Compliance ist ein Wort aus der großen weiten Welt der Heuchelei. Oberflächlich betrachtet klingt es nach Vernunft, nach Transparenz, nach befolgten Regeln. Tatsächlich aber beschreibt das Wort in den meisten Fällen nichts anderes als Maskerade.
Im Gesundheitswesen wird das Wort dazu benutzt, das therapeutisch erwünschte Verhalten von (chronisch) Kranken zu beschreiben: Nehmen sie in der verordneten Dosierung die Medikamente, halten sie sich an Diätregeln, gehen sie regelmäßig zu Untersuchungen usw.
Seit ich gelernt habe, wieviele Jahre es dauert, bis der medizinische Fortschritt von den Leuchttürmen der Spitzenkliniken in die niedergelassene Praxis gelangt – im Durchschnitt dauert das 17 Jahre, seitdem bin ich sehr skeptisch geworden.
Wer prüft? Anhand welcher Fakten? Mit welcher Sanktionsmacht?
Compliance ist die Nebelkerze der Trickser und Täuscher in allen regulierten Märkten und Sektoren. Zu jeder Compliance-Praxis gehört ein Compliance-Beauftragter, gehören Regelwerke, gehören Selbstverpflichtungen.
Alle diese Regeln usw. erzeugen in der verwalteten Welt, was wir aus der technischen Welt der Oberflächenbehandlung als Lotuseffekt kennen. Wer Regelwerke vorweisen kann, kann sich dahinter verstecken. Der Beschwerdefall ist die Ausnahme. Die Regelwerke zielen darauf, die Ausnahme, den Verstoß, die Beschwerde aus der Welt zu schaffen. Als wäre nichts gewesen.
Die einzige Compliance-Regel, die mir einen gewissen Respekt abnötigte, stammt von meinem Mathematik- und Physiklehrer am Düsseldorfer Comenius-Gymnasium. Herr Dickels sagte in rheinisch jovialem Tonfall: "Ihr pfuscht. Und ich erwisch euch."
Damit bin ich bei dem Dokument, das mich auf die Idee gebracht hat. In einem überaus lesenswerten Gastbeitrag für die New York Times analysieren Susan P. Koniak, George M. Cohen, David A. Dana und Thomas Ross, wie die amtlich bestellten amerikanischen Regulierer praktisch Beihilfe zum Entstehen der globalen Finanzkrise geleistet haben.
Im Rückblick wirken die Ausflüchte der Verantwortlichen wie die zirzensischen Tricks eines Hütchenspielers. Keiner will sich erwischen lassen. Gut aber, dass es ein paar schriftgelehrte Juristen gibt, die den Weg zum Verhängnis aus der Aktenlage rekonstruieren können.
"Any minute now, expect to hear that the Treasury, the Office of the Comptroller of the Currency, the Office of Thrift Supervision and the Federal Deposit Insurance Corporation — our other federal bank regulators — were just as shocked that Lehman used make-believe sales to hide its ocean of red ink."
Der fröhliche Tanz, den man hierzulande als "Reise nach Jerusalem" kennt, heißt in Amerika "musical chair". So lange die Musik spielt, tanzen alle Kinder mit. Gut, wenn sie die Regeln kennen. Noch besser, wenn sie die Regeln selbst entworfen haben.
Folgerichtig fragen die gelehrten Leitartikler: "What are “complex structured finance” transactions? As defined by the regulators, these include deals that “lack economic or business purpose” and are “designed or used primarily for questionable accounting, regulatory or tax objectives, particularly when the transactions are executed at year end or at the end of a reporting period.”
Die entscheidende, entwaffnende, erlösende Frage folgt auf dem Fuße: Wie kann man vernünftige Prüfungsregeln für Zwecke erlassen, deren Zweck auf die Hintergehung jeder praktischen Vernunft zielt?
Den Ausgang nahm dieser musical chair Reigen im Nachgang zur Enron-Krise. Das Problem war schon damals: Wie muss ein System der Regulierung aussehen, das komplexe Finanzprodukte erstens versteht, zweitens die mit ihnen verbundenen Risiken erkennt und drittens dafür kritische Eingriffsschwellen der Aufsichtsbehörden definiert. Salopp gesagt ging es bei dem löblichen Vorhaben darum, der Komplexität auf die Schliche zu kommen und dafür zu sorgen, dass die Emittenden komplexer Finanzprodukte ihren Kunden mit den Produkten verbundene Risiken unmissverständlich klar machen.
Kein Wunder, dass die Erfinder der abwegigen komplexen Produkte dagegen auf die Barrikaden gingen. Sie wollten ihre Kunden lieber im Unklaren über die Risiken lassen. Sie wollten die Grauzone gegen die Aufsicht abschotten. Das oben zitierte Dokument aus dem Jahr 2006 belegt, dass die Banken damals ihr Ziel erreicht hatten. Der einzige Einspruch gegen das gemeinsame Papier der Regulierer stammt von den vier Juristen, die vier Jahre später ihre damaligen Prognosen bestätigt sehen.
Die Finanzkrise dokumentiert, was passiert, wenn Lotuseffekte an die Stelle von Vernunft, Transparenz und Kontrolle treten.
Am Ende dieses Spiels sprungmutieren Komplexität und Compliance zu Komplizenschaft. Aber niemand will daran Schuld gewesen sein.










