»Prof. Harald Uhlig 28. November 2009, 19:49 Uhr

Warnung vor Überregulierung der Finanzmärkte

Der Franzose Michel Barnier wird wohl Binnenmarkt-Kommissar der EU. Eine seiner wichtigsten Aufgaben wird die Finanzmarktregulierung sein. Man wird sehen, ob sich Frankreich dismal für pro-Markt-Lösungen stark macht, aber gegeben vergangene Erfahrungen und die derzeitigen überhitzten Diskussionen in dem Tenor “Je mehr Regulierung, desto besser”, lassen mich nur Schlechtes befürchten.

 

Wo fangen wir an? Vielleicht mit einem einfachen Beispiel völlig verkehrter Regulierung in Deutschland, im Sinne des “Anlegerschutzes”. Ist es einer erwachsenen Deutschen Person, im Vollbesitz seiner geistigen Kräfte und in der Lage, im Beruf schwierige Aufgaben zu meistern, erlaubt, sich optimal am Finanzmarkt abzusichern und Risiken zu minimieren? Ist es nicht, jedenfalls nicht ohne Hürden. Das Wertpapierhandelsgesetz schreibt bei der Eröffnung eines Wertpapierdepots nämlich vor, daß der Finanzdienstleister seinen Kunden beraten (und ob das eine “Beratung” oder doch eher ein “Verkaufsgespräch” ist, will hier lieber nicht auch noch beleuchten!) und in eine von fünf Risikoklassen einteilen muß. Ist man in Risikoklasse eins, so darf man nur Bundesschatzbriefe, Geldmarktfonds und ähnliches mehr kaufen. Leerverkäufe deutscher Aktien und eine weltweit gestreute Anlage in ausländische Aktien (inklusive Schwellenländern) geht selbst in Risikoklasse vier noch nicht: das ist erst in Risikoklasse fünf erlaubt.

 

Quizfrage an meinen geneigten Leser oder Leserin: welcher Risikoklasse sollte man angehören, um eine optimale Absicherung seiner Risiken zu erzielen? D.h., in welche Risikoklasse muß man sich einstufen lassen, wenn man besonders risikoscheu ist (und – das kommt hinzu! – weiß, wie man die richtige Risikostreuung erreicht)? Die Auflösung erfolgt weiter unten, mit Literature. Hinweis: es ist nicht Risikoklasse eins.

 

 Ein Nebenphänomen dieser Regulierung ist, daß es nicht viele Anleger gibt, die Leerverkäufe von Aktien machen dürfen, also auf fallende Kurse spekulieren können. Das ist nämlich erst in Kategorie fünf erlaubt. Merke: folgt man manch öffenticher Diskussion, so sind es insbesondere spekulative Blasen der Überbewertung auf Finanzmärkten, die hinterher zu großen Problemen führen. Wie können aber Anleger auf Finanzmärkten dazu beitragen, daß solche erkennbaren Blasen gar nicht erst zu sehr wachsen? Sie haben es erraten: sie müssten dann auf fallende Kurse spekulieren. Und da stellt sich heraus: das ist – aus regulatorischen Gründen! – nicht einfach. Wer also “Finanzmarktblase” sagt und den Finger zeigen will, der sollte gleich auf die Regulierung zeigen, die daran dann sicherlich ein gutes Stück Schuld trägt. Zum Glück gibt es einige Institutionen, die diese Funktion auf Finanzmärkten erfüllen: einige davon sind unregulierte Hedge Funds. Nun will man aber dazu übergehen, jede Finanztransaktion zu regulieren. Und dann, so darf man sicher schließen, zerstörerische Blasen nur noch wahrscheinlicher machen? Na, prost Mahlzeit.

 

Nehmen wir den Markt für Hypotheken an Haushalte mit geringen Einkommen und hohen Risiken in den USA, möglicherweise der Auslöser für die “subprime crisis” und die Weltfinanzkrise von 2008. Interessanterweise gibt es seit 1977 in den USA den “Community Reinvestment Act”, der Banken dazu anhält, Hypotheken an solche Haushalte zu vergeben! Die “CRA-Performance” wird regelmäßig überprüft etc etc. Das ist sicher nicht die ganze Geschichte – aber wenn hier mit dem Finger gezeigt wird, dann muß man auch auf diese Regulierungen zeigen.

 

 Wie ist es mit staatlichem Bankbesitz? Nun: die Regierungs-kontrollierten Hypotheken-Finanzierer in den USA wie Fannie Mae und Freddie Mac hielten den größten Teil der “subprime loans”. Und in Deutschland sind in der Finanzkrise als erstes die staatseigenen Landesbanken den Bach hinuntergegangen. Wer also hier die Heilung sucht, ist einfach nicht ernstzunehmen.

 

Nehmen wir die Eigenkapitalvorschriften. Da wird es einige Bastelei geben, ganz sicher! Mit welchen Effekten? Welche systemischen, makroökonomischen Effekte ergeben sich, wenn jede einzelne Bank seine Eigenkapitalvorschrift erfüllen muß. Interessante Frage – und es gibt Antworten, z.B. in Cifuentes-Ferrucci-Shin, “Liquidity Risk and Contagion,” Journal of the European Economic Association 2005, 556-566 (und zwei Jahre vor der Finanzkrise geschrieben!). Hat das irgendwer in der Regierung gelesen? Gibt es fähige Journalisten, die sich zutrauen, das zu lesen (nicht lang – nur zehn Seiten!), und dann gelegentlich mal eine informierte Frage bei einer Pressekonferenz zu Finanzmarktregulierung stellen könnten? Weitere Quizfrage: wo ist das eigentliche Problem in der von Cifuentes-Ferrucci-Shin beschriebenen Welt? Die Antwort führt zu weit, aber nur soviel: nein, es sind nicht die Eigenkapitalvorschriften. Eher der Mangel an aggressive Hedge Fonds.

 

Aber wenigstens gibt es jetzt die Auflösung zur Quizfrage oben. Die richtige Antwort ist: Risikoklasse fünf. Glauben Sie nicht? Dann bitte Jermann-Baxter, “The International Diversification Puzzle is Worse than You Think”, American Economic Review, March 1997, 170-180, lesen. Die beiden Autoren argumentieren nämlich (ziemlich überzeugend!), daß man zur optimalen Risiko-Absicherung, also zur Absicherung des langfristigen Lohnrisikos im Heimatland tatsächlich die heimischen Aktien leer verkaufen und dafür international breit gestreute Aktien kaufen sollte. Sie wundern sich, warum das in den Daten nicht der Fall ist. In Deutschland darf man da wohl getrost auf den “Anlegerschutz” per Wertpapierhandelsgesetz verweisen: die meisten dürfen das nämlich nicht!

 

Mit anderen Worten: damit ein auf Finanzmärkten wenig versierter Deutscher das richtige tun kann, muß er sich in Risikoklasse fünf einstufen lassen – und riskiert dann natürlich, daß ihn die “beratende Bank” alles mögliche verkauft, was er oder sie garantiert nicht halten sollte (die “Berater” sind dafür bestens geschult). Oder er oder sie belässt es bei der sogenannten “Risikoklasse eins” und hat damit letztlich mehr Risiko in seinem Portfolio als sinnvoll und gewünscht.

 

Man fragt sich hier: hatten die Konstrukteure dieses Gesetzes irgendwelche volkswirtschaftlichen Vorkenntnisse oder waren es komplett ahnungslose Dilettanten? Sind bei der Konstruktion des Gesetzes sachkundige Ökonomen gefragt worden? Oder gibt es inzwischen wenigstens sachkundige Ökonomen im Finanz- und Wirtschaftministerium, die diese Punkte zur Sprache bringen? Das Jermann-Baxter Papier ist inzwischen 12 Jahre alt, das Cifuentes-Ferrucci-Shin Papier ist 5 Jahre alt – Zeit genug ware ja gewesen, oder nicht? Wie kann es sein, daß die Einsichten der Wissenschaft auf Regierungsebene so geflissentlich ignoriert werden, wie kann es sein, daß Regulierungen erfunden werden, die die Problem größer und nicht kleiner machen? Mir ist das ein Rätsel. Und der Schaden, der hier angerichtet wird – immer wieder, unablässlich! – ist enorm.

 

Zurück zu Michel Barnier, dem neuen Kommissar. Vielleicht geschieht ja ein Wunder, und es gibt einen ernsthaften Dialog in die Wissenschaft und mit den führenden Ökonomen auf dem Gebiet. Vielleicht umgibt er sich mit Ökonomen als Beratern, die sich wirklich gut in der Materie auskennen. Darf ich skeptisch sein? Sicherlich. Aber die Hoffnung stirbt zuletzt.

»Prof. Harald Uhlig 28. November 2009, 19:49 Uhr

    15 Kommentare zu “Warnung vor Überregulierung der Finanzmärkte”


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    Ich bin der Ansicht, dass das Herumreiten auf den 5 Risikoklassen, auch wenn es in dem vorliegenden Artikel nur exemplarisch geschieht, am Thema Regulierung der Finanzmärkte vorbeigeht. Meines Erachtens müsste man den Finanzinstitutionen lediglich untersagen, mit unechten Wertpapieren (z.B. verbriefte Hypotheken bei gleichzeitigem Auflegen von Versicherungspolicen gegen deren Ausfall) zu handeln.

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    @ Veblen

    Ich vermute, dass der \Mangel an agressive Hedge fonds\, den Herr Uhlig fühlt, sich doch mehr auf das andere Paper (Jerman-Baxter) bezieht. Herr Uhlig hat hier wohl den Bezug versehentlich falsch gesetzt.

    Als ich dieses Paper las, drängten sich mir jedoch – neben den Ausführungen vom MSM – wesentliche Einwände auf:

    1) Mir scheint, dass die beiden Autoren bezüglich des Sicherns der Schwankungen von Arbeitslöhnen gar nicht die Aktienkurse betrachteten, sondern den Gewinn der Firmen. Wie man weiß, schwanken (insbesondere seit Ende der 90er) die Aktienkurse viel stärker als die Gewinne der Unternehmen.

    2) Die gigantischen Leerverkaufsorgien, die Herr Uhlig zu favorisieren scheint, verursachen bei mir nun überhaupt kein Gefühl der Sicherheit. Solange nur kleinere Schwankungen auftreten, kann das ja ne Weile gutgehen. Aber was ist, wenn größere Schwankungen ein paar der hochgelobten Hedgefonds illiguide machen und dann eine Lawine hervorrufen?? Das ist eine Schönwettertheorie, die von mathematischer Idealisierung lebt. Falls mich ein Politiker fragen solllte (ist unwahrscheinlich), ob Herr Uhligs Ratschläge in wichtige Entscheidungen einfließen sollten, würde ich raten: Vorschläge von mathematischen Idealisten sollten auf Praxistauglichkeit bewertet werden!

    MfG
    PS

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  10. MSM says:

    Dazu vielleicht auch noch eine andere Ungereimtheit des Beitrags von Herrn Uhlig. Jermann-Baxter ist ja nun schon ein paar Jahre her und es nicht so, als würde dazu nicht weiter geschrieben.

    Chris Julliard von der LSE hat dazu ein nettes paper, in dem er zeigt, dass das Jermann-Baxter Ergebnis stark von angenommenen Marktintegration abhängt. Er schreibt (Abstract):

    “This paper offers two main contributions. First, it shows how the Baxter and Jermann (1997) claim that, once we consider human capital risk, the international diversification puzzle is worse than we think, is based on an econometric misspecification rejected by the data. Second, it outlines how, once the misspecification is corrected, the results are reverted: considering the human capital risk does not unequivocally worsen the puzzle and in some cases helps explaining it.”

    Da haben die Herren Regulierer vielleicht gar keinen so schlechten Job gemacht mit Ihren Risikoklassen? Auf jeden Fall verdeutlicht es, dass man basierend auf einzelnen Papieren, nicht einfach irgendwelche Gesetze erlassen kann. Es gibt einfach zu viele Forschungsergebnisse, die irgendwann wieder widerlegt werden…

  11. veblen says:

    Lieber PS,

    genau die gleiche Frage habe ich mir auch gestellt: Was hat das Paper von Cifuentes, Ferrucci und Shin mit Hedge Fonds zu tun?

    Nun, in dem Artikel beschreiben die Autoren ja die krisenverschärfende Wirkung von Eigenkapitalvorschriften und der Bilanzierung zu Marktpreisen. Diese Regulierungen können bei einer Bankenpleite eine Abwärtsspirale aus Abschreibungen, Notverkäufen und einem Preisverfall von Vermögenswerten auslösen, welche u. U. das gesamte Finanzsystem ins Wanken bringt: “One important conclusion of our paper is that prudential regulations (in the form of minimum capital requirement ratios or other solvency constraints) when combined with mark-to-market rules can sometimes generate undesirable spillover effects. Marking to market enhances transparency but it may introduce a potential channel of contagion and may become an important source of systemic risk.” Im Prinzip beschreiben sie also genau das, was in den letzten Jahren passiert ist.

    Mehr Eigenkapital kann eine solche Krise auch nicht in allen Fällen verhindern. Ggfs. können höhere Liquiditätsanforderungen für die Banken hilfreicher sein: In some circumstances, liquidity requirements may be more effective than capital buffers in forestalling systemic effects. When the residual demand curve is extremely inelastic (such as during periods of major financial distress when risk appetite is very low), even a large capital buffer may be insufficient to prevent contagion, since the price impact of sales into a falling market would be very high.”

    Welche Rolle Herr Uhlig in diesem Szenario nun den Hedge Fonds zuweist, darüber kann ich nur spekulieren. Vielleicht meint er mit “Mangel an agressiven Hedge Fonds” ja, dass mehr Hedgefonds für zusätzliche Liquidität auf den Märkten für illiquide Assets sorgen würden (bzw. die Nachfrageelastizität zunähme ) und so die Preise für Vermögenwerte nicht ins Bodenlose fallen würden.

    Es gibt m. E. aber auch andere Erklärungen, warum Hedge Fonds in der Krise ihrer Rolle als “Retter des Finanzsystems” nicht gerecht geworden sind. Ich sehe ihre Rolle deutlich skeptischer als Herr Uhlig.

    LG

  12. PS says:

    Herr Uhlig beklagt, dass im Bereich der Politik und des Journalismus die ökonomische Literatur zuwenig gelesen würde. Als Beispiel nennt er oben:

    Cifuentes-Ferrucci-Shin, ?Liquidity Risk and Contagion,?

    Dazu kommentiert er, dass in dieser Veröffentlichung die Eigenkapitalvorschriften für Banken als unwichtig erachtet werden und, dass die Autoren mehr aggressive hedge fonts zur Verhinderung systemischer Probleme empfehlen. Da wurde ich doch neugierig und las mir das Paper (working paper version) mal durch.

    Mein Ergebnis: Herr Uhlig hat das Paper selbst nicht gelesen oder mit einem anderen verwechselt.

    Zur Illustration:

    1) Hedge fonds (außer LTCM und das nicht positiv!) werden dort überhaupt nicht erwähnt.

    3) Weiterhin steht dort in den conclusions: “asset price contagion cannot be used to argue against prudential regulations.”

    4) Im abstract steht: “Liquidity requirements on institutions can be as effective as capital requirements in forestalling contagious failures.”

    Kann jemand diese Widersprüche erklären?

    MfG

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  14. tov says:

    Sehr geehrter Herr Prof. Uhlig,

    ich finde, Sie verkürzen hier den Sachverhalt unzulässig. Was heißt ein Portfolio mit Leeverkäufen sei “weniger riskant” als eines mit? Was das klassische Risikomaß in der Portfoliotheorie (die Varianz) angeht, haben Sie natürlich recht: Das varianzminimale Portfolio beinhaltet in vielen Fällen Leerverkäufe.
    Sie vernachlässigen jedoch vollkommen andere Risikomaße, beispielsweise quantilsbasierte wie den Value at Risk oder die worst-case-Durchschnittsrendite. Nach diesem Maß dürfte in vielen Fällen ein Portfolio mit Leerverkäufen deutlich riskanter sein als eines ohne. Platt gesagt: Der Maximalverlust einer Portfolios mit Aktien und Anleihen long hat als Maximalverlust den bezahlten Marktwert, ein Portfolio mit Leerverkäufen hat gar keinen theoretischen Maximalverlust bzw. in der Praxis einen sehr viel höheren. Die VW-Porsche-Kapriolen sind ja nicht all zu lang her.
    Bezüglich der Regulierung nehme ich mal an, dass unerfahrene Anleger nicht vor einer Varianz von 10% in ihrem Portfolio geschützt werden sollen, sondern vor einem Hebeleffekt, der sie schnell in den Ruin treiben kann. Ihre Darstellung der aktuellen Regulierung finde ich daher nicht ausgewogen und etwas zu kurz gedacht.

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