»Dr. Hans-Peter Siebenhaar 26. August 2010, 14:27 Uhr

Der andere Blick auf die Bertelsmann Stiftung

Als ich im September 1996 an einem Medienjournalismus-Seminar der Bertelsmann-Stiftung teilnahm, war meine Überraschung groß. Auf dem Workshop ging es im jungen Kollegenkreis kritisch zur Sache. Die wachsende Konzentration von Meinungsmacht in der “decada dorada” der Medienbranche war das beherrschende Thema. Eine Rücksichtnahme auf Bertelsmann gab es nicht. Seminarleiter Dieter Anschlag sparte kein heikles Thema aus. Alle Teilnehmer, mich eingeschlossen, waren begeistert von so viel kritischer Offenheit.

Doch unser Eindruck erwies sich als falsch. Als sich Anschlag, hauptberuflich Redakteur des Fachdienstes “Funkkorrespondenz”, wenige Monate später kritisch mit einem medienpolitischen Papier der Bertelsmann-Stiftung auseinandersetzte, verlor der angesehene Experte seine Aufgabe bei der Stiftung. Ein zweites Seminar über kritischen Medienjournalismus gab es nie wieder.

Thomas Schuler berichtet in seinem Buch “Bertelsmann Republik Deutschland” (Campus, Frankfurt 2010, 304 Seiten, 24,90 Euro) diese Episode wahrheitsgemäß. Sie ist für ihn ein Beleg für Intoleranz. Seiner Meinung nach wurde aus der guten Idee einer Stiftung eine verkehrte Welt. Aus seiner Sicht ist die Stiftung, die 77,4 Prozent an der Bertelsmann AG hält, keine gemeinnützige Einrichtung mehr. Sie diene mit ihrem Netz in Politik und Wirtschaft vor allem den Konzerninteressen.

Die Kritik Schulers an der Stiftung ist gefährlich für die Gütersloher. Denn der Münchener Autor beschädigt das einst hohe Ansehen und gefährdet den steuerlichen Vorteil der Gemeinnützigkeit. Seit Jahren kämpft die Bertelsmann-Eignerfamilie Mohn mit einer wachsenden Kritik aus dem Gewerkschaftslager. Viele Arbeitnehmervertreter verzeihen ihr die Mitarbeit am umstrittenen Hartz-IV-Gesetz nicht.

Schuler hat vier Jahre lang intensiv recherchiert. Er listet Fälle politischer und gesellschaftlicher Einflussnahme auf. Schade, dass sowohl Stiftungschef Gunter Thielen als auch Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn das Gespräch mit dem Autor ablehnten. Sie haben sich mit ihrer Verweigerungshaltung einen Bärendienst erwiesen. Die kürzlich verschickte dreiseitige Stellungnahme der von der Bertelsmann-Stiftung beauftragten Kanzlei P+P Pöllath kann das Werk nicht mehr aus der Welt schaffen.

Dieses Buch wird den Blick auf Bertelsmann und seiner mächtigen Stiftung verändern. Wer die DNA von Europas größtem Medienkonzern verstehen will, kommt um die Lektüre nicht herum. Nur schade, dass der Autor bisweilen persönliche Gemeinheiten nicht lassen kann. So suggeriert er beispielsweise, bei der Promotion von Brigitte Mohn, Tochter Liz Mohns, handele es sich womöglich um einen “gekauften Titel”. Den Beweis bleibt er im Buch allerdings schuldig.

»Dr. Hans-Peter Siebenhaar 26. August 2010, 14:27 Uhr

    3 Kommentare zu “Der andere Blick auf die Bertelsmann Stiftung”


  1. [...] Buch über den Konzern – “Bertelsmann Republik Deutschland” – ist nach Einschätzung eines Rezensenten des Handelsblattes “gefährlich für die Gütersloher “. Schuler [...]

  2. [...] Buch über den Konzern – „Bertelsmann Republik Deutschland“ – ist nach Einschätzung eines Rezensenten des Handelsblattes „gefährlich für die Gütersloher „. [...]

  3. An diesem erstklassigen Medienjournalismus-Seminar habe ich damals auch teilgenommen. Und wie wir inzwischen wissen, haben wir damit eine einzigartige Chance genutzt …