Wir senken unsere ohnehin unter dem Konsens liegende US-Wachstumsprognose für 2008 von 1,8% auf 1,5% und erwarten das Ende der Fed-Zinssenkungen nicht mehr bei 3,75%, sondern erst bei 3%. Damit besteht an den Staatsanleihemärkten in den kommenden Monaten noch etwas Raum für fallende Renditen. Der Euro sollte die Marke von 1,50 überspringen, ehe er im weiteren Verlauf des Jahres zu fallen beginnt.Unsere US-Konjunkturprognose jetzt noch vorsichtiger
Seit vielen Monaten prognostizieren wir für 2008 lediglich ein US-Wachstum von 1,8%, wir waren damit bis zuletzt vorsichtiger als die meisten Volkswirte, die im Durchschnitt ein Plus von 2,1% erwarten. Aber der Einbruch des ISM-Einkaufsmanagerindex im Dezember spricht dafür, dass die Delle im ersten Quartal etwas tiefer ausfällt als selbst wir bisher unterstellt haben (Neue Prognose: -0,5% annualisiert gegenüber dem vierten Quartal; bisher: 0,6%). Auch unsere Vorhersage für das zweite Quartal haben wir leicht auf 0,8% gesenkt. Für die zweite Jahreshälte erwarten wir nach wie vor eine nur zaghafte Aufwärtsbewegung. Damit sinkt unsere Wachstumsprogose für das Gesamtjahr 2008 von 1,8% auf 1,5%.
Gefühlte Rezession – mehr Fed-Zinssenkungen
Im Einklang mit unserer vorsichtigen US-Prognose hatten wir bisher anders als das Gros der Volkswirte nicht nur eine, sondern zwei zusätzliche Fed-Zinssenkungen erwartet (Senkung bis März auf 3,75%). Gemäß unserer neuen Prognose dürfte das Bruttoinlandsprodukt jetzt auch im zweiten Quartal mehr oder weniger stagnieren. Damit liegt zwar formal keine Rezession vor – schließlich sinkt das Bruttoinlandsprodukt nicht zwei Quartale in Folge. Aber das zweite Quartal wird sich wie eine Rezession anfühlen. Darauf und nicht auf das Erfüllen einer formalen Rezessionsdefinition kommt es an. Die Fed dürfte ihren Zinssenkungsprozeß deshalb im zweiten Quartal fortsetzen; wir erwarten die Federal Funds Rate Ende Juni bei 3,0%. Die Fed sollte ihren Leitzins einmal auch um 50 Basispunkte senken – vermutlich bereits auf ihrer Sitzung am 30. Januar, ansonsten am 18. März, wenn viele schwache Daten aus dem ersten Quartal vorliegen.
Mit unserer Leitzinsprognose von 3,0% zur Jahresmitte liegen wir 50 Basispunkte unter der aktuellen Konsens-Schätzung der Volkswirte und stimmen in etwa mit den Markterwartungen überein.
Renten noch mit etwas Potenzial
Schwächt sich das Wachstum ab und fühlt sich dies wie eine Rezession an, werden die Marktteilnehmer ihre Leitzinserwartungen weiter senken. Wir sehen deshalb bis zum Frühjahr noch etwas Raum für fallende Anleiherenditen (Treasuries: 3,5%; Bunds: 3,9%). Wir halten aber an unserer Meinung fest, dass die Anleiherenditen mittelfristig etwas steigen dürften. Denn erfahrungsgemäß erhöht sich die Rendite zehnjähriger US-Staatsanleihen um ungefähr 50 Basispunkte, wenn sich ein Ende des Zinssenkungszyklus abzeichnet. Das gilt auch für den Fall, dass die Finanzmarktkrise abzuebben beginnt.
Euro über 1,50
Verstärken sich die Zinssenkungserwartungen für die USA, dürfte das den Euro bis zum Frühjahr deutlich über die Marke von 1,50 USD treiben (Prognose Ende Q1: 1,54). Danach sollte die stark überbewerterte Gemeinschaftswährung unter dem Eindruck abklingender US-Konjunktursorgen abwerten.


10 Kommentare zu “Prognoseänderung: Noch weniger US-Wachstum, mehr Fed-Zinssenkungen”
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Und die Schätzung war richtig!
Bisher hat der Euro als Reservewährung nicht nennenswert an Bedeutung gewonnen. Zwar ist der Anteil des Euro an den Weltwährungsreserven in den letzten Jahren gestiegen. Aber das liegt vor allem daran, daß der Euro aufgewertet hat und deshalb sein Anteil automatisch steigt. Bereinigt um diesen Bewertungseffekt ist der Anteil des Euro an den Weltwährungsreserven nur minimal gestiegen. Offensichtlich halten die internationalen Reservemanager den Euro für überbewertet und halten sich deshalb zurück.
Dr. Jörg Krämer, Chefvolkswirt, Commerzbank AG
Sollte der Euro wirklich den Dollar als weltweite Leitwährung ablösen, woran erste Experten ja schon glauben, dann sollte dieser Zustand eines starken Euros doch schon noch länger anhalten. Allerdings bleibt abzuwarten, ob die EZB sich trotz anhaltend hoher Inflation Zinssenkungen entziehen kann, wenn weitere Länder Konjunktureinbrüche melden. Immerhin ist die deutsche Wirtschaft seit eh und jeh exportorientiert.
Kurzfristig hat sich Europa von den USA abgekoppelt und das trotz eines starken Euro. Die Frage ist nur, wie lange dieser Zustand anhalten wird. Sollte der Konsum in den USA zurückgehen, dann wird es wohl oder übel auch Einfluß auf die europäischen Exportwerte haben.
Am 10. Januar wurden Marktteilnehmer mit ganz divergierenden geldpolitischen Botschaften der amerikanischen Notenbank (Fed) und der Europäischen Zentralbank (EZB) konfrontiert.
Die EZB drohte in einem ungewohnt scharfen Ton, ihren Leitzins von derzeit 4% anzuheben. Wegen der Gefahren für die mittelfristige Preisstabilität.
Der Fed-Chef Ben Bernanke machte unverblümt deutlich, den Leitzins demnächst von 4,25% auf 3,75% zurückzunehmen. Wegen der Abkühlung der amerikanischen Konjunktur.
Gleiche Wirtschaftsdaten, unterschiedliche Analysen.
Ein Unterschied wie Tag und Nacht.
Glaubt die EZB tatsächlich daran, dass es der europäischen Weltwirtschaft gelingen wird, sich von der Konjunkturflaute in den USA abzukoppeln? Kann also das starke Wirtschaftswachstum in China und Indien den amerikanischen Konjunkturabschwung ausgleichen?