Artikel zum Thema: Semiotik des Wandels

Inspirationen

Natürlich gibt es eine Rhetorik der Sachen und Dinge. Sie sehen uns an, unentwegt, sehen zurück, sprechen zu uns, geben die Chance zu einem Zwiegespräch – mit der eigenen Zeit oder auch ferner zurück liegenden Epochen. Sie verfügen über Eigensinn mit Syntax und Botschaft. Die Idee von Peter Sloterdijk, Rilkes Apoll-Torso auf Sendung zu bringen, lebt davon, oder die gegenwartspaläontologische Reportage von Niklas Maak über seinen Selbstversuch mit Tesla.

Der vergleichende Blick aufs Aussterben und Aufblühen ermöglicht eine Semiotik des Wandels inmitten der Krise. Man kennt so etwas aus forensischen Tatort-Analysen zur Feststellung des Todeszeitpunkts, in welcher Reihenfolge Fliegen, Maden und Käfer sich über die Reste eines dahin geschiedenen Leibes hermachen. Die industriellen Artefakte sterben einen langsameren Tod. Ihre Leichen leben noch, wenn die Artefakte der kreativen Zerstörer ihre Nachfolge antreten. Ihr Nebeneinander schärft den Blick.

Alexander Osang hat (im neuen SPIEGEL) ein atmosphärisch dichtes Porträt von Angela Merkel geschrieben. Sie bleibt, auch nach der Lektüre, rätselhaft. Ihr offenkundiges Misstrauen gegenüber dem politischen Reden hat seine eigene Geschichte. Die Nüchternheit, Kollegen an ihren Taten zu messen, entspringt der gleichen Quelle. Dahinter steckt eine Naivität, ein eingebrannter Reflex, der Reden mit Untaten gleichsetzt. Aus der Vorsicht des gebrannten Kindes setzt sie auf die Indifferenzprosa ihrer Reden.

So will sie in einer Zeit, in der faktisch nichts mehr sicher ist, für ihr eigenes politisches Schicksal auf Nummer sicher gehen. Dieser Widerspruch zernagt politisches Kapital. Sie könnte mutiger sein.