Mit eiserner Faust hält die iranische Regierung das Land im Griff. Das Regime verhaftet, foltert und schüchtert ein. Dennoch arbeitet die Opposition an Formen des zivilen Widerstandes – und ruft weiter zu Kundgebungen auf.Einträge in umgekehrt chronologischer Reihenfolge
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Ganz unten die Chroniken vergangener Tage.
22.45 MEZ – Fazit des Tages
Das Tauziehen hält in der Tat an. Die Opposition hat sich weitgehend zurückgezogen, ist aber noch lange nicht geschlagen. Das zeigt die Demonstration vor dem Parlament heute, aber auch die weiter gültigen Aufrufe zu Trauermärschen für Donnerstag von Moussavi und Karroubi. Das Regime reagiert mit Terror – aber es ist angeschlagen, der eigentliche Machtkampf findet hinter den Kulissen statt und ist noch lange nicht entschieden.
22.34 – Expertenrat – das entscheidende Gremium?
TehranBureau erklärt, was es mit dem Expertenrat im iranischen Machtgefüge auf sich hat. Und welche Rolle er im Machtkampf spielen könnte.
21.55 – Fügen sich die Puzzleteile zu einem Kompromiss?
Seit Tagen geistern Hinweise auf einen politischen Machtkampf innerhalb der iranischen Führungselite – wozu nach wie vor Oppositonsheld Mussawi gehört – durch die Welt. Mehdi Noorbaksh, der an der Harrisburg University of Science and Technology in Pennsylvania lehrt und Schwiegersohn des langjährigen Dissidenten Ebrahim Yazdi ist, hat viele dieser Details zu einer Gesamttheorie zusammengefügt (Quelle: Guardian Live-Blog, 7.18). Danach könnte es sein, dass hinter den Kulissen starke Kräfte an einem Kompromiss arbeiten, um das islamische System vor dem Kollaps zu bewahren:
1. The Guardian Council accepted election’s irregularities a few days ago and indicated that it involved 3m votes. This body did not restrict these irregularities to a few thousand or even hundred of thousand votes, but millions. That was a face saving gesture to open the door for a possible future compromise if pressure is mounted on them. There are other irregularities having the same nature. Many districts, up to 170, show vote counts of 95% to 140% of the eligible voters.
2. Ali Larijani, the head of the Iranian parliament, is trying to convince the leadership on the side of the supreme leader to give national TV time to Musavi to talk to the Iranian people. In his TV talk a couple of days ago, Larijani was critical of the Iranian national TV for not allowing Musavi to use that medium of communication to talk to the Iranian people. He also announced that a few members of the Guardian Council were biased toward one candidate, namely Ahmadinejad, in the election.
3. There is report that Rafsanjani has succeeded to get the signatures and support of many of the high clerics in Qom in denouncing the election. If they openly denounce the election that could be a colossal blow to the supreme leader, and the much diminished legitimacy of the institution of Velayat-e Faqih (rule of jurisprudence) and his authority.
4. The time for the Guardian Council’s investigation of the vote fraud has been extended possibly for more time in negotiating a solution to the conflict.
5. There are reports that divisions within the Revolutionary Guard are beginning to surface. There is speculation that one of the commanders, Afzali has either resigned or been abdicated from his post.
6. Rallies are expanding in many other cities of Iran, and street demonstrations have not been diminished in Tabriz, Isfahan, Kermanshah and other cities. Although the size of the demonstrations is smaller, they are more violent and forceful.
7. The killings of demonstrators will definitely result in more defiance and bolder actions of the protesters and gain more legitimacy for the green movement and its leadership. More killings will definitely delegitimize further the supreme leader’s authority. Imposing a government, after mass killings, on the Iranian people is a much more difficult task.
I insist on the word ‘possible’ because [the regime] may change the course if they think they have been successful so far in their crackdown and they ultimately succeed in suppressing the opposition. All indications are telling us that if that is their assessment, they are absolutely wrong about it. But you know how this regime is blinded to the realities, as Mousavi said a couple of days ago.
21.09 MEZ – Keine Hotdogs für iranische Diplomaten
Die US-Regierung war heftig für ihre Weigerung kritisiert worden, iranische Diplomaten von en geplanten informellen Treffen zum Nationalfeiertag ("hot dog diplomacy") auszuladen. Jetzt zog Obamas Mannschaft die Reißleine. Regierungsspecher Gibbs:
20.10 MEZ – Mehr Informationen über Nedas Familie
Der Guardian hat im Umfeld der Familie der ermordeten Neda Soltani recherchiert. Die Sicherheitskräfte hatten jede traditionelle Trauerzeremonie unterbunden, die Familie musste ihre Wohnung verlassen, die gesamte Nachbarschaft wird terrorisiert.
19.34 MEZ – AIE stellt Iran Incident Tracker zusammen
Das stockkonservativen, den Neocons nahe stehende American Enterprise Institute hat eine Website zusammengestellt, die möglichst viele Vorfälle in Iran erfasst und auf einer Karte darstellt. Außerdem macht es Originalquellen zu den Wahldaten, den Wahlkampf und andere Dokumente zugänglich.
19.25 MEZ – Absage von Trauerveranstaltung erzwungen
Der Sprecher von Oppositionsführer Karroubi bestätigt, dass die für morgen geplante Trauerveranstaltung abgesagt ist – weil dafür kein geeigneter Ort gefunden werden konnte (Quelle: Liveblog der National Iranian American Community):
19.30 MEZ 17-Jähriger berichtet von Folter in Haft
Salon hat eine heftige Geschichte von einem 17-Jährigen, der aus dem Nichts heraus verhaftet und schwer misshandelt wurde.
19.20 MEZ – Neue Liste Inhaftierter und Getöteter
Die International Campaign for Human Rights in Iran hat eine akutalisierte, sehr lange Liste der Inhaftierten. Sie geht derzeit von 27 bekannten Todesopfern aus.
19.05 MEZ – Setzt das Regime Söldner ein?
Guardian-Veterant Robert Tait fasst eine Geschichte zusammen, die auf ein Interview von Roosonline mit einem zurückgeht:
The volunteers, most of them from far-flung provinces such as Khuzestan, Arak and Mazandaran, are being kept in hostel accommodation, reportedly in east Tehran. Other volunteers, he says, have been brought from Lebanon, where the Iranian regime has strong allies in the Hezbollah movement. They are said to be more highly-paid than their Iranian counterparts and are put up in hotels.
18.50 MEZ – Horrorgeschichten aus dem Krankenhaus
Der Guardian hat einen nicht verifizierten Augenzeugenbericht eines Medizinstudenten aus einem Teheraner Krankenhaus. Ein Auszug aus seiner ausführlichen Schilderung:
17.45 MEZ – Berliner Einsichten
In deutschen Regierungskreisen herrscht inzwischen die Einsicht vor, dass das iranische Regime mit seinem harten Vorgehen kurzfristig erfolgreich war und die Oppositionsbewegung an Schwung verloren hat. Doch dürfe nicht übersehen werden, dass das System einen schweren Schlag erlitten hat. Off the record reden die Regierungsvertreter von einem Systembruch, der nicht mehr zu heilen sei.
17.30 MEZ – Deutsche Agenturen halten sich stark zurück
Die internationalen Nachrichtenagenturen berichten nach wie vor von den Ausschreitungen in Iran – und haben dabei auch keine Probleme, sich auf einigermaßen glaubwürdige Augenzeugen zu stützen. Allerdings gibt es diese Berichte nur in englischer Sprache – im deutschen Dienst auch von Reuters, afp oder AP tauchen die Ausschreitungen von heute bislang nicht auf. Statt dessen dominiert dort die offizielle Pressekonferenz von Koalitionsführer Chameni die Berichte. So heißt es:
16.50 MEZ – Hardliner kritisieren Laridschani
Parlamentschef Laridschani gibt sich bislang loyal zum Regime, hat aber den Umgang mit der Krise bereits kritisiert. Dafür wird er in der iranischen Presse heftig kritisiert, berichtet der Guardian (5.07 pm), der auf sprachkundige Leser zurückgreift:
16.09 MEZ – Doch heftigste Zusammenstöße vor Parlament?
Der unten zitierte Augenzeugenbericht von den Protesten heute lässt offen, ob es später nicht doch noch zu Zusammenstößen gekommen ist. Darauf deuten Twitter-Berichte hin, die der Guardian auswertet:
Der bislang zuverlässig Twitterer @persiankiwi:
I see many ppl with broken arms/legs/heads – blood everywhere – pepper gas like war… ppl run into alleys and militia standing there waiting
from 2 sides they attack ppl in middle of alleys…
saw 7/8 militia beating one woman with baton on ground – she had no defense nothing
they were waiting for us – they all have guns and riot uniforms – it was like a mouse trap – ppl being shot like animals
16.00 MEZ – Arzt bestätigt Nedas Geschichte
Manchmal ist die Welt sehr klein. Ich hatte bereits am Montag darauf hingwiesen, dass der brasilianisch Schriftsteller Paulo Coelho in seinem Blog den Arzt, der Neda nach dem Schuss zu helfen versucht, als seinen Freund identifiziert hat. Inzwischen hat er einen E-Mail-Kontakt hergestellt, der Arzt antwortet:
15.55 MEZ – Augenzeugenbericht vom Baharestan-Platz
Die Blogger bei der NYT haben einen Augenzeugenbericht von einem US-Iraner, der gerade von den Protesten gegenübr dem Parlament zurückgekommen ist, wie immer nicht verifizierbar:
Then it police and pasdaran started arriving from all sides and moving people away. First, from the subway stop, then from the sidestreets and sidewalks, and then from the major streets surrounding it. Of course they were polite first (Iranian custom dies hard), but no one really left when asked. I circled around several times to see if people would resist. More people were arriving from all sides. Some whispered that that everyone was going to another place, but that didn’t convince many.
The lack of organization was palpable – people were expecting something but they didn’t know what. Mousavi to jump out of a moving car? Khatami to swing in like Toby McGuire?
Finally the more ominous looking black-clad guards showed up and started phalanxes that cleared the sidewalks. I was a block away until about 4:30 and heard no shots, and only heard about some beatings via others in the crowd. If there were hardcore protesters that stayed after that then I’m sure they had trouble coming.
15.50 MEZ – Zahl der deutschen Journalisten in Iran: 1
Nachdem die Kollegen von RTL und ZDF am Montag und Dienstag das Land verlassen haben ist der ARD-Mann Peter Mezger der letzte deutsche Journalist vor Ort, berichtet der Tagesspiegel.
15.00 MEZ – Gerüchte über Proteste und Schüsse
Bei Twitter und auf einigen iranischen Blogs tauchen vermehrt Berichte über eine Kundgebung vor dem Parlament am Baharestan Platz. Das Mobilfunknetz sei gesperrt, ebenso Zugänge zur U-Bahn. ABC-Reporterin Lara Setrakian berichtet in Dubai, sie habe aus zuverlässiger Quelle von der Erschießung eines Demonstranten gehört:
13.30 MEZ – Weitere Kundgebung am Start
Nach Informationen des Guardian will eine Gruppe von Demonstranten gerade eine weitere Kundgebung starten. Quelle ist Al Jazeerah, die mit einer Teilnehmerin sprachen:
12.22 MEZ – Propagandaschlacht um Neda
Die regimetreuen Medien verbreiten eine neue Theorie, wer für die Ermordung von Neda Soltani am Samstag verantwortlich sein soll. Guardian-Experte Robert Tait hat die Medien ausgewertet:
Javan, another pro-regime paper, blamed an even more unlikely source – my friend and recently expelled BBC correspondent Jon Leyne. It claims that Leyne hired "thugs" to shoot her so he could then make a documentary film.
11.34 MEZ – Kanada ohne Zugang zu Journalisten in Haft
Die Regierung verweigert Kanada die Kontaktaufnahme mit einem kanadischen Journalisten iranischer Herkunft, Maziar Bahari, der für Newsweek arbeitet und bereits am Wochenende verhaftet worden war. CBC berichtet.
10.45 MEZ – Human Rights Watch warnt vor Folterknecht
Die Menschenrechtsorganisation zieht in einem neuen Bericht eine vorläufige Bilanz und warnt davor, dass mit Saeed Mortazavi ein Staatsanwalt mit der Untersuchung der Ereignisse beauftragt wurde, der für die Erzwingung von Geständnissen durch Folter bekannt ist:
10.15 MEZ – Rezai zieht Einspruch zurück
Der dritte Oppositionskandidat bei der Präsidentschaftswahl, Mohsen Rezai, hatte sich zuletzt rar gemacht. Jetzt zog er auch noch seinen Protest gegen die Wahlauszählung zurück, die er gemeinsam mit Mussawi und Karroubi eingelegt hatte, berichtet der staatliche Sender PressTV. Seine offizielle Begründung:
8.40 MEZ – Obamas Erklärung auch auf Farsi
Die US-Adminstration hat Barack Obamas Erklärung zu Iran von gestern Abend auch in Farsi auf die Website des Weißen Hauses gestellt und das Video dazu mit Untertiteln versehen.
8.25 MEZ – Propaganda nimmt Mussawi ins Visier
Das Staatsfernsehen zeigt seit gestern Verhaftete, die vor der Kamera gestehen, vom Westen zu Krawallen angestachelt worden zu sein. Die staatlichen Fernsehen legen heute morgen nach und beschuldigen gezielt Oppositionsführer Mussavi, für die vielen Toten verantwortlich zu sein. Reuters:
Other hardline newspapers carried articles on Wednesday blaming Mousavi for the violence. One of them, Vatan-e Emrouz, quoted what it said was the father of one of those killed. "The one responsible for my child’s blood is Mirhossein Mousavi and I will follow up this issue until I get my right," it quoted him as saying, giving the victim’s surname as Ghanian.
Die Zeitung Kayhan fordert die Verhaftung Mussawis, berichtet der Guardian.
8.15 MEZ – Opposition ruft zu Kundgebungen auf
Seit gestern gibt es Aufrufe, jeden Morgen ab neun Uhr (ohne jegliche Oppositionsabzeichen, mit den Kindern) zu den Basaren zu kommen und durch schiere Anwesenheit ein Zeichen zu setzen. Zudem haben die unterlegenen Oppositionskandidaten Mussavi und Karroubi für Donnerstag zu einem landesweiten Trauermarsch aufgerufen. Auf Mussavis (bislang zuverlässigen) Twitter-Kanal mussavi1388 ist ein konkreter Aufruf erschienen:
Bislang unbestätigt sind hingegen Aufrufe, die sich ebenfalls auf Mossavi berufen und auf Proteste heute hinweisen, wie etwa bei @persiankiwi:
Ajatollah Montazeri, der als Dissident seit Jahren i Qom unter Hausarrest steht, ruft zu einer dreitägigen Trauerphase ab heute auf. Auf seiner Webseite heißt es laut Reuters:
8.00 MEZ – Repression hält Menschen von der Straße
Die Straßen gehören den Sicherheitskräften, aber in der Nacht ertönten wieder die Allahu Akbar-Rufe in den größeren Städten – und selbst das ist nicht ungefährlich. Sicherheitskräfte gehen von Haus zu Haus, schüchtern ein und verhaften mehr oder weniger gezielt. Reuters fasst die Lage am Morgen zusammen:
Oppositionsanhänger berichten auf verschiedenen Twitter-Seiten von umfangreichen Vorkehrungen der Sicherheitskräfte, die ein Klima der Angst erzeugen:
- all hospitals is surrounded by militia to check why ppl going in – if gun or baton injury – they arrest and beat u
- all foreign embassys surrounded by militia to stop ppl going in
7.45 MEZ – Falls sie es verpasst haben: Obama und mehr
Das Live-Blog von gestern schloss mit:
Die Debatte über einen möglichen Machtkampf in der geistlichen Führung Irans geht weiter, konkrete Ergebnisse gibt es bislang aber nicht.
Hier findet sich eine Presseschau für die vergangenen Tage.
The Iran-Chronicles – alle Live-Blogs seit der Wahl:
Mittwoch, 24.09
The Lede, NYT
Newsblog, Guardian
Dienstag, 23.09.
Madagaskar, Handelsblatt
The Lede, NYT
Montag, 22.09.
Madagaskar, Handelsblatt
Newsblog, The Guardian
The Lede, New York Times
Nico Pitney, Huffington Post
A Social Media Timeline, Mashable
Sonntag, 21.09
Madagaskar, Handelsblatt
Newsblog, The Guardian
The Lede, New York Times
A Social Media Timeline, Mashable
Nico Pitney, Huffington Post
Samstag, 20.6.09
Madgaskar, Handelsblatt
Newsblog, Guardian
The Lede, New York Times
Nico Pitney, Huffington Post, Part I, Part II
Freitag, 19.6.09
Madagaskar, Handelsblatt
Newsblog, The Guardian
The Lede, The New York Times
Nico Pitney, Huffington Post
Donnerstag, 18.6.09
Madagaskar, Handelsblatt
Newsblog, The Guardian
The Lede, New York Times
Mittwoch, 17.6.09
Madagaskar, Handelsblatt
Newsblog, The Guardian
The Lede, New York Times
Nico Pitney, Huffington Post
Dienstag, 16.6.09
Newsblog, The Guardian
The Lede, New York Times
Nico Pitney, Huffington Post
Montag, 15.6.09
Newsblog, The Guardian
Nico Pitney, Huffington Post
Sonntag, 14.6.09
Nico Pitney, Huffington Post
Samstag, 13.6.09
The Lede, New York Times











11 Kommentare zu “Live-Blog (12): Harter Staat, zahmer Widerstand”
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