»Dr. Hans-Peter Siebenhaar 22. Februar 2011, 11:57 Uhr

Die Dekonstruktion der Wahrheit

Blamabel und beschämend waren die tagelangen Spekulationen um den Abgang von Bundesbank-Präsident Axel Weber. Für den 53-Jährigen ist der indirekte Verzicht auf den lange ersehnten Chefposten der Europäischen Zentralbank ein persönliches Desaster. Obwohl er auf eigene Kosten die PR-Agentur CNC engagiert hatte, war offenbar nicht zu verhindern, dass Weber am Ende wie ein Verlierer aussah.

Angeblich vertrauliche Gespräche aus dem Vorstand der Bundesbank waren durchgesickert. Die Branche spricht von Weberleaks, und anonyme Quellen beschuldigen CNC, Indiskretion zugunsten Webers gestreut zu haben. CNC, das Topmanager wie den früheren Siemens-Chef Klaus Kleinfeld beriet, weist die Vorwürfe zurück. Die Ursachen für das Durcheinander werden wahrscheinlich nie geklärt werden.

Der Fall Axel Weber stellt exemplarisch die Frage nach der Macht der Kommunikation. Es gibt in der Wirtschaft heute kaum noch eine Fusion oder einen Abwehrkampf, der ohne PR-Strategen auskommt – egal ob bei der WestLB, Conti gegen Schaeffler oder beim Konflikt zwischen Hochtief und AIG. Die Kommunikationsberater spielen eine Schlüsselrolle für Aufstieg oder Fall von Managern, für Sieg oder Niederlage von Unternehmen. Sie ziehen wie Nomaden mit ihren Schafen von einer Weide zur nächsten, sobald eine abgegrast ist.

Damit keine Zweifel entstehen, Public Relations, das Vertreten von Interessen für einen Auftraggeber, sind ein legitimer Teil der demokratischen Gesellschaft. Allerdings gibt es ein Problem: Für Aktionäre und Bürger sind die Heerscharen von PR-Leuten unsichtbar. Sie arbeiten im Verborgenen. In den Hinterzimmern der Macht brüten sie ihre Strategien aus. Ihr Ziel ist die Veränderung der Realitätswahrnehmung zum Vorteil des zahlenden Kunden – mit immer größerem Erfolg.

Denn ihr Gegenüber, die Medien, ist längst in eine gefährliche Defensive geraten. Die “vierte Gewalt” hat Risse bekommen. Der unabhängige Journalismus ist wirtschaftlich geschwächt.

Zuerst hat das Platzen der Internetblase und die damit verbundene Werbekrise zu einem Aderlass in den Redaktionen, insbesondere bei Tageszeitungen und Magazinen, geführt. Die Printbranche hat sich davon nicht mehr erholt. Die Wirtschafts- und Finanzkrise in den Jahren 2009 und 2010 hat der Medienindustrie mit rückläufigen Einnahmen aus Werbung und Vertrieb einen weiteren schweren Schlag versetzt. Das Gleichgewicht zwischen Presse und PR ist dadurch zusehends aus den Fugen geraten. Immer weniger unabhängige Journalisten stehen immer mehr interessegeleiteten PR-Managern gegenüber. Eine verlässliche Statistik gibt es nicht. Doch so viel ist klar: Seriöse Medienberater machen sich hinter vorgehaltener Hand bereits Sorgen um die schwindende Zahl der Journalisten.

Als Herbert Riehl-Heyse, der legendäre Autor der “Süddeutschen Zeitung”, vor mittlerweile 22 Jahren sein Buch “Bestellte Wahrheiten” veröffentlichte, löste er einen Skandal aus. Denn das erfolgreiche Buch zeigte erstmals mit plastischen Beispielen, wie “Wahrheiten” und Werbebotschaften unter Ausschluss der Öffentlichkeit entstehen. Filmproduzenten erhalten kostenlose Autos von BMW, VW oder Mercedes, in denen dann Kommissare auf ARD und ZDF unterwegs sind. Heute schmunzeln Leser eher müde über derartige Erkenntnisse. Denn die Verführer der Wahrheit haben es längst geschafft, dass wir derartige Manipulation für normal halten.

Die Wahrheit ist mittlerweile fest im Klammergriff der PR-Industrie. Und die Instrumente werden immer vielfältiger. Mit dem Erfolg sozialer Netzwerke wie Facebook oder Twitter oder Videoplattformen wie Youtube gibt es neue Möglichkeiten der Manipulation. Die Folge dieser Entwicklung ist eine wirtschaftlich und politisch gefährliche Intransparenz.

Die PR-Branche, das Schattenreich der Wahrheit, wächst und gedeiht wie nie zuvor in ihrer Geschichte. Überforderte Vorstände, unsichere Unternehmenskommunikatoren, hilflose Politiker suchen im unübersichtlichen Internetzeitalter nach Rat und Tat. Hinzu kommen noch ehrgeizige Investoren, die keine Scheu haben, auch mit gezinkten Karten ans Ziel zu gelangen. Die Branche, deren Spitzenkräfte Tagessätze von mehreren Tausend Euro verlangen, boomt. Auf der Strecke bleibt die Wahrheit.

Als Google-Chef Eric Schmidt diese Woche die Berliner Humboldt-Universität besuchte, erinnerte er sein Publikum an zwei Voraussetzungen für eine prosperierende Gesellschaft: Transparenz und Innovation. An Erfindungsgeist mangelt es nicht unbedingt in diesem Land, an Transparenz in Wirtschaft und Politik aber schon. Das hat der Fall des Bundesbankpräsidenten Axel Weber eindrucksvoll vor Augen geführt.

Dringender denn je braucht die PR-Branche ein reinigendes Gewitter. Schwarze Schafe der Zunft müssen öffentlich benannt und gerügt werden, wie es beispielsweise der Presserat für die Printmedien seit Jahrzehnten praktiziert. Zu einem seriösen Geschäft mit der Kommunikation gehören eben klare Spielregeln, die öffentlich und nachvollziehbar sind. Die PR-Unternehmen benötigen eine rigorose Selbstkontrolle, die die Grenzen der Vermittler zwischen Wirtschaft und Öffentlichkeit klar definiert. Statt ein Klüngelsystem aus Abhängigkeiten zu weben, sollte die Branche versuchen, Überzeugungsarbeit mit überprüfbaren Informationen zu schaffen.

Und sie sollte sich nicht überschätzen, denn zuweilen gerät ihre Hilfe zum Bärendienst, wie der Fall Weber auch gezeigt hat. “Glaube denen, die die Wahrheit suchen, und zweifle an denen, die sie gefunden haben”, schrieb einst André Gide. Das ist bis heute gültig.

»Dr. Hans-Peter Siebenhaar 22. Februar 2011, 11:57 Uhr

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