Das eindeutige Votum des Fernsehrates macht Thomas Bellut als künftigen ZDF-Intendanten bärenstark. Von 73 anwesenden Fernsehräten in Berlin stimmten 70 für den derzeitigen Programmdirektor als Nachfolger von Markus Schächter. Es gab nur eine Nein-Stimme und zwei Enthaltungen. Bellut wird sein Amt am 15. März 2012 übernehmen.
Die Rückendeckung aller im Fernsehrat vertretenen Parteien kann der 56-Jährige sehr gut gebrauchen: In der Vergangenheit haben die Parteien immer wieder brutal in die Geschicke des Mainzer Senders eingegriffen. Unvergessen ist der Vorstoß von Unionspolitikern um den früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, den damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abzulösen. Schächter war politisch zu schwach, um den dreisten Angriff auf seinen Chefredakteur abzuwehren. Am Ende einer peinlichen und schädlichen Diskussion musste Brender gehen, Schächter hingegen blieb im Amt, obwohl er eigentlich genügend Gründe für einen Rücktritt gehabt hätte.
Eine solche medienpolitische Blamage darf sich nicht mehr wiederholen. Für Thomas Bellut, einen politisch außerordentlich erfahrenen Journalisten und Medienmanager, geht es künftig darum, die beschädigte Unabhängigkeit des ZDF wiederherzustellen. Er muss den Sender energischer vor dem Zangengriff der Parteien verteidigen, als es seinem Vorgänger während seiner beiden Amtsperioden gelang. Vielleicht springt ihm das Bundesverfassungsgericht bei: Die Karlsruher Richter nehmen derzeit den ZDF-Staatsvertrag kritisch unter die Lupe. Sollten Sie mit einem Urteilsspruch im kommenden Jahr die Unabhängigkeit des Senders stärken, hätte Bellut die historische Chance auf einen Neuanfang.
Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der künftig über eine Mediensteuer von knapp 18 Euro monatlich finanziert wurde, braucht mehr denn je den Zuspruch und die Unterstützung der Bürger. Dies kann nur gelingen, wenn er zweierlei berücksichtigt: politische Unabhängigkeit und inhaltliche Qualität. Beides ist in den vergangenen Jahren unter die Räder gekommen. Bellut hat nun fünf Jahre Zeit, das ZDF aus dieser Defensivposition herauszuführen.
Doch auch die Politik hat mit der Wahl eine besondere Verpflichtung. Das gemeinsame Votum für den neuen ZDF-Chef verpflichtet die Parteien zu mehr Zurückhaltung. Mit dem unverhohlenen Gezänk um Personalien auf dem Mainzer Lerchenberg haben sich die für den Rundfunk zuständigen Landespolitiker selbst beschädigt.
Kurt Beck (SPD), rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates, begreift die Wahl Belluts als Indiz, dass sich die Politik in die Personalien des Senders nicht mehr einmischt. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Wie sagte Bundeswirtschaftsministerin Rainer Brüderle einmal: „Wir tun nach der Wahl, was wir vorher versprochen haben. Das ist etwas Neues in Deutschland.“ Recht hat er – auch im Fall des ZDF.

