Artikel aus dem September 2010

Metaphernschule: Der Herbst der Patriarchin

Der Roman von Gabriel García Márquez  "Der Herbst des Patriarchen" hat Pate gestanden für die politische Schaumgeburt dieses deutschen Herbstes. Er werde der "Herbst der Entscheidungen" sein, tönen die schwarzgelben Posaunen.

Was für eine Kreation. Was für ein Unfug. Was für ein metaphorisches Desaster.

Haben Sie den Roman gelesen? Ein schwerer Brocken. Eines Tages wird der Diktator tot aufgefunden. Sein Alter zu diesem Zeitpunkt 107, vielleicht sogar 232 Jahre. Er hat seinen Tod zu Lebzeiten schon einmal vorgetäuscht. Jetzt gibt es keinen Zweifel mehr. Der Mann hat das Land in den Bankrott geführt.  Am Ende wird sogar das Karibische Meer verkauft und in Kisten abtransportiert. Ein wilder Reigen eines wilden Lebens entfaltet sich, aus wechselnder Perspektive erzählt. » Weiterlesen

Lob der Ungenauigkeit

Bundeskanzlerin Angela Merkel redet in ihrem neuen Videopodcast über das Energiekonzept der Bundesregierung. Dieses Dokument belegt, welch unermesslichen Nutzen ungenaues Reden stiftet. Schauen Sie sich – drei Minuten sind auszuhalten! – auch das Video an. Denn die Templin-geschulte Silbenschlucktechnik Angela Merkels verbindet gekonnt ungenaues Reden mit Sinnverkehrung.

"In der nächsten Woche stehen zwei Termine in meinem Kalender, die sich mit dem Thema Nachhaltigkeit beschäftigen: Am Montag werde ich beim „Rat für nachhaltige Entwicklung“ sein und den Startschuss für den Dialog 2010/2011 über das Thema Nachhaltigkeit geben."

War das eine Idee von Beate Baumann – oder ist die Entscheidung, dass Frau Merkel "den Startschuss" abgeben wird, eine honorarpflichtige Agenturleistung? Ein Startschuss eröffnet einen Wettkampf: rennen, schwimmen, rudern, reiten. Das kann über lange Strecken gehen oder sehr kurze Strecken, wie zum Beispiel das 50-Meter-Rennen. » Weiterlesen

Kontrapunkt

Das Zentrum für politische Schönheit hat die Rede Bundeskanzlerin Angela Merkels vor der Generalversammlung der Vereinten Nationen kontrapunktiert, ein legitimes Mittel, um den Sound des leeren Redens mit Bildern zu kontrastieren, die blinde Flecken der öffentlichen Aufmerksamkeit in den Blick rücken.

Hier das Wordle-Bild mit den 150 häufigsten Wörtern.

 

Im Garten der Geschichte

Der Rhetorik-Blogger befindet sich nach wie vor aus familiären Gründen im tiefen Süden Frankreichs, nicht weit von Montpellier, wo der Präsident der Region, M. Georges Frêche, gestern Abend einen historischen Akt sondergleichen vollzog: die Einweihung von Statuen, deren Helden Geschichte gemacht haben.

Wer hätte gedacht, dass fast zwanzig Jahre nach der Selbstauflösung der Sowjetunion eine Lenin-Statue aufgestellt wird, und das in Frankreich, von einem Ex-Sozialisten? Drei Meter hoch, 800 Kilogramm schwer, für schlappe 200.000 €. Die Statue sieht ein bisschen so aus, als hätte Gustav Gründgens als Mephisto dem Bildhauer Modell gesessen.

Frêche ist ein Provokateur, wie er im Buche steht. Er scheint für den "Garten der Geschichte" einen Riecher für das Regime des Schreckens zu nutzen. Nicht die Erbauung ist sein Ziel. Georges Frêche hat einen Riecher für das aggiornamento des Schauderns.

Sein Hortulus dient als Gegengift.

 

 

Taube Ohren?

Der Rhetorik-Blogger wurde durch Unwetter und Kabelklau (die üblichen Verdächtigen) vom Bloggen abgehalten. Nun hole ich mit Bitte um Verständnis nach, was gut abgehangen trotzdem für diesen Blog eine wichtige Frage bleibt:

Stoßen politische Reden tatsächlich bloß auf taube Ohren? Der amerikanische Politik-Professor George Edwards behauptet das in seinem Buch On Deaf Ears: The Limits of the Bully Pulpit.

Ezra Klein, dem ich diesen Hinweis verdanke, kam darauf am Rande des diesjährigen Kongresses der amerikanischen Politikwissenschaftler. Wie so oft wurde den Damen und Herren aus dem Elfenbeinturm von manchen höhnischen Stimmen bescheinigt, Relevanz verloren zu haben. Da mag etwas dran sein, vielleicht trifft die Kritik auch George Edwards.

Mich berührt die Frage. Denn wenn Edwards´These zutrifft, dann könnte es ja sein, dass ich dem Predigen für die Tauben 470 Beiträge für die Blinden folgen ließ. » Weiterlesen