Artikel zum Thema: internationales literaturfestival berlin

Hans Christoph Buch aber kultiviert seinen Filmriss

Man fragt sich und weiß keine Antwort darauf, was dieses seltsame Panel des internationalen literaturfestivals berlin im Collegium Hungaricum Berlin im Schilde führte. Wollten wir gutwillig sein, könnten wir sagen: nichts. Wollten wir böswillig sein, kämen wir zum gleichen Ergebnis.

Das Thema schien klar: Barack Obama, die ersten Monate seiner Präsidentschaft. Wer diesen Blog liest, hat eine Vorstellung davon, eine Idee, was es für thematische Schwerpunkte geben, wie ein Einstieg aussehen, was man getrost  auch übergehen könnte.

Wir erleben einen Moderator (Hans Christoph Buch), der in den ersten zehn Minuten angestrengt hinauf zur Decke schaut, mit offenkundigem Filmriss in das Thema stolpert und langatmig die Teilnehmer der Diskussion vorstellt: den Amerikaner Eliot Weinberger (der sich darüber freut, sich nicht mehr dafür schämen zu müssen, Amerikaner zu sein), den Inder Pankaj Mishra, den Buch als Entdecker Arundhati Roys vorstellt, was der bescheiden zurückweist, den Palästinenser Hassan Khader, wenigstens ein aufgeräumt Argumentierender, und schließlich den anderen Somnambulen des Abends, Hanser-Verleger Michael Krüger.

Fangen wir mit Krüger an: Wir können ihn für einen gut informierten Menschen halten, was er zweifellos ist, bloß an diesem Abend nicht. Die Bundestagswahlen fänden in vier Wochen statt (aus dem Publikum strecken sich ungezählte Hände mit zwei Fingern in die Luft), ach Briefwahl, was auch immer, wie seltsam, dass ein so großes Land wie Amerika alle öffentliche Aufmerksamkeit dem Thema Gesundheitsreform zuwende, ob es nichts anderes auf der Agenda gebe, der Fortschritt komme im Schneckentempo, erste Resultate von dem, was Obama auf den Weg bringe, sähen wir vielleicht in zehn Jahren. Weiter schlafen!

Eliot Weinberger gibt ein interessantes Stichwort, als er auf den unterschätzten Präsidenten  Lyndon B. Johnson verweist, seine innenpolitischen Reformen, das Konzept der Greater Society, die Bürgerrechte. Zugleich war Johnson aber auch der Brandbeschleuniger des Vietnamkriegs, indem er immer mehr Truppen entsandte. Wiederholt sich dieses Desaster mit Afghanistan? Das wäre eine Frage gewesen, über die man hätte diskutieren können. Moderator Buch aber kultiviert seinen Filmriss.

Pankaj Mishra macht es sich einfach, indem er das Ende aller Probleme kommen sieht, wenn die ausländischen Truppen Afghanistan verließen. Auf dem Podium gibt es niemanden, der daran erinnert, dass es sich um ein Mandat der Vereinten Nationen handelt. Moderator Buch aber kultiviert seinen Filmriss.

Warum Buch den Palästinenser mit dem vertrackten Iran-Thema traktiert, wissen vielleicht die Götter, Khader rettet sich aus dem Dilemma, indem er die bisherige Nahost-Politik Obamas lobt. Allerdings führen die Israelis den amerikanischen Präsidenten am Nasenring durch die Manege, weil sie weitere Siedlungen bauen.

Wer an diesem Abend erwartet hatte, aufmerksame Beobachter der internationalen Politik im Gespräch darüber zu erleben, welchen politischen Wandel Barack Obama auf den Weg bringt, musste enttäuscht von dannen ziehen.

Moderator Buch rief entsetzt, als er den Saal verließ, "wir haben Michelle vergessen, wir hätten über Michelle reden müssen". In welchem Film war Hans Christoph Buch an diesem Abend?

Eisig


Arundhati Roy spricht zur Eröffnung des internationalen literaturfestivals berlin über das verglimmende Licht der Demokratie. Am Ende ihrer Rede beschreibt sie das höchstgelegene Schlachtfeld der Welt, den Siachen Gletscher, auf dem indische und pakistanische Truppen in eisiger Kälte stationiert sind. Sie verwandeln den Gletscher mit Munitionshülsen, leeren Treibstofffässern, alten Stiefeln, Zelten und all ihrem irdischen Abfall in eine Müllhalde. Die Gletscherkälte konserviert den Müll. Der Gletscher aber schmilzt, inzwischen auf die Hälfte seiner einstigen Größe geschrumpft, nicht wegen des Krieges, sondern auf Grund von Veränderungen, die von gutmeinenden Menschen bewirkt werden, die an Frieden, Redefreiheit und Menschenrechte glauben.

Photo: Hans Hütt

Roy redet auf dicht besetzter Bühne. Hinter ihr erstreckt sich in unendliche Weite das Bühnenbild von Jakob Mattner, eine eisige verschneite Hoch- oder Tiefebene, von rechts oben flackert ein Licht hinein, das kaum Trost spendet, ganz gleich, aus welcher Quelle es scheint, welch organische Reste da verbrennen, in der vereisten Ebene schwarze Erhebungen, Flecken, anthropomorphe Reste oder Endmoränen, eine Landschaft wie aus einem Roman von Cormac McCarthy, sie apokalyptisch zu nennen, wäre tröstlich, weil noch von einer Geschichte oder ihrem Ende zu sprechen wäre, das Eis aber, und das Licht, das da von rechts mit etwas Rauch herüberweht, scheinen aus der anderen Welt, wie sie der letzte Mensch vor Augen haben könnte.