LEGAL TECH boomt – die Rechtsberatung geht online!

Dr. Petra Arends-Paltzer, Consultant digitale Geschäftsmodelle für Rechtsanwälte

Legal Tech entwickelt sich auch in Deutschland rasant. Es gibt zahlreiche Legal Tech-Firmen, die bereits erfolgreich auf diesem Markt Fuß gefasst haben, gleichwohl hinkt der deutsche Markt dem US-, aber auch dem UK-Markt um Jahre hinterher.

‚Put the Law on your side‘ …

… heißt seit 15 Jahren der Werbeslogan von Legal Zoom, einer amerikanischen Online-Plattform, auf welcher Privatpersonen und kleine Unternehmen Assistenz bei der Erstellung rechtlicher Dokumente erhalten. Die Idee entstand aus der Tatsache, dass mehr als 70% aller KMU aus Angst vor den Kosten keinen Anwalt aufsuchen.

LegalZoom und in der Folge fast alle anderen Start-Ups im Legal Tech-Markt haben sich auf diesen lukrativen Markt konzentriert. Kunden können heute Rechtshilfe von einer wachsenden Zahl von ‚Rechtsdienstleistern‘ wie Smartlaw, Jurato, Flightright.de, Geblitzt.de oder Guider CH online in Anspruch nehmen. Diese neuen Optionen ermöglichen es, bezahlbare juristische Dienstleistungen für alle Bevölkerungsgruppen zu schaffen und die Bürger in die Lage zu versetzen, ihre eigenen Rechtsangelegenheiten online zu regeln.

Eine Konkurrenz für Anwälte?

Legt man die Tatsache zugrunde, dass das Zielpublikum ohnehin diejenigen waren, die niemals anwaltliche Dienstleistungen in Anspruch genommen haben, dann sind LegalZoom und alle Nachfolger keine Konkurrenz. Sieht man aber die rasante Entwicklung im Bereich AI (Artificial Intelligence) und im Legal Tech insgesamt, dann sieht das schon ganz anders aus.

AI wird bereits von zahlreichen Kanzleien wie Denton, Linklaters, Clifford Chance, Briesen & Roper erfolgreich eingesetzt. In Entscheidungen kommen zunehmend mehr Algorithmen zum Einsatz. Algorithmen sind eine Folge von Anweisungen, um ein bestimmtes Problem zu lösen. Mit Algorithmen gelinkt es, juristische Texte zu erfassen und zu zeigen, dass Recht entschlüsselt und in seine wesentlichen Bestandteile ‚zerlegt‘ werden kann. Algorithmen sortieren Suchresultate nach Relevanz und können Daten visualisieren. Diese Visualisierungstechnologie ermöglicht es, die Bedeutung von Daten leichter zu verstehen. Darüber hinaus können Algorithmen unendlich viele Informationen verarbeiten. AI wird also eines der Themen der anwaltlichen Zukunft sein.

In welchen Bereichen etablieren sich neue Legal Tech-Plattformen?

Schwerpunktmäßig konzentrieren sich Legal Tech-Unternehmen in den Bereichen Online Dispute Resolution (Online Streitbeilegung); Case Management, Research, Legal Research, Legal Education, Compliance; E-Discovery, Vertragsmanagement, Automatisierung von Dokumenten und ganz generell SaaS = Software as a Service. Allen gemeinsam ist, dass künstliche Intelligenz in Verbindung mit Big Data / Machine Learning und Legal Chatbots (s.u.) eingesetzt wird. Je schneller die Selbstständigkeit und Automatisierung solcher Software voranschreitet, umso eher ist diese nicht nur ein willkommenes Hilfsmittel für Rechtsanwälte, sondern wird immer mehr die menschliche Leistung ersetzen.

Wohin gehen die Entwicklungen im Jahre 2017?

Im Jahre 2015 stellte IBM ROSS vor, eine Computer-Software basierend auf der künstlichen Intelligenz Watson. Ebenso wie bei Watson kann der Anwalt mit ROSS direkt per Sprache kommunizieren, dabei nutzt ROSS Watsons kognitive Computer- & Sprachverarbeitungsfunktionen. ROSS wird bereits von mehreren amerikanischen Kanzleien eingesetzt (Latham & Watkins; von Briesen & Roper sowie BakerHosteler) und hilft so derzeit schon hunderten Rechtsanwälten, ihre Arbeitszeit besser zu nutzen und dadurch kosteneffizienter zu arbeiten.

Die globale Wirtschaftskanzlei Dentons und deren Innovationsplattform NextLaw Lab arbeitet mit IBM. Geplant ist, durch Nutzung von IBM Cloud ein Programm zu entwickeln, welches Startups bei der schnelleren Entwicklung und Anwendung von Applikationen für den Rechtsmarkt hilft. Zudem hat NextLaw Labs die zukünftige Zusammenarbeit mit ROSS Intelligence Inc. als erstem Portfoliounternehmen bekannt gegeben. Das Start-up entwickelt mit Unterstützung von IBM Watson eine Rechtsberatungs-App.

KIM “knowledge, intelligence, meaning” ­ die SIRI für Anwälte

In Zusammenarbeit mit der Fakultät für Informatik der Universität Liverpool hat die kleine Firma Riverview eine Software entwickelt und mit KIM einen virtuellen Assistenten vorgestellt, der Juristen und Anwälten hilft, schnellere und bessere Entscheidungen zu treffen und die alltägliche Masse rechtlicher Projekte transparenter zu managen. KIM kann den Anwendern anzeigen, welche Verträge zu welchem Zeitpunkt erneuert werden sollen und welches rechtliche Risiko in den jeweiligen Verträgen steckt.

Heißen Sie Ihren neuen Kollegen Mr. Chatbot willkommen

Chatbots, die menschliche Konversationen in Apps wie Facebook Messenger und WeChat (chinesische Super App mit mehr als 762 Millionen Nutzern) nachahmen, sind uns allen bekannt. Siri, der Chatbot von KLM, Mica The Hipster Chatbot, Eliza etc. ­ die Liste wächst fast täglich. Unternehmen wie Apple, Facebook oder Google investieren weiter große Beträge in die Weiterentwicklung dieser Software.

Zahlreiche Kunden-Chatbot-Anwendungen werden jetzt getestet, im Retail-Banking, bei Versicherungen, Fluggesellschaften und bei Mc Donalds. Chatbots werden auch vor den Anwälten nicht Halt machen. ­ ‚Machen Sie sich bereit für Ihre/n neue/n Kollegen/in ‚Mr/Mrs Chatbot‘!

Chatbots sind relativ leicht zu installieren und Rechtsanwälte, die im A2J (Access 2 Justice) oder auch in relativ leicht zu skalierenden Rechtsgebieten unterwegs sind (Verbraucherschutz, Mietrecht, Verkehrsrecht), werden sich dieser Technik bedienen. Chatbots sind letztlich nichts anderes als Computerprogramme, die in einem Kundengespräch automatisch reagieren können.

Aber das ist nur der Anfang!

Es ist nur eine Frage der Zeit, bis Chatbots auch komplexe Rechtsfragen selbstständig beantworten können. Viele Legal Tech-Firmen arbeiten zum Teil zusammen mit großen Anwaltsfirmen (NextLaw Labs mit Dentons, Fuse mit Allen & Overy). Es geht darum, Software zu entwickeln, die Verträge intelligent im Kontext lesen, verstehen, vergleichen und analysieren kann. Künstliche Intelligenz darf aber nicht isoliert betrachtet werden, hier ist immer der Zusammenhang mit Big Data und Machine Learning zu sehen. Selbst wenn die Entwicklungen noch in den Kinderschuhen stecken; eines ist heute schon sicher: je mehr Fälle der Kollege Chatbot löst, je selbstständiger und besser wird er werden. In der Zukunft muss man sich auf leistungsfähige Chatbots einstellen, die auch komplexere Sachverhalte erfassen werden.

Blockchain Technologie und der Rechtsmarkt

Die Technologie hinter Bitcoin ­ sie wird zurzeit von zahlreichen Banken, Versicherungen & Anwaltsfirmen getestet ­ wird erheblichen Einfluss auf die gesamte Branche haben. Blockchain ist im Grunde eine dynamische Datei, die konstant auf den aktuellsten Stand gebracht wird. Aufgrund ihrer Eigenschaften kann die Blockchain Vertrauen, das vormals von Intermediären/Mittelsmännern als Dienstleistung angeboten wurde, technisch herstellen. ‚Middleman you had your fun‘ heißt es dann auch in Blockchain-Gruppen. Vertrauen ist die Basis im Internet, wenn Menschen, die sich nicht persönlich kennen, online Geschäfte abschließen. In der Zukunft wird man automatisierte Verträge miteinander abschließen können und dabei auf eine Institution, die die Authentizität der Beteiligten garantiert hat (Banken, Grundbuchamt, Notar) verzichten können.

Legal Tech – Bedrohung oder Chance? Treffender als Patrick Prior in seinem Blog kann man die ganze Thematik wohl kaum zusammenfassen

„Die Frage, ob Legal Tech also eher eine Bedrohung oder eher eine Chance für Rechtsanwälte darstellt, lässt sich wohl am besten so beantworten: Im Rückblick hat jede industrielle Revolution zunächst Arbeitsplätze gekostet, bis sich der Arbeitsmarkt auf die neue Situation eingestellt hat und neue Berufe bzw. Berufsfelder geschaffen wurden. Dies wird wohl auch bei Legal Tech langfristig nicht anders sein. Sicher ist jedenfalls, dass sich Rechtsanwälte in den nächsten Jahren auf die veränderten Technologien einstellen müssen, diese aber auch oftmals zu ihrem Vorteil verwenden können. Insofern ist Legal Tech sicher eher als Chance, denn als Bedrohung anzusehen.“


Redaktionstipp: Besuchen Sie die Veranstaltung Legal Transformation Days 2017 in Berlin. Weitere Infos finden sich hier.

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Alle Kommentare [1]

  1. „…insofern ist Legal Tech sicher eher als Chance, denn als Bedrohung anzusehen.“ ?
    Dies setzt jedoch voraus, dass in der Anwaltschaft
    1.) das unternehmerische Denken wächst
    2.) die unzureichende IT-/online-Affinität in der Anwaltschaft signifikant zunimmt
    3.) die Beratungsresistenz hinsichtlich Legal Tech und Kanzleimarketing abnimmt