicy news would draw the readers and the advertising would take care of itself. We were patient; even if it took four years for a site to develop the audience that finally registered with advertisers, we had the time. No longer.
Sites such as Consumerist, whose success has been measured more in traffic and recognition than in revenue, now need to cover their costs. I can’t underline enough that this harsh commercial judgment is no reflection whatsoever on the editorial teams that are being cut.
Das Großreinemachen beginnt. Traffic ist Out, Bargeld ist In. Das werden alle Blogs, Web-2.0-Angebote wie Bilderdienste oder Chatservices und nicht zuletzt Communityseiten wie Youtube, StudiVZ oder Facebook zu spüren bekommen.
Wer jetzt noch kein Businessmodell hat, wird auch lange keines haben. Das bedeutet aber auch, dass Investoren ein Problem bekommen werden, ihre sorgsam aufgepäppelten Web-Angebote noch mit Gewinn weiter zu verkaufen. Wie lief das denn immer? Reichweite aufbauen, Traffic anziehen, Page-Impressions produzieren und dann mit den Powerpoints um die Häuser ziehen. Das wird schwierig werden.
Google war zuletzt im Valley der große Start-Up-Staubsauger, der alles geschluckt hat, das irgendwie nach Zukunft aussah. Aber die Aktie ist mittlerweile mit knapp 390 Dollar haarscharf über ihrem 52-Wochen-Tief.
Die nächsten Quartalszahlen (Wahrscheinlich um den 16. Oktober herum) werden viel über das Sorgenkind Youtube und damit viel über den Zustand der Start-Up-Szene im Valley aussagen. Youtube war ein typischer “Masse-Deal”. CEO Eric Schmidt zahlte uber 1,6 Mrd. Dollar für die gewaltigstes Menge Traffic, die im Videobereich zu kaufen war. Umsatz? Fehlanzeige, dafür Prinzip Hoffnung. Wir werden schon was finden.
Er hatte zwei Jahre Zeit. Bislang hat sich Google immer wieder mit Bravour an den eigenen Haaren aus dem Sumpf gezogen. Mal sehen, ob das im Falle Youtube wieder funktioniert.
Ach ja: Nicholas Denton hat zumindest ziemlich gut verstanden, wie das Geschäft bei Valleywag läuft. Als Kompensation für die schlechten Nachrichten gibt es auch eine gute Nachricht, schließt er seine Mail: The one consolation is that there will be plenty of news for us to break — starting with this email, which you are free to leak.
Die bestellte Indiskretion als Geschäftsmodell. Mal sehen, wie weit es reicht.












7 Kommentare zu “Das Sterben der Blogs (II)”
Das ist auch noch ein spannender Link zu Facebook und den enormen Problemen, vor denen Zuckerberg steht. Fazit: Wo ist der Ausgang!
http://www.handelsblatt.com/finanzen/breakingviews/auf-messers-schneide;2058726
@Thomas: Na ja. Du kannst auch heute 100 Euro aus dem Geldautomaten ziehen und sagen “Finanzkrise? Wo denn, bitte?” Solche Einzelbeispiele in die Runde zu werfen ist, glaube ich, nicht sehr zielführend. Wenn wichtige Teile eines Systems wegbrechen – z.B. billiges Geld und Exit über Börse -, dann wird es einfach Zeit, Grundsatzüberlegungen anzustellen.
Tja, und heute erhält Gigaom im Gegenzug frisches Kapital von 4.5 Millionen Dollar.
@ All: Ich glaube, dass wir bereits die Auswirkungen des Credit Crunchs sehen, der nicht nur die Start-Ups selber erfasst. Sie bekommen immer schwieriger Geld. Auch die Investoren müssen schärfer rechnen und können bei steigenden Zinsen (das Niveau war einfach irrational niedrig) nicht mehr auf einen hohen Hebel für die Rendite hoffen, wenn sie das Kapital immer teurer beschaffen müssen. Am schlimmsten aber trifft die Börsenflaute. Ein Exit über den Aktienmarkt ist in den USA derzeit praktisch nicht möglich. Das gehört aber zum Businessmodell Silicon Valley unabdingbar dazu. All das zusammen genommen bedeutet für Start-Ups: Hilf dir selber, sonst tut es keiner.
Eigentlich lag es doch schon seit Jahren auf der Hand – Jedes Modell im Internet muss sich auf lange Sicht refinanzieren.
Youtube schaltet ja teilweise schon Werbung vor einige Videos, ob dies jedoch die Kosten deckelt wage ich einmal zu bezweifeln. Das Alte Modell (Reichweite, Traffic, Impressions) wird jedoch auch weiterhin Gültigkeit besitzen. Zu verlockend ist die schiere Größe einer Seite und zu realitätsfremd die Einschätzung auch ein Geschäftsmodell dahinter etablieren zu können.
Es wird sich immer jemand finden, der Millionen ausgeben wird.
Allgemein jedoch wird der Trend (der Masse) dahin gehen schlanker und effizienter zu werden. So wie es bei real existierenden Unternehmen schon seit Jahrzehnten der Fall ist. So groß sind die Unterschiede zwischen Online und Offline eben nicht um über Jahre nur träumen, aber kein Geld verdienen zu können
Klasse Beitrag – Stützt die hiesige Forschung crossmedialer Ausrichtung von Web 2.0 Projekten und die Notwendigkeit Inhalte auch in der realen Welt tangibel zu gestalten – Local und Offline-Relevanz als Treiber der Profitabilität!
Eine feine Analyse. Jetzt schlägt die Stunde des E-Commerce. Web-Händler erzielen echte Umsätze und haben zahlende Kunden. In den nächsten Monaten werden die großen Internet-Unternehmen massiv Start-ups aus dem Social Shopping-Sektor und reine Online-Shops kaufen.