Artikel vom 20. Oktober 2009

Übergang

Diese Tage sind Tage des Sammelns und Sichtens. Früher war das Erntezeit, die schmalen Straßen am Niederrhein verklumpt mit lehmiger Erde, hier und da der Rauch der Kartoffelfeuer. Der Herbstwind gut für selbstgebaute Drachen. Wie ich die langen Spaziergänge am Rhein vermisse, den Nebel, die Gänse am Horizont.

Heute beobachte ich politische Drachen. Sie schicken sich an zum Flug. Wie weit sie kommen, wird sich zeigen.

Ungeheuer spannend zu lesen die Reportage des New York Times Reporters David Rohde, der über seine sieben Monate als Geisel der Taliban schreibt, heute Teil drei, mit aberwitzigen Details – über das Universum der Widersprüche im Empfinden seiner Wärter, ihre inkommensurablen Maßstäbe, an denen jede Praxis des zivilen Aufbaus scheitern wird,  ihre Bettwäsche mit Motiven amerikanischer Fernsehserien ( Rohde hatte eine pinkfarbene Barbiebettdecke), das gemeinsame Absingen paschtunischer Volksmusik (die amerikanische Geisel revanchiert sich mit Frank Sinatras New York, New York und Bruce Springsteens Born to run). Im Chor singen sie den Beatles-Song "She loves you yeah, yeah yeah". Und dann schwärmen sie von Selbstmordattentaten. Das kann kein Drehbuchschreiber erfinden.

Das Video musste ich einfügen: Der Kontrast zwischen diesem Lied, seinem Text und der Welt der Taliban-Geiselnehmer irgendwo in Pakistan ist einfach zu grotesk. Dieses Lied zu singen, war David Rohdes Augenblicksrache.

Wir warten: auf die neue Afghanistan-Strategie der Obama-Regierung, auf den Koalitionsvertrag der schwarzgelben Bundesregierung, auf ihre Regierungserklärung (und ihren Zeitplan), auf die Rede von Bundeskanzlerin Angela Merkel vor beiden Häusern des amerikanischen Kongresses am 3. November.

Es liegt was in der Luft. Nicht die Kartoffelfeuer des erdigen Niederrheins. Etwas anderes, ein politisches Lüftchen. Wie kommt es, dass nach einem wurstigen Wahlkampf mit endloser Medienschelte innerhalb weniger Tage zwei Elogen auf Angela Merkel erscheinen (Jacob Heilbrunn im Tagesspiegel, Christoph Schwennicke im Spiegel?) Wie kommt es, dass alle auf den 9. November starren (our nine-eleven), in ambivalenter Erwartung, dass nach dem glücklichen neunten November des Jahres 1989 ein finsterer kommen könnte …

In den nächsten Wochen starte ich in diesem Blog ein neues Kapitel: Die Frankfurter Buchmesse ist vorbei, die eine oder andere Neuerscheinung, die mir auffiel und die als Inspiration für politische Rhetorik dienen kann, wird hier aufgegriffen und vorgestellt. Den Anfang machen Claus Leggewies und Harald Welzers Buch "Das Ende der Welt, wie wir sie kannten" und Dino Heickers Anthologie über den Maler Francis Bacon.

edited 211009

re-edited 041109: Rohde ist offenbar nicht geflohen, sondern freigekauft worden. Teile seiner Story sind eine Nebelkerze.