Auf der Trauerfeier am nächsten Freitag für seinen verstorbenen Vater wird Christoph Mohn seinen großen Auftritt haben. In der Gütersloher Stadthalle wird der Sohn des legendären Medienunternehmers Reinhard Mohn im Namen der Familie zu den 1000 eingeladenen Gästen sprechen. Im Gegensatz zu den anderen Rednern der Trauerfeier wie Bundeswirtschaftsminister Karl-Theodor zu Guttenberg (CSU) und NRW-Ministerpräsident Jürgen Rüttgers (CDU) ist Christoph Mohn alles andere als ein begnadeter Rhetoriker. Der stille, im persönlichen Umgang sympathische Unternehmersohn ist eher introvertiert. Der gebürtige Stuttgarter sucht seit jeher nicht die Bühne. Doch in seiner neuen Rolle kommt er um den großen Auftritt in Gütersloher Stadthalle, der live vom konzerneigenen Nachrichtensender N-TV übertragen wird, nicht herum.
Der gescheiterte Vorstandschef und ehemalige Großaktionär des Internetkonzerns Lycos Europe spielt künftig bei Bertelsmann eine Schlüsselrolle. Er zieht in die Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG), dem wahren Machtzentrum von Europas größtem Medienkonzern, ein. Dort war er seit 2003 nur Gast. Außerdem wird er künftig Mitglied des Kuratoriums der Bertelsmann-Stiftung. Dem Aufsichtsrat von Bertelsmann gehört er bereits seit November 2006 an.
Mit seinen neuen Posten wird der Christoph Mohn rehabilitiert. Zu Lebzeiten teilte ihm sein Vater eine Nebenrolle zu. Reinhard Mohn verglich seine Kinder Christoph und Brigitte in seinem letzten Buch. Christoph wurde dabei nur mit einem Halbsatz bedacht. „Während sich unser Sohn Christoph durch große Eigenständigkeit auszeichnet, teilt Brigitte in ihrer zielgerichteten und verantwortungsvollen Art meine Auffassung, dass jedermann mit seiner Arbeit auch einen Beitrag für die Gemeinschaft zu erbringen hat … Sie wird als engagiertes Mitglied des Stiftungsvorstands zweifelsohne auch zukünftig ihren Beitrag zur Kontinuitätssicherung der Bertelsmann Stiftung einbringen.“
Mit der zugedachten Nebenrolle für Christoph ist es nach dem Tod von Reinhard Mohn auf Wunsch seiner Mutter vorbei. Die stille Beisetzung des 88-Jährigen auf dem Neuen Stadtfriedhof in Gütersloh am vergangenen Mittwoch ist eine Zäsur für den derzeit defizitären Konzern. Denn in den nächsten sieben Jahren wird Elisabeth „Liz“ Mohn fest das Zepter bei Bertelsmann in den Händen halten. Die 68-jährige ehemalige Telefonistin des Buchklubs in Rheda-Wiedenbrück besitzt wie einst ihr Mann das Vetorecht in der Machtzentrale BVG. „Reinhard Mohn hat gewollt, dass seine Frau Liz seine Rolle übernimmt“ sagte Bertelsmann-Aufsichtsratschef Gunter Thielen der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“. In den eigenen Reihen ist diese Schlussfolgerung durchaus umstritten. „Liz Mohn hat die Macht im Konzern für sich reklamiert. Und Reinhard Mohn hatte nicht mehr die Kraft, etwas dagegen zu setzen“, sagte ein Jahrzehnte langer Bertelsmann-Mitarbeiter gestern.
Erst mit 75 Jahren wird Liz Mohn als BVG-Chefin und Sprecherin der Familie abtreten. Sie darf ihren Nachfolger oder Nachfolgerin selbst bestimmen. „Es gibt keinen
Automatismus, nach dem Brigitte Mohn später die Rolle ihrer Mutterübernimmt. Christoph Mohn hat die gleichen Chancen wie seine Schwester“, sagte Thielen im Namen von Liz Mohn.
Mit der zweiten Chance für Christoph Mohn ist nun das Rennen um die Macht bei Bertelsmann neu eröffnet. Bislang galt seine Schwester, die frühere Unternehmensberaterin Brigitte Mohn, als die Kronprinzessin. Seit vergangenem Jahr gehört die Politikwissenschaftlerin dem Bertelsmann-Aufsichtsrat an. Seit Anfang 2005 ist sie Vorstandsmitglied der Bertelsmann-Stiftung. Außerdem ist sie Mitglied der BVG und des Bertelsmann-Aufsichtsrates. Der in Hamburger lebende Bruder Andreas spielt auf Grund einer Krankheit keine Schüsselrolle.
In dem vom früheren Bertelsmann-Chef Thielen ausgerufenen Duell fühlt sich Christoph nicht unbedingt wohl. Sein Machtwille ist seit jeher nicht besonders stark ausgeprägt. „Für die Kinder ist das Ganze eine riesige Bürde. Sowohl Christoph als auch Brigitte haben nicht den Machtwillen der Mutter“, sagt ein langjähriger Kenner der Familie. Innerhalb des Konzerns bleibt der bescheidene Christoph Mohn gerne am Rande. Mit seinen beiden Kindern und seiner Frau Shobhna, einer aus Indien stammenden Mathematikerin, die als Finanzmanagerin unter Bertelsmann-Finanzvorstand Thomas Rabe arbeitet, lebt er zurückgezogen am Stadtrand von Gütersloh.
Europas größter Medienkonzern befindet sich derzeit in schwerem Fahrwasser. Im ersten Halbjahr wies Bertelsmann einen Konzernfehlbetrag von 333 Mio. Euro aus. Der Umsatz ging um 6,8 Prozent auf knapp 7,2 Mrd. Euro zurück.
Einst war ein schwarzer Labrador der treueste Begleiter für Christoph Mohn. Der Edelhund war das Logo seines gescheiterten Internetunternehmens Lycos Europe. Glück brachte ihn der Labrador nicht. In seiner Rolle als Vorstandschef spielte der heute 44-Jährige jahrelang eine traurige Rolle. Bei Lycos Europe verbrannte er nach dem Börsengang im Jahr 2000 mehr als eine halbe Milliarde Euro. Immer wieder vertröstete er seine vielen Kleinaktionäre. Von Bertelsmann-Vorständen wurde hinter vorgehaltener Hand das Fiasko von Christoph mitleidig belächelt. Thielen fürchtete bereits über Jahre das Schlimmste. Im November 2008 war die Firma, die nie schwarze Zahlen schrieb, schließlich am Ende. 500 Mitarbeiter – darunter auch 220 in Gütersloh – verloren ihren Arbeitsplatz.
„Wer die Suppe eingebrockt hat, muss sie auch auslöffeln“, sagte der damalige Lycos-Aufsichtsratschef Jürgen Richter. „Christoph Mohn lernt nun für Leben.“ Der ehemalige Vorstandsvorsitzende des Zeitungskonzerns Axel Springer war von Thielen geholt worden, um den Mohn-Filius aus der Patsche zu helfen. Vergeblich.
Nun erhält aber erhält der studierte Betriebswirt seine zweite Chance. Diesmal geht es um mehr als ein überschaubares Online-Unternehmen. Es geht um alles bei Bertelsmann. Sein öffentlicher Auftritt bei der Trauerfeier am nächsten Freitagvormittag ist der Beginn einer neuen Zeitrechnung in Gütersloh.









