ZDF-Intendantenwahl: Votum für politische Unabhängigkeit

Das eindeutige Votum des Fernsehrates macht Thomas Bellut als künftigen ZDF-Intendanten bärenstark. Von 73 anwesenden Fernsehräten in Berlin stimmten 70 für den derzeitigen Programmdirektor als Nachfolger von Markus Schächter. Es gab nur eine Nein-Stimme und zwei Enthaltungen. Bellut wird sein Amt am 15. März 2012 übernehmen.

Die Rückendeckung aller im Fernsehrat vertretenen Parteien kann der 56-Jährige sehr gut gebrauchen: In der Vergangenheit haben die Parteien immer wieder brutal in die Geschicke des Mainzer Senders eingegriffen. Unvergessen ist der Vorstoß von Unionspolitikern um den früheren hessischen Ministerpräsidenten Roland Koch, den damaligen ZDF-Chefredakteur Nikolaus Brender abzulösen. Schächter war politisch zu schwach, um den dreisten Angriff auf seinen Chefredakteur abzuwehren. Am Ende einer peinlichen und schädlichen Diskussion musste Brender gehen, Schächter hingegen blieb im Amt, obwohl er eigentlich genügend Gründe für einen Rücktritt gehabt hätte.

Eine solche medienpolitische Blamage darf sich nicht mehr wiederholen. Für Thomas Bellut, einen politisch außerordentlich erfahrenen Journalisten und Medienmanager, geht es künftig darum, die beschädigte Unabhängigkeit des ZDF wiederherzustellen. Er muss den Sender energischer vor dem Zangengriff der Parteien verteidigen, als es seinem Vorgänger während seiner beiden Amtsperioden gelang. Vielleicht springt ihm das Bundesverfassungsgericht bei: Die Karlsruher Richter nehmen derzeit den ZDF-Staatsvertrag kritisch unter die Lupe. Sollten Sie mit einem Urteilsspruch im kommenden Jahr die Unabhängigkeit des Senders stärken, hätte Bellut die historische Chance auf einen Neuanfang.

Der öffentlich-rechtliche Rundfunk, der künftig über eine Mediensteuer von knapp 18 Euro monatlich finanziert wurde, braucht mehr denn je den Zuspruch und die Unterstützung der Bürger. Dies kann nur gelingen, wenn er zweierlei berücksichtigt: politische Unabhängigkeit und inhaltliche Qualität. Beides ist in den vergangenen Jahren unter die Räder gekommen. Bellut hat nun fünf Jahre Zeit, das ZDF aus dieser Defensivposition herauszuführen.

Doch auch die Politik hat mit der Wahl eine besondere Verpflichtung. Das gemeinsame Votum für den neuen ZDF-Chef verpflichtet die Parteien zu mehr Zurückhaltung. Mit dem unverhohlenen Gezänk um Personalien auf dem Mainzer Lerchenberg haben sich die für den Rundfunk zuständigen Landespolitiker selbst beschädigt.

Kurt Beck (SPD), rheinland-pfälzischer Ministerpräsident und Vorsitzender des ZDF-Verwaltungsrates, begreift die Wahl Belluts als Indiz, dass sich die Politik in die Personalien des Senders nicht mehr einmischt. Das wäre zu schön, um wahr zu sein. Wie sagte Bundeswirtschaftsministerin Rainer Brüderle einmal: „Wir tun nach der Wahl, was wir vorher versprochen haben. Das ist etwas Neues in Deutschland.“ Recht hat er – auch im Fall des ZDF.

Apple knickt vor den Verlagen ein

Apple ist eingeknickt. Die monatelange Auseinandersetzung zwischen dem Computerhersteller und den Zeitungsverlagen um den Vertrieb von Digital-Abos ist beigelegt. Ab 1. Juli dürfen die Verlage eigenständig die Apps von Zeitungen und Zeitschriften zu einem frei wählbaren Preis vertreiben. Der Konzern aus dem kalifornischen Cupertino hat seine Geschäftsbedingungen für den App-Store, dem Internetshop für digitale Inhalte, entsprechend geändert.

Bei den Marktteilnehmern kam die Änderung der Geschäftsbedingungen gut an. “Wir begrüßen die Kehrtwende. Damit ist Apple endlich der Kritik der Zeitungsverleger weltweit gefolgt”, sagte mir Hans-Joachim Fuhrmann, Geschäftsführer des Verlegerverbands BDZV. Bereits im Frühjahr hatten sich die deutschen Verlage bei Apple beschwert. Massive Kritik übten in Briefen an den Konzernvorstand unter anderem Bernd Buchholz, Chef von Gruner+Jahr, sowie Mathias Döpfner, Vorstandsvorsitzender von Axel Springer.

Mit der Kehrtwende ist eine drohende Dominanz von Apple beim digitalen Medienvertrieb gebannt. Der Computerhersteller hatte ursprünglich versucht, den Verkauf von Zeitungen, Zeitschriften und Büchern für seinen Minicomputer iPad oder sein Handy iPhone ausschließlich über seinen Onlineshop iTunes durchzusetzen. Dagegen haben die Verlage nun erfolgreich revoltiert. Den Verlagen ging es darum, auch weiterhin ihre Inhalte auf Apps, den Miniprogrammen für iPad und iPhone, selbst vertreiben zu können. Dadurch sind sie in der Lage, ihre Kundendaten selbst zu verwalten. Zudem zahlen sie eine geringere Marge an Apple. Das ist für die Verlage wichtig, denn sie haben massiv in Programme in Apps investiert. Apple behält in seinem Shop 30 Prozent an Provision für jeden Kauf einer Onlinezeitung. Damit können Steve Jobs und seine Aktionäre gut leben.

ORF-Chefsessel reizt RTL-CEO Gerhard Zeiler

Wer Gerhard Zeiler in Los Angeles auf der weltgrößten Filmmesse traf, sah einen glücklichen Menschen und Manager. Der Vorstandschef der RTL Group, Europas größtem Film- und Radiokonzern, steht schließlich im Zenit seines Erfolges.  Er machte den Luxemburger Konzern zu einer Gelddruckmaschine für Bertelsmann. In der Branche berichtet jeder über den gebürtigen Wiener  nur Gutes. Doch Gerhard Zeiler hat in diesen Tagen ein Problem. Er muss sich entscheiden, ob er für den Chefsessel beim ORF antreten wird. Denn am 30. Juni endet die Bewerbungsfrist für das Spitzenamt im österreichischen Staatsrundfunk. Der ORF-Chefsessel gilt mit dem Bundespräsidenten und den Bundeskanzler als das drittwichtigste Amt in der Alpenrepublik.

Auf den L.A. Screenings sind sich RTL-Vorstandschef Gerhard Zeiler und der amtierende ORF-Generaldirektor Alexander Wrabetz noch aus dem Weg gegangen. Beide halten von einander wenig bis gar nichts. Während der mächtigste Fernsehmann Europas sich die neuen Serien und Filme der Filmstudios in der holzvertäfelten Bibliothek seines Hotels „Montage“ im Millionärsparadies Beverly Hills vorführen hat lassen, tourte der Chef des österreichischen Staatsrundfunk durch Hollywood zu Einzelvorführungen. Doch Zeiler und Wrabetz können in diesem Sommer bald hart aufeinander prallen. Denn der Chef von Europas größtem Fernsehkonzern liebläugelt mit dem ORF-Chefsessel. Er könnte im August den Amtsinhaber Alexander Wrabetz nach fünf Krisenjahren ablösen.

 Im ORF-Stiftungsrat, dem Aufsichtsgremium des öffentlich-rechtlichen Senders, wird inzwischen ziemlich fest damit gerechnet, dass der 55-jährige Zeiler für das Amt des Intendanten im Sommer kandidieren wird. „Der Intendanten-Posten wäre für Zeiler nur eine Zwischenstation“, glaubt ein ORF-Kontrolleur zu wissen. Als ferneres Ziel strebe der Manager aus dem Wiener Arbeiterviertel Ottakring in seinem Heimatland ein politisches Amt an. Auch in den Reihen von RTL wird ein Wechsel von Luxemburg nach Wien für möglich gehalten. „Zeiler hat bis heute nicht ausgeschlossen, ob er als ORF-Chef kandidieren wird“, heißt es in Unternehmenskreisen. „Er denkt nach.“ Entschieden sei noch nichts. Zeiler hält sich bedeckt und einen Entscheidung will offenbar während seines demnächst anstehenden Urlaubs fällen. Derzeit sondiert er die Lage und trifft sich mit österreichischen Spitzenpolitikern – wie zuletzt Anfang des Monats mit Eva Glawischnig, der Chefin der Grünen in der Alpenrepublik. Ein Konzernsprecher will sich auf Anfrage zu dem Thema nicht äußern.

Bei der Vorlage der Quartalsbilanz der RTL Group vor ein paar Wochen sagte Zeiler nur vieldeutig: „Ich habe einen Vertrag bei RTL Group.“ Der CEO hatte seinen Vertrag an der Spitze der Luxemburger Holding erst kürzlich um weitere fünf Jahre verlängert. Die Hauptversammlung der RTL Group hatte am 20. April einen entsprechenden Beschluss gefasst. Zeiler wäre aus Zeit von ORF-Insidern der ideale Kandidat, den von Skandalen und Finanzkrisen heimgesuchten Staatsrundfunk in Wien wieder auf die Beine zu stellen. Der angesehene Fernsehmanager hat offenbar die Unterstützung der Opposition. Erst kürzlich traf sich Zeiler mit ÖVP-Parteichef Michael Spindelegger in Luxemburg. Die ÖVP verfügt im ORF-Stiftungsrat aber über keine Mehrheit.

Die SPÖ unterstützt offiziell den Amtsinhaber Wrabetz, der sich bislang geschickt durch Krisen und Skandale manövriert hatte. Der ehemalige Wirtschaftsmanager genießt das Vertrauen von Bundeskanzler Werner Faymann (SPÖ).

Doch in der österreichischen Sozialdemokratie gibt es auch viele Befürworter für Zeiler als ORF-Chef. Zeiler begann seine Karriere als Redakteur des Parteiblatts „Sozialistische Korrespondenz“ und diente jahrelang Bundeskanzler Franz Vranitzky (SPÖ) als Kabinettschef. „Viele Leute wollen ihn an der Spitze des ORF“, sagte ein Insider, der Zeiler seit Jahren kennt. Die Bewerbungsfrist für den ORF-Generaldiektor endet im Juni. Die Wahl erfolgt am 8. August.

Für Zeiler wäre der Chefsessel in Wien ein hoher finanzieller Verlust. Als CEO der RTL Group verdient er fünfmal bis siebenmal so viel wie der ORF-Generaldirektor. Wrabetz hat laut ORF-Insider ein Jahresgehalt von 300 000 bis 330 000 Euro. „Zeiler könnte nach dem Kennedy-Motto handeln: Frag’ nicht, was Dein Land für Dich tun kann, sondern was Du für Dein Land tun kannst.“ Der Manager ist mit Österreich eng verbunden. In Wien und Salzburg besitzt Zeiler neben London und Luxemburg Wohnsitze. Nach zwei Scheidungen ist er seit Herbst vergangenen Jahres mit der Salzburger Unternehmerin Alexandra Lohberger liiert. Auf der öffentlichen Bühne in Österreich ist Zeiler in letzter Zeit immer stärker präsent. So wird er  vor dem österreichischen Verlegerverband VÖZ einen Vortrag über die Zukunft des Fernsehens halten. Sein Auftritt im Salzburger Lungau wird mit Spannung erwartet.

In Österreich wird die Übernahme des Chefsessels beim ORF als mögliche Voraussetzungen für eine Kanzlerschaft gesehen. „Die offene Frage ist, ob sein Interesse an Österreich wirklich an der ORF-Tür endet“, sagt ein RTL-Manager. Die politische Lage für einen unverbrauchten Politiker ist gut. Der derzeitige Kanzler Faymann verfügt bei den Wählern, aber auch in der SPÖ offenbar über immer weniger Rückhalt. Und Zeiler? „Er hat immer eine hohe Affinität zur Politik gehabt. Daran hat sich nichts verändert“, heißt es in seinem Umfeld. Spekulationen, dass Zeiler womöglich das Amt des österreichischen Bundespräsidenten anstrebt, werden von Vertrauten jedoch negiert. „Das ist eine völlig absurde Spekulation aus Wien.“

Doch die Fakten sprechen nach Meinung eine andere Sprache. Allein vom zeitlichen Rahmen würden solche Zeiler-Pläne ziemlich genau aufgehen. Österreichs derzeitiger Präsident Heinz Fischer ist noch fünf Jahre im Amt. Der Fernsehmanager Zeiler könnte eine Amtszeit als ORF-Chef zu Ende bringen und danach nahtlos in das Amt des Staatspräsidenten überwechseln – wenn er denn von seiner Partei, der SPÖ, nominiert würde. Entscheidend bei einer solchen Karriere-Planung ist eine österreichische Besonderheit. Der ORF-Intendant steht der Politik viel näher als etwa die öffentlich-rechtlichen Senderchefs in Deutschland. SPÖ und ÖVP, die beiden Parteien der Großen Koalition, greifen viel unmittelbarer in das Geschehen im ORF ein. Ohne politische Rückendeckung ist die Besetzung der Spitzenposten bei Österreichs öffentlich-rechtlichem Sender undenkbar. Außerdem wird fein säuberlich auf den Proporz geachtet: Keine der beiden Seiten, ob nun Sozialdemokraten oder Konservative, darf innerhalb des ORF zu kurz kommen.

Tritt Zeiler gegen Wrabetz an, würden sich allerdings zwei Kandidaten aus dem SPÖ-Lager gegenüberstehen. Zeiler hätte jedoch auch den Zuspruch der Konservativen, weil er seit Jahren im Ausland arbeitet und deshalb nicht dem österreichischen Establishment zugerechnet wird. Die konservative ÖVP und die kleineren Oppositionsparteien im Wiener Parlament würden sich deshalb mit großer Sicherheit für Zeiler entscheiden. Könnte sich der RTL-Chef durchsetzen, wäre das auch eine Niederlage für den sozialdemokratischen Bundeskanzler Werner Faymann, der Alexander Wrabetz unterstützt.

Zeiler, der bereits zwischen 1994 und 1998 ORF-Generalintendant war, würde bei einem Wechsel nach Wien bei der RTL Group eine Riesenlücke reißen. Denn unter seiner Führung hatte die Bertelsmann-Tochter Rekordgewinne abgeliefert. RTL ist im Bertelsmann-Konzern der mit Abstand größte Gewinnbringer. Als mögliche Nachfolger werden unter anderen auch RTL-Deutschlandchef Anke Schäferkordt, aber auch andere Chefs der RTL-Sendergruppe in Mitteleuropa gehandelt.  Die Managerin aus dem Weserbergland steht beim Großaktionär Bertelsmann in hohem Ansehen.  “Schäferkordt rednet nur über Zahlen, Zahlen und Zahlen”, kritisiert ein RTL-Kollege, der bei der Deutschlandschefin strategischen Weitblick vermisst. Doch genau das harte Kostenbewusstsein könnte ihr am Ende zur Nachfolge auf Zeilers Chefsessel verhelfen. Denn Großaktionär Bertelsmann ist mehr denn je auf die Gewinne aus dem Fernsehgeschäft angewiesen.

Der Beitrag ist zusammen mit Stefan Menzel, Handelsblatt-Korrespondent in Wien, entstanden.

Die Gefahr eines Totalschadens bei der Formel 1

Wenn Sebastian Vettel beim Großen Preis der Türkei die waghalsige 640 Meter lange Vollgas-Kurve mit 270 Stundenkilometern nimmt, zittern wieder Millionen vor den Bildschirmen. Nach Fußball ist Formel 1 noch der große Massenmagnet im europäischen Fernsehgeschäft.

Medientycoon Rupert Murdoch und sein Sohn James kennen die Mechanik des TV-Business. Zusammen mit der Fiat-Gründerfamilie Agnelli nehmen sie Anlauf, die Formel 1 vom Finanzinvestor CVC zu übernehmen. Alles ist noch in einem sehr frühen Stadium. Nur so viel ist klar: In der Formel 1 kündigt sich eine Zeitenwende an.

Der Rennsport ist in die Jahre gekommen. Noch zahlen die Fernsehsender für die Übertragungsrechte horrende Summen. Doch der Glanz der Formel 1 verblasst. Zu viel Routine, zu viel Rituale. Dem Zirkus um Red Bull, Ferrari & Co. fehlen zunehmend junge Zielgruppen. In Istanbul ist beispielsweise das Formel-1-Fieber bislang völlig ausgeblieben. Mit nur 28 000 Besuchern war der Bosporus-Wettbewerb bereits im vergangenen Jahr eine herbe Enttäuschung für Medien und Autokonzerne. Dem durch angebliche Korruptionsskandale geschwächten Formel-1-Zampano Bernie Ecclestone ist ohnehin die Kreativität abhandengekommen.

Die Murdochs könnten zusammen mit den Agnellis der Formel 1 endlich eine Verjüngungskur verpassen. Für ihren Medienkonzern News Corp. wäre die Übernahme der Königsklasse ein lukrativer Coup. Dann hätten die Murdochs die gesamte Wertschöpfungskette des Fernsehgeschäfts in der Hand. Mit dem Kauf des Autorennsports wären sie in der Lage, ihre Bezahlkanäle in Großbritannien, Italien und Deutschland nachhaltig zu stärken. Vor allem der Dauer-Verlustbringer Sky in München braucht dringend mehr exklusive Rechte, um die Zahl der Abonnenten zu steigern. Als Eigner könnte Murdoch dann nach Gutdünken die TV-Rechte vergeben. Noch aber überträgt RTL gratis die Rennen. Der große Big Bang für Sky Deutschland blieb daher bislang aus.

Das Spiel um die Formel 1 ist brandgefährlich. Mit ihrem Übernahmeplan wandeln die Murdochs auf den Spuren von Leo Kirch. Der Medienmogul aus Franken war einst nicht nur Herrscher über Bezahlsender wie Premiere (heute Sky) und Kanäle wie Pro Sieben und Sat 1, sondern auch Miteigentümer der Formel 1. Kirch glaubte, in einem Sport, in dem Vollgasgeben eine Dauerbeschäftigung ist, eine Schlüsselrolle spielen zu können. Doch schon bald trug es ihn aus der Kurve. Das Ergebnis: Totalschaden.

Murdoch’s Waterloo

Vor sechs Jahren hatte Medien-Tycoon Rupert Murdoch mit dem Online-Netzwerk Myspace hochfliegende Pläne. Schließlich hat sein Konzern News Corp. den sagenhaften Preis von 580 Millionen Dollar für die kalifornische Internetfirma gezahlt. Doch während der Konkurrent Facebook zur Bedrohung für Google aufgestiegen ist, ging es mit Myspace immer wieder bergab. Selbst massive Stellenkürzungen, im Januar wurde die Hälfte der Belegschaft entlassen, konnten den Niedergang des chronischen Verlustbringers aus Beverly Hills nicht mehr stoppen.

Nun ist Murdoch der Geduldsfaden gerissen. Der 80-Jährige will Myspace schleunigst loswerden. Nach Angaben von Unternehmensinsidern können noch bis Ende dieser Woche Angebote abgegeben werden. Myspace soll demnach kaum mehr als 100 Millionen Dollar wert sein. Zum Vergleich: Facebook wurde zuletzt mit 50 Milliarden Dollar bewertet. Unter den Bietern sollen Finanzinvestoren wie THL Partners, Redscout und Criterion sein. Auch Myspace-Mitbegründer Chris De Wolfe interessiert sich für seine alte Firma. Bis Juni soll der Verkauf laut “Wall Street Journal” abgewickelt sein.

Ist Myspace endgültig tot oder kann es noch einmal wiederbelegt werden? Es bleibt spannend.

Pro Sieben Sat 1 und die Gefahr des Schiffbruchs

Vorstandschef Thomas Ebeling hatte sich die Reaktion der Börse anders vorgestellt. Die Aktie von Pro Sieben Sat 1 fiel nach dem Verkauf der Fernseh- und Printbeteiligungen in den Niederlanden und Belgien um 1,6 Prozent. Vor allem kurzfristige Investoren haben sich von den Papieren des größten deutschen Fernsehkonzerns getrennt.

Trotzt der negativen Börsenreaktion hat Pro Sieben Sat 1 mit dem Ausstieg in Benelux strategisch die richtigen Weichen gestellt. Der finnische Printkonzern Sanoma, der niederländische „Big Brother“-Erfinder John de Mol und weitere Investoren zahlen über 1,2 Milliarden Euro. Dieser Kaufpreis wäre vor einem Jahr unvorstellbar gewesen.

Mit diesem Geld kriegt der TV-Riese endlich sein Schuldenproblem in den Griff. Nach dem Verkauf sinkt das Verhältnis Ebitda zur Verschuldung auf einen Faktor von 1,5 bis 2,5. Zum Vergleich: Im vergangenen Jahr lag der Verschuldungsgrad noch bei 3,3. Die Milliardenschulden, welche die beiden Finanzinvestoren KKR und Permira der Sendergruppe aufgebürdet hatten, hingen jahrelang wie ein Mühlstein um den Hals von Pro Sieben Sat 1. Diese Zeiten sind mit dem lukrativen Abschied aus Benelux nun passé. Der Fernsehkonzern, der damit finanzstrategisch wieder auf gesunden Beinen steht, wird damit für langfristige Investoren attraktiv.

Die Entscheidung Ebelings, das Nordeuropa-Geschäft doch nicht zu verkaufen, macht viel Sinn. Denn im Gegensatz zu Benelux gehören in Skandinavien auch zahlreiche Bezahlsender zum Portfolio. Um unabhängiger vom volatilen Werbegeschäft zu werden, kann Pro Sieben Sat 1 alle Geschäfte abseits der TV-Reklame dringend brauchen. Deshalb ist das nordische Pay-TV-Geschäft noch nie so wertvoll für den Konzern gewesen wie heute.

Bislang haben sich die Hoffnungen in das Diversifikationsgeschäft aber nicht erfüllt. Seit Jahren stagnieren die Umsätze außerhalb der Werbung. Im vergangenen Jahr lagen sie bei kläglichen 12,4 Prozent. Das ist viel zu wenig, um bei der nächsten Werbekrise nicht wieder Schiffbruch zu erleiden.

RTL-Chef Zeiler lobt “Big Brother”-Erfinder John de Mol

Die Irritationen zwischen Gerhard Zeiler, Vorstandschef der RTL Group, und den niederländischen Medienunternehmer John de Mol gehören offenbar der Vergangenheit an. „Die Arbeit, die John de Mol sowohl als Gesellschafter und als Kreativer leistet, ist exzellent“, sagte mir Zeiler am Rande der Film- und Fernsehmesse MipTV in Cannes. „Es läuft sehr gut mit ihm. Wir fühlen uns in der Zusammenarbeit mit John de Mol sehr wohl.“

Zuletzt hatten niederländische Medien berichtet, dass es zwischen den beiden starken Persönlichkeiten zu Reibereien und Konflikten gekommen sei. Nun sind diese Schwierigkeiten offenbar überwunden.

John de Mol hatte sich im Juni 2007 mit seiner Medienholding Talpa mit 26,3 Prozent an RTL Niederlande beteiligt. Im Gegenzug übernahm Europas größter Fernsehkonzern RTL Group den hoch rentablen Radiosender 538 von de Mol.

Diese Transaktion war damals für Zeiler ein wichtiger Schritt, eine Senderfamilie in wichtigen europäischen Fernsehmärkten aufzubauen. „Mit dieser Transaktion wird John de Mol, ein herausragender Unternehmer und einer der kreativsten Köpfe im Fernsehgeschäft, unser Partner“, sagte der RTL-Chef damals.

Doch so harmonisch wie gedacht verlief die Kooperation offenbar nicht. Der „Big-Brother“-Erfinder gilt im persönlichen Umgang als nicht gerade einfach. Der kreative Input des TV-Produzenten ist für den Markterfolg von RTL in den Niederlande sehr wichtig. Denn die von John de Mols Schwester, Linda de Mol, moderierte Fernsehshow „I love Holland“ ist ein wahrer Quotenbringer. Auch die Musikcasting-Sendung „The Voice“ auf RTL 4 läuft laut Zeiler sehr gut und wurde auch nach Deutschland exportiert.

Die Kooperation mit de Mol hat sich für Zeiler und den Mutterkonzern ausgezahlt. Das einstige Sorgenkind Niederlande hatte sich zuletzt für die RTL Group zu einem Musterkind entwickelt. Der Umsatz belief sich im vergangenen Jahr auf 429 Millionen Euro. Ein Rekord. Das Ergebnis vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen steigerte sich auf 110 Mill. Euo (Vorjahr: 72 Mill. Euro). Angesichts dieses Zahlen fällt eine Versöhnung nicht schwer

Mobbing in der ARD – eine Frage der Macht

Kein guter Tag für die ARD. Zum ersten Mal verklagt eine ARD-Spitzenfrau Europas größten Senderverbund wegen Mobbings auf Schadensersatz und Schmerzensgeld. Verena Wiedemann, seit Sommer 2006 ARD-Generalsekretärin, ist nach ihrer Darstellung über ihre Ausgrenzung und Diskriminierung durch die ARD-Intendanten psychisch krank geworden. Die Vorwürfe wiegen schwer. Denn sie zeigen, wie hart und unbarmherzig es offenbar hinter den Kulissen des braven öffentlich-rechtlichen Rundfunks zugeht.

Wenn es um die eigene Macht geht, kennt der Senderverbund keine Rücksichten. Interessen werden ohne Rücksicht auf Verluste durchgesetzt. Dass ausgerechnet die Cheflobbyistin in Berlin zum Opfer geworden ist, entbehrt nicht einer gewissen Ironie. Denn Wiedemann genoss selbst jahrelang den Ruf einer „Stalinistin des öffentlich-rechtlichen Rundfunks“. Doch offenbar passte eine mächtige Generalin nicht in die Machtpolitik vieler Intendanten. Die ARD-Granden wollen am liebsten höchstpersönlich die Politik umgarnen – und das mit Erfolg, wie die Umstellung der Gerätegebühr auf eine Mediensteuer eindrucksvoll zeigt.
Offenbar haben es Frauen im öffentlich-rechtlichen Rundfunk besonders schwer. Seit Monaten konnte Verena Wiedemann nicht mehr ihren Dienst in Berlin antreten, da sie in psychologischer Behandlung ist. Dass ausgerechnet ARD-Chef Monika Piel heute eine harsche Pressemitteilungen verteilen ließ, Wiedemanns Vorwürfe seien aus der Luft gegriffen, verschärft die Situation. Vielleicht wäre es einfach besser gewesen, in dieser Situation zu schweigen und den Arbeitsgerichten eine Entscheidung zu überlassen.

Denn sollte die ARD-Generalsekretärin vor Gericht siegen, wäre der Flurschaden für die ARD groß. Denn beim Gebührenzahler hat der Sendeverbund durch schwere Korruptionsfälle wie zuletzt beim Kinderkanal in Erfurt enorm an Rückhalt verloren.

Malone greift zu: im Kabelmarkt droht ein neues Monopol

Der deutsche Kabelmarkt ist für John Malone eine harte Nuss. Der 70-Jährige hatte die Branche bereits vor mehr als einer Dekade ins Visier genommen. 2001 wollte der größte Landbesitzer aus dem US-Bundesstaat Colorado von der Deutschen Telekom das deutsche Kabelnetz für 5,5 Milliarden Euro kaufen. Das Bundeskartellamt verbot das Geschäft: eine gute Entscheidung. Die Bonner Wettbewerbshüter verhinderten damit ein Quasi-Monopol. Jetzt aber droht wieder eine ähnliche Situation – das Kartellamt sollte genau hinschauen. Denn Malone wird künftig von Nordrhein-Westfalen über Hessen bis Baden-Württemberg den Kabelmarkt kontrollieren.

Im zweiten Anlauf gelingt es Malone durch die Übernahme von Kabel BW, die Marktführerschaft im deutschen Kabelmarkt zu übernehmen. Sein Konzern Liberty Global zahlt für den Anbieter in Baden-Württemberg knapp 3,2 Milliarden Euro.

Kabel BW ist ein kleines Juwel. Im vergangenen Jahr stieg der Konzernumsatz um 70 Millionen Euro auf 563 Millionen Euro. Der Gewinn vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen (Ebitda) legte sogar um 56 Millionen auf 316 Millionen Euro zu. Eine Summe von mehr als drei Milliarden ist dennoch ein sehr stolzer Preis. So viel Geld auszugeben ergibt nur Sinn, wenn man durch Zusammenlegungen viel Geld sparen kann. Genau dazu ist Malone in der Lage. Denn der promovierte Philosoph hatte bereits Ende 2009 den Kölner Kabelkonzern Unitymedia, die Nummer zwei im deutschen Kabelgeschäft, für 3,5 Milliarden Euro erworben. Unitymedia genießt in Nordrhein-Westfalen und Hessen aber offenbar einen miserablen Ruf. In vergangenen Jahren gab es Tausende von Beschwerden verärgerter Kunden. Nach Meinung der NRW-Verbraucherschutzzentrale ist mehrfach die Grenze zum unlauteren Wettbewerb überschritten worden. Erst im vergangenen Jahr deckte die ARD rüde Vertriebsmethoden auf.

Keine gute Visitenkarte also für Malone. Sollte er zum Zuge kommen, muss das Kartellamt gründlich untersuchen, ob dies dem Wettbewerb wirklich guttut.

Die Dekonstruktion der Wahrheit

Blamabel und beschämend waren die tagelangen Spekulationen um den Abgang von Bundesbank-Präsident Axel Weber. Für den 53-Jährigen ist der indirekte Verzicht auf den lange ersehnten Chefposten der Europäischen Zentralbank ein persönliches Desaster. Obwohl er auf eigene Kosten die PR-Agentur CNC engagiert hatte, war offenbar nicht zu verhindern, dass Weber am Ende wie ein Verlierer aussah.

Angeblich vertrauliche Gespräche aus dem Vorstand der Bundesbank waren durchgesickert. Die Branche spricht von Weberleaks, und anonyme Quellen beschuldigen CNC, Indiskretion zugunsten Webers gestreut zu haben. CNC, das Topmanager wie den früheren Siemens-Chef Klaus Kleinfeld beriet, weist die Vorwürfe zurück. Die Ursachen für das Durcheinander werden wahrscheinlich nie geklärt werden.

Der Fall Axel Weber stellt exemplarisch die Frage nach der Macht der Kommunikation. Es gibt in der Wirtschaft heute kaum noch eine Fusion oder einen Abwehrkampf, der ohne PR-Strategen auskommt – egal ob bei der WestLB, Conti gegen Schaeffler oder beim Konflikt zwischen Hochtief und AIG. Die Kommunikationsberater spielen eine Schlüsselrolle für Aufstieg oder Fall von Managern, für Sieg oder Niederlage von Unternehmen. Sie ziehen wie Nomaden mit ihren Schafen von einer Weide zur nächsten, sobald eine abgegrast ist.

Damit keine Zweifel entstehen, Public Relations, das Vertreten von Interessen für einen Auftraggeber, sind ein legitimer Teil der demokratischen Gesellschaft. Allerdings gibt es ein Problem: Für Aktionäre und Bürger sind die Heerscharen von PR-Leuten unsichtbar. Sie arbeiten im Verborgenen. In den Hinterzimmern der Macht brüten sie ihre Strategien aus. Ihr Ziel ist die Veränderung der Realitätswahrnehmung zum Vorteil des zahlenden Kunden – mit immer größerem Erfolg.

Denn ihr Gegenüber, die Medien, ist längst in eine gefährliche Defensive geraten. Die “vierte Gewalt” hat Risse bekommen. Der unabhängige Journalismus ist wirtschaftlich geschwächt.

Zuerst hat das Platzen der Internetblase und die damit verbundene Werbekrise zu einem Aderlass in den Redaktionen, insbesondere bei Tageszeitungen und Magazinen, geführt. Die Printbranche hat sich davon nicht mehr erholt. Die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010 hat der Medienindustrie mit rückläufigen Einnahmen aus Werbung und Vertrieb einen weiteren schweren Schlag versetzt. Das Gleichgewicht zwischen Presse und PR ist dadurch zusehends aus den Fugen geraten. Immer weniger unabhängige Journalisten stehen immer mehr interessegeleiteten PR-Managern gegenüber. Eine verlässliche Statistik gibt es nicht. Doch so viel ist klar: Seriöse Medienberater machen sich hinter vorgehaltener Hand bereits Sorgen um die schwindende Zahl der Journalisten.

Als Herbert Riehl-Heyse, der legendäre Autor der “Süddeutschen Zeitung”, vor mittlerweile 22 Jahren sein Buch “Bestellte Wahrheiten” veröffentlichte, löste er einen Skandal aus. Denn das erfolgreiche Buch zeigte erstmals mit plastischen Beispielen, wie “Wahrheiten” und Werbebotschaften unter Ausschluss der Öffentlichkeit entstehen. Filmproduzenten erhalten kostenlose Autos von BMW, VW oder Mercedes, in denen dann Kommissare auf ARD und ZDF unterwegs sind. Heute schmunzeln Leser eher müde über derartige Erkenntnisse. Denn die Verführer der Wahrheit haben es längst geschafft, dass wir derartige Manipulation für normal halten.

Die Wahrheit ist mittlerweile fest im Klammergriff der PR-Industrie. Und die Instrumente werden immer vielfältiger. Mit dem Erfolg sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter oder Videoplattformen wie Youtube gibt es neue Möglichkeiten der Manipulation. Die Folge dieser Entwicklung ist eine wirtschaftlich und politisch gefährliche Intransparenz.

Die PR-Branche, das Schattenreich der Wahrheit, wächst und gedeiht wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Überforderte Vorstände, unsichere Unternehmenskommunikatoren, hilflose Politiker suchen im unübersichtlichen Internetzeitalter nach Rat und Tat. Hinzu kommen noch ehrgeizige Investoren, die keine Scheu haben, auch mit gezinkten Karten ans Ziel zu gelangen. Die Branche, deren Spitzenkräfte Tagessätze von mehreren Tausend Euro verlangen, boomt. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit.

Als Google-Chef Eric Schmidt diese Woche die Berliner Humboldt-Universität besuchte, erinnerte er sein Publikum an zwei Voraussetzungen für eine prosperierende Gesellschaft: Transparenz und Innovation. An Erfindungsgeist mangelt es nicht unbedingt in diesem Land, an Transparenz in Wirtschaft und Politik aber schon. Das hat der Fall des Bundesbankpräsidenten Axel Weber eindrucksvoll vor Augen geführt.

Dringender denn je braucht die PR-Branche ein reinigendes Gewitter. Schwarze Schafe der Zunft müssen öffentlich benannt und gerügt werden, wie es beispielsweise der Presserat für die Printmedien seit Jahrzehnten praktiziert. Zu einem seriösen Geschäft mit der Kommunikation gehören eben klare Spielregeln, die öffentlich und nachvollziehbar sind. Die PR-Unternehmen benötigen eine rigorose Selbstkontrolle, die die Grenzen der Vermittler zwischen Wirtschaft und Öffentlichkeit klar definiert. Statt ein Klüngelsystem aus Abhängigkeiten zu weben, sollte die Branche versuchen, Überzeugungsarbeit mit überprüfbaren Informationen zu schaffen.

Und sie sollte sich nicht überschätzen, denn zuweilen gerät ihre Hilfe zum Bärendienst, wie der Fall Weber auch gezeigt hat. “Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben”, schrieb einst André Gide. Das ist bis heute gültig.