» 20. Oktober 2006, 14:20 Uhr

Das Besser-Wiki

Wer sich seine Informationen auf www.wikipedia.org besorgt und seine gebundenen Lexika im Regal verstauben lässt, liegt im Trend der Zeit. Die Website gehört zu den am meisten aufgerufen Seiten im Internet überhaupt und bietet in mehr als 200 Sprachen Millionen von Artikeln. Wer gar an der freien Internetenzyklopädie mitarbeitet, indem er sein Wissen der Allgemeinheit zur Verfügung stellt, ist ein guter Mensch, weil er uneigennützig zum Wachsen und Gedeihen des gewaltigen Wissensspeichers beiträgt. Wer aber bei all dem ein schlechtes Gefühl hat und denkt ob dass denn wirklich alles so stimmen kann, und ob es wirklich möglich ist, dass im Internet einfach so, weitgehend unkontrolliert und dezentral verlässliches Wissen entsteht, ist ebenfalls in guter Gesellschaft.

Wenn schon die Welt so komplex und das Leben so kompliziert ist, wünschen sich viele wenigstens ein Lexikon als ruhenden und verlässlichen Pol der Weisheit.

Auch der Wikipedia-Mitbegründer Lawrence ?Larry? Mark Sanger. Sanger ist ein Wiki-Aktivist und weiß selbst am besten, dass Wikis mehr Diskussionsforen als Eisschränke für gefrornes Wissen sind und gerne als Agitationsplattformen von Scientologen, Spinnern, Politikern und andere Meinungsmachern, missbraucht werden.

Die ?Redigierschlachten? um Einträge wie ?George W. Bush?, ?Islam? oder ?Scientology? sind Legende. Weil seiner Meinung nach die Störenfriede das Kommando bei Wikipedia übernommen haben, ist er ausgestiegen. Sein Gründungspartner Jimmy Wales dagegen bekennt sich weiter zu einem offenen, diskursiven Ansatz und will sich beispielsweise offen mit dem Projekt: http://campaigns.wikia.com in zukünftige US-Wahlkämpfe einschalten.

Larry Sanger aber sucht den Weg zum verlässlichen Wissen mit Hilfe von Experten mit nachweisbarer Qualifikation. ?Wenn man eine wirkliche Änderung in einem Open-Content-Projekt erreichen will, das eine fest verwurzelt Community hat, ist oft der einzige Weg, eine neue Community zu gründen?, glaubt Sanger.

Und so verkündet er in der vergangen Woche in einer Mitteilung unter: www.citizendium.org: ?Ein großes neues Enzyklopädieprojekt wird sich bald aufmachen, Wikipedia als erste Anlaufstelle für Informationen im Internet zu ersetzten.?

Wie Wikipedia soll das ?Citizendium? (sit-ih-ZEN-dee-um), oder das ?Compendium der Bürger? offen für die freie Mitarbeit von jedermann sein. Aber anders als bei Wikipedia sollen die freien Autoren von Experten und Redakteuren angeleitet und kontrolliert werden. Diese bekommen auch das Recht, einen ?gültigen? Stand des Wissens zu einem Thema einzufrieren. Außerdem soll niemand mehr unter Pseudonym Artikel verfassen oder ändern dürfen.

Doch da sich Sanger keine hundertköpfige wissenschaftliche Redaktion leisten kann, startet Citizendium als Wikipedia-Klon. Das ist schließlich in der Wiki-Welt durch einen neuen, freigiebigen Umgang mit dem Urheberrecht (Creative Commons) ganz einfach möglich. Nach und nach sollen die Artikel dann auf einem von Experten abgesegneten Stand gebracht werden. Was natürlich eine starke Illusion ist, denn selbst in den Naturwissenschaft gibt es keinen in alle Ewigkeit abgesicherten Stand der Information.

Im Internet wird das Projekt ausführlich und kontrovers diskutiert. Im Kern bleibt die Frage, wie Wissen organisiert wird und ob es Sanger gelingen kann, eine neue mächtige Nutzer-Gemeinschaft zu bilden, wobei seine Bekanntheit als klarer Startvorteil gesehen wird (http://moderndragons.blogspot.com/2006/10/citizendium.html). Andere glauben nicht an die Steuerungsmöglichkeit einer Community durch außerhalb stehende Experten (http://many.corante.com/).

Wie es auch kommt. Das Wiki-Prinzip an sich hat sich längst bewährt. Denn eine Wiki ist laut Wikipedia zunächst nur eine ? im World Wide Web verfügbare Seitensammlung, die von den Benutzern nicht nur gelesen, sondern auch online geändert werden kann. Das Volkslexikon Wikipedia ist nur eine Anwendung von vielen. Wikis werden zur Projektsteuerung in Unternehmen und als Wissensammlungen zu vielen verschiedenen Themen eingesetzt, wie ein Blick in eines der vielen Wiki-Verzeichnisse zeigt (http://wikiindex.com).

Ein ausführliches Interview mit Mark Sanger finden Sie auf www.elektrischer-reporter.de.

» 20. Oktober 2006, 14:20 Uhr