»Thomas Knüwer 02. September 2009, 10:19 Uhr

DPA übt sich in Zynismus

Aus einer heutigen Meldung der DPA über Michael Jackson:

“Michael Jacksons Tod kam entweder ein gutes Jahrzehnt zu spät – mit einem frühen Tod wäre er vielen Negativ-Schlagzeilen entkommen. Oder aber viel zu früh.”

(gefunden im Twitter-Feed von Christian Stöcker)

»Thomas Knüwer 02. September 2009, 10:19 Uhr

    3 Kommentare zu “DPA übt sich in Zynismus”


  1. Christoph Dernbach says:

    Damit sich die Leserschaft ein Urteil erlauben kann, anbei der Text komplett und im Wortlaut:

    bdt0106 4 vm 802 dpa 0036

    KORR-Inland/USA/Musik/
    Michael Jackson – für immer «King of Pop»
    Von Patrick T. Neumann, dpa
    (Mit Bild) =

    Hamburg (dpa) – Wenn Michael Jackson an diesem Donnerstag in den
    USA beigesetzt wird, dann ist der Popstar endgültig von der
    Welt(bühne) abgetreten. Es dürfte langsam ruhiger werden im
    Fernsehen, in den Zeitungen, im Internet. In all der Aufregung um den
    unerwarteten Tod der schillernden Persönlichkeit Jackson, im Strudel
    der Spekulationen um Medikamentenmissbrauch und Vergiftung, das Erbe,
    das Sorgerecht für die Kinder, ging eines in den vergangenen Wochen
    häufig unter: Die bahnbrechende und Jahrzehnte überdauernde Musik,
    die er der Welt hinterlassen hat. Dazu seine schier übermenschliche
    tänzerisch-choreographische Präzision, Brillanz und Innovationskraft.

    Eine Selbstbeobachtung

    Als Zwölfjährige übten wir 1983 vor dem Spiegel im elterlichen
    Schlafzimmer den «Moonwalk», jene Tanzschritte, bei denen die
    Beinbewegungen das Vorwärtsgehen simulieren, der Tänzer sich aber
    rückwärts bewegt – wir versagten kläglich. Wie elegant und
    traumwandlerisch dagegen «Jacko» diese Schritte beherrschte, konnte
    ein Millionenpublikum jetzt wieder in den fast täglich gesendeten
    Rückblicken der Fernsehsender sehen. Jackson war zwar nicht der
    Erfinder des «Moonwalk», aber sein Perfektionierer. Seine Massen-
    Choreographien, ob im Video oder auf der Bühne, sind heute – ein
    Vierteljahrhundert später immer noch State-of-the-Art. Als 1983
    «Thriller» als 15minütiger Kurzfilm erschien, war das der Höhepunkt
    für das Genre Musikvideo.

    Doch: Hatten wir MTV, hatten wir YouTube, um uns das Ding zigfach
    reinzuziehen? Nein, natürlich nicht. Musikfernsehen war etwas, das
    wir – die Jackson-Generation, die 80er-Jahre-Jugend – nur vom
    Hörensagen kannten, das Internet noch ein rein wissenschaftliches
    Austauschnetzwerk. Wir hofften auf «Formel Eins» in der ARD – die
    einzige Musikvideosendung damals. Die wenigen Freunde mit Video-
    Rekordern mussten Mitschnitte machen – auf Betamax, VHS oder Video
    2000, in schlechter Qualität, mono und vergrieselt. Egal, Hauptsache
    man hatte das Ding gesehen, und konnte auf dem Schulhof mitreden oder
    sogar nachtanzen – doch das trauten sich nur die Mutigsten, denen das
    Gelächter der Anderen egal war.

    Viele Jungs in den 80ern waren keine JacksonFans. U2, Depeche
    Mode, die Dire Straits, Metallica waren uns viel näher. Dennoch waren
    etliche Songs des damals noch schwarzen US-Jungen ziemlich cool und
    durften bei keiner Keller-Party fehlen. Heute ist klar: Die Songs
    waren nicht nur cool, sondern weltbewegend. Sie waren ihrer Zeit
    voraus, wahre Pop-Kunstwerke. Wer das nicht glauben mag und in
    Jackson nur den Freak sieht, den mutmaßlichen Kinderschänder, den
    Clown, den Narziss, der sollte einfach mal genau hinhören.

    Ein Selbstversuch

    Wenige Tage nach Jacksons Tod spiele ich mir die Hitsammlung
    «Number Ones» auf mein MP3-Handy und gehe mit Knöpfen im Ohr zur
    Bushaltestelle. «Dont Stop Till You Get Enough» kreischt «Jacko» in
    mein Ohr – klasse 70er-Jahre-Disco-Pop, irgendwie funky und groovy.
    Guter Anfang. Danach «Rock With You», die ersten E-Gitarren dröhnen.
    Die Knaller «Billie Jean», «Beat It» und «Thriller» hauen mich fast
    weg. An der Bushaltestelle wippt mein Fuß, die Finger schnippen im
    Takt. Ich muss aufpassen, dass ich nicht unter einem kieksigen Schrei
    eine Pirouette drehe und mir in den Schritt fasse – sähe
    wahrscheinlich etwas komisch aus für einen Familienvater mittleren
    Alters.

    Und spätestens jetzt wird klar, warum Jacksons Musik immer noch
    zeitgemäß und frisch klingt: Er hat Anfang der 80er Jahre schon Dinge
    gemacht, für die andere Bands noch in den 90ern gefeiert wurden. Er
    mischte Rap und Rock, Soul und R&B zu einem Mainstream-tauglichen
    Pop-Mix. E-Gitarren röhren neben Hip-Hop-Beats. Er rappt, schreit,
    kiekst und singt. Viele der Songs hat er selbst geschrieben,
    komponiert und arrangiert; produziert wurden die meisten Jackson-
    Lieder von Quincy Jones, der schon als Musiker ein Großer ist, aber
    als Produzent noch viel mehr drauf haben muss.

    Doch nach einigen Top-Songs die ersten «Downer»: «Human Nature»
    und «I Just Can‘t Stop Loving You». Sicher: Die Balladen von Jackson
    waren oft kitschig und an der Grenze zur Peinlichkeit. Da konnte
    meist wenig Brillanz durchscheinen, also: schnell vorspulen. «I‘m
    bad, I‘m bad», schreit mir Jackson ins Ohr – ich schaue mein
    Gegenüber im Bus böse an und will gerade «Who‘s bad?» fragen, als die
    Tür aufgeht. Die nächste Ballade wird wieder übersprungen und zur
    rockigen Nummer «Dirty Diana» stolziere ich mit wippendem Schritt
    hinaus.

    Dann höre ich «Smooth Criminal» – wenn ich an Jackson denke, dann
    meistens an diesen Hit. Viel Kraft und Härte stecken in diesem Song.
    Dinge, die Jackson auf der Bühne sehr gut ausstrahlte, aber abseits
    fast verstörend vermissen ließ. «Black or White» und der «Earth Song»
    folgen – zwei Gutmenschen-Songs. Lieder dieser Art gehören nun mal
    zum «I love you all»-Pathos vieler US-Stars. Und dann noch «Jackos»
    Song für depressive Rotwein-Abende: «You Are Not Alone» – gern auch
    genommen bei Jackson-Rückblicken im TV. Gänsehaut und Tränen fast
    garantiert.

    Noch einmal «Smooth Criminal» angeklickt. Dann komme ich etwas
    verschwitzt und mit zuckenden Gliedern im Büro an. Mein kurzer
    «Moonwalk» auf dem stumpfen Teppich geht daneben – dann rolle ich
    eben mit dem Drehstuhl und Wellen-Armbewegungen durch den Großraum.

    Ja, Jackson war auch ein Freak, vermutlich eine zutiefst gestörte
    Persönlichkeit mit einem ungesunden Verhältnis zu Kindern, zu seinem
    Körper, zur Welt. Aber er war auch der «King of Pop», nicht der
    einstige, nicht der selbsternannte, sondern der echte, ungekrönte
    Pop-König. Und so wie Elvis Presley ewig der «King of Rock‘n‘Roll»
    sein wird, ist Jackson für immer der «King of Pop». Selbst sein
    Abgang war Pop – in dem Sinn, dass er schrill, inszeniert, pompös und
    unglaublich war.

    Michael Jacksons Tod kam entweder ein gutes Jahrzehnt zu spät -
    mit einem frühen Tod wäre er vielen Negativ-Schlagzeilen entkommen.
    Oder aber viel zu früh. Vielleicht hätte Jackson der Welt nochmal
    zeigen können, dass er immer noch in der Lage ist, auf der Bühne
    Übermenschliches zu leisten.
    dpa pn yyzz a3 k6 gth/ia
    020930 Sep 09

  2. Herr Jackson und die Medien werden auch im Tod nicht warm miteinander. Es eben Dinge die ändern sich nie.

  3. Patrick T. Neumann says:

    1.) Das ist kein Zynismus, sondern eine pophistorische Betrachtung – wenn auch eine traurige. Aber denken wir doch mal kurz nach: Wären Kurt Cobain, Jimi Hendrix, James Dean et al zu ihrem heutigen Ikonen-Status gelangt, wenn sie nicht jung und auf der Höhe ihres Schaffens gestorben wären?

    2.) Das ist keine “Meldung der dpa”, sondern ein subjektiv gefärbter Korrespondentenbericht – ein wichtiger Unterschied in der inhaltlichen Bewertung.

    Grüße, der Autor