» 26. November 2008, 16:27 Uhr

Lycos und das Desaster für Christoph Mohn

Christoph Mohn wird am 12. Dezember in Amsterdam im Hotel Okura (Ferdinand Bolstraat 333) viele Fragen zu beantworten haben. Denn auf der Hauptversammlung will der Vorstandschef des Internetunternehmens Lycos Europe sein Unternehmen "beerdigen". Nur 50 Mio. Euro sollen an die Aktionäre fließen. Wo bleibt eigentlich das restliche Geld? Schließlich hat das in den Niederlanden notierten Börsenunternehmen zum 30. September noch liquide Mittel von 139,2 Mio. Euro ausgewiesen. Das gibt es eine Lücke.

Lycos Europe – das ist eine traurige Geschichte, die filmreif ist. "Das ist eine brutale Landung für Christoph", sagte ein Insider in Gütersloh. Als der Milliardärssohn Christoph Mohn mit seinem Internetkonzern Lycos Europe auf dem Höhepunkt der New Economy im Frühjahr 2000 an die Börse ging, war der Jubel groß. Die Aktie war bei der Emission 33-mal (!) überzeichnet. Wegen der riesigen Nachfrage musste das Papier der Bertelsmann-Tochter verlost werden. Doch der einstige Börsenstar entwickelte sich schnell zur legendären Lachnummer. Egal ob Web 1.0 oder Web 2.0 – Lycos Europe lag stets messerscharf daneben. Nun gibt Christoph Mohn endgültig auf.

Er verkauft zwei Drittel seiner Internetgeschäfte. Der Rest wird einfach eingestellt. 500 Jobs gehen kaputt. Allein in Gütersloh sind es 220 Arbeitspläzte. Mehr als 200 Stellen fallen in der armenischen Hauptstadt Eriwan weg. Dort hatte Lycos seine Software-Schmiede.

Für den Konzernlenker und Großaktionär Christoph Mohn ist das traurige Ende seines Unternehmens ein Drama. Denn der Sohn des legendären Bertelsmann-Patriarchen Reinhard Mohn hat damit seinen unternehmerischen Kredit verspielt. Seit dem Börsengang hat er über 600 Millionen Euro verbrannt. In elf Jahren hat Mohn kein tragfähiges Geschäftsmodell für seine Firma gefunden. Am Ende zog sogar Großaktionär Bertelsmann die schützende Hand zurück. Das ist bitter. Schließlich sitzt der Sohn von Liz und Reinhard Mohn seit zwei Jahren im Aufsichtsrat von Europas größtem Medienkonzern.

Das Desaster des Mohn-Sprösslings wird Folgen für den Generationswechsel bei Bertelsmann haben. Denn der 43-jährige Betriebswirt soll keine zentrale Rolle mehr spielen. Sein 87-jähriger Vater sieht offenbar seine Schwester Brigitte, eine frühere McKinsey-Beraterin, als künftige Chefin der Familie. Für seinen Sohn hatte Reinhard Mohn zuletzt öffentlich nur wenige anerkennende Worte übrig. Er lobte seine große Eigenständigkeit. Aber genau diese Eigenständigkeit ist dem Unternehmer Christoph Mohn nun zum Verhängnis geworden.

Auch für Aufsichtsratschef Jürgen Richter ist Lycos kein Ruhmesblatt. Zuletzt prügelte der frühere Chef des Zeitungskonzerns Axel Springer noch auf seinen Nachfolger Mathias Döpfner in der "Frankfurter Allgemeinen Zeitung" ein. Doch nun ist Richter selbst gescheitert. Fünf Jahre versuchte er für Christoph Mohn die Kastanien aus dem Feuer zu holen. Alles vergeblich. Um Christoph Mohn ist es in Gütersloh einsam geworden. Selbst Aufsichtsratschef Richter ließ sich am Tag des Waterloos nicht mit Christoph Mohn von den Lokaljournalisten in Gütersloh ablichten.

Für den Verlierer spendet nicht einmal die ansonsten kommunikative Bertelsmann-Zentrale ein paar trostende Worte. Viele fragen sich: wo liegt die Zukunft für Christoph Mohn? In Gütersloh gibt es derzeit noch keine Antwort.

» 26. November 2008, 16:27 Uhr

    7 Kommentare zu “Lycos und das Desaster für Christoph Mohn”


  1. Da fragt man sich beim lesen ja schon, ob man nicht irgendwie auf den Kopf gefallen ist.

  2. Krass! Hätte ich garnicht gedacht…

  3. Ich stimme dem Kommentar von K.H. zu, denn während Erwin Huber nach 30 Milliarden Verlust für die Bayern LB zum “Wirtschaftspolitischen Sprecher” der CSU ernannt wird, während Hans-Werner Sinn, hochbezahlter Beamter des bayerischen Staates für die Folgen der von ihm stets geforderten “Liberalisierung der Finanzmärkte” mit keinem Cent geradesteht und der ehemalige IKB-Aufsichtsrat Asmussen, der der IKB 2005 mehr “strukturierte Finanzierungen” empfahl, heute Staatsekretär im Finanzministerium ist, stehen Christoph Mohn und seine Familie für ihre Erfolge und Mißerfolge gerade.
    Ich schreibe das, obwohl ich seit 8 Jahren vergeblich versucht habe, Lycos zeitgemäße Web 2.0 Software zu verkaufen und die Reinhard Mohn Fellowship, an der ich teilnehmen durfte, geschlossen wurde.
    Dennoch wird die Familie Mohn eine nicht nur für mich respektable Unternehmerfamilie bleiben, auch dann wenn, wie eben ganz normal in der Entrepreneurship, große Verluste gemacht werden.
    @ Maximilian Tritschler: Übrigens hat Christoph Mohn immer ausreichend Spezialisten an Bord gehabt und wäre möglicherweise besser gefahren, wenn er nicht mehr, sondern weniger auf sie gehört hätte.
    @Lieber Herr Siebenhaar, anders als die ideologisch verblendete Bertelsmann-Stiftung bietet m.E. die freier finanzierte Niederlage eines Unternehmens, das Web 2.0 verschlafen hat (Anm.: Weil es dafür keinen von den Beratern akzeptierten Businessplan gab)wenig Anlaß zur Häme.
    Millionen T-Aktionäre mußten auch erleben, daß ihre Aktie um 90% abgewertet wurde.
    Ich wünsche Christoph Mohn alles Glück für seine nächsten Projekte!

  4. K.-H. sagt:

    Warum soll er sein Vermögen – oder Teile davon -, selbst wenn es ererbt ist, nicht nach Lust und Laune verdatteln? Das sei ihm unbenommen, solange er dies nicht mit fremdem Geld macht, wie es unsere Politiker so gern vormachen. Also: Hochachtung, Mohn jr., dafür, daß er öffentlich scheitert und sich dazu bekennt. Eine zweite Chance sei ihm gegönnt.

  5. Falk Madeja sagt:

    Es war wohl doch die Geschichte von “Der Kaiser ist nackt”. Mohn ist halt Familie Mohn.

  6. Wenn ich nach zwei Geschäftsjahren sehe, dass mein Geschäftsmodell nicht funktioniert, dann baue ich es um oder lasse es sein. Oder hole mir zumindest Spezialisten an Bord…

  7. wie kann man nur 600 Millionen in 11 Jahren in den Sand setzen und nicht schon seit jahren abgesetzt sein. Ganz ehrlich, wer sollte da noch warme Worte finden?