Peer in der Steinbrück-Falle


Verdient ein deutscher Kanzler zu wenig? SPD-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück hat die Frage beantwortet und damit eine Debatte losgetreten, die ihm böse auf die Füße fallen könnte. Warum tut der Mann das? Er sagt einfach, was er denkt. Ist das richtig? Eigentlich schon – oder auch nicht.

Man muss in Wahlkampfzeiten ja nun wirklich nicht jedes Thema antippen. In Bundestagswahlkampfzeiten ist eh alles heikel, was der jeweilige Kanzlerkandidat verbal anfasst. Da hat es die amtierende Kanzlerin Angela Merkel schon leichter. Sie sagt einfach nix. Sie lebt von ihrem Amtsbonus. Den Rest erledigen andere für sie, indem sie sich mit ihrem Debatten-Geschrei selbst erledigen. Merkel hingegen übt sich in Zurückhaltung. Das ist es, was sie in der Wählergunst komplett abheben lässt. Sie oben, die anderen unten. Ihr Herausforderer von der SPD, Peer Steinbrück, kennt dieses Gefühl, unten zu sein. Verlorene Wahlen haben den Sozialdemokraten aus politischer Verantwortung herauskatapultiert. Jetzt will er wieder zurück an die Macht. Mit seiner SPD. Die Genossen haben ihn mit sattem Rückhalt aufs Schild gehoben. Doch nun läuft der Obergenosse Steinbrück Gefahr, alles zu versemmeln.

Er selbst ist es, der sich beim Griff nach den Sternen im Weg steht. Warum? Weil er spricht, wie ihm der Mund gewachsen ist. Das ist er. Das ist Steinbrück. Und das ist auch gut so. Denn Steinbrück kann reden, kann anderen einschenken, kann die Wahrheit rasiermesserscharf analysieren und noch schärfere Konsequenzen davon ableiten. Nicht umsonst ist er Vortragsmillionär. Seine Fähigkeit, Reden ohne Manuskript zu halten und sich das so Gesagte auch noch vergolden zu lassen, hat man ihm in den letzten Wochen schwer verübelt. Sicher auch zu Recht. Immerhin ist Steinbrück (noch) gewählter Abgeordneter. Doch im Bundestag hat er sich in dieser Funktion vor seiner Zeit als Kanzlerkandidat nicht wirklich mit Ruhm bekleckert. Man hörte wenig von ihm im Parlament.

Jetzt ist Steinbrück der SPD-Herausforderer der Kanzlerin. Endlich steht er also wieder im Rampenlicht der Bundespolitik. Mindestens bis Herbst 2013. Doch als Merkel-Jäger tut sich Steinbrück schwer. Er schießt mit seinen Äußerungen in diesen Tagen in alle möglichen Richtungen. Wirklich treffen tut er allerdings nur sich selbst. Und das ohne Not. Der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ hat er ein Interview gegeben. Und brav alle Fragen beantwortet. Nicht irgendwie. Sondern in seinem Stil: Schnörkellos, geradeaus, geradezu unzensiert – und mit einer Klarheit, die nun die Republik ins Grübeln bringt. Ist er der richtige Kandidat? Hat er das Zeug zum Kanzler?

Stein des Anstoßes ist die von Steinbrück geäußerte Ansicht, dass deutsche Regierungschefs unterbezahlt seien. “Ein Bundeskanzler oder eine Bundeskanzlerin verdient in Deutschland zu wenig – gemessen an der Leistung, die sie oder er erbringen muss und im Verhältnis zu anderen Tätigkeiten mit weit weniger Verantwortung und viel größerem Gehalt”, sagt er in dem Interview. Und: “Nahezu jeder Sparkassendirektor in Nordrhein-Westfalen verdient mehr als die Kanzlerin.”

Die Reaktionen lassen nicht lange auf sich warten. „Spiegel Online“ kommentiert das Gesagte noch am Samstagabend und macht die Seite damit auf: „Ein Kanzler ist kein Deutschland-CEO“. Da kann man dem Autor wohl nur schwer widersprechen, auch wenn Johannes Kahrs, ein Parteifreund Steinbrücks, auf seiner Facebook-Pinnwand angenervt schreibt: „dümmlicher kommentar zur debatte über die bezahlung von politikern. der übliche populistische unsinn.“ Andererseits ist die Argumentation des „Spiegel“-Autors nicht ganz unplausibel: „Wollte man Angela Merkels Gehalt wirklich an dem ausrichten, was sich in der Wirtschaft verdienen lässt, dann müsste man schon ganz nach oben schauen. Der Vorstandschef der Deutschen Bank trägt vermutlich ähnlich viel Verantwortung wie die Kanzlerin – und erhielt 2011 über neun Millionen Euro.“ Mit dem Unterschied, müsste man dann noch hinzufügen, dass sich die Deutsche Bank nicht aus Steuergeldern finanziert.

Hier beginnt aus Bürgersicht die Schieflage, in die sich Steinbrück begibt. Das Facebook-Echo zeigt denn auch, dass sich der SPD-Frontmann mit seiner Kanzlergehalts-Debatte keinen Gefallen getan hat. „Meine Güte“, schreibt ein Sven Vogel zum Kahrs-Kommentar, er, Steinbrück, sei doch ein Politprofi, „dann sollte man wissen, was man sagt. Wenn er so weiter macht, wird es für die Wahlkämpfer vor Ort nicht einfacher“. Und ein Kevin Waldeck ergänzt: „Ganz gleich welche Meinung man zu diesem Thema auch haben sollte, eins steht dabei fest: Diese Art von Themen sind bezogen auf den Wahlkampf und die Gunst der Wähler, nicht unbedingt die Gewinnerthemen.“

Stimmt, die Opposition hat das gleich erkannt. Ruprecht Polenz (CDU), der Vorsitzende des Bundestags-Außenausschusses stellt Steinbrücks Gedanken auf seiner Facebook-Pinnwand mit folgender Einleitung zur Diskussion: „Die SPD will das Thema soziale Gerechtigkeit in den Mittelpunkt des Bundestagswahlkampfes stellen. Steinbrück eröffnet die Kampagne.“ Den Rest erledigt der Shitstorm der Facebook-Nutzer für Polenz, wobei die Debatte überraschend differenziert verläuft. Hier einige Kostproben:

Ein Holger Rösler schreibt zu Steinbrück: „Der Kerl kassiert 25000 Euro für ne Stunde Arbeit und das von einer Stadt, die selbst hoch verschuldet ist. Wo ist denn da die soziale Glaubwürdigkeit? Steinbrück ist ein ganz gewöhnlicher Opportunist. Wenn der behaupten würde das die Sonne scheint, dann würd ich erst mal schauen obs stimmt.“

Ein Klaus Kutzer schreibt: „das sozialdemokratische dreigestirn als stehkragenproletarier und die schwarz-gelben als kofferträger des kapitals haben sich gegenseitig nichts vorzuwerfen.“

Ein Martin R. Heydecke erklärt: „Dagegen ist Frau Merkel ja richtig fleißig und preußisch-genügsam. Immerhin lebt sie schon seit 7 Jahren mit der Verantwortung und den vielen Fehlern dieses Amtes, mit dem stramm gefüllten Tagesablauf, den vielen “Dienern” und “Assistenten” und “Zuarbeitern” die ihre Privatsphäre einschränken usw. Da soll SIE den Job doch ruhig noch weiter machen …. !“

Ein Christian Krüttner schreibt: „Scham ist nicht seine Baustelle.“

Ein Clemens Haas gibt zu bedenken: „Die Kanzlerin IST unterbezahlt, und Sie sind das auch, Herr Polenz. Es mag von Herrn Steinbrück strategisch gewagt sein, diese Debatte zu initiieren (falls er das tatsächlich gemacht hat), eine solche unbequeme Offenheit ist mir aber immer noch lieber, als die sonst in der Politik nicht unüblichen Plüsch-Lügen.“

Und ein Wilfried Fritz-Maring ist der Überzeugung: „Es ist dämlich eine solche Debatte JETZT anzufangen. Dazu hatte Herr Steinbrück vier Jahre Zeit. ‘Tschuldigung Herr Ruprecht Polenz es ist genauso dämlich JETZT auf diese Diskussion wahlkampfmäßig aufzuspringen. Sie sind doch im Prinzip seiner Meinung und Sie haben es doch nicht mehr nötig mit so billigem Pulver zu schießen.“

Ein Bernd Schoregge macht folgende Rechnung auf: „17.000 Euro Kanzler-Monatsgehalt entspricht ca 1 Rede zum Steinbrück-Standardhonorar. Da stimmt wirklich was nicht. Nur wo? Steinbrück will Kanzler werden. Aber nur für mehr Kohle. Vize macht er eh nicht. Da hält er dann wieder bezahlte Reden.“

Und was lehrt uns das alles? Dass Steinbrück der falsche Kanzlerkandidat für die SPD ist? Dass sich die CDU keinen besseren Kandidaten hätte wünschen können? Vielleicht hilft ein unvergessenes Zitat des Ex-Fußballprofis Andy Brehme, um zu verstehen, wie es um Steinbrück und die SPD steht: “Haste Scheiße am Fuß, haste Scheiße am Fuß.” Die richtigen Schlüsse daraus müssen nun andere ziehen.

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Alle Kommentare [8]

  1. Steinbrück als Kanzler..?
    Desaster in NRW, Desaster in Berlin, Freund der Großwirtschaft, Freund der Banken, Freund der Geldgier und dazu auch noch Bilderberger. Eine “große Klappe”, die ihn dauernd selbst überholt, er weiß doch schon selber nicht mehr, zu wem er eigentlich gehört. Den normalen Bürger mit seinen Sorgen und Nöten versteht er nicht und will es innerlich wohl auch gar nicht..!
    Mein Eindruck: Er scheint mir verwirrt zu sein und braucht psychologische Beratung und Hilfe – vielleicht versteht er sich selber nicht mehr..!?

  2. Nun mal Butter bei die Fische Was Steinbrück gesagt hat wurde völlig aus dem Kontext gerissen zumindest wen man sich die Mühe macht, dass ganze Interview in der FAZ zu lesen. Ein gefundenes fressen für die Heerscharen von Journalisten, die sich aber hier nicht unbedingt mit Ruhm und Journalistisch sauberer Arbeit bekleckert haben…sondern eher gezeigt haben das eigene Recherche wohl zu mühsam ist

  3. Ja. da hat der Peer wirklich ein Eigentor geschossen.
    Obwohl er wahrscheinlich nur mal sagen wollte was offensichtlich ist.
    Wiso verdient der Direktor einer öffentlich-rechtlichen(!) Sparkassen mehr als ein Ministerpräsident. der Intendant einer Oper mehr als sein Oberbürgermeister usw. ?

  4. Auf die Forderung von Peer Steinbrück nach höheren Politikergehältern lautet die Antwort von Konfuzius: Der Edle kennt seine Pflicht und der Gemeine nur seinen Vorteil.

  5. Da hat der liebe Peer sich schon wieder vergallopiert !
    Statt eine Erhoehung des Kanzlergehalts haette er wohl besser eine Herabsetzung des Gehalts der Spaskassendirektoren fordern sollen…
    Nun bin ich mir sicher, dass er seine Chancen jemals Bundeskanzler zu werden endgueltig vertan hat.

  6. wie oft kommt es vor, dass sich ein Bewerber um ein Amt/ eine Arbeitsstelle noch vor seiner Einstellung über seine zu erwartende, zu niedrige Bezahlung beschwert?
    Deutschland, geniesse die Intelligenz dieses Mannes, der 5 Jahre brauchte um die Mittelstufe im Gymnasium zu bewältigen !

  7. Das Problem ist nicht das Steinbrück sagt, was er denkt. Das Problem ist, dass er so etwas denkt. Darüberhinaus ist es natürlich nicht so, dass Steinbrück seine Gedanken ehrlich äußert. Das glauben nur naive. Er kalkuliert und bezweckt etwas mit dem, was er sagt. Dabei verkalkuliert er sich natürlich manchmal.

  8. Die Bezahlung von Spitzenkraeften der Wirtschaft ist der allgemeinen Einkommensentwicklung in den letzten zwei Jahrzehnten weit vorausgeeilt. Erschuetternd ist der Umstand, dass unter den hoechsten Einkommensbeziehern der Wirtschaft eine ganze Menge Versager oder Lumpen zu finden sind. Wie misst man Leistung, wie Verantwortung? Gibt es einen Markt fuer Fuehrungskraefte? Sind Marktkraefte ausser Kraft gesetzt? Nicht Eigentuemer entscheiden, sondern der Filz der „Spitzenkraefte“, die sich selbst als Elite verstehen, bedient sich selbst. Wie sich Banker mit Boni bereichern und dabei das Vermoegen der Eigentuemer verzocken ist ein geeignetes Beispiel dafuer.

    Dabei nimmt die Verfilzung von Politik und Wirtschaft immer weiter zu. Viele Politiker stuermen mit Ellenbogen auf den Futtertrog zu um sich ihre Stellung in der fuer den Buerger nicht durchschaubaren „Elite“ zu sichern. Man sollte die angestossene Debatte ueber das Kanzlergehalt zum Anlass nehmen, eine allgemeine Debatte ueber die Bestellung und Entlohnung von Spitzenkraeften zu fuehren, Politik und Wirtschaft eingeschlossen.

    Vielleicht sollte man fuer diese neue, noch in der Entstehung begriffene Herrschaftsform schon mal einen Namen finden, der sich gleichberechtigt neben den Begriffen Feudalismus und Kapitalismus einreihen laesst.