Artikel zum Thema: wisdom of the crowds

Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?

Der Rhetorik-Blogger war unterwegs, am Donnerstag zu Gast in der Bremischen Bürgerschaft. Im Superwahljahr diskutierte man über die Frage: "Was hatte Willy Brandt, was hat Barack Obama, was anderen Politikern fehlt?"

Nach einem Vortrag von Prof. Ulrich Sarcinelli leitete der Bremer Politikwissenschaftler Lothar Probst die Diskussion. Mit Verve und Engagement berichtete Tom Buhrow (ARD-Tagesthemen und langjähriger US-Korrespondent) von seinen amerikanischen Erfahrungen, der tief verwurzelten Tradition "Trust the people, distrust the government", der ungeheuer gewinnenden Eloquenz Bill Clintons, den er für einen größeren Redner als Barack Obama hält.

Ich hatte mich auf die Diskussion vorbereitet, indem ich Willy Brandts Erinnerungen wiederlas. Die beiden Bücher Obamas "Dreams From My Father" und "The Audacity Of Hope" waren hier ja schon öfters Thema. Willy Brandt zitiert Julius Leber, der im Gefängnis schrieb: "Große Führer kommen fast immer aus dem Chaos, aus der richtigen Ordnung kommen sie selten, aus der Ochsentour nie." Beide, Brandt und Obama, sind vaterlos bei ihrem Großvater bzw. den Großeltern aufgewachsen. Beide waren in ihrer Kindheit und Jugend Außenseiter, Brandt als fast einziger Arbeiterjunge im lübischen Johanneum, Obama einer der wenigen Schwarzen in seiner Schule auf Hawaii. Beide durchlebten viele Häutungen in ihrer Sehnsucht nach Zugehörigkeit, auf ihrem Weg überwundener Illusionen, ein Weg, der ihre politischen Visionen biographisch erdet und beglaubigt.

Obama findet – trotz sinkender Umfrageergebnisse, das ist ein anderes Thema, diesen erratischen Zuckungen tagtäglich zu folgen – Gehör bei seinen fellow citizens, weil er seine politischen Projekte mit ihren eigenen Lebenserfahrungen begründet, ihre Stimme verstärkt und damit eine andere  Vertrauenswürdigkeit gewinnt. Er ist die erste Kassandra, der man zuhört, während er den Finger in die verschorften Lebenslügen des Landes bohrt: die zerkrümelnden Straßen, Brücke, Deiche, Schulen, Unis, das zerkrümelnde Gesundheitswesen, das – unverändert – Bürger und Staat in den Bankrott treiben würde.

Die autobiographisch geerdete Glaubwürdigkeit von Brandt wie von Obama ermöglicht es ihnen, statt den billigen Jakob zu geben mit kurzen sound bytes wie der große Kommunikator Reagan oder mit einer gut entwickelten Selbstironie wie George W. Bush, ihre Landsleute mit komplizierten Themen vertraut zu machen, an ihre Vernunft und an das bessere in ihnen zu appellieren, um die Nation wieder auf die Beine zu bringen, den Willen zum Wandel zu beflügeln.

Ein link zur Fernsehausstrahlung der Diskussion folgt. Später fiel mir noch ein, dass mit dem frisch gewählten Bürgermeister Daniel Zimmermann in Monheim (NRW) ein Beispiel herangewachsen ist, das den Optimismus beflügelt, dass sich auch unser demokratisches Gemeinwesen von innen erneuern kann.

Vermischtes

Vermischtes, auch so eine Kategorie aus der Gutenberg-Galaxis, die manchmal dem weißen Rauschen des Nachrichtendurchsatzes einen link zwischen all dem nicht Zusammenhängenden liefert. Früher war das eine Keimzelle für meine wöchentliche Medienlese im legendären Radio 100 – Jenseits von gut und böse.

Das Vermischte aus dem Weißen Haus ist durchwachsen. Der Präsident informierte den republikanischen Senator Sessions darüber, dass er nicht vorhabe, als Nachfolger für Richter Souter einen Bombenwerfer für den Supreme Court zu nominieren. Die Siegesfanfaren aus dem Budget-Büro, dass es gelungen sei, den Haushaltsentwurf von 3,4 Billionen Dollar um 17 Mrd. Dollar zu kürzen, klingen bescheiden. Gegen die Kürzungen gehen demokratische Parteifreunde auf die Barrikaden.

Die Gespräche mit den afghanischen und pakistanischen Präsidenten sehen nicht tröstlich aus. Der oberste Richter in Islamabad wird bald die Bestechungsklagen gegen Präsident Zardari wieder aufrufen. Obama kann seine Bündnispartner nicht backen. Hat das Weiße Haus die beiden Bücher von William Lederer auf die Reading List der Sicherheitsleute gesetzt? 1958 The Ugly American (zusammen mit Eugene Burbick) und 1961 A Nation Of Sheep.

Lederer war ein kluger kalter Krieger, er hätte eine Romanfigur von Joseph Conrad, oder besser von Ross Thomas sein können, sie sind sich vielleicht in Südostasien oder bei irgendeinem Think Tank in Georgetown über den Weg gelaufen. 1960 las er meiner Mutter aus der Hand, dass sie noch zwei weitere Kinder bekommen werde. Zwei Jahre später war es so weit, ein Mann mit vielen Talenten und unbestechlichem Blick, er lebte in den 60er Jahren auf Hawaii, kann dem bodysurfer beim frühen Wellenreiten zugesehen haben …

Ich erinnere mich an ein deprimierendes russisches Roadmovie mit Afghanistanveteranen, versehrten Überlebenden. Der Film (damals im Internationalen Forum des Jungen Films uraufgeführt) gehört auch auf die Medienliste von Holbrooke, Jones und Kollegen, Erwartungsmanagement für amerikanische und deutsche Afghanistan-Veteranen und Kriegskrüppel.

Gestern stellte Matthias Machnig im Berliner Münzsalon das Buch "Lernen von Obama" vor, etwas kontrapunktisch zum Thema "Internet als Ressource und Risiko für die Politik". Machnig wirkte wie ein erfahrener, aber unzufriedener  Parteisöldner, den sie nicht an die Front lassen, entsprechend düster seine Anmerkungen zur Performance der politischen Klasse in Deutschland. Nur wer den Bürgern Erklärungsangebote zur Krise mache und Orientierung gebe, habe Aussichten, bei den Wahlen einen Punkt zu machen.

Offenbar gibt es Leute, die Obama kopieren wollen, ohne von ihm zu lernen. Je länger ich über diesen Auftritt nachdenke, desto surrealer erscheint er mir. Einer der klügsten Wahlkämpfer der jüngeren deutschen Politik hat den Anschluss verloren und den entscheidenden Aspekt für Obamas Wahlerfolg nicht verstanden: Der Online-Wahlkampf verband die Weisheit der Vielen da draußen (wisdom of the crowds) mit effektiver Organisation. Machnig überträgt sein Raster der Gutenberg-Galaxis auf die Online-Welt, Interaktion ist für ihn Befehlskette, Durchkommen mit der einen Botschaft. Die Kehrseite des "Yes, we can" bleibt ihm fremd, die Selbstermächtigung des amerikanischen Pragmatismus, von dem man sich auch hier mehr als nur eine Scheibe abschneiden könnte. Steckt in dem Mann ein Misstrauen gegenüber den Menschen da draußen im Lande?

Optimismus sieht anders aus.

Fiskalpolitische Falkenprosa


Die ersten hundert Tage Obamas im Weißen Haus liegen bald hinter uns. Seine heutige Videoansprache legt den Takt vor für die nächsten 2900 Tage (wenn er wiedergewählt wird). Heute gibt der Präsident den fiskalpolitischen Falken und stellt seinen konservativen Parteikollegen im Kongress, aber natürlich auch der republikanischen Opposition eine trickreiche Falle.

In den letzten Tagen machten mehrere Senatoren von ihrem Recht Gebrauch, die Bestätigung von Spitzenbeamten zu blockieren. Der eine will erreichen, dass in Utah weiter nach Öl und Gas gebohrt werden kann, der andere will für seine Klientel kostspielige Programme erhalten, über die Studiendarlehen finanziert werden.

Nun macht Obama seine Widersacher zu schwarzen Petern: One of the pillars (…) must be fiscal discipline. We came into office facing a budget deficit of $1.3 trillion for this year alone, and the cost of confronting our economic crisis is high. But we cannot settle for a future of rising deficits and debts that our children cannot pay. (…) That is why we have identified two trillion dollars in deficit-reductions over the next decade, while taking on the special interest spending that doesn’t advance the peoples’ interests.

Obamas Haushaltspolitik folgt künftig drei Prinzipien: der Paygo-Regel, dass neue Ausgaben oder Steuersenkungen nur dann zustande kommen, wenn das Geld an anderer Stelle eingespart oder durch Steuererhöhungen beschafft wird (Bill Clinton hat mit dieser Regel innerhalb von sechs Jahren giganische Defizite abgebaut und sogar Haushaltsüberschüsse erzielt). Jede Behörde, die in ihrem Geschäftsbereich Einsparungen realisiert, erhält einen Teil des eingesparten Betrags für neue Programme. Darüber hinaus ermuntert Obama alle Mitarbeiter des öffentlichen Dienstes, Einsparvorschläge zu machen. Obamas setzt auf die Weisheit der Vielen da draußen.

Sein abschließender Vorschlag dürfte weltweite Neugier wecken.  So later this year,  we will host a forum on reforming government for the 21st century.

Wenn die Konferenz erfolgreich ist, könnte der Slang des Baracking vielleicht sogar in den Sprachgebrauch deutscher Oberfinanzdirektionen gelangen.