» 21. Oktober 2009, 17:59 Uhr

Bundesregierung will Tageszeitungen subventionieren

Nun scheint es so weit zu sein: Die Bundesregierung will Zeitungshäuser staatlich subventionieren. Sicher, sie wird es anders nennen – das doch Ergebnis ist eindeutig.

Das wird jeden einzelnen Computer ein wenig teurer machen – das ist erträglich. Weniger erträglich werden die Folgen sein. Denn von einer regierungskritischen Presse dürfen wir uns damit in Deutschland wohl verabschieden.

Moralische Grundsatzfrage: Darf ein Unternehmer für sein wirtschaftliches Überleben – und damit für die Weiterbeschäftigung seiner Angestellten – lügen?

Die Antwort ist nicht so einfach. Die Frage aber ist aktuell – für jeden Verleger.

Denn nach Informationen von Carta plant die Bundesregierung tatsächlich ein Leistungsschutzrecht für Verlage. Angeblich heißt es im Koalitionsvertrag:

“Verlage sollen im Online-Bereich nicht schlechter gestellt sein als andere Werkmittler. Wir streben daher die Schaffung eines Leistungsschutzrechts für Presseverlage zur Verbesserung des Schutzes von Presseerzeugnissen im Internet an.”

Käme es so, wären die Verleger und Verlagsmanager mit einer Lüge zum Wohle ihres wirtschaftlichen Überlebens durchgekommen. Denn seit Monaten behaupten sie, was schlicht nicht stimmt: Dass im Internet ihre Texte ebenso raubkopiert würden, wie Musik oder Filme.

Auf Nachfrage von Stefan Niggemeier aber waren sie nicht in der Lage, irgendwelche konkreten Belege dafür zu liefern. Und natürlich können sie das auch gar nicht. Denn die Zahl der raubkopierten Artikel ist höchst überschaubar. Oft genug handelt es sich um Unternehmen oder Personen, über die berichtet wurde – und die nun dafür zahlen sollen, die Berichterstattung über sie auf den eigenen Homepages zu verwenden.

Und selbst da, wo tatsächlich Rechteverstöße vorliegen, ist die Sache simpel: Es existiert inzwischen Software, und Verlage setzen diese auch ein, die das Web nach Texten durchforstet – und nach dem Auffinden folgt die Abmahnung. Das funktioniert alles in allem auch recht ordentlich.

Doch das löst nicht das größte Problem der Zeitungshäuser: Sie sterben. Sie brauchen Geld. Zur Not halt vom Staat.

Und der gibt es ihnen nun. Schweren Herzens wohl kaum, denn auch Angela Merkel weiß, wie es in Frankreich aussieht. Dort haben indirekte Subventionen die Presse handzahm gemacht. Regierungskritische Berichterstattung bewegt sich dort in überschaubaren Bahnen. So etwas ist für jeden Politiker höchst angenehm.

Auch in Deutschland dürfen wir uns auf etwas in der Art einstellen. Denn natürlich wird die Höhe jener Leistungsschutzrechte alle paar Jahre angepasst – und dann sitzen Verlage mit einer Aufsichtsbehörde am Tisch, die unter politischem Einfluss steht. Wer mag es sich da vorher mit den Herren des Geldes verderben?

Natürlich gibt es noch eine Möglichkeit, dass alles anders wird. Denn wir reden bei Leistungsschutzrecht natürlich über digitale Texte. Die Verlage werden nicht umhin kommen, eine Kröte zu schlucken: Jeder, der im Netz veröffentlicht, wird ebenfalls beteiligt werden müssen – denn ansonsten wäre das ganze eine zu offensichtliche Print-Subvention. Mit zunehmender Zahl der reinen Online-Publikationen sinkt somit die potenzielle Einnahme. Schon mittelfristig könnten sogar Angebote entstehen, die allein darauf abzielen, jene Leistungsschutz-Abgaben einzukassieren.

Trotzdem werden die Print-Verlage sich handzahm geben – denn sie sind einerseits die absehbar größten Profiteure der Staatsunterstützung und andererseits besondes abhängig davon. Obwohl: Vielleich ist ja DPA der noch viel größere Leistungsempfänger – schließlich bestehen weite Teile der Online-Auftritte deutscher Medien aus den Meldungen der Agentur.

Ein Leistungsschutzrecht also verlängert die künstliche Beatmung der Tageszeitungsverlage. Statt der Marktwirtschaft Raum zu geben, setzt die schwarz-gelbe Regierung auf tiefrotes Denken – ganz im Sinn des persönlichen Machterhalts.

» 21. Oktober 2009, 17:59 Uhr

    20 Kommentare zu “Bundesregierung will Tageszeitungen subventionieren”


  1. Frank sagt:

    dann bin ich mal gespannt unter welchen “namen” uns das dann verkauft wird?!

  2. lupe sagt:

    “… von einer regierungskritischen Presse dürfen wir uns damit in Deutschland wohl verabschieden. …”

    Das hat schon vor Jahren begonnen, z.B. in der Zeitung, die ich seit über viereinhalb Jahren beobachte.
    Für mich ist das Blatt agenturabhängig, unternehmerfreundlich, CDU-nah und regierungsergeben, und das ganz ohne Subvention.

  3. Chat Atkins sagt:

    Oh, Mann: ‘href’ funktioniert nicht. Also händisch: http://gesundheit.blogger.de/stories/1511299/

  4. Chat Atkins sagt:

    Ich habe umgedacht: Wo der Qualitätsjournalismus solche wirtschaftspolitischen Erfolge feiert, ist es ja wohl klar, dass er unterstützt werden muss …

  5. Tim sagt:

    Wir nähern uns schon lange einem Unternehmenssozialrecht. Jetzt fehlt eigentlich nur noch ein gesetzlich garantierter Mindestumsatz.

  6. H. Hemken sagt:

    Hallo,

    alternativ könnte man unsere Gelder auch in kleine Deckchen investieren. Vielleicht lässt sich die Technologie des `Rauchzeichens geben´ auch noch wiederbeleben…

    Grüße

    H. Hemken

  7. Peter Schink sagt:

    Na, ich bin mal gespannt, wie viel Internet-Kompetenz die neue Bundesregierung noch so an den Tag legen wird….

  8. Putzel-Wutzel sagt:

    Reinventing the Newspaper

    Interessante Perspektive “von außen” auf das ganze Thema. Inhaltlich weitgehend deckungsgleich zu den hier kommunizierten Thesen.

    http://www.innovationinpractice.com/innovation_in_practice/2009/10/reinventing-the-newspaper.html

  9. Mike Schnoor sagt:

    Ich möchte nur betonen, dass man als Unternehmen und/oder Privatperson über den Pressemonitor (PMG) von nahezu jeder großen oder kleinen Print-Publikation in Deutschland das Lizenzrecht erwerben kann, um eine Artikelkopie im Sinne eines Pressespiegels und/oder zur Wiederveröffentlichung (je nach Lizenz) weiterzuverwenden.

    So gesehen: Ein absolutes Scheinvergnügen auf Seiten der Verleger und ihrer Lobbyisten.

  10. Ben sagt:

    Schick mal als Firma ne Pressemitteilung raus.
    Dann kommt so ziemlich von allen Zeitungen/Zeitschriften, mehr oder weniger direkt, die Antwort: Schalte ne Anzeige, dann veröffentlichen wir auch deine PR.
    Is ja ok, das sich die Presse durch Werbung finanziert.
    Aber Wenn Sie sich schon von der Wirtschaft Berichtserstattung kaufen lässt, dann darf der Staat das doch auch.

  11. Jens sagt:

    Hab mir schonmal den Antrag vorgemerkt :-) Gibt\’s also bald ein paar Euronen für Blogposts …

  12. schlaghosengirl sagt:

    ach bitte, wir haben doch schon eine handzahme und vor allem regierungsfreundliche presse. uns wird der unterschied somit gar nicht auffallen …

  13. volkerg sagt:

    das ist ein SKANDAL— die Regierung sollte vernünftiges Anfangen und sich um die wirklichen Probleme kümmern und dem Martk freien lauf lassen..
    SKANDAL, SKANDAL, SKANDAL

  14. Damned. Ich will nicht, dass meinem Arbeitgeber staatlich verordnet Methadon gespritzt wird, er danach süchtig wird & sich das Subventionsgift langsam durch das gesamte Unternehmen frisst…

  15. Chat Atkins sagt:

    Auch das wird sie nicht retten …

    Aber wo gab es zuvor in großem Ausmaß eine regierungskritische Berichterstattung? Was nicht ist, kann auch nicht kaputtgehen. Wenn ich mir bspw. die schaumgebremste Berichterstattung zu dem unglaublichen Bilanztrick eines gigantischen ‘Schattenhaushalts’ anschaue, nur damit FDP und CSU mit Kamelle schmeißen dürfen …

  16. Olaf Sander sagt:

    Endlich – Bundesregierung findet neues Wirtschaftssystem:

    Die Erhaltungswirtschaft.

    (Aus leistungsschutzrechtlichen Gründen, bitten wir Sie, diesen Artikel selbst zu Ende zu schreiben. Sollten Sie dazu keine Lust haben, warten Sie bitte auf die weitere Berichterstattung des Propagandaministeriums oder seiner ihm angeschlossenen Verlage)

  17. Ugugu sagt:

    Ein Jammer. Das traurige aber ist: Die Verleger glauben, das Geld stehe ihnen auch noch rechtmässig zu. Kein Hartz-IV-Empfänger würde sich auf eine solch schäbige Betteltour einlassen.

  18. robin sagt:

    Nunja, die Bundesregierung subventioniert die Print-Branche seit Jahren. Durch den verminderten Mehrwertsteuersatz. Und auch über eine dezente Subventionierung des Zeitungswesen durch das ex-staatliche Unternehmen Post über die verhältnismäßig günstigen Pressevertriebstarife wäre wohl zu reden. Die Subventionierung hat also Tradition. Weil \”Kulturgut\”.

    Demgegenüber gilt der verminderte Mehrwertsteuersatz nicht für E-Paper, E-Books und sonstiges E-Zeitungszeugs.

    Wäre ja schon mal ein Schritt, wenn man die Subvention hier zwischen Print und Online zumindest vereinheitlichen könnte. Das Projekt hat sich Schwarz-Gelb leider nicht vorgenommen. Die Lobby der E-Publizisten ist offensichtlich noch nicht stark genug in diesem Punkt.

    Zum Leistungsschutzrecht ist schon ja schon sehr viel gesagt worden, auch im Manifest.

    Das Kernproblem bleibt ungelöst: Wer ist berechtigt? (und warum eigentlich?) Wer muss zahlen? (und warum eigentlich?) Und warum die Mechanik des Internets dafür umstellen?

  19. Korbi sagt:

    Na dann bin ich ja mal gespannt wie sich das ausgestalten soll. Wird man dann ähnlich wie die Tracking-Pixel der VGWort noch einen weiteren Tracker einbauen müssen? Den Bundes-Counter?

  20. Chat Atkins sagt:

    Ich habe umgedacht: Wo der Qualitätsjournalismus solche wirtschaftspolitischen Erfolge feiert, ist es ja wohl klar, dass er unterstützt werden muss …