» 12. August 2011, 12:19 Uhr

Der verwirrte Zuschauer schaltet einfach ab

Das waren noch Zeiten, als es am Fernsehapparat für jedes Programm eine einzelne Taste gab. TV in der analogen Steinzeit war eine ausgesprochen übersichtliche Angelegenheit. Am Ende der Sendezeit zu Mitternacht wurde die deutsche Nationalhymne abgespielt. Aus, Schluss, fertig! Niemand wird sich ernsthaft mehr nach den alten Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols zurücksehnen, doch die neue Unübersichtlichkeit im digitalen Zeitalter hat auch ihre Schattenseiten. Der Fernsehzuschauer findet sich zwischen Hunderten von Kanälen kaum noch zurecht. Er schaltet ab.

Die Fragmentierung im Fernsehmarkt hat bereits Opfer gefordert. Nicht mehr alle Fernsehsender können wirtschaftlich überleben. Zuletzt hatte Pro Sieben Sat 1 den umstrittenen Quizsender Neun Live wegen wirtschaftlicher Erfolglosigkeit eingestellt. Zuvor starben bereits der Computerspielkanal Giga TV und der Literaturkanal Lettra. Der frühere Spielfilmsender Das Vierte muss sich in einen Einkaufssender verwandeln, um noch zu überleben.

Der Zuschauer fühlt sich offenbar vom riesigen Angebot überfordert. Aus der Forschung wissen wir, dass sich das Interesse weiter auf nur ein Dutzend Kanäle konzentriert. Daran wird sich auch im neuen Zeitalter des hochauflösenden Fernsehens wenig ändern. Eine bessere Bildauflösung ändert noch lange nicht die Sehgewohnheiten.

Der Sender Sky steigert die Verwirrung noch, wenn er für einen Kanal wirbt, den viele seiner Kunden mit ihrem Kabelnetz gar nicht empfangen können. Und dazu kommt das Überangebot: Mittlerweile hat der Bezahlsender 31 HD-Kanäle am Start. Weitere sollen folgen. Doch eine Ermüdung des Zuschauerinteresses ist nur noch eine Frage der Zeit. Vor diesem Hintergrund wäre die verlustreiche Tochter des amerikanischen Medienkonzerns News Corp. gut beraten, über eine Konzentration auf die eigentlichen Kernkompetenzen nachzudenken. Rupert Murdoch weiß von seinen Pay-TV-Konzernen in Großbritannien und Italien, dass vor allem exklusive Inhalte wie Fußball das Bezahlfernsehen groß gemacht haben und nicht die Anzahl immer neuer Kanäle.

Dieses Gesetz des Marktes gilt auch im hart umkämpften deutschen Fernsehen. An Spezialsendern wie Discovery, National Geographic oder History Channel wird die krisenerprobte Bezahlplattform aus Unterföhring nicht genesen. Warum nicht ausschließlich auf Fußball, Formel 1 sowie Premieren von Spielfilmen und Serien konzentrieren? Weniger ist oft mehr – vor allem in verwirrenden Zeiten wie diesen.

» 12. August 2011, 12:19 Uhr

    3 Kommentare zu “Der verwirrte Zuschauer schaltet einfach ab”


  1. Tobias sagt:

    Wobei doch viele Spartensender dem Wunsch unabhängig über sein Programm entscheiden zu können entgegen kommen müssten. Natürlich hat man nicht alle Sender im Blick, filtert aber sein persönliches Dutzend heraus, auf dem prinzipiell interessante Inhalte laufen. Das ist natürlich für jeden etwas anderes und das macht die Rentabilität nicht einfach.

    Der Ausweg wäre nur statt dem Programmwust die Inhalte in eine Online-Bibliothek zu stellen und ein generelles View on Demand anzubieten. Das scheint sich aber jedenfalls zu Zeit schlechter zu verkaufen als zusätzliche Sender….

  2. Genau Youtube ist ein Argument gegen noch mehr neue Kanäle. Denn die Zuschauer im digitalen Zeitalter wollen sich immer weniger von Programmdirektoren vorschreiben lassen, was sie wann und wo sehen. Durch das mobile Internet und den populären Tablet-PCs wie iPad und Galaxy wird die Autarkie des Zuschauern weiter gestärkt.

  3. Dirk Elsner sagt:

    Ich glaube nicht, dass die Zuschauer mit der Vielzahl der Kanäle überfordert werden. Das ist vielleicht eine These, mit der sich die erfolglosen Macher gern entschuldigen würden. Es gibt zumindest zwei Aspekte, die für einen Teil der Zuschauer gegen Ihre These sprechen.

    Ich glaube, viele Zuschauer sind einfach gelangweilt von den Inhalten vieler Kanäle, die aufgrund der Kosten oft nicht anspruchsvoll sein können.

    Und es ändert sich durch Youtube & Co. sowie Möglichkeiten Filme auf Abruf zu sehen, sehr deutlich das TV-Verhalten einer ganzen Generation. In der 24/7-Gesellschaft wollen viele Zuschauer sich nicht von einem Programmdirektor gängeln lassen, sondern selbst entscheiden, was sie wann sehen