Rette sich, wer kann!

Frau Merkel beherrscht das Patentrezept, Sinn zu verschlucken. Das gilt für ihre Euro-Politik wie für ihren Auftritt auf dem G 20-Gipfel.

Der Eindruck der Stärke, den sie erneut erzielen wollte, ist nicht lange haltbar. Ihr Innenminister erklärte Anfang letzten Jahres einem darüber nicht sonderlich erstaunten Publikum, dass Politik führen und sammeln müsse. Die Merkelsche Dialektik des Führens und Sammelns kann man am Beispiel der nächsten Etappe der Euro-Krise in Zeitlupe sezieren. Irland steht in Flammen und Frau Merkel und M. Sarkozy wiegeln ab. Dass inzwischen die Europäische Zentralbank  irische Staatsanleihen zum Vorteil für deutsche und französische Banken im Wert von über 50 Mrd. €  gekauft hat, das könnten wir zum Thema unsichtbaren Führens rechnen. Dass die Rechnung für die Kosten anderen aufgesattelt wird, könnte zynisch unter Sammeln rubriziert werden. Während die Bundeskanzlerin am Rednerpult den Zusammenhalt beschwört, leistet sie tatsächlich Beihilfe dazu, dass der gesellschaftliche Zusammenhalt in Deutschland wie in Europa unterminiert wird. » Weiterlesen

Rhetorische Komparatistik

Am 10. November hielt Präsident Barack Obama in Jakarta diese Rede. James Fallows weist zu Recht heute darauf hin, wie bemerkenswert  die Rede ist.  Welcher US-Präsident verfügt über eigene prägende Auslandserfahrung, kann auf Grund seiner Kindheit im Jakarta der späten 60er Jahre mühelos kulturelle, ökonomische und politische Parallelen ziehen: Wie sich das Land verändert hat, welche Werte es mit den Amerikanern teilt, warum es auf Grund seiner demokratischen Entwicklung als Vorbild dienen kann.

Am Tag vorher präsentierte George W. Bush seine Memoiren, verteidigte eine engstirnige und verbrecherische Politik, zeigte sich so selbstgerecht wie selbstgefällig. Der Kontrast könnte größer nicht sein. In Jakarta ein weltläufiger Politiker, der Anteilnahme beglaubigen kann, im US-Fernsehen das Schreckensbild eines Politikers, der unter dem Signum eines “anteilnehmenden Konservativen” angetreten war, das er mit jeder Entscheidung seiner Amtszeit konterkariert hatte.

So gibt das eine Datum wie das andere Anlass dazu, einen Vergleich zu erproben. Obamas Rede fordert das implizit heraus. Noch glaube ich nicht, dass seine Präsidentschaft an der engstirnigen Politik der Republikaner scheitern wird, auch nicht, dass Obama aus innenpolitischer Schwäche faule Kompromisse eingehen wird. Dagegen sprechen die Wahlkampfauftritte wie seine Erklärungen nach der Wahl. Er wird um jeden Zentimeter Raum kämpfen. Wer das noch nicht bemerkt haben sollte: Obama kann mühelos an seiner überparteilichen Rhetorik der ersten beiden Jahre anknüpfen, ja, er kann seine Intentionen anders beglaubigen und ernten, wo er gesät hatte und damit bisher nur auf Unwillen und Spott gestoßen ist. Er wird beide Parteien in die Pflicht nehmen für eine Politik, die nicht unter dem Signum von TINA (there is no alternative) steht, sondern einen Weg geteilter Lasten aus der Krise zu bahnen versucht. » Weiterlesen

US-Sino Currency Rap Battle

hat tip goes to The Interpreter

Metaphernschule: Die Pandora-Büchse

Metaphern sind gefährlich, zumal die ältesten. Wer sich an ihnen vergreift, offenbart rhetorisch mehr, als ihm lieb sein kann. Dann ertönt aus dem Missbrauch des gefährlichen Bildes die Wahrheit selbst.

So könnten wir den US-Senator Lindsey Graham verstehen, der nach Auskunft von Prospect am 6. November in Halifax zur viel beschworenen Gefahr einer nuklearen Aufrüstung des Iran sagte:

"If you take military action, you do open up Pandora’s box. But if you let them get a weapon, you empty Pandora’s box."

Das Bild der Pandora-Statue John Gibsons aus dem Victoria und Albert Museum ist von Yair Haklai und steht unter einer Creative Commons Lizenz. » Weiterlesen

Lesen und Scharfsinn

Pierre Assouline denkt mit Jorge Luis Borges über das Lesen nach. In seinem luziden Text stößt er auf dieses Zitat von John Ruskin:

"Man könnte alle Bücher des Britischen Museums lesen (lebte man lange genug) und doch ein ziemlich ungebildeter Analphabet bleiben; läse man aber, sagen wir, zehn Seiten eines guten Buches, Wort für Wort, also mit wahrhaftigem Scharfsinn, könnte man eine gebildete Person werden. Der einzige Unterschied zwischen einer gebildeten Person und einer, die es nicht ist, verdankt sich diesem Scharfsinn." (Übersetzt von HH)