Artikel vom 31. Januar 2010

Metaphernschule: Sorge tragen

Von den Wachtürmen der organisierten Interessen hört man dies oder das. Sie reden vom rasenden Stillstand. Oder von der blockierten Gesellschaft. Plädieren für einen Ruck. Oder für scharfe Einschnitte. Einmal auch für den Aufbruch "in eine soziale Moderne". Die in dieser Formel steckende Dialektik hätte den Hartz-Reformen ein unabwaschbares Make-Up verleihen können, eine ironische Fußnote in der politischen Biographie Andrea Ypsilantis.

Gleich welcher Herkunft die Fürsprecher sind, alle erwecken sie den Eindruck, als ginge es bloß darum, endlich zu entscheiden, endlich den gordischen Knoten zu zerhauen, endlich den Durchbruch zu wagen, endlich den Unrat beiseite zu räumen, endlich den Kessel zu sprengen. Nun ja. Selbst aber wenn die Fürsprecher auf der Seite der politischen Macht stehen, scheint das nicht zu reichen. Denn zu jeder strittigen Frage treten Spieler und Gegenspieler auf den Plan, Kräfte und Gegenkräfte, wie das Gegeneinander einer unbändig in ihrem Widerstreit befangenen Laokoon-Gruppe.

Für diese nur zu bekannte Situation deutscher Politik hat Bundeskanzlerin Angela Merkel die dezisionistische Formel des "Sorge tragens" erfunden. Was darin alles mitschwingt! Von "Ich hatte viel Bekümmernis" oder "Ich steh mit einem Fuß im Grahahebe" bis zu "Endlich, endlich wird mein Joch wieder von mir weichen müssen". Soviel Cantabile gibt es selten in der Politik.

Wenn es eine Formel gäbe, die belegte, wie protestantisch dieses Land trotz aufständischer Katholiken geworden ist, dann ist es diese Formel, die Lieblingsformel, zu der Angela Merkel ausholt, wenn sie endlich, endlich eine Entscheidung getroffen hat.

In ihrem Afghanistan-Video-Podcast vom 23. Januar sagt sie: "Ich habe bereits im Herbst – zusammen mit Gordon Brown und Nicolas Sarkozy – dafür Sorge getragen, dass eine solche internationale Konferenz stattfinden kann, denn ich bin überzeugt – und diese Überzeugung teilt die gesamte Bundesregierung –, dass wir einen Gesamtansatz für Afghanistan brauchen, der darin mündet, dass wir die Verantwortung Schritt für Schritt der afghanischen Regierung übergeben können."

In diesen Satz mit seinen 55 Wörtern (Sätze mit mehr als 30 Wörtern sind unverständlich) ist alles Elend der deutschen Afghanistan-Politik eingepreist. Davon ein anderes Mal. Ein Satz wie "Rette sich, wer kann!" ist politisch natürlich verboten. Sehr viel mehr aber steckt in dem Flussdelta von Angela Merkels langem Satz nicht.

Sorge tragen. Ein Bruttoregistertonnen-Bild mit lade- wie leidensfähigstem Tiefgang. Bedenken, Bedrängnis, Befürchtung, Bekümmernis, Betrübnis, Beunruhigung, Bürde, Elend, Gram und Herzweh, Joch, Kummer und Kümmernis, Last und Leid, Panik und Pein, Schwere, Seelenschmerz, Traurigkeit und Trübsal. Aber wie das so ist in der semantischen Dialektik schwingen auch Amt und Aufgabe, Tagewerk und Tretmühle und schließlich Pflicht (Flicht!), Fürsorge, Klugheit und Umsicht mit.

Das Sorgetragen ist historische Abbreviatur, Abkürzung wie Zusammenfassung und Finale quälendster politischer Prozesse. Das Schönste am Sorge tragen aber ist die darin eingebaute Panzerung.

Denn wer Sorge trägt, hat solange in Drachenblut gebadet,  dass er (oder auch sie) gegen alle Angriffe gewappnet ist.