»Georg Watzlawek 27. October 2008, 12:14 Uhr

Obama gewinnt ? / !

Im deutschen Journalismus gibt es (mindestens) zwei Tabus. Es werden keine Wahlempfehlungen abgegeben und es wird niemand zum Sieger erklärt, bevor die Ergebnisse vorliegen. In der angelsächsischen Presse ist das anders. In diesem Blog auch.
Die britische Financial Times, immerhin eine angesehene Wirtschaftszeitung, hat kein Problem damit, ein Endorsement für Barack Obama abzugeben und seinen Sieg vorauszusagen:

"US presidential elections involve a fabulous expense of time, effort and money. Doubtless it is all too much – but, by the end, nobody can complain that the candidates have been too little scrutinised. We have learnt a lot about Barack Obama and John McCain during this campaign. In our view, it is enough to be confident that Mr Obama is the right choice. This ought to have been a close call. With a week remaining before the election, we cannot feel that it is."

Die US-Zeitungen drücken sich zwar vor einer Siegesmeldung, aber nicht vor einem Endordsement. Ganz im Gegenteil, das so genannte Editorial Board jeder Zeitung, die etwas auf sich hält, nimmt sich die Kandidaten vor, bei den großen Medien müssen sie sogar antreten – und am Schluss steht eine klare Empfehlung.

Barack Obama sammelt die Endorsements der eher liberalen Medien reihenweise ein, aber auch John McCain hat ein ganze Reihe von Fürsprechern in den Redaktionen.

Allerdings sind die US-Zeitungen auch anders organisiert als unsere Medien. Dort steht zwischen den Leitartiklern und den Reportern eine Chinesische Mauer, Berichte und Kommentare sind auch auf den Seiten sauber getrennt.

Dagegen wird das Prinzip der Trennung von Bericht und Meinung bei uns zwar hoch gehalten, doch in der Praxis schreiben auch Reporter und Redakteure Kommentare.

Doch ist das nicht der einzige Grund, warum wir uns vor Stellungnahmen scheuen. Hinzu kommt eine gehörige Portion Angst:  die journalistische Unabhängigkeit in Frage zu stellen und mit den Prognosen falsch zu liegen.
 
Dabei ist es unsere Aufgabe, in der Flut von Informationen (und die gibt es bei der US-Wahl ja nun wirklich) für Orientierung zu sorgen. Die Vor- und Nachteile der Kandidaten abzuwägen und zu einer Empfehlung zu kommen, wie es jetzt die Financial Times gemacht hat, beschädigt die journalistische Unabhängigkeit nicht.

Bei den Blogs gibt es diese Selbstbeschränkungen zum Glück nicht. Daher habe ich kein Problem, acht Tage vor der Wahl hier zu verkünden: Barack Obama wird der nächste US-Präsident, John McCain hat nach Abschätzung aller Faktoren keine realistische Chance mehr. Mehr zur Begründung findet sich in meinem USA-Blog.

Und auch ein Quasi-Endorsement für Barack Obama habe ich dort bereits vor vielen Monaten abgegeben. Ganz unter uns: das hatte am 3. Januar sogar als Leitartikel seinen Weg ins Handelsblatt gefunden. (Hier als Audiodatei zum Anhören.)

»Georg Watzlawek 27. October 2008, 12:14 Uhr

    2 Kommentare zu “Obama gewinnt ? / !”


  1. Peter Hoffmann says:

    Obama wird gewinnen, weil er den besseren Wahlkampf gefahren hat und die Sache von unten organisiert hat, statt einfach nur den Mainstream-Wahlkampf zu fahren, ich bin mir eigentlich nach der täglichen Lektüre des US-Wahlkampfblogs von ProDialog sicher (http://www.blog.prodialog.org/). Die Wahlempfehlung geben dabei andere für Obama, die klassischen Medien braucht man gar nicht mehr so sehr, siehe auch: http://edwohlfahrt.blogs.com/blogdog/2008/10/us-wahlkampf-mobilisierung-20.html

  2. D. Burkhardt says:

    Ich würde mit Herrn Watzlaweks Artikel im Grunde absolut übereinstimmen. Die aktuellen Umfragewerte – insbesondere auf Ebene der Electoral Votes – zeichnen ein eindeutiges Bild für Obama (vgl. RealClearPolitics.com). Sofern diese Umfragen die Wirklichkeit auch nur annähernd wierspiegeln, könnte es sogar zu einem “landslide” für Obama kommen. Er könnte sich sogar leisten, sowohl Florida als auch Ohio zu verlieren.

    Dennoch regt sich in mir eine gewisse Furcht, dass bei den Wahlen erneut nicht alles mit rechten Dingen zugeht. Dort ergeben sich eine ganze Reihe von Problemen: Von Wahlmaschinen, die falsche Ergebnisse produzieren und keine Nachzählung erlauben über Probleme bei der Registrierung usw. Hierzu ein interessanter Artikel im aktuellen Time Magazine (7 Things That Could Go Wrong on Election Day):

    http://www.time.com/time/specials/packages/article/0,28804,1853246_1853243_1853232,00.html

    Eigenartigerweise kommen diese Probleme auch verdächtig oft den republikanischen Kandidaten zugute. In diesem Kontext ist auch der vom damals republikanischen Kongress durchgesetzte “Help America Vote Act” zu nennen. Ein geradezu ironischer Titel, ist es doch das erklärte Ziel des RNC, mit allen Mitteln eine möglichst geringe Wahlbeteiligung zu erreichen, da dies bereits vor Jahrzehnten als dem eigenen Wahlziel förderlich erkannt wurde. Es würde mich also nicht wundern, wenn wir eine Überraschung erlebten.

    Dennoch bin ich zuversichtlich und glaube, die Demokraten haben dazugelernt. Insbesondere Obama hat gezeigt, dass er nicht bereit ist, die üblichen Taktiken einfach über sich ergehen zu lassen.

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