»Prof. Harald Uhlig 11. January 2010, 18:04 Uhr

Minsky und die Staatsverschuldung

Soll der Staat die Wirtschaft weiter massiv stimulieren? Soll er weiterhin große Anteile an den Banken halten? Sollen die Zentralbanken weiterhin fragwürdige Wertpapiere als Sicherheit für ihre Kreditgeschäfte akzeptieren? Eine Frage, die dabei zunehmend gestellt wird: soll der Staat sich dafür immer weiter verschulden? Gibt es da eine Schulden-Obergrenze? Was passiert, wenn die erreicht wird?

Sicher, die Vergangenheit hat gezeigt: diese Schuldengrenze ist recht hoch. Man schaue nur auf den Quotienten von Schulden zu Bruttosozialprodukt in Japan! Vielleicht. Aber was war da mit Dubai? Was ist los in Argentinien, wo der Zentralbankchef gefeuert wird, weil er Staatsschulden nicht finanzieren will? Was ist los in Griechenland? Hat nicht gerade erst Island beschlossen, die durch die Bankenkrise verursachten Staatschulden nicht zu zahlen? Noch sind Staatspapiere die Qualitäts-Fluchtburg, nachdem alle anderen Schuldpapiere an Vertrauensverlusten leiden – nur: wie lange noch?

Es gab einmal eine Phase, da wurden Staatskredite vorsichtig aufgenommen, da waren zukünftige Steuereinnahmen sicherlich hoch genug, um die Kredite und Zinsen zu tilgen. Dann kam eine Phase, wo man lediglich die Zinsen tilgte: die Schulden selbst wurden mit neuen Schulden bezahlt. Sind wir nun in einer Phase, wo auch die Zinsen mit neuen Schulden bezahlt werden?

Es gibt wohl einige, denen kommt diese Geschichte bekannt vor. Das Handelsblatt berichtete am 4. 1. dieses Jahres (http://www.handelsblatt.com/politik/nachrichten/finanzkrise-oekonomen-huldigen-propheten-des-untergangs;2502858 ), daß Ökonomen nun dem Propheten des Untergangs Hyman Minsky “huldigen”. Wo’s in der Zeitung steht, glaube ich das jetzt mal! Und das Handelsblatt beschrieb dann weiter:

“Jeder Zyklus durchlaufe dabei drei Phasen, skizzierte Minsky: Am Anfang verhalten sich Konzernlenker und Banker noch konservativ, wenn es um das Aushandeln von Krediten geht – und achten penibel darauf, dass die prognostizierten Erträge einer Investition hoch genug sind, um die dafür aufgenommenen Kredite samt Zinsen zu tilgen.
Mit zunehmenden Erfolg kommt dann der Leichtsinn – und die Lust am Spekulieren: Jetzt halten es alle für ausreichend, wenn die Erträge die Zinszahlungen decken, schließlich kann man ja – scheinbar – jederzeit problemlos umschulden.
Geht weiterhin alles gut, folgt Phase drei: Dann werden selbst die Zinsen nur noch durch neue Kredite gezahlt – eine Strategie, die darauf setzt, dass die Kapitalmärkte immer liquide sind und das eigene Vermögen ständig im Wert wächst. Passiert das aber plötzlich nicht mehr, bricht alles zusammen: Niemand vertraut niemandem mehr, die Liquidität versiegt und setzt eine Abwärtsspirale in Gang.”

Im Handelsblatt wurde die Geschichte als Geschichte des US-Immobilienmarktes erzählt. Na, wenn das mal keine Geschichte der Staatsschulden nach der Stimulus-Euphorie wird! Hoffen wir also mal alle, daß es keinen “Minsky-Moment” der Staatsverschuldung gibt.

»Prof. Harald Uhlig 11. January 2010, 18:04 Uhr

    9 Kommentare zu “Minsky und die Staatsverschuldung”


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  3. ralien says:

    “Es gibt wohl einige, denen kommt diese Geschichte bekannt vor”:

    Der Kapitalismus hatte immer schon seine Kritiker. Mit subtilen oder mit politisch-weltanschaulischem Argument, wollte und will man immer aufs Neue überzeugen. Und “die Geschichte als Geschichte des US Immobilienmarktes” liefert aktuell neue Infragestellungen.

    Die Krise des Systems zeigt sich auf der makroökonomischen Ebene ebenso wie auf der mikroökonomischen Ebene. Sie erklärte sich bisher hauptsächlich durch eine technowissenschaftliche Umwälzung. Dazu gekommen ist nun Turbokapitalismus (kurzfristige Gewinnmaximierung)außerhalb der Realwirtschaft in der Finanzindustrie. Letztere hat ganz unverholen die Maske fallen lassen, die zu einem Bruch im Kapitalismus führt und aufgrund ihrer Auswirkungen die Basis seiner Macht und seiner Fähigkeit, sich zu reproduzieren, zugrunde gerichtet.

    Die Kapitalmasse, die die Finanzindustrie an sich zieht und verwaltet, übersteigt bei weitem die Kapitalmase, die die Realwirtschaft valorisiert. Dazu kommt, dass der Wert dieses Kapitals rein fiktiv: zum größten Teil der Verschuldung, der Hoffnung auf Wachstum, künftiger Profite der Unternehmen und Hausse der Immobilienpreise, beruht. Fällt bereits einer dieser Parameter aus, ist Bankenkrise die Folge.

    Hyman Minsky, “Prophet des Untergangs”… oder andere Propheten, werden immer zu spät gehört.

  4. Dirk says:

    Der “Prophet des Untergangs” – Hyman Minsky. Sieht heute eine wissenschaftliche Diskussion der Ursachen von Konjunkturzyklen so aus? Wie tief kann man sinken, dass die Gegner in der Diskussion immer häufiger mit lächerlichen Beinamen bedacht werden. Nouriel Roubini ist so zum “Dr. Doom” ernannt worden, Minsky wird jetzt zum “Prophet des Untergangs” gemacht. So wehren sich die Ökonomen gegen ihre schwarzen Schafe, die leider Recht hatten. Jede Wette, dass auch Herr Uhlig keine Zeile Original-Minsky gelesen hat. Sonst hätte er aus dem Original zitiert, nicht aus dem Handelsblatt-Artikel.

    Anstatt also anzuerkennen, dass Minsky mit seiner “fiancial instability” These Recht hatte und u.a. ein Paul Volcker jetzt auf dem richtigen Weg ist, zieht Herr Uhlig Minsky’s Thesen auf ein fremdes Feld und versucht ihn so zu entkräften. Diese Art von intellektuellem Glasperlenspiel hat mir Journalismus eigentlich nichts zu tun. Hier wird Nebel erzeugt um von eigenen Versäumnissen in der Disziplin VWL abzulenken.

  5. Daniel says:

    Mal abseits von jeglicher Theorie. Wer keine Angst vor großen Zahlen hat, macht sich keine Sorgen angesichts eines gigantischen Bierdeckels zum Anschreiben. Zentralbanken sind Kneipen, die nicht so schnell dicht machen. Und deren Gäste schulden sich gegenseitig so viel Geld, dass da keiner auf die Idee kommen wird, reinen Tisch zu machen.

    Ich glaube, dass alle auf ein Wunder warten, welches das kapitalistische System samt Schulden in Frage stellt und obsolet werden lässt. Man stelle sich nur die ultimative Lösung des Problems der Energieversorgung vor – kein Ölhandel mehr, Produktions- und Entwicklungskosten unerheblich, alle können, wie sie wollen dank Strom for free. Die Informationsgesellschaft wird zu Star Trek-Land und Ökonomen überflüssig.

  6. test says:

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  7. Thomas Ernst says:

    Wir sind schon längst in der Phase, daß Staatschulden (Zins, von Tilgung kaum noch zu reden) durch neue Schulden beglichen werden. Banken im Staatsbesitz? – Nein, die Banken besitzen den Staat und steuern den Schuldner.
    Keynes wurde entweder nicht verstanden (auch mal konsolidieren, bitte sehr) oder bewußt mißbraucht.
    Zum Mißbrauch von politischen Medikamenten informiert sie die VWL … falls die Politiker mal die Waschzettel lesen würden.

  8. Flo says:

    Schön, schön (auch dass Veblen Handelsblatt liest)!
    Aber jetzt bitte nicht Minsky für den Ruf nach “Haushaltskonsolidierung” oder am Ende noch für Ausgabenkürzungen missbrauchen…

  9. veblen says:

    Willkommen bei den Postkeynesianern, Herr Uhlig!

    Oder sollte ich besser sagen: bei den Vertretern der finanziellen Instabilitätshypothese?

    Lg

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