Artikel zum Thema: Medien

Sanity vs. Insanity – O-Töne von der Rallye

Ein Statement unter vielen: "People are less informed."

Ein anderes: "Walter Cronkite wouldn´t understand what´s going on now."

Tyler Cowen liest die Berliner Morgenpost …

… und stellt fest, dass dieses (an amerikanischen Maßstäben gemessen) seriöse Blatt  seine Leser am Nasenring hinter den Mond führt.

Cowen hätte auch den Bonner Generalanzeiger oder das Hamburger Abendblatt oder den Münchner Merkur oder oder oder lesen können: Die Lage der Nation und ihre Hintergründe finden in der veröffentlichten Meinung faktisch keinen Raum (von wenigen erfreulichen Ausnahmen abgesehen).

Wenige Minuten später liefert mein newsfeed eine Beobachtung von Matthew Yglesias:

"Anecdotally, when I was in Germany and would ask business leaders and policymakers if they thought Germany should alter the export-oriented nature of the economy, the answer was always and everywhere “no.” Not a single German person outlined to me a single policy measure that they endorsed to achieve that goal, nor did any of them endorse the goal."

Wenn die europäische Austeritätspolitik liefert, was Krugman & Co. vorhersagen, ist es allerhöchste Zeit, über einen wirtschaftspolitischen Paradigmenwechsel nachzudenken. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat zu Beginn der neuen Legislatur "eine schonungslose Analyse der Lage" angemahnt, aber noch nicht geliefert.

Ich bin hier nicht durch besondere Sympathie für die sogenannte LINKE aufgefallen, aber stelle mir inzwischen vor, dass demnächst ein Gespräch am Schwanenteich von Gütersloh stattfinden könnte. Die Teilnehmer sind für einander exotisch: Stiftung Marktwirtschaft und ökonomische Vordenker der LINKEN. Weitere Gäste könnten Meinhard Miegel, Friedhelm Hengsbach et alii sein.

Die Leitfragen der illustren Runde liegen auf der Hand. Wie sähe eine Wirtschaftspolitik zur Stärkung der Binnennachfrage aus? Wie ließen sich neue Wertschöpfungspotenziale im Dienstleistungssektor heben? Welchen Beitrag könnte hierzu eine ordnungspolitisch korrigierte Steuerpolitik leisten? Welche Vorbilder lassen sich aus dem Weiterbildungsangebot der amerikanischen Community Colleges auf den deutschen Bildungssektor übertragen?

Monsieur Sarkozy schickte gewiss einen Beobachter nach Gütersloh, damit er für das nächste Abendessen mit chère amie Anschela was zu erzählen hat.

Dann sagt er bestümmt nicht ab.

Nachbemerkung 13.06.2010

Das mag vielleicht lustig klingen, ist aber keineswegs so gedacht. Es ist eher Ingrimm.

Warum nimmt kein glühender Verteidiger der deutschen Exportüberhänge zur Kenntnis, was passiert, wenn die für wahrscheinlich gehaltenen Wertberichtigungen bei Staatsanleihen der PIIGS-Länder zu einem Buchverlust von (milde geschätzt) 450 Mrd. €  führen?

Dann schmelzen die Argumente dahin. Aus dem gleichen Grund scheuen Deutsche und Franzosen davor zurück, ihre Banken einem Stress-Test zu unterziehen. Sie glauben, sie hätten auch so bereits genug Stress.

Das könnte sich schon bald als Selbsttäuschung herausstellen.

Klimawandel, Forschung und Nachrichtenzyklus

Diese Recherche von Fred Pearce im Guardian lohnt sich zu lesen. Sie dokumentiert ein Dilemma, das die Kommunikation und die Kooperation zwischen Wissenschaft und Medien überschattet. Der Erkenntnisfortschritt der Wissenschaft auf der einen Seite und der Nachrichtenzyklus auf der anderen Seite unterliegen ihren eigenen Bedingungen.

Im Zeitalter globaler Faktenüberprüfung begrenzt der Nachrichtenzyklus der traditionellen Medien mit ihren "sagte x" bzw. "sagte y" den Erkenntishorizont und macht sich zum Instrument einer Gegenaufklärung.

Enttäuschung

Deutschlandfunk, Nachrichten 21. Februar 2010 07:32 am: "da die Demokraten im Senat nach einer Nachwahl ihre Mehrheit von 60 Sitzen verloren haben". 59:41 ist das Stimmverhältnis der Demokraten – einschließlich zwei unabhängiger Senatoren.

Wie erklärt man eine solche Meldung? Komplexitätsreduktion? Framing? Im Berliner Schnodderton "allet scheißejal"? Oder im Kölner Klüngelton? Der Boden tut sich auf und verschlingt eine Falschmeldung.

 

Nachrichtenzyklus

Ein enger Berater Gerhard Schröders sagte einmal, dass 24 Stunden in der Zeittaktung dieses Bundeskanzlers eine fast unüberschaubar lange Zeitstrecke gewesen seien. Schröder beherrschte das parteipolitische Erfolgsrezept, hinter manchem Busch gesessen zu haben. Aber die sprichwörtliche Geduld (oder sollten wir sagen das belastbare Sitzfleisch?) Angela Merkels war nicht seine Sache.

Nun rede ich hier weder über Passion noch Konstitution oder Weitsicht, sondern über ein Systemversagen. Der Nachrichtenzyklus der amerikanischen Medien wird hier besinnungslos adaptiert. Die Leute scheinen ihr Gedächtnis unter Ritalin oder Prozac oder unter purem Zeitdruck zu verlieren. Ihre Archive sind unaufgeräumt oder haben die letzte Systemmigration nur zershreddert überlebt. Wie sie dazu kommen, die Chronik der Ereignisse erzählerisch kurzzuschließen, zeigt, wie sehr sie vor lauter Gegenwart den Verstand verlieren.

Nun also rettet Barack Obama seine Haut durch opportunistischen Populismus. Kühlt an den Banken sein Mütchen. Die erzählerische Logik folgt der Dramaturgie von American Idol oder DSDS. Thomas Pynchon nannte solche Leute die Thanatoiden, die ihr Verhalten, ihre Aktionen und Reaktionen danach ausrichten, was wohl die Helden ihrer Lieblingssoap in vergleichbarer Situation täten.

Das enge Blickfeld blendet aus, was zu kompliziert scheint: dass in der letzten Woche die Anhörungen zu den Ursachen der Finanzkrise begannen; dass die Strategien einiger Wall Street Unternehmen in Verbindung mit zu viel billigem Geld im Umlauf bald schon die nächste Blase platzen lassen könnten;  dass der Volkszorn über Disparitäten zwischen Wall Street und Main Street rast; dass es im Dezember einen Jobgipfel im Weißen Haus gab, bei dem auch die Geithner- und Summers-Kritiker Stiglitz und Krugman Gehör fanden; dass die G 20 in Pittsburgh weitreichende Regulierungsmaßnahmen verabredeten; dass es im Senat mit Maria Cantwell und John McCain zwei Befürworter einer schärferen Regulierung gibt – eine belastbare bipartisan-Achse des Guten. Das passt nicht in die Raster des schnellen Nachrichtendurchsatzes.

Also drechselt man eine Headline wie "Kampfansage an Banken soll Obama retten". Erinnert an die taz: "Holzmann rettet Schröder". In der Gefahr dieses medialen Rollenverständnisses aber wächst das Rettende nicht.

Nur der Unsinn. Der aber exponentiell.