Wer in diesen Tagen den Versuch unternimmt, neben den einschlägigen deutschen Pflichtblättern und Sendungen die internationalen Medien zur Euro-Krise zu lesen, reibt sicht verwundert die Augen darüber, wie unzureichend die deutschen Medien über die tatsächlichen Dimensionen der Krisenentwicklung informieren.
Warum erzählen die Tagesthemen am Mittwochabend nichts darüber, dass Auktionen für den Verkauf von kurzfristigen italienischen und spanischen Staatsanleihen am Dienstag mangels Nachfrage leer ausgingen? Warum berichtet niemand über den Namensbeitrag von Mohamed El-Erian in der Financial Times? Er schreibt am 28. April: "Die griechische Schuldenkrise verwandelt sich nun in etwas viel Größeres." Die Situation könne zu komplex für die politischen Akteure werden.
El-Erian ist Chef von Pimco, des weltweit größten Fonds für festverzinsliche Wertpapiere. Er rechnet mit einer griechischen Insolvenz und vertritt die These, dass die Krise sich längst dramatisch ausgeweitet habe – und nur unter Beteiligung privater Marktakteure eine Lösung in Sicht sei.
Wenn die Griechen den Austritt aus der gemeinsamen Währung vollziehen, schreibt Paul Krugman, führe das zu einer massiven Vertrauenskrise. Eine Abwertung der Drachme um 40 Prozent ändert nichts daran, dass die Schulden in Euro laufen. Der augenblickliche Sturm auf die Banken wäre vermutlich das kleinste Problem. Paul Krugman schreibt, dass er besser unter seinen Schreibtisch krieche.
Felix Salmon schließt sich Krugman an. Es habe Länder mit ähnlich hoher Verschuldung gegeben, die ihre Probleme lösen konnten, aber nicht zu den jetzt für Griechenland aufgerufenen Zinsen. Das laufe unausweichlich auf eine Zahlungsunfähigkeit hinaus. Salmon schreibt: "I think I´m going to join Paul Krugman under that table."
Peter Boone und Simon Johnson rechnen mit folgenden Szenarien:
- Die EZB überschwemme den Markt mit Liquidität. Das aber führe zu hoher Inflation. Dagegen würde sich Deutschland wehren, obgleich das die Zahlungsunfähigkeit vermeiden helfe.
- Oder man hofft darauf, dass infolge des Hilfspakets durch Euroländer und IWF die Zinsspirale zur Ruhe kommt. Das wäre das (unwahrscheinliche) Wunder-Szenario.
- Das wahrscheinlichste Szenario geht davon aus, dass sich die Refinanzierung von Spanien und Italien verschlechtere. Das führe zu steigenden Zinsen bei hohen Kursverlusten und Kapitalflucht aus beiden Ländern. Wenn aber niemand mehr spanische und italienische Staatsanleihen kaufen wolle, stehe die Euro-Zone vor dem Kollaps. Der einzige Ausweg in diesem Falle wäre eine scharfe Abwertung des Euro – und wegen des deutschen Widerstands so lange undenkbar, bis es zu spät sei. Boone und Johnson rechnen in diesem Fall mit einem Rettungspaket in Höhe von 1000 Milliarden Dollar, um Griechenland, Portugal, Spanien und Italien in den kommenden drei Jahren über Wasser zu halten.
Während in Berlin sich die Legislative auf die Beratung und Verabschiedung eines Gesetzes vorbereitet, das noch verspricht, die Situation unter Kontrolle zu bekommen, hebelt irgendwo da draußen jemand eine Lawine in Gang, die diesen Akt der Gesetzgebung, so dramatisch er aus der deutschen Perspektive aussehen mag, ziemlich possierlich und im Ergebnis insuffizient aussehen lässt.
Wer darüber Klartext reden könnte, wäre der Bundespräsident. Horst Köhler hat heute in München eine bemerkenswerte Rede gehalten. Es wäre zu wünschen, dass der von ihm beschriebene casus eventualis einer Rettung durch eine vernünftige Politik noch gelingen möge.
Die Zeit dafür scheint aber abgelaufen. Die Bundesregierung ist im Begriff, Heinrich Brüning zu Lasten anderer Länder zu spielen. Das geht nicht gut.










