» 22. Oktober 2009, 18:02 Uhr

Schlechte Nachrichten für Social-Media-Hasser

In Deutschland wird der Bereich Social Media, Web 2.0 oder Usergeneratedschnickschnack immer noch gern als Kinderspielzeug angesehen, als sinnloser Zeitvertreib verfetteter Nerds (Merke: Für deutsche Medien sind ehemalige “Freaks” jetzt “Nerds”). Und auch hier in den Kommentaren der Indiskretion geht es heftig zur Sache, wenn ich über das Thema schreibe.

Social Media zu verteufeln ist eine bequeme Haltung: Dann muss man sich mit dem Thema nicht beschäftigen. Dummerweise spricht eine Studie des Pew-Instituts aus den USA eine andere Sprache.

Eine Stelle des Internet-Manifestes die besonders reichlich Prügel bezog, war die These 3.

In der steht:
“Für die Mehrheit der Menschen in der westlichen Welt gehören Angebote wie Social Networks, Wikipedia oder Youtube zum Alltag.”

Selbst internetaffine Menschen bestritten das. Ist es ein Zeichen von Minderwertigkeitskomplexen?

Wikipedia gehört für fast jeden Internet-Nutzer zum Alltag (was nicht heißt, dass er sie jeden Tag benutzt – sondern, dass er sie benutzt, ohne groß darüber nachzudenken). Auf Youtube werden jeden Tag eine Milliarde Videos abgerufen. Und jeder zweite Koblenzer ist Mitglied bei Wer-kennt-wen (wobei ich von einer hohen Fake-Rate ausgehe).

Und nun räumt das Pew-Institut auch noch mit dem bequemen Vorurteil auf, das seien alles soziophobe Teenager, die sich dort tummeln. Nach seiner jüngsten Telefonbefragung unter mehr als 2000 Amerikanern taxierte Pew das Durchschnittsalter von Facebook-Nutzern in den Vereinigten Staaten auf 33 Jahre.

Das deckt sich mit meinem subjektiven Gefühl für den deutschen Markt. Ich entdecke bei Facebook derzeit verschollene Schulfreunde, die weder in der Wirtschaft gelandet sind, noch groß was mit Internet zu tun haben. Es sind Ärzte, Lehrer, Sozialpädagogen – und sie sind um die 40.

Beim Web 2.0-Summit präsentierte Facebook-Vizepräsident Mike Schroepfer weitere eindrucksvolle Zahlen. Jeden Tag liegt die Gesamtnutzungsdauer von Facebook weltweit bei acht Milliarden Minuten. Zwei Milliarden Fotos werden pro Monat hochgeladen, in Spitzenzeiten werden 1,2 Millionen pro Sekunde betrachtet. Das erscheint logisch: Gerade für Menschen, die Freunde und Verwandte in der Fernse haben ist Facebook ein ideales Mittel, um Familienbilder vorzuzeigen.

Hinzuzufügen ist: Deutschland hängt zurück – was wir in den USA heute sehen, wird in Deutschland in zwei bis drei Jahren Wirklichkeit.

Das gilt auch für Twitter. Das Durchschnittsalter der US-Twitter-Nutzer liege bei 31, sagt Pew. Überhaupt: Twitter. 19 Prozent der US-Internet-Nutzer nutze schon Dienste wie Twitter, um andere Menschen auf dem Laufenden zu halten.

Nun werden einige Kommentatoren hier wieder aufschreien: TWITTER! ALLES SINNLOS! BRAUCHT KEINER!

Wenn aber die Pew-Zahlen tatsächlich repräsentativ sind, dann hat der Kurznachrichtendienst den Sprung vom Hype in die Masse bereits geschafft. Und das wird auch in Deutschland passieren. Ich habe es schon einmal geschrieben: Twitter ist die neue SMS – und mehr.

Gerade weil der Dienst so einfach ist, ist er einerseits so vielseitig und wird andererseits völlig unterschätzt. Das ist typisch für Social Media: Software wird immer komplexer, denn Programme werden von einem Nutzer verwendet, der meist nicht darauf angewiesen ist, dass jemand anders die neuen Funktionen beherrscht. Bei Social Media ist es genau anders herum: Wenn Funktionen nicht benutzt werden, bricht die Kommunikation ab. Deshalb muss jede Erweiterun sehr simpel gehalten sein.

Twitter ist das perfekte Beispiel. Seit heute bin ich Beta-Tester der Listenfunktion. Nun kann ich jene, die ich mitlese, in Listen ordnen, was die Übersicht erleichtert – einfach, kompakt und ohne jede Erklärung zu nutzen.

Auch außerhalb dessen, was Twitter selbst entwirft begegnen mir ständig neue Einsatzmöglichkeiten. Zum Beispiel am vergangenen Freitag, als ich dem grandiosen 4:0-Sieg des SC Preußen Münster gegen Eintracht Trier beiwohnte.

Die Lizenzgebühren für Hörfunkübertragungen der Regionalliga waren dem lokalen Radiosender Antenne Münster zu hoch – es gibt keine Live-Reportagen mehr. Eine Iphone-App könnte ein gewisses Surrogat bieten. Sie heißt Voice Tweety und ermöglicht die Aufnahme von Tondateien und das automatische Tweeten eines Links zu ihnen.

Somit reportierte ich als Manni Breuckmann für ganz arme jedes der vier Tore und den Endstand – zur Verwunderung meiner Sitznachbarn.

Bleibt bei allem die Frage: Wird es bleiben?

Mancher bezweifelt das. Vor allem, weil er keine Refinanzierung sieht. Nun ist es extrem schwer, die tatsächlichen Zahlen der US-Web-Unternehmen zu schätzen – und einen Einblick gewähren die Firmen nicht. Doch ist es bemerkenswert, wenn Facebook mitten in einer historischen Wirtschaftskrise verkündet, nun einen positiven Cash-flow zu haben. Twitter generiert erste Einnahmen und Ideen für weitere gibt es genug. Gleichzeitig sind die Kostenbasen jeweils extrem niedrig.

Ist das ganze nicht vielleicht eine Modeerscheinung? Vielleicht wird Twitter von einem anderen Dienst abgelöst, vielleicht auch Facebook. So ist halt die Marktwirtschaft, heute fährt auch niemand mehr NSU oder Horch. Festzuhalten aber ist: Die Menschen begeistern sich nun seit über 10 Jahren für Dienste, die ihnen Kommunikation erleichtern. Selbst als Geocities und seine Kopisten scheiterten, blieben ihre Grundfunktionen anderswo erhalten und wurden weiter entwickelt (weshalb ich den Begriff Web 2.0 auch weiterhin nicht mag – aber er hat sich nun mal festgesetzt).

Und deshalb bin ich geneigt, Sean Parker zuzustimmen. Der Napster-Mitgründer sprach ebenfalls beim Web 2.0 Summit und prophezeite: Google werde wichtig bleiben, doch künftig würden Facebook und Twitter das Web dominieren.

» 22. Oktober 2009, 18:02 Uhr