Artikel mit dem Tag: Angela Merkel

Niemand – alleingelassen

Retten kommt in Misskredit. Eine Einsicht, in der Ökonomen, Politiker und Rhetoriker auf frappierende Weise übereinstimmen. Warum? Offenbar hat das Wort, das ursprünglich "aus der Gefahr reißen" bedeutet, inzwischen unter dem Druck der Ökonomie eine Umwertung erfahren, die in Griechenland und in Irland als "in die Gefahr gestoßen werden" verstanden wird.

Den Auftakt gab Bundeskanzlerin Angela Merkel mit ihrer Regierungserklärung im Deutschen Bundestag. Ich fasse ihre Argumentation zusammen: 

Europa sei eine Verantwortungsgemeinschaft. Deutschland profitiere davon besonders. Einzelne Euro-Staaten stehen vor schwierigen Herausforderungen. Der Euro selbst aber habe sich als krisenfest erwiesen. Der EU-Gipfel werde einen Krisenmechanismus etablieren, der auch den Privatsektor und den Internationalen Währungsfonds an der Lösung künftiger Krisen beteilige. Die dazu nötige Vertragsänderung werde das Beistandsverbot nicht antasten. Damit werden keine Hoheitsrechte an die EU übertragen. Der Mechanismus werde ausgelöst durch eine Gefährdung der Finanzstabilität der gesamten Euro-Zone. Die Feststellung erfolge durch einstimmige Beschlüsse. Die Änderung des Vertrags erfolge im vereinfachten Verfahren (ohne Referenden) und solle bis Ende 2012 abgeschlossen sein.

Ihr persönliches Bekenntnis zu Europa beschließt Frau Merkel mit der Formel:

Niemand in Europa wird alleingelassen, niemand in Europa wird fallen gelassen, Europa gelingt gemeinsam. Ich füge hinzu, Europa gelingt nur gemeinsam.

Am nächsten Tag greift Zeit-Herausgeber Helmut Schmidt ein, kritisiert vehement die deutsche Europapolitik dieses Jahres.

Wer in dieser Lage lediglich taktiert und finassiert, wer gar jedwedes Auseinanderfallen des Euro-Verbundes öffentlich diskutiert, dem fehlt jede Weitsicht. (…) Wir Europäer können die früheren Fehler nicht ungeschehen machen, wohl aber müssen wir alsbald ziemlich  unkonventionelle Reparaturen ins Werk setzen. (…) Selbstverständlich werden die notwendigen Reparaturen abermals (…) insbesondere uns Deutsche abermals viel Geld kosten. (…) Es ist nicht visionärer Idealismus, sondern unser eigenes strategisches Interesse an der Aufrechterhaltung der Europäischen Union und damit der europäischen Zivilisation, das uns  bewegen muss, auf kleine nationalegoistische Vorteile zu verzichten. Auf lange Sicht trägt Deutschland einen hohen Anteil an der Verantwortung dafür, dass die europäischen Staaten zu einem ökonomisch handlungsfähigen Verband zusammenwachsen. Dazu ist allerdings weder ein deutscher Oberkommandierender noch ein deutscher Schulmeister nötig, denn er würde die anderen Kapitäne nur befremden und abschrecken. Wohl aber müssen die deutschen Politiker den Bürgern erklären, dass wir und warum wir Deutschen Opfer zu bringen haben. » Weiterlesen

Schlechte Metaphern sorgen für schlechte Politik

Wer hätte das gedacht? Paul Krugman beschenkt den Rhetorik-Blogger mit einem Zitat, das ein Leitmotiv meiner Arbeit sein könnte:

And bad metaphors make for bad policy.

Was sind die schlechtesten politischen Metaphern dieses Jahres? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fange ich an mit der schwäbischen Hausfrau, den Defizitsündern und der Schuldenbremse.

Schlechte Metaphern sorgen nicht nur für schlechte Politik. Sie sind auch Symptome für schlechtes Denken, verbergen und offenbaren Webfehler der Politik. Einer schlechten Metapher nachgehen heißt, sie als Symptom so lange ernst zu nehmen, bis das dahinter lauernde Syndrom in voller Hässlichkeit in den Blick gelangt. Daher mein Dank an Paul Krugman. You made my day. » Weiterlesen

Hüftschaden des Euros

Doppelmoral gehört zur Grundausstattung der Politik, ein Grund mehr für mich, die Betriebsnudeln und ihre Lotuseffektsprache durch surrealistische Experimente auf die Probe zu stellen. Auf die Idee bringt mich ein Leitartikel von Roger Cohen in der New York Times: The Euro Has No Clothes.

Wie wäre es damit, das rhetorische Bühnenweihefestspiel der CDU zum Thema Präimplantationsdiagnostik (PID) auf die Geschichte des Euros zu übertragen? Denn tatsächlich haben die Väter und Mütter dieses europäischen Großprojekts früh und weitreichend darüber nachgedacht, welche Konsequenzen die gemeinsame Währung für die Integration und die europäische Politik haben würde.

Die Eizelle wurde gründlichst von allen nur denkbaren Seiten beäugt und geprüft. Der Homunculus ist längst ausgetragen. Die PIDer hätten im Frühjahr 1989 schreiben können, der Säugling sollte infolge gewisser Unwuchten in den mediterranen Extremitäten für geraume Zeit in eine Spreizhose gesteckt werden, damit er später nicht an der Hüfte leidet und ein chronischer Hinkefuß würde. Tatsächlich haben sie Ähnliches geschrieben – und zu den Akten gelegt.

Cohn schreibt:

The report noted that “a transfer of decision-making power” from member states to the European Community (now Union) would be needed in “the fields of monetary policy and macroeconomic management.” A currency, in other words, needs a political authority: History is unequivocal about that. The euro was conceived to complete European integration. » Weiterlesen

Rette sich, wer kann!

Frau Merkel beherrscht das Patentrezept, Sinn zu verschlucken. Das gilt für ihre Euro-Politik wie für ihren Auftritt auf dem G 20-Gipfel.

Der Eindruck der Stärke, den sie erneut erzielen wollte, ist nicht lange haltbar. Ihr Innenminister erklärte Anfang letzten Jahres einem darüber nicht sonderlich erstaunten Publikum, dass Politik führen und sammeln müsse. Die Merkelsche Dialektik des Führens und Sammelns kann man am Beispiel der nächsten Etappe der Euro-Krise in Zeitlupe sezieren. Irland steht in Flammen und Frau Merkel und M. Sarkozy wiegeln ab. Dass inzwischen die Europäische Zentralbank  irische Staatsanleihen zum Vorteil für deutsche und französische Banken im Wert von über 50 Mrd. €  gekauft hat, das könnten wir zum Thema unsichtbaren Führens rechnen. Dass die Rechnung für die Kosten anderen aufgesattelt wird, könnte zynisch unter Sammeln rubriziert werden. Während die Bundeskanzlerin am Rednerpult den Zusammenhalt beschwört, leistet sie tatsächlich Beihilfe dazu, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland wie in Europa unterminiert wird. » Weiterlesen

Heading For The Exits

Vor den Bundestagswahlen 2009 sah ich ein TV-Porträt der Kanzlerin. Eine der eindrücklichsten Szenen war eine Aussage von Annette Schavan. Sie erzählte, wenn die Kanzlerin ganz ruhig werde und gar nichts mehr sage, sei es gut, wenn man wisse, wo die nächste Tür sei. Der Interviewer fragte nicht nach, wie oft die eine Parteifreundin vor der anderen geflohen sei. Schade!

Das Überleben in der Politik verdankt sich sozialdemokratischem Hinterdembuschhocken und gut entwickelten christdemokratischen Fluchtinstinkten. Von Dirk Kurbjuweit steht in der Spiegel-Ausgabe dieser Woche ein lesenswertes Portrait Frau Schavans.

Der Economist warnt in seinem Blog davor, dass die Euro-Krise wieder akut werden könnte. Diese Passage hat mich an Frau Schavans Fluchtinstinkt-Anekdote erinnert:

"Either the ECB must seriously soften its stance, or Germany and France must suddenly become much more generous to struggling euro zone economies, or the euro zone will face its toughest months yet. If no exit valve for the building pressure can be found, then pressured economies will begin heading for the exits."