RIP Richard Holbrooke

Dahin geht ein Pate eines halben Jahrhunderts amerikanischer Außenpolitik, Geburtshelfer und Schutzpatron der American Academy zu Berlin, Vordenker des Unmöglichen (in allen Dimensionen) und deshalb naturgemäß auch zweifelhafte Primaballerina. George Packer porträtierte ihn im September 2009 für den New Yorker, in diesem Blog war er mehrmals Thema.

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Seine Lebensgeschichte illustriert einen weltumspannenden Aspekt globaler Supermacht, den auch der größte doc-dump von wikiLeaks nicht verständlich machen könnte und dem gegenüber selbst sehr erfahrene Diplomaten der europäischen Mittelmächte wie subalterne Sachbearbeiter wirken.

Das beschönigt nichts. Wie könnte ich auch? Die Aporien globaler Macht zu denken, ihre Fallstricke zu erkennen (manche auch zu spannen), ohne dabei die politische Selbstbindung aufzugeben, das ergibt die Geschichte einer Jahrhundertfigur.

Desinformation

Ein Beispiel für Desinformation. Der Rhetorik-Blogger, schwer vergrippt und deswegen (so hört sich das Wort an, das Sie natürlich verstehen) schnafnos, hörte heute Nacht um zwei Uhr im Deutschlandfunk diese Nachricht:

Das zwischen US-Präsident Obama und den Republikanern ausgehandelte Steuerpaket hat die erste parlamentarische Hürde genommen. Der US-Senat beschloss mit 83 gegen 15 Stimmen, die Debatte zu beenden und in die formale Beratung über die Gesetze einzutreten. Damit dürfte heute oder morgen über die Regelungen abgestimmt werden. Das Repräsentantenhaus will sich am Ende der Woche damit befassen. Obama hatte sich mit den Republikanern darauf verständigt, zeitlich befristete Steuererleichterungen zu verlängern. Das war bei Teilen der Demokratischen Partei Obamas auf Kritik gestoßen, weil auch Besserverdienende davon profitieren. Im Gegenzug hatten die Republikaner zugestimmt, die Bezugsdauer des Arbeitslosengeldes um 13 Monate zu verlängern.

Was stimmt da nicht? Was fehlt? Wie soll das ein deutscher Radiohörer verstehen, der nicht jeden Tag über andere Quellen seinen eigenen politischen Binnenpluralismus organisiert? Warum verschweigt der dlf, dass nicht nur linke Demokraten, sondern auch rechte Republikaner den Kompromiss vehement kritisieren? Warum hat sich die Redaktion dafür entschieden, den unbestimmten Begriff  "Besserverdienende" zu gebrauchen? Immerhin geht es darum, Einkommensmillionären ein Zubrot von durchschnittlich 70.000 $ zu schenken – die ursprünglich von Obama vorgesehene Kappungsgrenze lag bei Einkommen in Höhe von bis zu 250.000 € – und das in einer Situation bereits extremer Vermögens- und Einkommensdisparitäten, schließlich ganz davon zu schweigen, was dieser insgesamt 858 Mrd. $ schwere Kompromiss über die sogenannten republikanischen Defizitfalken erzählt.

Und das war eine Nachricht aus dem Qualitätsflaggschiff des öffentlich-rechtlichen Rundfunks …

 

Schlechte Metaphern sorgen für schlechte Politik

Wer hätte das gedacht? Paul Krugman beschenkt den Rhetorik-Blogger mit einem Zitat, das ein Leitmotiv meiner Arbeit sein könnte:

And bad metaphors make for bad policy.

Was sind die schlechtesten politischen Metaphern dieses Jahres? Ohne Anspruch auf Vollständigkeit fange ich an mit der schwäbischen Hausfrau, den Defizitsündern und der Schuldenbremse.

Schlechte Metaphern sorgen nicht nur für schlechte Politik. Sie sind auch Symptome für schlechtes Denken, verbergen und offenbaren Webfehler der Politik. Einer schlechten Metapher nachgehen heißt, sie als Symptom so lange ernst zu nehmen, bis das dahinter lauernde Syndrom in voller Hässlichkeit in den Blick gelangt. Daher mein Dank an Paul Krugman. You made my day. » Weiterlesen

Marathonrede

Bernie Sanders, unabhängiger Senator aus Vermont und der einzige Sozialist in der Geschichte des US-Senats, hielt eine Rede, die erst nach 8:37 Stunden endete. Im Unterschied zu anderen Protagonisten des Filibusterns hat er nicht Kochrezepte oder Baseball-Reportagen vorgelesen, sondern unentwegt argumentiert, gewiss ermüdend, aber für die Demokratie durchaus belebend.

Der Zombie im Vakuum der FDP

"Worauf wartet die FDP?" fragt heute Peter Carstens im Leitartikel auf Seite 1 der FAZ.

Die Frage beantwortet sich fast wie von selbst. Sie wartet auf ein Ende des Schreckens. Die Parteiführung scheint immer noch nicht begriffen zu haben, wo der Schrecken denn liegt, der die Liberalen ins Nirwana der Irrelevanz absacken lässt. Es ist ein offenkundiger Irrtum, den Schrecken allein mit dem Wiedergänger der Freiheitsstatue im Parteivorsitz zu erklären.

Im Unterschied zu dem bürgerrechtlichen intellektuellen Profil, das die Partei in den späten sechziger und frühen siebziger Jahren des letzten Jahrhunderts aufgebaut hatte, ist sie durch das Nachbeten von Marketingplatitüden auf eine single issue Position geschrumpft. In der Hinsicht ist die FDP tatsächlich die kleine hässliche Zwillingsschwester der Republikanischen Partei in Amerika. Zum Zeitpunkt ihres größten Erfolgs im September 2009 lief der Countdown, wie lange es dauern würde, bis dieser Ballon platzt. » Weiterlesen