Ackermann hat getan, was er tun musste. Er hat betont, daß die Deutsche Bank die Staatshilfen nicht braucht und auch in der Krise noch gut verdient hat. Der emotional gefärbte Hinweis auf das “Schämen” bei der Annahme der Staatshilfe war vielleicht überflüssig, dennoch: die Aktienmärkte reagierten erleichtert auf seine Aussagen, der Kurs der Deutschen Bank ging nach oben. Zur Erinnerung: Ackermann arbeitet für die Deutsche Bank und ihre Aktionäre. Er hat also das Richtige getan – aus Sicht der Deutschen Bank.
Ackermann hatte gar keine andere Wahl. Die Staatshilfen sind so gestrickt, daß die Bundesregierung kräftig hineinreden kann: der Teufel steckt hier im Detail. Aber noch wichtiger: die Banken müssen die Hilfe nicht annehmen, sie haben die Wahl.
Und jetzt steckt jede Bank in einem Dilemma. Es nennt sich “Signalling”, wurde von Michael Spence in einem wunderbar klaren Buch 1974 – damals für den Arbeitsmarkt – beschrieben, und er bekam dafür 2001 den Nobelpreis. Oder als Anreizverträglichkeitsbedingung (“incentive compatibility”) und “Revelation Principle” beim “Mechanism-Design”: dafür gab es die Nobelpreise 2007. In der Tat: was die Bundesregierung hier treibt, ist Mechanism Design. Und was man dabei beachten muß, haben die Schweden 2007 für die Allgemeinheit hübsch aufgeschrieben.
Hier ist die abgespeckte Variante. Die Bundeshilfe ist attraktiv für eine schlechte Bank, aber nicht attraktiv für eine gute Bank. Darüberhinaus möchte aber jede Bank am Markt signallisieren, daß sie gut ist – dann ist sie interessant als Kreditpartner, dann kann sie – gerade in diesen Zeiten! – wieder leben und Geschäfte machen. Es folgt: um die Bundeshilfe anzunehmen, muß diese Hilfe nicht nur für die schlechte Situation sondern zusätzlich noch für den Reputationsverlust kompensieren, der von der Annahme der Hilfe kommt. Wo genau liegt die Grenze, die Annahme und Ablehnung vernünftig erscheinen lässt? Hier ist die Antwort: die guten Banken lassen die Finger von der Sache, soweit es irgend geht. Nur wer wirklich, wirklich muß, nimmt die Knete an. Klingt intuitiv, oder?
Und das ist tragisch. Denn es gibt hier eine Externalität – warum sonst die Bundeshilfe?! Wenn eine weitere Bank den Bach heruntergeht, dann erschüttert das wiederum das Finanzsystem. D.h.: die Bundesregierung muß ein Interesse daran haben, daß mehr Banken diese Hilfe annehmen, als es in diesem “signaling game” aus Sicht der teilnehmenden Banken sinnvoll ist.
Und was macht die Bundesregierung? Sie reagiert mit “ungewöhnlich deutlicher Kritik”. Thomas Steg, immerhin Regierungssprecher, sagt, “Die Aussagen seien unverständlich, inakzeptabel und nicht nachvollziehbar … außerordentlich bedenklich. … Wer staatliche Hilfe in dieser Situation in Anspruch nimmt, der tut nichts Ehrenrühriges. Der beweist Mut, der handelt verantwortlich."
Also, liebe Bundesregierung, lieber Thomas Steg: ich verstehe ja den Hang zum Populismus. Und nichts macht mehr Spaß, als auf Ackermann einzudreschen, gell? Aber: wenn hier irgendetwas wirklich “unverständlich und nicht nachvollziehbar” gewesen sein sollte, dann wäre vielleicht ein kurzer Crash-Kurs in Volkswirtschaftslehre angebracht? Ich verlange ja hier gar kein Expertenwissen, sondern, sagen wir mal, gerade so viel, wie sich’s ein durchschnittlicher Abiturient an einem gemütlichen Sonntagnachmittag mit Durchstöbern von Wikipedia-Artikeln zu den Stichworten oben aneignen könnte. Wäre das ok?
Jedenfalls bin ich heilfroh, daß jetzt Issing und damit signifikanter Sachverstand zur Bundesregierung kommt.











15 Kommentare zu “Die Welt-Finanzkrise: Ackermann, die Bundesregierung und Mechanism Design”
Was ich hier von halte habe ich auf meiner Seite kommentiert. Da der Text etwas länger ist setze ich einen Link und jeder den es interessiert kann es dort nachlesen
http://my.opera.com/dpw6473/blog/die-welt-finanzkriese
Es fehlen noch zwei wichtige Komponenten im derzeitigen “mechanism design” des Hilfspakets, die es mit Sicherheit aufwerten: Erlangung von Informationssicherheit und Vermeidung von moral hazard.
Erstens: Wenn durch das Signal des Hilfspakets die schlechte Bank sich von der guten Bank unterscheidbar macht, dann kann es für Marktteilnehmer zwar bedeuten, dass die schlechte Bank sich zeigt, aber gleichzeitig ist diese auch durch das Hilfspaket abgesichert und wird zu einer “sicheren Bank”.
Über die Qualität der Bank, die das Hilfspaket nicht anrührt, bleibt aber für alle Marktteilnehmer eine Informationsunsicherheit (“Geht es denen wirklich gut, oder will der Vorstand nur auf Biegen und Brechen Staatseinfluss und Bonuskürzungen vermeiden?”).
Zweitens: Zu beachten ist der Auschluss von “moral hazard” durch das Hilfspaket, also von eigennützigem Handeln der Manager, das nicht groß geahndet werden kann. Denn wenn sich nach Bereitstellung des Hilfspakets durch die Regierung nun Manager aus welchen Interessen auch immer dazu entscheiden, das Hilfspaket abzulehnen, und ihre Bank geht trotzdem pleite, dann haben sie grob fahrlässig gehandelt und haften privat – sogar ohne Absicherung durch die Managerhaftpflichtversicherung.
Andererseits kann der Staat sich durch das “signalling” des Hilfspakets und die drohenden Managergehaltskürzungen sich sicher sein, dass keine Bank die Staatsfinanzen unnötigerweise belastet, nur ihre Finanzierung “spaßeshalber” abzusichern.
Es kommt also auf die Details des Anreizsystems an, es soll ja schließlich kein (aufgezwungenes) Geschenk an die Banken sein, sondern eine Versicherung, oder?
Lieber „aga“: vielen Dank für Ihren Beitrag! Sie schreiben: „Also, lieber Harald Uhlig, erstmal vielen Dank für die Nachhilfestunde in VWL, die weder ich, noch Thomas Steg noch die Bundesregierung vermutlich nötig haben.“ Nur: die Kritik der Bundesregierung an Ackermann bleibt für mich weiterhin entweder irreführender Populismus oder Nachweis mangelnder VWL-Kenntnisse. Ich hoffe wirklich, Letzteres ist der Fall, denn das lässt sich reparieren. Aber umgekehrt? Mit populisticher Banker-Dresche ist in dieser Situation nun wirklich niemandem geholfen. Ich finde es zutiefst tragisch, daß die Bundesregierung hier zusätzlich Öl ins das Feuer des Mobs gießt. Davon sollte sie tunlichst die Finger lassen! Das feixende Echo auf die prekäre Situation der Banker in vielen Zeitungen ist schon schlimm genug. Also, ich hoffe einfach mal weiter, die Bundesregierung wusste es nicht besser – alles andere wäre deutlich problematisch.
Ich glaube, das ist eine ziemlich krasse Fehlinterpretation von Herrn Uhlig und Häme gegenüber der Regierung ist in diesem Fall wirklich Fehl am Platz. Im Gegenteil, Ackermann sollte sich für sein Verhalten, erst das Paket mitzuverhandeln, um es danach sofort zu diskreditieren, wirklich schämen.
Also, lieber Harald Uhlig, erstmal vielen Dank für die Nachhilfestunde in VWL, die weder ich, noch Thomas Steg noch die Bundesregierung vermutlich nötig haben.
Dass Herr Ackermann ein Interesse daran hat, so eine Äußerung zu machen, ist nachvollziehbar. Ebenfalls übrigens bewundernswert, dass es die Deutsche Bank geschafft hat, in dieser Situation noch Gewinne zu erwirtschaften und dass Ackermann und co. angeboten haben auf Boni zu verzichten verdient Respekt.
Allerdings, mindestens ebenso nachvollziehbar die Position de Bundesregierung. Der Rettungsschirm funktioniert eben nur dann, wenn ihn Banken in Anspruch nehmen, die ihn brauchen. Und in der Tat profitiert auch die deutsche Bank davon, wenn erstens der Interbankenzahlungsverkehr wieder funktioniert und zweitens das System ohne weitere Bankpleiten auskommt. Ein (öffentliches) Gut, von dem auch die deutsche Bank profitiert und dass sie deshalb auch nicht gefährden sollte. Ein bisschen kollektive Rationalität zur vorherrschenden individuellen wäre gut gewesen.
Insofern ist die Kritik der Bundesregierung in Form und Inhalt völlig berechtigt und es wäre der deutschen Bank vertreten durch ihren Oberchef gut zu Gesicht gestanden, sich ruhiger zu verhalten.
Also, wenn ich bei unserer Bundesregierung das Gefühl hätte, dass sie genug Schläuche zur Brandlöschung einsetzt, dann wäre ich auch bereit über eine Brandschutzverordnung zu diskutieren. Auch wenn die Bundesregierung meiner Meinung nach weniger Schläuche als möglich einsetzt, hoffe ich zunächst einmal darauf, dass der Flächenbrand von alleine erlischt…
Die Freiwilligkeit der Marktteilnehmer aufzulösen ist stellt einige staatliche Entscheidungsträger vermutlich vor eine scheinbar unlösbare Aufgabe. Eine staatliche Absicherung von Interbankengeschäften gegen eine Prämie war ein guter Anfang, den wir wahrscheinlich unter anderem Herrn Uhlig zu verdanken haben. Ich würde ihm daher an Ihrer Stelle weniger Vorwürfe, sondern vielmehr ein Lob aussprechen…
Warum machen Sie sich denn über ihn lustig, anstatt sich darüber zu freuen, dass er über den Horizont hinaus denkt? Ich finde, dass ist nicht die feine Art!!! Ich bin stets offen für eine offene Diskussion, einer solcher Umgang stößt mir aber auf. Haben Sie denn Grund dazu so über Herrn Uhlig zu schreiben?
Ich warte immer noch gespannt auf weitere Vorschläge von Herrn Uhlig…
@dakra
Ersten mal ist dies ein triviales Problem, wenn man Freiwilligkeit bei dem Spiel ausschließt gibt es nämlich überhaupt keines mehr, keine negative Informatiosexternalität, die Banken dazu bringt, die staatliche Unterstützung aus Angst vor dem Reputationsverlust und den daraus folgenden schlechteren Bedingungen auf dem Interbankenmarkt.
Zweitens, ich fande ees sehr interessant, dass ein klassicher Ökonom wie Herr Uhlig Anreizprobleme das erste mal erwähnt, wenn staatliche Institutionen einen Fehler begehen.
Wenn es um die Regulierung von Banken geht, sprich die Spielregeln für Unternehmen zu ändern, deren primäre Aufgabe es ist, die Qualität von Kreditnehmern zu prüfen (monitoring oder screening im Ökonomensprech) und die diese Aufgabe in den letzen Jahren kläglich vernachlässigt haben, hört man sehr wenig.
Ich kenne mich nicht sonderlich mit Bankenregulierung aus, aber dass overleverage wie es unregulierte Hedgefunds betreiben und Kreditverbriefung und Rückkauf seitens normaler Banken um weniger Eigenkapital vorrätig halten zu müssen zu dieser Krise beigetragen haben, ist evident.
Also Feuerwehr rufen, gut und recht, aber dann bitte auch die Feuerwehr bei der neuen Brandschutzsverordnung mitreden lassen. Prävention ist immer noch das besser als Katastrophenmanagement.
@ simonsays
Ich verstehe Ihren ersten Satz nicht. Könnten Sie bitte erläutern, was Sie damit meinen?
Danke
Zum zweiten Abschnitt, etwas überspitzt formuliert: Wenn das Schiff untergegangen ist, dann braucht man auch nicht mehr nach dem Leck suchen.
Also: Erstmal das Schiff vor dem Untergang bewahren. Erst dann das Leck suchen…
Wie putzig, ein Neoliberaler treift in die Trickkiste, mit der Ökonomen wie Siglitz und Spence gezeigt haben, wann Märket versagen um gegen die ach so inkompetene Budnesregierung zu wettern.
Macht ja auch viel mehr Spass als die nächste Krise dieses Ausmaß zu verhindern indem man erstens den Interessenkonflikt zwischen Ratingagenturen und Banken zu lösen und zweitens, die Regulierung erweitern, so dass auch verbriefte Kredite, die danach wieder zurückgekauft werden, mit Eigenkapital unterlegt werden müssen.
@ Daniel
Das Moral Hazard Problem kann durch einen Eigentumswechsel begrenzt werden. Ich empfehle zu diesem Thema das Grünerblog zu lesen. Dort wird diese Problematik in einfacher Sprache abgehandelt.
@ huhlig
Ich finde, Sie haben diesen Mechanismus schön und einleuchtend erklärt. Wenn es nun aber so ist, dass Externalitäten bestehen. Wie würden Sie dann die Banken dazu bringen Hilfe vom Staat anzunehmen, ohne “Bad Signaling” zu betreiben? Sie müssen zugeben, dass Sie diese Frage mit ihrem Beitrag selbst aufgeworfen haben…
@ Daniel: Man hätte kein Moral Hazard-Problem, denn die Banken haben zur Zeit 3 Möglichkeiten um aus ihrer Misere herauszukommen: 1. Mehr Eigenkapital aufnehmen 2. Die Bilanzsumme verkleinern indem man z.B. faule Aktiva verkauft oder 3. warten, bis die Volatilität in den Finanzmärkten zurückgeht damit ihr Value at Risk-Wert swiet absinkt, dass die Blanz für Investoren wieder “gut aussieht”.
Solange die Aktion auf den Zeitpunkt befristet ist, zu dem das Vertrauen in die Märkte zurückkehrt, wird wohl keiner durch das Hilfspakt zu mehr risk-taking animiert.
Auch wären aufgrund der Konstruktion des FMStG keine höheren Verluste für den Steuerzahler zu erwarten, da ja nur die Institute vom Hilfspakt profitieren sollen, die wirklich gefährdet sind (dies lässt sich meiner Meinung nach aus der Entscheidungsfreiheit des Leitungsgremium ableiten).
In der Tat muss es irgendeine Koordination zwischen den Banken geben (siehe Fall Frankreich). Einzelgänge sind tötlich für die Gemeinschaft, jedoch rational für den Einzelnen. Falls es jeoch möglich ist zu verhindern, dass auch nur eine Bank insolvent wird, so wird langfristig wohl kein Vorteil aus Ackermanns Alleingang für die Deutsche Bank entstehen. Insofern ist es fraglich, ob er den treuen Investoren wirklich einen guten Dienst erwiesen hat und nicht nur seinen und den Bonus der anderen Bosse retten wollte.
Hätten wir auf der anderen Seite nicht ein Moral Hazard Problem, wenn es für die Banken zu einfach/ günstig wäre, die Unterstützung der Bundesregierung in Anspruch zu nehmen? Angenommen, die Regierung könnte garantieren, dass der Prozess vollkommen anonym abläuft, dann hatten die Banken doch Anreize, wieder übermäßige Risiken einzugehen und diese über die Hilfen abzusichern.
Das könnte in dem USA Modell nicht passieren. Allerdings gibt es dort auch hohe Streuverluste, da Banken unterstützt werden, die das nicht unbedingt benötigen würden. Und auch dort fand eine Selektion der Banken statt, was eine Marktverzerrung bedeutet, oder?
Dass mit dem Issing werden wir ja noch sehen.
Die heilige Inquisiton des Neoliberalismus. Aber das macht der dann wenigstens. Ich verstehe die Berater als Feigenblatt. Zu Sagen haben sie nicht viel, aber bestens als Sündenbock geeignet.
Zu den tiefergehenderen Ursachen der Finanzkrise mache ich mir meinen eigenen Reim: http://bernhardsweblog.blogspot.com/2008/05/25-eigenkapitalrendite-und-deren.html . Schlimm waren nicht die Wetten, die gibt es in irgendeiner Form schon immer. Aber das herumwabernde Kapital weltweit, die weltweite Liquidität, die mußte doch irgendwo hin…. bis das finale Eindampfen dran kam.
Das Freiwilligkeitsprinzip ist der fundamentale Strickfehler des Bankenrettungspakets. US-Finanzminister Paulson war besser beraten: er bestellte die wichtigsten Bank-CEO’s ein, übergab ihnen die Vertragsbestimmungen und ließ die Herrschaften erst wieder gehen, nachdem sie ausnahmslos unterschrieben hatten. Die optionale Inanspruchnmahme auf Basis von Kann- und Soll-Bestimmungen löst kein Problem, sondern nur weitere Eitelkeiten und Verunsicherungen aus. Wer den Sumpf trocken legen will, darf die Frösche nicht fragen, ob sie das wollen !