Keine Echternacher Springprozession in Gütersloh

Thomas Rabe gibt bei Bertelsmann nach Jahren der Lähmung endlich Gas. Der neue Vorstandschef des Gütersloher Familienunternehmens macht Schluss mit der Idee, dass Druckereien unbedingt zum Portfolio gehören müssen. Auf der anderen Seite leitet er einen Neuanfang ein, indem er dem Ausbau des Servicegeschäfts in einer digitalen Welt höchste Priorität gibt.

Von einer Kehrtwende ist auch der Aufsichtsrat überzeugt. Rabe hat das Kontrollgremium überzeugt, dass Bertelsmann am besten bedient ist, wenn der Konzern seine Druckereien schleunigst in einem neuen Geschäftsbereich zusammenfasst. Die entsprechenden Betriebe von Arvato und dem Tiefdruckkonzern Prinovis werden zu einer neuen Einheit fusionieren. Der Umsatz der neuen Drucktochter, bislang noch ohne Namen und Geschäftsführer, liegt mit Ablegern in Deutschland, Großbritannien, Italien, Spanien und USA bei 1,2 Milliarden Euro.

Das Druckgeschäft auszugliedern ist ein Tabubruch. Rabes Vorgänger Hartmut Ostrowski und Gunter Thielen hatten hier viel Geld, zu viel Geld investiert. Unter ihrer Führung wurden noch teure Zeitschrift- und Katalogdruckereien in Italien und Großbritannien aus dem Boden gestampft – in völliger Verkennung der digitalen Medienzukunft. Experten gehen von einem investierten Kapital von rund 600 Millionen Euro aus. Dabei war schon länger klar: Auch die Bertelsmann-Druckereien werden unter sinkenden Preisen und großen Überkapazitäten brutal leiden. Die Marktbereinigung läuft auf vollen Touren; im vergangenen Jahr ist der Konkurrent Schlott pleitegegangen. Andere Unternehmen könnten folgen. Die von Rabe nun eingeleitete Konzentration auf das Dienstleistungsgeschäft soll Arvato endlich wieder auf den Wachstumspfad zurückbringen. Natürlich ist das verbleibende Geschäft mit Dienstleistungen und Logistik kleinteilig, kompliziert und margenschwach – doch es besitzt auch gewaltiges Wachstumspotenzial.

Rabe, seit Jahresbeginn auf der Kommandobrücke in Gütersloh, unterscheidet sich von seinen Vorgängern radikal. Im Gegensatz zu Thomas Middelhoff, Gunter Thielen und Hartmut Ostrowski wurde er nicht über die Druckereien bei Arvato sozialisiert. Er ist der erste Vorstandschef in Gütersloh, der den Siegeszug des Internets als unternehmerische Chance und nicht als Gefahr begreift. Der 46-Jährige trieb das Geschäft mit den Musikrechten energisch an, traf die überfällige Entscheidung, ins Bildungsgeschäft vorzustoßen und befreit Arvato nun von den Druckereien, damit das Unternehmen wieder seine Rolle als Wachstumslokomotive des Konzerns finden kann. Zudem treibt Rabe die Internationalisierung des Familienunternehmens voran und erschließt neue Märkte in Indien, China und Lateinamerika. Bände spricht auch, dass er umgehend Thomas Hesse, der seit sieben Jahren das Digitalgeschäft des Musikkonzerns Sony Music verantwortete, für das Digitalgeschäft in den Bertelsmann-Vorstand berufen hat.

Über viele Jahre glich die Strategie von Bertelsmann der Echternacher Springprozession: drei Schritte vor und zwei zurück. Die Zeiten sind mit dem ausgerechnet im benachbarten Luxemburg geborenen Rabe offensichtlich passé und das ist gut so.

Paukenschlag in Gütersloh

Der Chefwechsel bei Bertelsmann ist ein Paukenschlag. Noch bis vor kurzem hätte es niemand für möglich gehalten, dass Hartmut Ostrowski als Konzernchef abgelöst wird. Der gebürtige Bielefelder hatte zuletzt eine solide Halbjahresbilanz vorgelegt. Alle Teilbereiche des Konzerns mit Ausnahme des margenschwachen Druck- und Mediendienstleisters Arvato erzielen gute Renditen. Der Schuldenberg, der Bertelsmann über Jahre gequält hatte, ist längst kein Problem mehr.

Doch auf den zweiten Blick ist der Wechsel an der Vorstandsspitze sinnvoll und logisch: Hartmut Ostrowski hat es nicht verstanden, seine Mannschaft zu Höchstleistungen zu motivieren. Auf dem öffentlichen Parkett machte der frühere Arvato-Vorstand oft keine „bella figura“. Er schaffte es nicht, Europas größtem Medienkonzern Fantasie und Selbstvertrauen zu vermitteln. Um Bertelsmann wieder an die Weltspitze der Mediengiganten zu katapultieren, muss das Familienunternehmen aber schneller wachsen als bisher.

Der Nachfolger, Thomas Rabe, ist ein Mann der Ungeduld. Der langjährige Finanzvorstand stürmt gerne nach vorne und nutzt auch gerne unkonventionelle Möglichkeiten. Das bewies der Sohn eines EU-Beamten beim Aufbau des Musikverlaggeschäfts. Mit der Unterstützung des Finanzinvestors KKR gelang es ihm innerhalb von zwei Jahren, ein komplett neues Geschäftsfeld für Bertelsmann aufzubauen: Die BMG Rights Management, die Musikrechtetochter, ist sein Meisterstück auf dem Weg an die Bertelsmannspitze.

Offenbar hat Bertelsmann-Matriarchin Liz Mohn gemerkt, dass das traditionsreiche Familienunternehmen mit einer Strategie des Erhaltens und Bewahrens auf dem Weg in eine Sackgasse war. Denn die Medienindustrie verändert sich mit großer Geschwindigkeit. Die Digitalisierung schlägt auf die Stammgeschäfte wie Fernsehen, Zeitschriften und Bücher mit voller Wucht durch. Der Konzern aus Ostwestfalen muss in einer globalisierten Kommunikationswirtschaft umgehend Antworten auf die Frage finden, wie er hierauf reagieren will.

Der abrupte Vorstandswechsel hinterlässt auch Fragezeichen. Warum verlässt Hartmut Ostrowski die Kommandobrücke in Gütersloh so schnell? Ein geordneter Übergang sieht auf alle Fälle anders aus. Der Konzern befindet sich nach der gestrigen Ad-hoc-Meldung in einer Art Schockzustand. Denn selbst Führungskräfte waren bis kurz vor der Entscheidung nicht informiert worden. Es kommt nun darauf an, dass der neue Vorstandschef alsbald neues Vertrauen in die Konzernführung aufbaut.

Das traditionsreiche Familienunternehmen ist in einer Übergangsphase. Noch hat Liz Mohn das Zepter fest in der Hand. Doch um das Familienunternehmen in die Zukunft zu führen, sollte sich die Witwe von Reinhard Mohn möglichst früh entscheiden, welches ihrer Kinder zukünftig die Macht in den Händen halten wird. Zumindest im Vorstand ist mit der Entscheidung für Thomas Rabe der dringend notwendige Generationenwechsel eingeleitet worden. In der Familie steht er noch bevor.

Springer: Seiltanz mit Absturzgefahr

Mathias Döpfner spielt Medien-Monopoly. Der Chef des Axel Springer Verlages will die WAZ-Gruppe für 1,4 Milliarden Euro übernehmen. Das Übernahmeangebot ist eine Ermutigung für die gesamte Printbranche. Trotz zahlreicher Zukäufe im Internet ist Springer von der Zukunftsfähigkeit des Zeitungsgeschäfts offenbar zutiefst überzeugt. Das Essener Verlagshaus verspricht schließlich schöne Einnahmen. Bei Erlösen von 1,2 Milliarden Euro fährt einer der größten Regionalzeitungsverlage Europas zweistellige Renditen ein, zumindest behauptet man das in Essen von sich selbst.

Die Chancen Döpfners, ans Ziel zu kommen, sind gering. Denn die Funke-Gruppe, der die Hälfte der Anteile an der WAZ-Gruppe gehört, lehnte das Springer-Angebot ab. Das war keine Überraschung, schließlich macht Döpfner mit seiner Offerte der WAZ-Gesellschafterin Petra Grotkamp einen Strich durch die Rechnung. Denn die Tochter des WAZ-Mitbegründers Jakob Funke wollte sich für nur rund eine halbe Milliarde Euro die Mehrheit an dem finanzstarken Verlagshaus aus dem Ruhrgebiet sichern. Der Coup, für relativ wenig Geld die Kontrolle über die WAZ zu gewinnen, wird mit dem Springer-Angebot zur “mission impossible”.

Auch kartellrechtlich ist das Vorhaben Döpfners ein Seiltanz mit größtmöglicher Absturzgefahr. Denn die Wettbewerbshüter hatten zuletzt im Medienbereich immer sehr restriktiv entschieden. Insbesondere Springer hat mit den Kartellbeamten schlechte Erfahrungen gemacht. So vereitelten die Wettbewerbshüter die langersehnte Übernahme des Fernsehkonzerns Pro Sieben Sat 1 mit dem Hinweis auf die Werbemacht der beiden Schwergewichte.

Döpfner ist natürlich nicht naiv. Er hat mit seinem überraschenden Angebot zweierlei erreicht. Zum einen treibt er den Preis beim bevorstehenden Anteilsverkauf durch die Brost-Enkel hoch. Testamentsvollstrecker Peter Heinemann, der die Interessen der drei Nachkommen aus der Gründerfamilie Brost vertritt, wird nach der Offerte kaum dem 500-Millionen-Angebot von Petra Grotkamp zustimmen können. Der Sohn des früheren Bundespräsidenten zitierte bereits hintersinnig aus dem Neuen Testament. Bei Paulus im 1. Timotheus-Brief heißt es: “Prüfet alles, und behaltet das Beste.”

Außerdem sorgt Döpfner für Bewegung im WAZ-Gesellschafterkreis. Für den Springer-Chef wäre auch der Erwerb des 50-Prozent-Anteils an der WAZ-Gruppe ein Coup. Denn dann liefe gegen seinen Willen nichts mehr. Doch es gibt noch eine Möglichkeit, nämlich den Kauf von einzelnen Teilen der WAZ. Deren Beteiligungen in Österreich an “Krone” und “Kurier” wären eine ideale Ergänzung für den Berliner Konzern. Aber auch die WAZ-Programmzeitschriften und die Anzeigenblätter würden exzellent ins Portfolio bei Springer passen. Selbst die ungeliebten WAZ-Beteiligungen in Südosteuropa würden Springers Joint Venture mit dem Schweizer Verlagshaus Ringier nutzen. So hat Döpfner fürs Ganze geboten – aber vielleicht nur auf Teile gezielt.

Amazon: Jeff Bezos’ Meisterstück

Jeff Bezos, Gründer und Chef des weltgrößten Internethändlers Amazon, hatte mächtig die Werbetrommel für seinen neuen Tablet-PC gerührt. Zu Recht. Denn der preiswerte Minicomputer mit Internetanschluss wird den Wandel von der analogen zur digitalen Welt beschleunigen.

Dank eines niedrigen Einstiegspreises von 200 Dollar wird er Millionen von Nutzern dazu bewegen, Bücher, Musik und Videos aus dem Internet herunterzuladen und sie auf dem handlichen Bildschirm zu nutzen.

Auf den ersten Blick ist der gestern vorgestellte Tablet-PC von Amazon nur ein Angriff auf Apple. Schließlich hatte der Unterhaltungskonzern aus dem kalifornischen Cupertino mit seinem iPad bislang eine Art Quasimonopol bei den Minicomputern. Fast drei Viertel aller Tablet-PCs stammen von Apple. Mit diesen Rekordzahlen wird es aber bald vorbei sein, denn der neue Kindle kostet nur halb so viel wie ein iPad.

Doch Jeff Bezos greift mit dem neuen Flachcomputer nicht nur den Erzrivalen Apple an, sondern den Buchmarkt insgesamt. Denn der Amazon-Chef weiß genau: Das große Geschäft ist nicht der Verkauf von Computern, sondern von Inhalten. Dort ist das große Geld mit hohen Margen zu holen.

Noch spielt das E-Book in Deutschland nur eine bescheidene Nebenrolle. Branchenteilnehmer schätzen den Umsatz von elektronischen Büchern auf unter einem Prozent ein. Das wird sich sehr bald ändern. Der Buchmarkt in den USA macht es vor. Dort wird der Anteil der E-Books dieses Jahr erstmals die Zehnprozentgrenze überspringen. Der neue Kindle wird den Prozess beschleunigen.

Angesichts dieser Marktentwicklung droht der klassische Sortimentsbuchhandel, wie wir ihn in Deutschland schätzen, unter die Räder zu kommen. Noch macht der klassische Buchhandel mehr als die Hälfte aller Umsätze in dem fast zehn Milliarden Euro großen Markt aus. Doch wie lange noch, wenn jedes Buch innerhalb von einer Minute rund um die Uhr zu haben ist? Auf den Buchhandel – auch in Deutschland – kommen schwere Zeiten zu.

Buchpremiere: Das neue Selbstbewusstsein der Liz Mohn

Gleich vorweg: Die Lektüre des nagelneuen Buches von Liz Mohn mit dem eher konventionellen Titel “Schlüsselmomente – Erfahrungen eines engagierten Lebens” (C. Bertelsmann, München 2011, 191 Seiten, 19,99 Euro) macht Spaß. Denn das zweite Werk der Bertelsmann-Matriarchin ist geprägt von einer Zuversicht, die gerade in diesen wirtschaftlich volatilen Zeiten sehr notwendig ist. Und das Buch präsentiert eine Liz Mohn, die heute selbstbewusst, aber auch nachdenklich und analytisch ist.

Ein Buch von Liz Mohn ist immer ein Ereignis. Als sie vor zehn Jahren ihr Buch “Liebe öffnet Herzen” veröffentlichte, verschwieg sie noch ein wichtiges Kapitel ihres Lebens. Trotz ihrer großen Liebe zum 20 Jahre älteren Reinhard Mohn, den die 17-jährige, gelernte Zahnarzthelferin Elisabeth (Liz) Beckmann im Jahr 1958 bei einer Betriebsfeier kennen lernt, heiratet sie zunächst ihren Bertelsmann-Buchklub-Kollegen Joachim Scholz, mit dem sie drei Kinder bekommt – zumindest formal. Brigitte, Christoph und Andreas sind jedoch die leiblichen Kinder Reinhard Mohns. Erst nach 15 Jahren lassen sich die Scholzens scheiden. Der Weg für die Ehe mit Reinhard Mohn wird frei. Früher brachte Liz Mohn nicht den Mut auf, diesen Teil ihres Lebens zu erzählen. Das Schweigen löste eine Reihe kritischer Bertelsmann-Bücher aus. Thomas Schulers Titel “Die Mohns” (2004) hat mit dem Mythos des einträchtigen Familienunternehmens endgültig aufgeräumt.

In ihrem zweiten Buch “Schlüsselmomente” spricht die 70-Jährige nun mit einer erstaunlichen Offenheit über ihren sozialen Aufstieg. Das macht die Lektüre spannend. Über ihre schwierige Zeit in einer falschen Ehe schreibt sie heute: “Die Hoffnung auf ein gemeinsames Leben war gering.” Und weiter: “Es ist kein einfacher Lebensabschnitt gewesen …”

“Probier’s mal. Du schaffst es!” heißt das Lebensmotto der Witwe des 2009 verstorbenen Unternehmers Mohn. Einst wurde Liz Mohn mit ihrem Frauenzirkel von Führungskräften im Konzern belächelt. Doch mit Zielstrebigkeit, Hartnäckigkeit und einem Stück Selbstaufgabe hat es Liz Mohn nach ganz oben geschafft. “Ich bin zutiefst überzeugt, dass man das Unmögliche wagen muss, wenn man das Mögliche erreichen will”, schreibt sie. Heute steht Liz Mohn an der Spitze der Bertelsmann-Verwaltungsgesellschaft (BVG), ist Aufsichtsratsmitglied der Bertelsmann AG und Vizevorstandsvorsitzende der Bertelsmann-Stiftung. Die Ostwestfälin, die nur bis zum 14. Lebensjahr eine Schule besucht hat, zählt neben Friede Springer und Maria-Elisabeth Schaeffler zu den wichtigsten weiblichen Persönlichkeiten der deutschen Wirtschaft.

Ihre Momentaufnahmen des Lebens geben einen tiefen Einblick in ihre intuitiven Entscheidungsprozesse. Mehr Bauch statt nur immer den Verstand. Wer allerdings damit gerechnet hat, etwas über ihre Nachfolge als Familiensprecherin an der Spitze der BVG zu erfahren, wird enttäuscht. Diese Entscheidung ist noch offen. Maximal fünf Jahre hat Liz Mohn dafür noch Zeit. Und für Überraschungen war sie immer gut

Rolling Stones – der rollende Rubel

Eine gute Nachricht: Die Rolling Stones planen zum 50-jährigen Bestehen der Band im nächsten Jahr eine Welttour. Mick Jagger, Keith Richards, Ron Wood und Charlie Watts trafen sich im Büro ihres Managements in London, um über das Vorhaben zu sprechen. Das berichtete die britische Zeitung “Daily Mail”. “Schön wäre es, zum Jubiläum im Marquee Club zu feiern, da, wo alles begann”, sagte Sänger Mick Jagger am Wochenende. Am 12. Juli 1962 gaben die Stones ihr erstes Konzert überhaupt.

Die Jubiläumstour könnte ein riesiges Geschäft für das steinreiche Quartett werden, sollte sie einen ähnlichen Umfang haben wie die letzte Tournee vor vier Jahren. Der Konzertreigen “A Bigger Bang” sorgte mit Einnahmen von umgerechnet 400 Millionen Euro für einen Rekord im Musikgeschäft. Bei ihren letzten Auftritten in Deutschland, die von einer Tochter des Konzernveranstalters CTS Eventim organisiert wurden, lagen die Kartenpreise zwischen 80 und 200 Euro. Weltweit verkauften die Stones rund 4,5 Millionen Tickets bei 147 Konzerten in 32 Ländern.

“Die Rolling Stones sind ein Beweis dafür, dass sich eine jahrzehntelange Aufbauarbeit für die Künstler und für die Musikindustrie lohnt”, sagte Dieter Gorny, Chef des Bundesverbands Musikindustrie. Tatsächlich ist die Attraktivität der Band ungebrochen. “Die Rolling Stones sind dank ihres grandiosen Lebenswerks immer noch eine starke Marke, die generationenübergreifend ankommt”, sagte mir Klaus-Peter Schulenberg, Vorstandschef von CTS Eventim. “Seit einem halben Jahrhundert steht die Band für spektakuläre Livemusik. Es gibt nicht viele Künstler, die schon so lange in der ersten Liga spielen”, sagte der Chef des größten Konzertveranstalters in Deutschland. Auch Gorny, früher Chef des Musiksenders Viva, ist von der Zugkraft des Quartetts überzeugt: “Die Band hat eine ungebrochene Symbolkraft und Magie, denn sie steht für den Beginn des Pop-Zeitalters.”

Die Vorbereitungen für die Jubiläumstour stehen erst am Anfang. Der Umfang der Konzertreihe sowie die Auftrittsorte sind noch nicht bekannt. Offen ist auch, ob CTS Eventim bei der Vermarktung eine Rolle spielen wird.

Die Begeisterung der vier älteren Herren für einen Konzertmarathon rund um die Welt ist groß. Schon im Juli sagte Gitarrist Wood der britischen Zeitung “Evening Standard”: “Ich weiß, dass Keith das voll unterstützt wie der Rest der Jungs.” Mick Jagger ist 68 Jahre alt, Keith Richards 67, Ron Wood 64 und Schlagzeuger Charlie Watts 70.

Doch bevor es auf Tour geht, macht Jagger einen Alleingang – es ist bereits sein fünfter. Er veröffentlicht mit der Band “Super Heavy” ein neues Album, um “Musiker aus unterschiedlichsten Kulturen und Regionen zusammenzubringen”. Im Interview mit dem ZDF sagte er: “Es ist keine Weltmusik. Es ist ein Experiment.” Das neue Werk, an dem Eurythmics-Gitarrist Dave Stuart und Bob Marleys Sohn Damian mitwirkten, wird nach Angaben von Universal Music Mitte des Monats erscheinen. Bei den Internethändlern Amazon und iTunes kann das Album, das Soul, Reggae und Bollywood musikalisch mixt, vorbestellt werden. Die Platte wird von Universal Music, dem größten Musikkonzern der Welt, vertrieben.

Für Universal, eine Tochter des Vivendi-Konzerns, wäre die Jubiläumstour wirtschaftlich hochinteressant. Denn der globale Konzertreigen würde die Nachfrage nach den mehr als 200 Songs, die Jagger und Richards geschrieben haben, erneut anheizen. “Für Universal sind die Rolling Stones eine Frage des Prestiges”, sagte ein Brancheninsider. Das Geschäft mit Live-Auftritten läuft gut. Für die Bands sind Konzerte lukrativer als CD-Verkäufe. “Aufgrund der Markenkraft konnten große Bands die Einbußen durch die rückläufigen CD-Verkäufe kompensieren”, sagte Gorny. Mit Live-Auftritten setzt die Musikbranche doppelt so viel um wie mit dem Verkauf von Tonträgern.

Bei den Stones soll die Quote nach Meinung von Insidern sogar noch deutlich höher liegen. Verlässliche Zahlen veröffentlichen weder die Band noch die Musikfirmen. Mick Jagger, ehemals Student an der London School of Economics, gilt als ausgebuffter Geschäftsmann, wenn es um die Vermarktung der ältesten Rockband der Welt geht.

Eigene Memoiren will Jagger trotz des hohen Interesses der Buchbranche nicht schreiben. “Auf die eigene Vergangenheit zurückzuschauen, ist schlecht für die Psyche”, sagte die Rocklegende zuletzt. 2010 hatte sein Kollege Keith Richards einen Rückblick auf sein wildes Leben mit Musik, Drogen und Luxus geschrieben. Das Buch “Life” wurde ein Welterfolg. Jüngst wurde Richards im Londoner Royal Opera House mit dem vom Magazin “GQ” vergebenen Award “Schriftsteller des Jahres” ausgezeichnet.

Polen – das neue Eldorado für RTL?

Wenn Gerhard Zeiler am Wochenende entlang der Salzach in Richtung Hallein radelt, denkt er nicht nur über die Schönheit seiner österreichischen Heimat nach. Den Vorstandschef der RTL-Group bewegt in diesen Tagen die womöglich größte Akquisition seiner Amtszeit. Denn der größte polnische Fernseh- und Internetkonzern TVN steht zum Verkauf. Die Erben des 2009 verstorbenen Gründers Jan Wejchert und die anderen beiden Gründer Mariusz Walter und Bruno Valsangiacomo bieten 56 Prozent der TVN-Aktien an. Die Transaktion soll in der zweiten September-Hälfte über die Bühne gehen.

Schon lange hat Zeiler ein Auge auf den lukrativen polnischen Markt geworfen. Bereits 2006 versuchte der Wiener den Einstieg beim Privatsender Polsat. Doch die Übernahme scheiterte an hohen Preisvorstellungen. Auch fünf Jahre später ist der Einstieg nicht billig. Denn für ihr Aktienpaket wollen die Verkäufer offenbar einen Aufschlag zwischen 30 und 50 Prozent. So wäre rund eine Milliarde Euro für die Mehrheit fällig.

Die Bertelsmann-Tochter kann sich den Zukauf durchaus leisten. Denn RTL hat 973 Millionen Euro auf der hohen Kante. Doch bei der Expansion in neue Auslandsmärkte ist Vorsicht angesagt. In der Vergangenheit hatte RTL nicht immer ein glückliches Händchen. Der Einstieg in Griechenland, wenige Wochen vor dem Zusammenbruch von Lehman Brothers, ist bislang ein Fiasko. In Großbritannien scheiterte RTL trotz vieler Klimmzüge bei Five. Frustriert verkaufte Zeiler schließlich 2010 den Londoner Kanal.

Polen hingegen ist noch immer ein Eldorado. TVN, ein Konzern mit Spartenkanälen, Bezahlfernsehen, Teleshopping und Internetfirmen, wuchs im vergangenen Quartal teilweise zweistellig. Die Ebitda-Marge (Gewinn-Marge vor Zinsen, Steuern und Abschreibungen) im TV-Geschäft liegt bei 43 Prozent. Für 2012 rechnet die TVN-Führung mit einem Umsatzwachstum von elf Prozent. Solche Aussichten locken naturgemäß viele Investoren, darunter auch Time Warner, Vivendi und Liberty. Das Wettrennen um TVN hat erst begonnen.

Der verwirrte Zuschauer schaltet einfach ab

Das waren noch Zeiten, als es am Fernsehapparat für jedes Programm eine einzelne Taste gab. TV in der analogen Steinzeit war eine ausgesprochen übersichtliche Angelegenheit. Am Ende der Sendezeit zu Mitternacht wurde die deutsche Nationalhymne abgespielt. Aus, Schluss, fertig! Niemand wird sich ernsthaft mehr nach den alten Zeiten des öffentlich-rechtlichen Monopols zurücksehnen, doch die neue Unübersichtlichkeit im digitalen Zeitalter hat auch ihre Schattenseiten. Der Fernsehzuschauer findet sich zwischen Hunderten von Kanälen kaum noch zurecht. Er schaltet ab.

Die Fragmentierung im Fernsehmarkt hat bereits Opfer gefordert. Nicht mehr alle Fernsehsender können wirtschaftlich überleben. Zuletzt hatte Pro Sieben Sat 1 den umstrittenen Quizsender Neun Live wegen wirtschaftlicher Erfolglosigkeit eingestellt. Zuvor starben bereits der Computerspielkanal Giga TV und der Literaturkanal Lettra. Der frühere Spielfilmsender Das Vierte muss sich in einen Einkaufssender verwandeln, um noch zu überleben.

Der Zuschauer fühlt sich offenbar vom riesigen Angebot überfordert. Aus der Forschung wissen wir, dass sich das Interesse weiter auf nur ein Dutzend Kanäle konzentriert. Daran wird sich auch im neuen Zeitalter des hochauflösenden Fernsehens wenig ändern. Eine bessere Bildauflösung ändert noch lange nicht die Sehgewohnheiten.

Der Sender Sky steigert die Verwirrung noch, wenn er für einen Kanal wirbt, den viele seiner Kunden mit ihrem Kabelnetz gar nicht empfangen können. Und dazu kommt das Überangebot: Mittlerweile hat der Bezahlsender 31 HD-Kanäle am Start. Weitere sollen folgen. Doch eine Ermüdung des Zuschauerinteresses ist nur noch eine Frage der Zeit. Vor diesem Hintergrund wäre die verlustreiche Tochter des amerikanischen Medienkonzerns News Corp. gut beraten, über eine Konzentration auf die eigentlichen Kernkompetenzen nachzudenken. Rupert Murdoch weiß von seinen Pay-TV-Konzernen in Großbritannien und Italien, dass vor allem exklusive Inhalte wie Fußball das Bezahlfernsehen groß gemacht haben und nicht die Anzahl immer neuer Kanäle.

Dieses Gesetz des Marktes gilt auch im hart umkämpften deutschen Fernsehen. An Spezialsendern wie Discovery, National Geographic oder History Channel wird die krisenerprobte Bezahlplattform aus Unterföhring nicht genesen. Warum nicht ausschließlich auf Fußball, Formel 1 sowie Premieren von Spielfilmen und Serien konzentrieren? Weniger ist oft mehr – vor allem in verwirrenden Zeiten wie diesen.

Springer beweist: Bezahlangebote im Internet funktionieren

Mathias Döpfner ist ein glänzender Verkäufer, vor allem der eigenen Bilanz. Doch manchmal schießt der ehrgeizige Springer-Chef übers Ziel hinaus. Bei der Vorlage des Zahlenwerks der ersten sechs Monate verkündete der promovierte Musikwissenschaftler vollmundig die bahnbrechende Wende vom Zeitungs- zum Digitalkonzern: Erstmals hätten die Einnahmen aus der digitalen Werbung die Reklameerlöse der Zeitschriften und Zeitungen überstiegen. Was er allerdings nicht eindeutig klarmachte: Er verglich die weltweiten Einnahmen aus der Internetwerbung mit den Einnahmen des deutschen Anzeigengeschäfts. Ein Vergleich, der stark hinkt.

Die historische Wende zum Digital-Konzern ist für Springer also noch nicht geschafft. Doch der europäische Branchenprimus ist auf bestem Wege. Bereits heute erzielt der “Bild”-Konzern 30 Prozent seiner Umsätze im Internet. Döpfner hatte in der Vergangenheit nicht nur Mut bei Zukäufen wie dem Immobilienportal Seloger.com oder dem Frauenportal Aufeminin.com bewiesen. Der frühere Journalist war auch der Erste in der deutschen Zeitungsbranche, der die Bezahlschranke herabsenkte: Vor eineinhalb Jahren entschloss sich der enge Vertraute von Mehrheitsgesellschafterin Friede Springer, die journalistischen Inhalte für Smartphones und internetfähige Computer kostenpflichtig zu machen. Die Skepsis war damals riesengroß. Mittlerweile wurden seine Kritiker eines Besseren belehrt.

Der Berliner Konzern kommt bei seinem Bezahlangebot überraschend gut voran. So verkauft sich die digitale Ausgabe von “Bild” täglich 108 000-mal. Die Apps der “Welt” gehen täglich 17 000-mal über den virtuellen Ladentisch.

Schon jetzt geben die Nutzer des Apple-Minicomputers iPad nach einer konzerneigenen Marktstudie mehr als 100 Euro für Apps aus. Noch ist der Markt angesichts von derzeit 2,5 Millionen Tablet-PCs in Deutschland überschaubar. Doch die Nachfrage nach den Geräten und damit nach journalistischen Inhalten wächst. Ende 2014 sollen es bereits zehn Millionen sein. Das Ende der Gratiskultur naht.

Keine Sternstunde für Thomas Leif

Noch braucht der umstrittene TV-Journalist Thomas Leif nicht zittern. Der Südwestrundfunk (SWR) will trotz des Finanzskandals an seinem Chefreporter festhalten. Das bestätigte mir eine Sprecherin der ARD-Anstalt heute in Stuttgart. Thomas Leif selbst war für eine Stellungnahme gestern nicht erreichbar.

Der 52-jährige Moderator der Polit-Talkshow „2+Leif“ soll als Vorsitzender der renommierten deutschen Journalistenvereinigung Netzwerk Recherche illegal Steuergelder abgezweigt haben. Durch falsche Förderanträge erhielt der Verein, der sich für Qualitätsjournalismus einsetzt, von der Bundeszentrale für Politische Bildung offenbar ungerechtfertigt Zuschüsse in Höhe von 75 000 Euro. Nach Bekanntwerden des Sachverhalts wurde Leif am Wochenende als Vorsitzender des Netzwerks zum Rücktritt gezwungen. Leif hat die Verantwortung für den Finanzskandal übernommen. Wirtschaftsprüfer, welche die Buchhaltung von 2007 bis 2010 überprüft hatten, stellten fest, dass nicht alle Einnahmen korrekt angegeben worden waren. Die 75 000 Euro sind von Netzwerk Recherche „vorsorglich“ zurückgezahlt worden. Keine Sternstunde für Thomas Leif.

Thomas Leif stand bereits seit zehn Jahren an der Spitze des Vereins. Der Fall ist für die ARD besonders peinlich. Denn der SWR-Chefreporter mit Sitz in Mainz gilt als journalistischer „Saubermann“, der seit Jahrzehnten gegen Vetternwirtschaft und Korruption kämpft. Nun steht der TV-Moralapostel selbst im Kreuzfeuer der Kritik. Beim SWR hat der angeblich selbstgerechte Chefreporter nur noch wenige Freunde, berichten Kollegen. Hinter vorgehaltener Hand macht sich in den Reihen der ARD Schadenfreude breit. Manche sprechen vom “Größenwahn” eines eitlen Mannes.

Journalistisch steht der egozentrische Reporter ohnehin im Abseits. Seine letzte große TV-Reportage mit dem Titel „Quoten, Klicks & Kohle“ zum Streit um die Internetoffensive von ARD/ZDF löste bei vielen Zuschauern Kopfschütteln aus. Sie war wegen ihrer Einseitigkeit scharf kritisiert worden. Sogar der Rundfunkrat beschäftigte sich mit der Reportage.

Leif ist Mitglied von Transparency International und als Honorarprofessor für Politische Wissenschaft an der Unniversität Koblenz-Landau tätig.