Artikel mit dem Tag: George W. Bush

Körper in der Politik

Jakob Augstein schreibt über den Schmerzensmann Wolfgang Schäuble.

"Im Amt wurde er krankgeschossen. Die Politik ist also die Ursache seines Schmerzes. Jetzt lässt er sie nicht los und klammert am Amt. Aber die Politik bringt keine Erlösung, weil in ihr kein Platz (mehr) für den Schmerz ist und auch keiner für den Körper."

Natürlich hat die Politik Platz für Körper (viele).

Das wissen als erste die Karikaturisten. Wenn Politiker versuchen, den müden Esel Körper abzustreifen, wird es fatal. Es gibt viele Anzeichen für die abwegige Sehnsucht danach, den Körper abzustreifen. Die Lotuseffekt-Kommunikation, an der alles abperlt, zum Beispiel.

Was sagte Heide Simonis über lange Sitzungen? Aus dem Sprechen der Politiker über ihre Körper entsteht eine Idee von Ballast, Vorschein einer mentalen Panzerung, Selbstzurichtung der Politikerkörper. Oder denken wir an die Geheimnistuerei um die Erkrankungen Georges Pompidous und François Mitterrands.

Schmerzensmann Schäuble rollt den Körper zurück in die Arena. Als Gelähmter. Das macht ihn, weitab vom Zynismus und dem Schmerzenslächeln, zum Gegenbild, wider Willen,  zur körperlosen Politik.

Auch Steinmeiers Nierenspende gab eine Ahnung von der Sehnsucht nach Körper in der Politik. Offenbar geht das bis auf Weiteres nur durch Verlust. Das rubbing shoulders, die Suche nach körperlicher Nähe, hat einem Außenseiter den Weg ins Weiße Haus gebahnt. Sein Nachfolger ist verschrien als verkopft. Aber die Photos, die ihn beim bodysurfing zeigen, sprechen eine andere Sprache. Sie erzählen von Körperbeherrschung.

Das Entgleisen ist im politischen Rollenrepertoire nicht vorgesehen. Das macht es umso wahrscheinlicher.

Rhetorische Komparatistik

Am 10. November hielt Präsident Barack Obama in Jakarta diese Rede. James Fallows weist zu Recht heute darauf hin, wie bemerkenswert  die Rede ist.  Welcher US-Präsident verfügt über eigene prägende Auslandserfahrung, kann auf Grund seiner Kindheit im Jakarta der späten 60er Jahre mühelos kulturelle, ökonomische und politische Parallelen ziehen: Wie sich das Land verändert hat, welche Werte es mit den Amerikanern teilt, warum es auf Grund seiner demokratischen Entwicklung als Vorbild dienen kann.

Am Tag vorher präsentierte George W. Bush seine Memoiren, verteidigte eine engstirnige und verbrecherische Politik, zeigte sich so selbstgerecht wie selbstgefällig. Der Kontrast könnte größer nicht sein. In Jakarta ein weltläufiger Politiker, der Anteilnahme beglaubigen kann, im US-Fernsehen das Schreckensbild eines Politikers, der unter dem Signum eines “anteilnehmenden Konservativen” angetreten war, das er mit jeder Entscheidung seiner Amtszeit konterkariert hatte.

So gibt das eine Datum wie das andere Anlass dazu, einen Vergleich zu erproben. Obamas Rede fordert das implizit heraus. Noch glaube ich nicht, dass seine Präsidentschaft an der engstirnigen Politik der Republikaner scheitern wird, auch nicht, dass Obama aus innenpolitischer Schwäche faule Kompromisse eingehen wird. Dagegen sprechen die Wahlkampfauftritte wie seine Erklärungen nach der Wahl. Er wird um jeden Zentimeter Raum kämpfen. Wer das noch nicht bemerkt haben sollte: Obama kann mühelos an seiner überparteilichen Rhetorik der ersten beiden Jahre anknüpfen, ja, er kann seine Intentionen anders beglaubigen und ernten, wo er gesät hatte und damit bisher nur auf Unwillen und Spott gestoßen ist. Er wird beide Parteien in die Pflicht nehmen für eine Politik, die nicht unter dem Signum von TINA (there is no alternative) steht, sondern einen Weg geteilter Lasten aus der Krise zu bahnen versucht. » Weiterlesen

Wählerwut?

Kein Kommentar, keine Reportage, kein Interview über die amerikanische Innenpolitik, in der nicht vom "enthusiasm gap" und der Wählerwut – voters´anger – geredet wird. Was mir dabei auffällt: Die meisten Autoren, und die deutschen Korrespondenten, die bei ihnen ungeprüft abschreiben, erklären zu einem Naturgesetz, wie die Wahlen ausgehen. Sie wähnen sich auf der sicheren Seite, weil es doch so gut wie immer so war: Wenn es dem Land wirtschaftlich nicht gut geht, wird die regierende Partei bestraft. Basta.

In diesem Blog habe ich oft genug den maroden amerikanischen Medienmarkt beklagt, die manichäische Weltsicht (wenn überhaupt von Welt oder Sicht die Rede sein kann) der radikalen Rechten (und Linken), das schrille Geschrei von Leuten wie Glenn Beck und Kollegen. Trotzdem erneuere ich heute meine Prognose, dass die Demokraten eine (vielleicht nur sehr kleine) Mehrheit in beiden Häusern des Kongresses behalten werden. » Weiterlesen

Bausteine und Fallen der Afghanistan-Rede


Heute Nacht wird Barack Obama in der Militärakademie West Point seine Afghanistan-Rede halten. Die Rede wird die monatelange Beratung mit Militärs, Diplomaten, Mitgliedern der Regierung und des Kongresses beenden.

Womit können wir in dieser Rede rechnen? Wo stecken besondere Tücken?

Obama wird Ziele benennen und mit harten Kriterien präzisieren. Wie belastbar diese Kriterien sind, hängt davon ab, ob er dafür Worte jenseits von Sieg oder Niederlage findet. Wie schon im März, nun aber wohl wesentlich deutlicher, bleibt das Hauptziel die Vernichtung von al-Quaida. Für das kriegsgeschundene Afghanistan wird Obama beschreiben, welchen Nutzen alle davon haben, wenn das Land nicht mehr Schauplatz und Geisel für Konflikte zwischen externen Mächten sein wird. Obama wird auch darüber reden, warum viele Experten den Krieg für nicht gewinnbar halten. In der letzten Woche sagte er, dass es darum gehe, den Job zu erledigen (to finish the job).

Acht Tage vor der Verleihung des Friedensnobelpreises wird Obama den Prozess des Abwägens und Nachdenkens zum Thema machen und so eine rhetorische Asymmetrie zur Funktion des Obersten Befehlshabers inszenieren, damit die Versäumnisse seines Vorgängers ansprechen: erst unüberlegt und zu forsch und dann im entscheidenden Moment zu zögerlich gewesen zu sein – mit kaum bezifferbaren Folgekosten. Er wird darüber reden, dass man ihn als den großen Zauderer beschimpft – und in der Zögerlichkeit die Tugend (und Prärogative) des zivilen Obersten Befehlshabers gegenüber den Militärs markieren. Es ist wohl auch ein Unterschied zur Politik seines Vorgängers, dass man ihm bisher nicht den Vorwurf macht, das Volk zu belügen. Er wird den Friedensfürst geben – als nachdenklicher Kriegsherr.

Obama könnte auch eine semantische Front eröffnen: Die Taliban bezeichnen sich als Koranschüler. Was läge näher, sie dafür zu gewinnen, für ihr Land die Lektionen zu lernen, von denen alle was haben und so zwischen ihrem Tun und Lassen Zweifel zu säen? Obama kann den Taliban und ihren Hintersassen Alternativen anbieten: Jobs, Ausbildungen, Geld – Entwicklungprojekte für ihre Stammesgebiete. In dieser Option verbergen sich die größten Risiken: dass diese potenziellen Partner das eine tun, ohne das andere zu lassen – als Teilzeittaliban tagsüber Entwicklungshilfe und Schutzgelder zu kassieren und nachts die Sprengfallen für 10 Dollar das Stück aufzubauen.

Die Zweifel am Krieg wachsen besonders an der Heimatfront. Leser dieses Blogs wissen, welche Resonanz der Veteran und Diplomat Matthew Hoh mit seiner Kritik am Krieg gefunden hat. Hoh sagt, dass der Krieg nicht gewinnbar sei. Obama braucht eine belastbare Antwort auf diese Kritik.

Der Angelpunkt der Rede – und ihr größtes Risiko – wird ihr bereits bekannter “Doppelbeschluss” sein: die Truppen zu verstärken und gleichzeitig ein Ende ihres Mandats in Aussicht zu nehmen. Man hört davon, das soll im Jahr 2017 der Fall sein. Ob Obama so weit geht, dieses Datum zu nennen, bleibt abzuwarten. Der nicht nur rhetorische, sondern auch parteipolitische Trick könnte verführerisch sein: Ich will meinen Nachfolgern nicht einen solchen Augiasstall hinterlassen, wie ich ihn nun selbst ausmisten muss.

Make no mistake

In fast jeder Rede Obamas kommt dieser Satz vor, in manchen sogar mehrmals. Make no mistake. Ist das ein innerer Monolog des Redners gegen einen plötzlichen Anfall des Selbstzweifels? Ermahnt er als Oberlehrer der Nation sein Publikum? Oder fertigt er damit mehr oder weniger imaginäre Pappkameraden ab, die seiner Politik widersprechen? Davon gibt es mehr als genug, auch in der eigenen Partei. Sie lassen sich aber von mnm nicht beeindrucken. Das ist ihr gutes Recht.

Die Mahnung vor dem Fehler ist eine paradoxe Intervention. Der Redner, der seine Argumente prüft und entwickelt, tritt plötzlich auf die Bremse. Andere würden jetzt sagen, er trete aufs Gaspedal, Schluss mit lustig, Ende der Debatte, reißt euch endlich zusammen (wie es Obama in dieser Rede vor den obersten Krankenschwestern der Nation sagt: buck up!). Nurse Obama liebt diesen Satz.

Make no mistake. In welcher Funktion sagt Obama das? Als ehemaliger Hochschullehrer? Dann müssten wir ihm mit Georg Wilhelm Friedrich Hegel entgegnen, dass die Furcht zu irren schon der Irrtum selbst sei. Oder sagt Obama das als amerikanischer Präsident? Dann müssten wir ihm mit seinem Vorbild Franklin D. Roosevelt erwidern, dass das einzige, was wir zu fürchten haben, die Furcht selbst sei.

Es gibt einen amerikanischen Blogger, dem dieser Satz schon unter Nr. 43 so auf die Nerven gegangen ist, dass er im Mai 2004 öffentlich dazu aufrief, Fehler zu begehen und sich gut dabei zu fühlen.

Dem schließe ich mich mit einem Seufzer an. Erwischt werden alle.

PS: 17. Juli: Die neueste Rede Obamas zum 100. Geburtstag der schwarzen Bürgerrechtsorganisation NAACP illustriert, dass der Redner Obama in hegelianischer Mission "make no mistake" sagt. Seid nicht so schnell mit euren Gewissheiten, vor allem den lang gepflegten. Gönnt euch den Zweifel. Zweifel bringt euch weiter, als ihr glaubt.

Das ist der weitsichtige Trick, mit dem Obama den Leuten seine politischen Projekte nahe bringt: Mainstreaming führt den Zweifel dort hin, wo er hin gehört, an die zerkrümelnden Deiche, Straßen, Schulen – zum zerkrümelten Gewohnheitsdenken der letzten Jahrzehnte.

Das make no mistake erweist sich als Höflichkeit. Denn der Fehler ist gemacht. Er braucht nur nicht wiederholt zu werden.