Für die optische Erneuerung von gedruckter Medienobjekte gilt: niemals im Sommer! Denn so eine neue, erste Ausgabe soll ja
a) schön und interessant sein – was im Sommer das gleichnamige Loch gepaart mit urlaubenden Mitarbeitern verhindern könnte
b) Aufmerksamkeit bekommen – was urlaubende anderer Berufsdisziplinen verhindern könnten
c) dick sein – doch im Sommer wird weniger Werbung geschaltet.
Erstaunlicherweise ist es bei Online-Medien fast anders herum, könnte man meinen. Denn in diesen heißen Sommertagen renovierten sich sowohl Stern.de als auch Spiegel Online.
Und dabei haben sie einen guten Job gemacht.Die Wahl ist schuld. Schrieb mir Spiegel-Online-Chef Rüdiger Ditz auf die Frage, warum an einem der heißesten Tage des Jahres seine Seite ihr neues Kleid anlegt:
“Wir wollten zum Herbst, vor allem zur Bundestagswahl, auch in den redaktionellen Arbeitsabläufen fertig werden. Unser Relaunch hat da einige Änderungen im Detail mit sich gebracht. In wenigen Wochen wird der Umgang damit Routine sein. Ursprünglich hatten wir mal Juni als Relaunch-Monat geplant, dann kamen aber einige andere Dinge dazwischen.”
Vielleicht aber ist der Sommer gerade für Online-Angebote eine gute Startzeit. Denn das Interesse an ihrer Erneuerung dürfte ja die Zugriffe steigen lassen – und birgt somit die Gefahr von Ausfällen.
So oder so: Spiegel Online und Stern.de sind also aufpoliert worden.
Dabei ist Stern.de radikaler an die Sache rangegangen: Die Seite ist jetzt bildorientierter, die Texte sind leserfreundlich unterteilt. Ein Aufmacher dominiert die Startseite. Die grauen Logos, die aussagen, ob es zu einer Geschichte Texte, Töne oder Bilder gibt, sind allerdings arg unelegant geraten.
Spiegel Online hat sich dagegen auf den ersten Blick nur ein wenig die Augenlider nachgezogen. Der Auftritt ist klarer und nüchterner geworden.
Doch in beiden Relaunches zeichnet sich auch eine neue Zeit ab. Da ist zum Beispiel das Bildformat bei Stern.de. Endlich ist es groß, fast bildschirmfüllend - Fotos sind auch online beeindruckend. Das kann zwar immer noch nicht mit dem Big Picture von Boston.com mithalten – aber es ist ein Anfang.
Bei Spiegel Online ist es eine Verschiebung, die bemerkenswert ist. Die Navigationsspalte rückt bei Artikeln von rechts nach links. Das ist eine kleine Revolution. Gemeinhin gilt die Regel: Was links liegt, wird nicht geklickt. Weshalb Werbebanner auch meist der rechten Seite liegen. Die psychologiscshe Erklärung liegt angeblich in der Vorherrschaft der Rechtshänder. Die haben ihre Hand auf der Maus und der Mauszeiger ist dort, wo sich die Hand “anfühlt” – also rechts.
Gleichzeitig aber führt dies vielleicht auch zu einem Ausblenden all der Elemente auf der rechten Seite. Denn sie befinden sich ja neben dem Ende der Textzeilen, das Auge springt also nach der Lektüre einer Zeile nach rechts. Die Navigation auf die linke Seite zu verlegen könnte diese also präsenter machen. Gleichzeitig bemerke ich bei mir, dass sie zu präsent wird. Es hakt ein wenig beim Lesen, aber das kann subjektiv sein.
Diese Kleinigkeiten bei Stern.de und Spiegel Online sind für mich Ausdruck eines Wandels. Die Auftritte wirken ein Stücken erwachsener und leserorientierter. Ganz langsam gewinnen die Interessen der Nutzer die Oberhand über die Interessen der Werbewirtschaft – und das ist gut so. Schließlich kommen die Anzeigen wegen der Leser, nicht umgekehrt. Und wer sich die W&V-Zeitleiste anschaut, dem wir klar, wie weit der Weg der Nachrichtenseiten war. Und er dürfte noch lang nicht vorbei sein.










20 Kommentare zu “Spiegel Online und Stern.de: Alles neu macht der August”
Sehe das ebenfalls etwas anders (abgesehen vom unsäglichen Links-/Rechts-Tausch der SPON-Seiten:
Das neue Stern-Layout ist aus zwar Grafikersicht halbwegs stylo & clean aber nicht wirklich neu.
Aus Lesersicht ist es schlicht unerträglich. Headlines/Anreißer/Links über Visuals – ein NoGo & absolut hinderlich beim schnellen Erfassen des Inhalts. Abgesehen davon ist hier eine Kollison mit jedem 2. Motiv quasi vorprogrammiert (denkt einer an die armen Screenis die stündlich auf Newspics Blut & Schmadder dezent ausblenden müssen, damit die Copy halbwegs lesbar ist …). Lieblose Icons oder anstrengende Pseudoperspektiven in den Slideshown seien mal dahingestellt. Generell macht die Startseite einen recht inhaltsleeren Eindruck, viele Bilder in noch viel mehr Formaten mit netten roten Headlines – Bock auf die Artikel bekomme ich nicht wirklich. Dafür aber Kopfschmerzen.
Kurzum der hier bereits erwähnte Verdacht, Stern.de zweifelt an der Leselust bzw. -fähigkeit seiner User, drängt sich geradezu auf. Gibt’s ein ein Backup vom alten Design, oder wenigstens eine NurText-Variante, Bitte!?
Bin ganz anderer Meinung. Zuerst dachte ich, “Stern” wäre nun übersichtlicher, doch dieser Eindruck hat sich jetzt ins Gegenteil gekehrt. Schon der “Stern” vorher ging mir ziemlich auf die Nerven, alles wurde immer überladener, vor allem durch die vielen Elemente rechts und oben, wo Werbung in Ichweißnichtwas überging; man wurde ständig durch bunten Müll vom Lesen abgelenkt. Daß sich da jetzt was Substanzielles geändert hätte, konnte ich leider nicht feststellen, der Trend zur Überfrachtung hält m. E. an. Beim “Spiegel” hat sich weniger geändert; daß es alles besser geworden ist, glaube ich auch nicht. Aber ich analysiere die Seiten nicht langwierig, dazu sind mir beide Blätter längst zu gleichgültig geworden.
Das ist das Hauptproblem: Obwohl ich den gedruckten “Spiegel” nach wie vor jeden Sonntag lese, kann ich “Stern” und “Spiegel” im Netz, nach jahrelanger Nutzung, schon seit längerem irgendwie nicht mehr ertragen. Ich bin einfach müde, diesen ganzen Quatsch zu sehen. Der Inhalt interessiert mich kaum noch, er ist in weiten Teilen belanglos und kurzatmig. Daher ist für mich die äußere Form auch schon egal. In zwei, drei Jahren werde ich wohl vielleicht den ganzen Kram gar nicht mehr aufrufen.
@tom: DITO. Das sehe ich genaus so!
Originell finde ich darüber hinaus den Gedanken, dass Verlagshäuser wie G&J, Spiegel, Springer, Bauer Markt- bzw. Meinungsführer im Netz werden wollen – aber es offensichtlich keiner dort für nötig erachtet, sich zumindest an grundlegende technische Konventionen halten zu wollen. Sollen doch die Leute sehen, wie sie mit ihrem Explorer/Firefox klarkommen.
Wie wird eigentlich der jetzt so interessiert diskutierte “Paid Content” durchgesetzt werden, wenn ausgerechnet dieses Volk dann ein Bezahlsystem technisch einwandfrei umsetzen soll, in einem so geführten Umfeld?
Ganz großes Kino.
@jens – wie sich SPON weiterentwickeln wird, ist eine gute Frage. Der Validator mag mittlerweile gar nicht mehr. Der Aussage “völlig unprofessionell” kann ich mich uneingeschränkt anschliessen.
Allerdings scheint man in Punkto “f*ck html” einen Trend gesetzt zu haben. Hier ist SPON zwar federführend, auf korrektem HTML basiert jedoch derzeit kaum einer der größeren Verlagsauftritte im Netz, wie eine von mir kurzfristig durchgeführte Spontananalyse ergab.
“We don’t care, we don’t need to – hey, we’re the print company!”
Naja, ich denke das Redesign vom Stern.de liegt ja nicht darin begründet, schicker aussehen zu wollen als die Konkurrenz oder die usability zu steigern, sondern weil der Chefredakteur Vater geworden ist und Beschäftigung im Büro brauchte…
Oder hab ich das falsch verstanden?
stern.de gelungen?
Das sehe ich anders – fühle mich nicht ernstgenommen, weil mir überall auf der Seite der Eindruck vermittelt wird, ich könne keinen längeren Text lesen sondern wäre auf ein Bilderbuch angewiesen.
Aber so gehts mir bei der Zeitschrift genauso.
Gefältt mir gar nicht!
ROFL! Noch mehr Platz für RIESEN ÜBERSCHRIFTEN bei SpOn. Jetzt hat das EhNaMag auf meinem 32′ Screen endlich größere Überschriften als die Bild, ConGratz!
SCNR
Ich kann die Meinung des Beitrages überhaupt nicht teilen. Die neue SPON-Seite ist nicht etwa nach geschmacklichen Aspekten ein Fehlgriff – darüber könnte man streiten, und das dezent aufpolierte Design finde ich sogar recht gelungen.
Vielmehr ist die Seite nach grundlegenden Usability- und Ergonomie-Gesichtspunkten schlichtweg fehldesignt. Und darüber kann man eben nicht (oder nur sehr eingeschränkt) streiten. Denn dahinter stecken konkrete Normen, kulturkreisspezifische Anforderungen und eben auch empirisch belegte Nutzergewohnheiten.
Das alles entscheidende Manko am neuen Design ist die rechtsspaltige Ausrichtung der Textbeiträge – das ist weder “leserorientierter” noch “erwachsener”, sondern einfach nur falsch. Noch verschärft wird dies durch die entgegengesetzte Ausrichtung der Startseite und durch die fehlende optische Abgrenzung der rechtsspaltigen Beiträge, die *vielleicht* noch einiges gutgemacht hätte.
Ich kann auch, insbesondere angesichts der zahlreichen SPON-Forenbeiträge zum Thema, keineswegs erkennen, daß “die Interessen der Nutzer die Oberhand über die Interessen der Werbewirtschaft” gewinnen. Das genaue Gegenteil ist der Fall – offensichtlicher Zweck der Rechtsspaltigkeit ist doch die bessere Plazierung der Werbung im natürlichen Blickfeld der Leser. Wahrscheinlich hielten die Macher es für besonders trickreich, die Ausrichtung der Startseite wie gewohnt zu belassen und nur die Unterseiten umzustellen, weil so der Blick nach dam Öffnen eines Artikels automatisch zuerst auf die Werbung fällt. Bezeichnend ist übrigens auch, daß die Präsentations-Screenshots auf SPON völlig werbefrei sind, sich jedoch nach dem Öffnen der Seite ohne Adblocker ein wahres Inferno an Geflacker und Geblinke über den Leser ergießt.
Nicht unerwähnt will ich die massenhaften HTML-Fehler lassen, die unter anderem dafür sorgen, daß die Seite in verschiedenen Browsern verschieden und teilweise grob fehlerhaft dargstellt wird. Völlig unprofessionell. Ich weiß nicht, ob SPON diese technischen Details selbst erledigt oder ausgelagert hat, doch einem solchen Relaunch *muß* in jedem Fall eine gründliche, interne Testphase vorausgehen, in der das neue Design parallel zum bestehenden getestet wird. Mit vernünftigen Redaktionssystemen kein Problem. Offensichtlich wurde hier mit heißer Nadel gestrickt, weil eben “einige andere Dinge dazwischen kamen”.
Nunja, ich bin gespannt, wie sich SPON weiterentwickeln wird.
Ich tippe, die zusammengefassten Infos zum Aufklappen links dienen SPON in erster Linie dazu, Klicks zu generieren.
Und zum Thema Werbung: Mit Firefox + Plugin AdBlock kriege ich davon leider auf keiner Website der Welt etwas zu sehen.
“Gemeinhin gilt die Regel: Was links liegt, wird nicht geklickt. Weshalb Werbebanner auch meist der rechten Seite liegen.” Gibt’s dafür irgend welche handfesten Untersuchungen? Ich kenn das nur anders. Rechts außen und oben überhalb der Navigation sind die schlechten Werbeplätze. Links ist besser, ideal ist dort, wo der Inhalt ist. So stellt das Google in der Hilfe für Adsense-Publisher dar, so ist auch meine Erfahrung.
@Ralph Schn: Das Problem mit der Laufweite ist ja, dass die mit der Auflösung zusammenhängen – d.h. mit steigender Auflösung pro Bildfläche (und die haben wir tendenziell bei neuen Geräten) wir die Laufweite automatisch schmaler.
Mit anderen Worten: es ist relativ …
Ich finde die rechts-links-umorientierung bei spon auch fürchterlich. Aber es gibt einen ausweg für den firefox browser: add-on “stylish” einfügen und dann hier klicken:
http://userstyles.org/styles/20295
Einfach auf der Seite oben rechts auf installieren klicken – und fertig. Rechts ist wieder rechts, links ist links und das spon-redesign wird erträglich.
verstehe den autor nicht, die navigation ist doch nach wie vor oben und nicht links …
dafür ist jetz links und rechts (und auch oben) WERBUNG … der relaunch diente wohl dazu noch mehr werbung unterzubringen ..
is auch verständlich: SO ist ja das nachrichtenportal mit den mit abtsand meisten zugriffen
Interessant ist auch immer mal wieder die Frage an den Validator: http://validator.w3.org/check?uri=http%3A%2F%2Fwww.spiegel.de%2F&charset=(detect+automatically)&doctype=Inline&group=0&verbose=1&user-agent=W3C_Validator%2F1.654 – mehr als 120 Fehler bei der Eingangsseite von Spiegel.de. Was genau ist noch mal ein guter Job, in dem Zusammenhang?
Mich wundert bei SPON neben der linken Kontextspalte auch, die Laufweite der Zeilen. Sieht eleganter aus, aber ist laut Usablity-Studien nicht lesefreundlicher. Oder habe ich da was verpasst?
Das Redesign beim Stern ist echt gut geworden und damit hat IMHO der Stern Online-Auftritt auch einiges an Attraktivität gewonnen. Sieht professionell und übersichtlich aus. Nein wirklich, gefällt mir.
Beim Spiegel muss ich mich den Vorrednern anschließen. Zum einen funktioniert die neue Seite im Konqueror nicht richtig (ja, okay – Randgruppe, ich gebs ja zu
), und die Navigation rechts ist – naja – so was wie de-facto-Standard zumindest im deutschsprachigen web. Auf der einen Seite rückt die Navigation links den Inhalt drumherum etwas mehr in den Vordergrund. Andererseits hakt es wirklich nicht nur ein bisschen. Wenn man von der Grundschule an daran gewöhnt ist, den Text am linken Rand zu finden…
Ist zwar ein mutiger Schritt, ich kann mir aber nicht vorstellen, dass es so wirklich “besser” (im Sinne von “beliebter”) ist.
ich finde es genau andersrum
die Startseite bei Stern.de ist viel zu dominant.
Man verpaßt schöne Themen, weil man ja oben nur ein paar sieht.
Vor allem, weil immer mehr Leute Breitbildnotebooks haben und die sind eher breiter und nich so tief
Da fällt der untere teil der Stern-Seite schon mal weg.
Spon find ich zwar gewöhnungsbedürftig aber mir gefällt der Übersichtsteil links sehr gut.
Naja, und Links links zu haben hat doch auch was.
Das Re-design bei Stern.de finde ich rundum gelungen. Wobei die gestern wohl Schwierigkeiten hatten, einen Aufmacher zu finden, denn die Bilderstrecke über Italofaschos so prominent zu platzieren, kann nur eine Verlegenheitslösung gewesen sein. Auch mit dem Text auf dem Aufmacherbild gab’s schon Probleme…
Jeder, der bisschen was von Usability weiß, wird aber bei SpON die Hände über dem Kopf zusammenklopfen. Die Navi einmal links (alt) und einmal rechts (neu) anzuordnen, ist absoluter Müll – beo mir hakt’s nicht bloß beim Lesen: Mich macht es radekastendoll!!! Und dieser blöde Banner-Hinweis, es handele sich um eine Themenseite, geht gleich gar nicht. Die Layout-Details (Schriftgröße etc.) bringen nichts – Gesamturteil: verk***t.
Durch die linke Spalte steht genau an der Stelle, an der bis gestern der Artikeltext stand, nun ein großes und vermutlich teuer bezahltes Content-Ad. Du selbst schreibst, die linke Leiste führt zu einem “Haken” beim Lesen. Das nennst du Orientierung an den Interessen der Leser statt an der der Werbewirtschaft? Ich glaube, du solltest nochmal ne Nacht drüber schlafen und den Blog-Eintrag dann nochmal schreiben…