Artikel vom 25. November 2010

Aus dem Wörterbuch des Schreckens (ctd)

Ein netter Abend im Niemandsland des Berliner Regierungsviertels. Carta feiert zwei Jahre. Herzlichen Glückwunsch, sagt der gelegentliche Gastautor.

Etwas verspätet eingetroffen, höre ich die Honneurs von Michael Spreng, der damit kokettiert, als Fossil die Blog-Landschaft zu beleben, wie ich finde, durchaus erfolgreich und lebendiger als manches bloggende Jungfossil.

Nach ihm erzählt Lena Wagner, bei Google verantwortlich für Streetview, die Geschichte ihrer PR-Arbeit. Offenbar ein runder Erfolg, wie man anerkennt. Ich habe keine Privacy-Konflikte.

Wäre da nicht dieses Chart gewesen. Gleich nach dem Titelchart. Ich sehe eines dieser Google-Streetview Autos, in voller Armatur, ein Opel, unter dem Markenzeichen des Blitzes. Das Auto trägt ein gelbes Pariser Nummernschild. Der Bildausschnitt lässt offen, wo der Blitz Paris durchquert.

Darunter der Satz: 

"Google Streetview durchkämmt die Republik."

Das Durchkämmen feiert ein betagteres Jubiläum als Carta, ein Wort, das unendlich viel älter ist als Lena Wagner. Ein Wort aus der Seuchenhygiene (Läuse, Nissen, Ungeziefer). Ein Wort aus den Routinen des SD.

Wie historisch treffsicher Google unter dem Zeichen des Blitzes Paris durchkämmt. So was kann man nicht erfinden.

Der schwarze Schwan Axel Webers

Bundesbankpräsident Axel Weber wird im Spiegel mit den Worten zitiert:

"Er zeigte sich demonstrativ zuversichtlich, dass das Volumen des Hilfstopfs ausreicht, um die Schuldenkrise zu meistern. Allerdings fügte er hinzu, dass die Mittel noch aufgestockt werden könnten, sollten sie doch nicht ausreichen. "Wenn diese Summe aufgebraucht ist, könnten wir sie erhöhen", sagte er am späten Mittwochabend in Paris laut "Wall Street Journal". Seine Schlussfolgerung: "Eine Attacke auf den Euro hat keine Chance." Die Gemeinschaftswährung werde die aktuelle Krise überstehen."

Ihm assistiert (im gleichen Artikel) der Chef des Euro-Rettungsfonds:

"Auch der Chef des Euro-Rettungsschirms, Klaus Regling, rechnet nicht mit einem Auseinanderbrechen des Währungsraumes. "Dass der Euro scheitert, ist unvorstellbar", sagte er der "Bild". Die Gefahr liege bei Null, schließlich werde "kein Land freiwillig den Euro abgeben". Für schwächere Staaten wäre das wirtschaftlich Selbstmord, ähnlich für die stärkeren Länder. "Und politisch wäre Europa ohne Euro nur die Hälfte wert", sagte Regling."

Wie es der Zufall des Nachrichtenstroms von heute mit sich brachte, fand ich am frühen Morgen diese Bemerkung im Blog von Michael Pettis:

"Its official – Spain and Portugal will need to be bailed out soon.  How do I know? In one of my favorite TV shows, Yes Minister, the all-knowing civil servant Sir Humphrey explains to cabinet minister Jim Hacker that you can never be certain that something will happen until the government denies it."

Walter Ulbricht hat das vorgemacht:

Bei Ulbricht kam hinzu, dass er den Gegenstand seines Dementis (niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten) in einem Nebensatz versteckte, damit also praktisch ankündigte.

Die Gewissheit Webers und Reglings ist nicht mit Ulbricht zu vergleichen. In ihr kommt etwas Anderes zum Ausdruck. Eine solche Gewissheit gewinnt gegenüber den wachsenden Zweifeln in der weiten Welt den Charakter von Hybris.

Wann erweist sie sich als "schwarzer Schwan"? Wenn wir Nassim Taleb trauen dürfen, dann sind die robusten Gebrauchsgegenstände verlässlicher als posaunierte Gewissheiten.

PS: SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zitierte gestern in der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestags das Handelsblatt als Quelle eines Menetekels für die Politik der Bundesregierung: 

"Merkels Politik … führt zu Unsicherheit und Unfrieden. Angela Merkel ist stark gegen die Schwachen. Der Weg, den sie einschlägt, führt nicht nach Europa."

Einsicht und Ohnmacht gehören zusammen. Keine guten Aussichten für die Macht!