Artikel mit dem Tag: Simon Johnson

Breitseite gegen Axel Weber

Die Gegenkräfte bringen sich in Stellung. Paul Krugman schießt eine volle Breitseite gegen Bundesbankpräsident Axel Weber:

"Wenn man (…) jemanden sucht, der auf eine Inflation von null Prozent zielt, während die Arbeitslosigkeit auf 13 Prozent steigt, dann ist Weber sicher der richtige Mann. (…) Weber ist ein Risiko für das Schicksal des Euros. Die Gefahr, dass es zu einem Dominoeffekt von Griechenland über Spanien und Portugal bis nach Italien kommt, ist viel größer, wenn die EZB einen so konservativen Präsidenten hat. Das wäre ein Desaster für alle."

Ambrose Evans-Pritchard sekundiert:

"Ireland, Spain, and Portugal have already tipped into outright deflation. Ireland’s nominal GDP has contracted 18.6pc since the peak. (…) This is reactionary folly. The College of European Commission should be taken out and horse-whipped outside the Breydel Building for demanding yet further cuts from Spain — which is already cutting wages 5pc this year, in an economy where total public /private debt is 280pc of GDP or more. Can nobody think of a more coherent way out of this? (…) As for Germany, frankly it is hard to know what to say. It is astonishing that Chancellor Merkel should unveil an €80bn package of fiscal retrenchment without consulting with the rest of Europe. (…) EMU has become an infernal machine. This will not be the last letter by angry economists."

Evans-Pritchard verlinkt zu diesem Protestaufruf von hundert Ökonomen, die zur Meuterei gegen die europäische Austeritätspolitik aufrufen. Es mag zweifelhaft sein, ob ihr Aufruf Erfolg haben wird. Er könnte aber, in Tateinheit mit Krugmans Handelsblatt-Interview einen empfindlichen Dämpfer für Axel Webers Karrierepläne bedeuten. Wenn die südeuropäischen Länder begreifen, was ihnen mit Weber blüht, dann ist Schluss mit seiner Kandidatur für die Nachfolge von Trichet an der Spitze der EZB.

Im Februar verwies ich auf Simon Johnsons sechs Fragen an Axel Weber. Sie kommen aus der Wiedervorlage ans Tageslicht. Antworten ist er nicht schuldig geblieben: Seine wütenden Proteste gegen den Ankauf von Staatsanleihen durch die EZB dokumentieren, dass die Vorbehalte gegen ihn berechtigt sind.

Pferdepeitschen und Meuterei reichen nicht aus. Das Timing des Protests aber ist beeindruckend.

 

 

Paris in Flammen?

Dieser Artikel von Peter Boone und Simon Johnson lädt dazu ein, eine rhetorische Prognose zu wagen. Steigende Risikoaufschläge auf französische Staatsanleihen könnten Madame Lagarde und ihren Präsidenten dazu animieren, starke Töne anzuschlagen, gegen Spekulanten, gegen die Märkte, gegen die zähe europäische Politik – als Amuse-Gueule vor dem deutsch-französischen Treffen in der kommenden Woche. » Weiterlesen

Weg ist das Ziel

Ohnmächtig sehen die Träumer, wie das Verhängnis in Zeitlupe seinen Lauf nimmt. Träumer können dem Geschehen nicht Einhalt gebieten. Sie messen die Zeit. Sie  zählen die Schritte. Sie sehen das Ergebnis – es sei denn, sie wachten rechtzeitig vor dem bitteren Ende auf.

In der Traumwelt der politischen Ökonomie kann man zur Zeit eine Träumer-Klasse beobachten, » Weiterlesen

Versuch über Heuchelei (8): Brüning zu Lasten anderer Länder

Wer in diesen Tagen den Versuch unternimmt, neben den einschlägigen deutschen Pflichtblättern und Sendungen die internationalen Medien zur Euro-Krise zu lesen, reibt sicht verwundert die Augen darüber, wie unzureichend die deutschen Medien über die tatsächlichen Dimensionen der Krisenentwicklung informieren.

Warum erzählen die Tagesthemen am Mittwochabend nichts darüber, dass Auktionen für den Verkauf von kurzfristigen italienischen und spanischen Staatsanleihen am Dienstag mangels Nachfrage leer ausgingen? Warum berichtet niemand » Weiterlesen

Alles Theater ?

Paranoide Konjunktur

Die amerikanische politische Kultur besitzt ein Faible für Verschwörungstheorien. So scheint es kein Wunder, dass die Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC gegen Goldman Sachs just zu dem Zeitpunkt bekannt werden, zu dem die parlamentarische Beratung der Finanzmarktregulierung an Fahrt gewinnt. "Has Goldman really been sacked?" fragt George Washington

Einerseits, könnten Verschwörungstheoretiker argumentieren, ist der Aufwand, den drohenden Reputationsverlust abzuwenden (um aus der Sicht der Bank zu argumentieren) so groß, dass für  Lobby-Interventionen nicht genügend Zeit bleibt. Die eigenen Lobbyisten könnten – unabgestimmt – zu einer loose cannon on board mutieren.

Andererseits hänge das Timing nicht mit der aktuellen Gesetzgebung, sondern mit dem Ziel zusammen, die neuesten Zahlen der Staatsverschuldung nicht in den Nachrichtenzyklus gelangen zu lassen.

Beiden Phantasien fehlt die Bodenhaftung: Sie überbetonen die Interessen der einen Seite und ignorieren die institutionellen Gegenspieler und ihre Instrumente auf der anderen Seite.

Historische Lektion: der Pecora Moment

Etwas cooler und zugleich euphorischer kommentiert Simon Johnson den Beginn der Ermittlungen: Unter dem Titel "Our Pecora Moment" erinnert er an den Senatsausschuss von 1932, der die Ursachen für die Große Depression ermittelte.

Dieses Mal ist, anders als bei der Gesundheitsreform, der Gesetzentwurf des Senats in überparteilicher Abstimmung entstanden. Der republikanische Mitautor hält es für möglich, noch bestehende Dissens-Themen in fünf Minuten klären zu können. Sein Fraktionschef aber verbreitet in der Öffentlichkeit, das Gesetz werde auch künftig too big to fail-Banken zu Lasten des Steuerzahlers aus der Patsche helfen. Tatsächlich, hält ihm sein Parteikollege entgegen, sehe der Entwurf vor, Institute im Schadensfall abzuwickeln.

Placebo und Potemkin pur – in Deutschland

Die amerikanische Diskussion und die Koinzidenz zwischen Ermittlungsverfahren und Gesetzgebungsfortschritt sind nicht wegen des Bühnendonners interessant, sondern aus einem anderen Grund. Sie belegen, wie weit die Gesetzgebung und auch strafrechtlich relevante Ermittlungen in Deutschland davon entfernt sind, auch nur annähernd Vergleichbares auf die Beine zu stellen.

Das Schauspiel, das wir in Deutschland erleben, ist Placebo und Potemkin pur. Die geplante Bankenabgabe löst kein einziges Problem, reicht nicht einmal als weiße Salbe. Die sogenannten Eckpunkte der Bundesregierung sagen nichts zum Thema Derivatehandel. Der einzige politisch relevante Akteur, der  für eine Aufklärung der Finanzkrise plädiert, ist der IG-Metall-Chef Berthold Huber. Der einst so scharfzüngige Finanzminister a.D. Peer Steinbrück schreibt an seinem Buch zum Thema (historisch gewiss interessant) und muss sich am 12. April 2010 in der ARD vor laufender Kamera von Susanne Schmidt (Tochter des Bundeskanzlers a.D. Helmut Schmidt) über die Unterschiede zwischen Hedge-Fonds und Private Equity belehren lassen. Ich hätte ihm mehr zugetraut.

Weitsicht und Entschlossenheit

Die Bundeskanzlerin legte in ihrer Rede an der Universität Stanford zögerlich dar, was sie an politischer Klarheit in Deutschland bisher trotz gegenläufiger Versprechen vermissen ließ ("schonungslose Analyse der Lage"). Dagegen sagte Barack Obama am Freitag auf Nachfrage eines Journalisten, dass er jeden Gesetzentwurf mit seinem Veto verhindern werde, der keine effektive Kontrolle des Derivatehandels vorsieht.

Die nun aufgenommenen Ermittlungen gegen Goldman Sachs könnten schon bald die Weitsicht einer fast schon wieder vergessenen Personalentscheidung Barack Obamas belegen: Die Stimme  Berufung von Sonia Sotomayor in den Supreme Court könnte in Revisionsfragen und bei Verfassungsbeschwerden entscheidend werden. Sie verfügt als einzige Angehörige des Obersten Gerichtshofs über fundierte Erfahrungen in komplizierten Wirtschaftsstreitigkeiten.

Common Ground – der Synthesizer

Die Diskussion über die gerade erschienene Biographie Barack Obamas von David Remnick (lesenswert!) verkennt die politische Bedeutung von Obamas Arbeit als community organizer in Chicago. Die deutsche Übersetzung des "Sozialarbeiters" übersieht die methodische Relevanz dieser Arbeit in der Tradition Saul Alinskys. Sie findet ihren Ausdruck in der methodischen Arbeit daran, "common ground" zu identifizieren. Das ist mehr als eine Schule der Empathie.

Den Anfang hat Obama damit gemacht, die disparaten Interessen der benachteiligten Bürger Chicagos im Schatten stillgelegter Stahlwerke herauszufinden und einen gemeinsamen Nenner für sie zu beschreiben. Heute ist der Horizont Obamas global. Manche Interessen sind unzureichend formatiert oder nur diplomatesisch artikuliert. Da macht es sich bezahlt, wenn ein Politiker dieses Formats einen Ruhepuls von 56 hat, gut zuhören und präzise den "common ground" beschreiben kann, um den es bei allen großen Projekten geht: von der Gesundheitsreform, über die Finanzmarktregulierung bis hin zur Klimaschutzpolitik.

Die Aussagen in David Remnicks Biographie über die Rolle Barack Obamas in den Saguaro-Seminaren von Robert Putnam sprechen Bände. Sie dokumentieren nicht den naiven Versöhner gegenläufiger Interessen, sondern den aufmerksamen Schmied der Realpolitik.

Was Robert Moog mit der Erfindung des ersten spielbaren Synthesizers für die Geschichte der Musikinstrumente geleistet hat, ist Barack Obama im Begriff, für die Politik nachzuholen. Er ist nicht der "Politmessias", sondern ein vernunftbegabter Politiksynthesizer. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Er kann blitzschnell zwischen analogem und digitalem Modus wechseln und im Kampagnenmodus die öffentliche Meinung zu umstrittenen Themen drehen.

Diese Synthesizer-Methodik kollidiert manchmal mit den Routinen der internationalen Politik und ihren "Mappen". Soweit es sich bei den Gesprächspartnern um analog und digital aufgeräumte Personen handelt, die auch gut zuhören können, muss das kein Schaden sein.