Artikel mit dem Tag: Peer Steinbrück

Darfs auch ein bisschen mehr sein?

Die Tante scheint abgeschrieben. Zum Jahresende steckt die SPD wieder in der Falle – der Bedeutungslosigkeit, der 25 Prozent, des Glaubwürdigkeitsverlusts.  Von fern erinnert sie mich an die CDU der späten 60er und frühen 70er Jahre. Die So-nicht-SPD. Bestenfalls für Stimmenthaltungen zu gebrauchen.

Als wiederholten die sogenannten linken Parteien die Fehler aus den späten 20er Jahren. Was schrieb Ernst Bloch darüber? Ich zitiere aus der Erinnerung: Was sie gemacht haben, sei richtig gewesen. (Naja!) Was sie nicht gemacht haben, falsch. Zumindest diesen Fehler scheinen die Sozialdemokraten mit Karacho zu wiederholen. Die sogenannte Linke vergesse ich jetzt mal, weil sie sich selbst marginalisiert. Solange der Mann mit dem bösen Blick sie per Fernbedienung steuert, kommt in ihr keine politische Perspektive zustande. » Weiterlesen

Niemand – alleingelassen

Retten kommt in Misskredit. Eine Einsicht, in der Ökonomen, Politiker und Rhetoriker auf frappierende Weise übereinstimmen. Warum? Offenbar hat das Wort, das ursprünglich "aus der Gefahr reißen" bedeutet, inzwischen unter dem Druck der Ökonomie eine Umwertung erfahren, die in Griechenland und in Irland als "in die Gefahr gestoßen werden" verstanden wird.

Den Auftakt gab Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Regierungserklärung im Deutschen Bundestag. Ich fasse ihre Argumentation zusammen: 

Europa sei eine Verantwortungsgemeinschaft. Deutschland profitiere davon besonders. Einzelne Euro-Staaten stehen vor schwierigen Herausforderungen. Der Euro selbst aber habe sich als krisenfest erwiesen. Der EU-Gipfel werde einen Krisenmechanismus etablieren, der auch den Privatsektor und den Internationalen Währungsfonds an der Lösung künftiger Krisen beteilige. Die dazu nötige Vertragsänderung werde das Beistandsverbot nicht antasten. Damit werden keine Hoheitsrechte an die EU übertragen. Der Mechanismus werde ausgelöst durch eine Gefährdung der Finanzstabilität der gesamten Euro-Zone. Die Feststellung erfolge durch einstimmige Beschlüsse. Die Änderung des Vertrags erfolge im vereinfachten Verfahren (ohne Referenden) und solle bis Ende 2012 abgeschlossen sein.

Ihr persönliches Bekenntnis zu Europa beschließt Frau Merkel mit der Formel:

Niemand in Europa wird alleingelassen, niemand in Europa wird fallen gelassen, Europa gelingt gemeinsam. Ich füge hinzu, Europa gelingt nur gemeinsam.

Am nächsten Tag greift Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt ein, kritisiert vehement die deutsche Europapolitik dieses Jahres.

Wer in dieser Lage lediglich taktiert und finassiert, wer gar jedwedes Auseinanderfallen des Euro-Verbundes öffentlich diskutiert, dem fehlt jede Weitsicht. (…) Wir Europäer können die früheren Fehler nicht ungeschehen machen, wohl aber müssen wir alsbald ziemlich  unkonventionelle Reparaturen ins Werk setzen. (…) Selbstverständlich werden die notwendigen Reparaturen abermals (…) insbesondere uns Deutsche abermals viel Geld kosten. (…) Es ist nicht visionärer Idealismus, sondern unser eigenes strategisches Interesse an der Aufrechterhaltung der Europäischen Union und damit der europäischen Zivilisation, das uns  bewegen muss, auf kleine nationalegoistische Vorteile zu verzichten. Auf lange Sicht trägt Deutschland einen hohen Anteil an der Verantwortung dafür, dass die europäischen Staaten zu einem ökonomisch handlungsfähigen Verband zusammenwachsen. Dazu ist allerdings weder ein deutscher Oberkommandierender noch ein deutscher Schulmeister nötig, denn er würde die anderen Kapitäne nur befremden und abschrecken. Wohl aber müssen die deutschen Politiker den Bürgern erklären, dass wir und warum wir Deutschen Opfer zu bringen haben. » Weiterlesen

Da kommt ein Sturm … you better run, boy, run …

There’s a storm a comin’ from Mark Meredith on Vimeo.

 

Mit Verspätung komme ich auf Stephan Lambys TV-Feature über Peer Steinbrück  zurück, das die ARD am Mittwochabend ausstrahlte. Es ist noch ein paar Tage in der Mediathek zu sehen.

Die Resonanz auf den Film ist ambivalent. Nils Minkmar und Peer Schader loben es. Reinhard Mohr dagegen macht sich über das Abgrund-Bohei lustig und findet unter Schaders Lesern Zustimmung bei einem gewissen Hank.

Die Funk-Korrespondenz findet ihren Platz irgendwo dazwischen und findet die Musikauswahl erfrischend. Dem schließe ich mich an und habe deshalb das Video von Richard Hawley hier eingebettet. "There´s A Storm A Coming … You Better Run, Boy, Run …"

Hank und Mohr fahren offenbar gern Achterbahn, wenns nach oben geht – und lästern über die Doomsayer, ein Opportunismus, der vor lauter Gegenwart den Verstand verliert. Steinbrück äußert sich vorsichtiger. Er sieht einige Gründe dafür, dass der Aufschwung eine Korrektur nach unten erfährt: "Das Wachstum wird uns nicht retten vor einigen Maßnahmen, die konjunkturdämpfend wirken werden." Der Ministerpräsident a.D. kennt das Problem der Landesbanken aus eigener Anschauung. Differenzierter als Hank und Mohr äußert er sich auch über die Autosuggestion eines Doomsayers wie Pedram Shayar von Attac, der offenbar ins Scheitern verliebt sei und ein Fegefeuer herbeirede, aus dem man erleuchtet hervorgehe.

Steinbrück illustriert ein Dilemma des Regierungshandelns: Wenn die Kurve in den Keller geht, dann fehle die Muße, um herauszufinden, wie tief es da eigentlich runter geht. Er benennt zwei Fehler – und weicht dabei von der politischen Linie der eigenen Partei ab. Der eine Fehler war schmerzhaft für das Wahlergebnis der SPD, die aus den Augen verloren hatte, dass weite Teile der Arbeitnehmerschaft die Idee der Opelrettung nicht aus einer solidarischen Perspektive, sondern als skeptische Steuerzahler betrachteten. Der andere Fehler sei die gesetzliche Rentengarantie gewesen.

Das persönliche Fazit Steinbrücks teile ich. Dafür habe ich im Januar 2009 mit diesem Blog begonnen:

"Ich glaube, dass sich  die Kommunikation, die personellen Auswahlmechanismen der Politik, ihre Veranstaltungsformen und die Art ihrer Auftritte, wird fundamental ändern müssen, um (verloren gegangenes) Vertrauen zurückzugewinnen."

Die politische Sprache hat – unter dem Wahrzeichen der Rettung – die Wertverluste der Märkte mimetisch nachgebildet und damit den Vertrauensverlust weiter beschleunigt, über den Peer Steinbrück und Helmut Schmidt in Stephan Lambys Film reden. Schmidt macht sich lustig darüber, dass dadurch wie als eine Gegenbewegung das Vertrauen in Greise wie ihn und Richard von Weizsäcker zunehme.

Lange geht das nicht gut. Greise sind nicht unsterblich. Wohin gehts dann mit der wutgetränkten Apathie?

 

 

 

Alles Theater ?

Paranoide Konjunktur

Die amerikanische politische Kultur besitzt ein Faible für Verschwörungstheorien. So scheint es kein Wunder, dass die Ermittlungen der amerikanischen Börsenaufsicht SEC gegen Goldman Sachs just zu dem Zeitpunkt bekannt werden, zu dem die parlamentarische Beratung der Finanzmarktregulierung an Fahrt gewinnt. "Has Goldman really been sacked?" fragt George Washington

Einerseits, könnten Verschwörungstheoretiker argumentieren, ist der Aufwand, den drohenden Reputationsverlust abzuwenden (um aus der Sicht der Bank zu argumentieren) so groß, dass für  Lobby-Interventionen nicht genügend Zeit bleibt. Die eigenen Lobbyisten könnten – unabgestimmt – zu einer loose cannon on board mutieren.

Andererseits hänge das Timing nicht mit der aktuellen Gesetzgebung, sondern mit dem Ziel zusammen, die neuesten Zahlen der Staatsverschuldung nicht in den Nachrichtenzyklus gelangen zu lassen.

Beiden Phantasien fehlt die Bodenhaftung: Sie überbetonen die Interessen der einen Seite und ignorieren die institutionellen Gegenspieler und ihre Instrumente auf der anderen Seite.

Historische Lektion: der Pecora Moment

Etwas cooler und zugleich euphorischer kommentiert Simon Johnson den Beginn der Ermittlungen: Unter dem Titel "Our Pecora Moment" erinnert er an den Senatsausschuss von 1932, der die Ursachen für die Große Depression ermittelte.

Dieses Mal ist, anders als bei der Gesundheitsreform, der Gesetzentwurf des Senats in überparteilicher Abstimmung entstanden. Der republikanische Mitautor hält es für möglich, noch bestehende Dissens-Themen in fünf Minuten klären zu können. Sein Fraktionschef aber verbreitet in der Öffentlichkeit, das Gesetz werde auch künftig too big to fail-Banken zu Lasten des Steuerzahlers aus der Patsche helfen. Tatsächlich, hält ihm sein Parteikollege entgegen, sehe der Entwurf vor, Institute im Schadensfall abzuwickeln.

Placebo und Potemkin pur – in Deutschland

Die amerikanische Diskussion und die Koinzidenz zwischen Ermittlungsverfahren und Gesetzgebungsfortschritt sind nicht wegen des Bühnendonners interessant, sondern aus einem anderen Grund. Sie belegen, wie weit die Gesetzgebung und auch strafrechtlich relevante Ermittlungen in Deutschland davon entfernt sind, auch nur annähernd Vergleichbares auf die Beine zu stellen.

Das Schauspiel, das wir in Deutschland erleben, ist Placebo und Potemkin pur. Die geplante Bankenabgabe löst kein einziges Problem, reicht nicht einmal als weiße Salbe. Die sogenannten Eckpunkte der Bundesregierung sagen nichts zum Thema Derivatehandel. Der einzige politisch relevante Akteur, der  für eine Aufklärung der Finanzkrise plädiert, ist der IG-Metall-Chef Berthold Huber. Der einst so scharfzüngige Finanzminister a.D. Peer Steinbrück schreibt an seinem Buch zum Thema (historisch gewiss interessant) und muss sich am 12. April 2010 in der ARD vor laufender Kamera von Susanne Schmidt (Tochter des Bundeskanzlers a.D. Helmut Schmidt) über die Unterschiede zwischen Hedge-Fonds und Private Equity belehren lassen. Ich hätte ihm mehr zugetraut.

Weitsicht und Entschlossenheit

Die Bundeskanzlerin legte in ihrer Rede an der Universität Stanford zögerlich dar, was sie an politischer Klarheit in Deutschland bisher trotz gegenläufiger Versprechen vermissen ließ ("schonungslose Analyse der Lage"). Dagegen sagte Barack Obama am Freitag auf Nachfrage eines Journalisten, dass er jeden Gesetzentwurf mit seinem Veto verhindern werde, der keine effektive Kontrolle des Derivatehandels vorsieht.

Die nun aufgenommenen Ermittlungen gegen Goldman Sachs könnten schon bald die Weitsicht einer fast schon wieder vergessenen Personalentscheidung Barack Obamas belegen: Die Stimme  Berufung von Sonia Sotomayor in den Supreme Court könnte in Revisionsfragen und bei Verfassungsbeschwerden entscheidend werden. Sie verfügt als einzige Angehörige des Obersten Gerichtshofs über fundierte Erfahrungen in komplizierten Wirtschaftsstreitigkeiten.

Common Ground – der Synthesizer

Die Diskussion über die gerade erschienene Biographie Barack Obamas von David Remnick (lesenswert!) verkennt die politische Bedeutung von Obamas Arbeit als community organizer in Chicago. Die deutsche Übersetzung des "Sozialarbeiters" übersieht die methodische Relevanz dieser Arbeit in der Tradition Saul Alinskys. Sie findet ihren Ausdruck in der methodischen Arbeit daran, "common ground" zu identifizieren. Das ist mehr als eine Schule der Empathie.

Den Anfang hat Obama damit gemacht, die disparaten Interessen der benachteiligten Bürger Chicagos im Schatten stillgelegter Stahlwerke herauszufinden und einen gemeinsamen Nenner für sie zu beschreiben. Heute ist der Horizont Obamas global. Manche Interessen sind unzureichend formatiert oder nur diplomatesisch artikuliert. Da macht es sich bezahlt, wenn ein Politiker dieses Formats einen Ruhepuls von 56 hat, gut zuhören und präzise den "common ground" beschreiben kann, um den es bei allen großen Projekten geht: von der Gesundheitsreform, über die Finanzmarktregulierung bis hin zur Klimaschutzpolitik.

Die Aussagen in David Remnicks Biographie über die Rolle Barack Obamas in den Saguaro-Seminaren von Robert Putnam sprechen Bände. Sie dokumentieren nicht den naiven Versöhner gegenläufiger Interessen, sondern den aufmerksamen Schmied der Realpolitik.

Was Robert Moog mit der Erfindung des ersten spielbaren Synthesizers für die Geschichte der Musikinstrumente geleistet hat, ist Barack Obama im Begriff, für die Politik nachzuholen. Er ist nicht der "Politmessias", sondern ein vernunftbegabter Politiksynthesizer. Allerdings mit einem entscheidenden Unterschied: Er kann blitzschnell zwischen analogem und digitalem Modus wechseln und im Kampagnenmodus die öffentliche Meinung zu umstrittenen Themen drehen.

Diese Synthesizer-Methodik kollidiert manchmal mit den Routinen der internationalen Politik und ihren "Mappen". Soweit es sich bei den Gesprächspartnern um analog und digital aufgeräumte Personen handelt, die auch gut zuhören können, muss das kein Schaden sein.

Das griechische Drama spielt in Berlin

Die antike Tragödie ließ die Bluttaten nie auf die offene Bühne. Mit dieser Tradition könnte im neugriechischen Drama gebrochen werden. Es sei denn, die Ohnmacht der deutschen Politik setzte sich wieder einmal durch.

Das scheint alles sehr kryptisch und ist doch im Kern ganz einfach zu erklären, wie es dieser glänzende Artikel aus dem Baseline-Blog vorführt. Die griechischen Probleme spiegeln die deutschen Probleme fast achsengenau. Die griechischen Probleme können nur dauerhaft gelöst werden, wenn die Unwuchten im deutschen Wirtschaftsmodell behoben werden: die zu niedrige Binnennachfrage, die Exportüberschüsse, die sinkenden Realeinkommen.

Wie aber will eine Bundesregierung aus der Zwickmühle kommen, wenn sie die Rückkehr in das alte Modell predigt? Bei der Bundeskanzlerin könnte man noch vermuten, dass ihr Mantra, das Land stärker aus der Krise herauszuführen, als es hineingegangen ist, mit einem Konzept verbunden werden könnte, das die Unwuchten ausbalanciert. Um das zu realisieren, bräuchte sie allerdings einen anderen Koalitionspartner oder zumindest einen anderen Wirtschaftsminister als den altbackenen Herrn Brüderle.

In diesem europäischen Drama lernt das politisch interessierte Publikum eine Lektion, für die ich diesen Blog ins Leben gerufen habe: Wenn der Politik die Worte ausgehen, um die Wirklichkeit zu erfassen, wenn sie sich an irreführende Worte klammert, kommt mehr ins Rutschen als oberflächliche Fragen des Stils oder Geschmacks oder persönlichen Temperaments.

Der Budenzauber, den der überforderte FDP-Vorsitzende abfeiert, steht in einem so grotesken Missverhältnis zu den tatsächlichen Problemen der deutschen Politik, dass allein das dafür ausreicht, die FDP zu verabschieden und Herrn Steinbrück und Herrn Scholz wieder an Bord zu rufen.