Artikel aus dem November 2010

Hüftschaden des Euros

Doppelmoral gehört zur Grundausstattung der Politik, ein Grund mehr für mich, die Betriebsnudeln und ihre Lotuseffektsprache durch surrealistische Experimente auf die Probe zu stellen. Auf die Idee bringt mich ein Leitartikel von Roger Cohen in der New York Times: The Euro Has No Clothes.

Wie wäre es damit, das rhetorische Bühnenweihefestspiel der CDU zum Thema Präimplantationsdiagnostik (PID) auf die Geschichte des Euros zu übertragen? Denn tatsächlich haben die Väter und Mütter dieses europäischen Großprojekts früh und weitreichend darüber nachgedacht, welche Konsequenzen die gemeinsame Währung für die Integration und die europäische Politik haben würde.

Die Eizelle wurde gründlichst von allen nur denkbaren Seiten beäugt und geprüft. Der Homunculus ist längst ausgetragen. Die PIDer hätten im Frühjahr 1989 schreiben können, der Säugling sollte infolge gewisser Unwuchten in den mediterranen Extremitäten für geraume Zeit in eine Spreizhose gesteckt werden, damit er später nicht an der Hüfte leidet und ein chronischer Hinkefuß würde. Tatsächlich haben sie Ähnliches geschrieben – und zu den Akten gelegt.

Cohn schreibt:

The report noted that “a transfer of decision-making power” from member states to the European Community (now Union) would be needed in “the fields of monetary policy and macroeconomic management.” A currency, in other words, needs a political authority: History is unequivocal about that. The euro was conceived to complete European integration. » Weiterlesen

Geißlers Grimme-Preis

Wie der Schlichterspruch Heiner Geißlers am Dienstag ausfallen mag, ist die eine Sache. Was der Schlichter zustande gebracht hat, eine andere. Der Drachenflieger, Kletterer und Alterswilde hat etwas vorgemacht, was ich kaum mehr für möglich gehalten habe: eine Dekonstruktion des leeren Redens in Echtzeit.

Es ist egal, welche Partei, welcher Redner, welche Auffassung dekonstruiert wurde. Der Jesuit mit den großen Ohren hat das öffentliche leere Reden insgesamt viviseziert. So gerät etwas in den Blick, was in einer Kultur der Legitimation durch Verfahren lange Zeit ausgeblendet schien. Verfahren können sich verfahren. Diese Aussage ist umso wahrscheinlicher, je nebliger, je fadenscheiniger, je geheimniskrämerischer viele öffentliche Auftraggeber, Planer und ihre Hintersassen arbeiten.

Diese Aussage macht aber auch Hoffnung, dass die Bürger sich darin bestärkt sehen, Fragen zu stellen und nachzufragen. Das Schlichtungsverfahren hat die Lotuseffektsprache demontiert. Die Lotuseffektsprache schien dazu bestimmt, Kritik abperlen zu lassen. Nun kleben Pechsträhnen an den Auftraggebern. Sie können daraus Lehren ziehen. Klar formulierte Gutachten, Aufträge und Ausschreibungen helfen, bürokratischen Aufwand zu mindern.

Stuttgart liegt in einem Talkessel. Oft hängt über dem Kessel der Nebel. Heiner Geißler hat durch das von ihm gesteuerte Verfahren eine lichte Höhe erreicht, die dem Gemeinwesen insgesamt gut tut. Das ist kein Schrei nach Charisma, nur eine bescheidene Präzision. Legitimation durch Verfahren kann nicht mit einem Autopiloten gelingen. Da müssen vernünftige Flieger und Gegenfunker aus Fleisch und Blut im Apparat stecken, die auch in der dünnen Luft hoher Entscheidungsräume den klaren Blick auf konkurrierende Ziele bewahren.

Die Dokumentation der Schlichtungssitzungen hat einen diamantenen Grimme-Preis verdient.

 

Resignation

Die Aufnahme verdankt sich Solojazz. Das Thema ist durchaus aktuell. Zwar nicht dafür aufzuhören, aber für tiefe Skepsis.

Mehldau habe ich zuerst Ende der 90er Jahre in der Darmstädter Centralstation erlebt. Ein pianistischer Sänger.

Schönes Wochenende!

Aus dem Wörterbuch des Schreckens (ctd)

Ein netter Abend im Niemandsland des Berliner Regierungsviertels. Carta feiert zwei Jahre. Herzlichen Glückwunsch, sagt der gelegentliche Gastautor.

Etwas verspätet eingetroffen, höre ich die Honneurs von Michael Spreng, der damit kokettiert, als Fossil die Blog-Landschaft zu beleben, wie ich finde, durchaus erfolgreich und lebendiger als manches bloggende Jungfossil.

Nach ihm erzählt Lena Wagner, bei Google verantwortlich für Streetview, die Geschichte ihrer PR-Arbeit. Offenbar ein runder Erfolg, wie man anerkennt. Ich habe keine Privacy-Konflikte.

Wäre da nicht dieses Chart gewesen. Gleich nach dem Titelchart. Ich sehe eines dieser Google-Streetview Autos, in voller Armatur, ein Opel, unter dem Markenzeichen des Blitzes. Das Auto trägt ein gelbes Pariser Nummernschild. Der Bildausschnitt lässt offen, wo der Blitz Paris durchquert.

Darunter der Satz: 

"Google Streetview durchkämmt die Republik."

Das Durchkämmen feiert ein betagteres Jubiläum als Carta, ein Wort, das unendlich viel älter ist als Lena Wagner. Ein Wort aus der Seuchenhygiene (Läuse, Nissen, Ungeziefer). Ein Wort aus den Routinen des SD.

Wie historisch treffsicher Google unter dem Zeichen des Blitzes Paris durchkämmt. So was kann man nicht erfinden.

Der schwarze Schwan Axel Webers

Bundesbankpräsident Axel Weber wird im Spiegel mit den Worten zitiert:

"Er zeigte sich demonstrativ zuversichtlich, dass das Volumen des Hilfstopfs ausreicht, um die Schuldenkrise zu meistern. Allerdings fügte er hinzu, dass die Mittel noch aufgestockt werden könnten, sollten sie doch nicht ausreichen. "Wenn diese Summe aufgebraucht ist, könnten wir sie erhöhen", sagte er am späten Mittwochabend in Paris laut "Wall Street Journal". Seine Schlussfolgerung: "Eine Attacke auf den Euro hat keine Chance." Die Gemeinschaftswährung werde die aktuelle Krise überstehen."

Ihm assistiert (im gleichen Artikel) der Chef des Euro-Rettungsfonds:

"Auch der Chef des Euro-Rettungsschirms, Klaus Regling, rechnet nicht mit einem Auseinanderbrechen des Währungsraumes. "Dass der Euro scheitert, ist unvorstellbar", sagte er der "Bild". Die Gefahr liege bei Null, schließlich werde "kein Land freiwillig den Euro abgeben". Für schwächere Staaten wäre das wirtschaftlich Selbstmord, ähnlich für die stärkeren Länder. "Und politisch wäre Europa ohne Euro nur die Hälfte wert", sagte Regling."

Wie es der Zufall des Nachrichtenstroms von heute mit sich brachte, fand ich am frühen Morgen diese Bemerkung im Blog von Michael Pettis:

"Its official – Spain and Portugal will need to be bailed out soon.  How do I know? In one of my favorite TV shows, Yes Minister, the all-knowing civil servant Sir Humphrey explains to cabinet minister Jim Hacker that you can never be certain that something will happen until the government denies it."

Walter Ulbricht hat das vorgemacht:

Bei Ulbricht kam hinzu, dass er den Gegenstand seines Dementis (niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten) in einem Nebensatz versteckte, damit also praktisch ankündigte.

Die Gewissheit Webers und Reglings ist nicht mit Ulbricht zu vergleichen. In ihr kommt etwas Anderes zum Ausdruck. Eine solche Gewissheit gewinnt gegenüber den wachsenden Zweifeln in der weiten Welt den Charakter von Hybris.

Wann erweist sie sich als "schwarzer Schwan"? Wenn wir Nassim Taleb trauen dürfen, dann sind die robusten Gebrauchsgegenstände verlässlicher als posaunierte Gewissheiten.

PS: SPD-Fraktionschef Frank-Walter Steinmeier zitierte gestern in der Haushaltsdebatte des Deutschen Bundestags das Handelsblatt als Quelle eines Menetekels für die Politik der Bundesregierung: 

"Merkels Politik … führt zu Unsicherheit und Unfrieden. Angela Merkel ist stark gegen die Schwachen. Der Weg, den sie einschlägt, führt nicht nach Europa."

Einsicht und Ohnmacht gehören zusammen. Keine guten Aussichten für die Macht!