Meinen Presseausweis brauche ich vielleicht ein oder zwei Mal im Jahr. Zum Beispiel bei der Cebit. Heute aber habe ich ihn aus der Geldbörse genommen und umgedreht. Als Erinnerungshilfe. Denn was dort steht, das sollte man den Organisatoren der Leichtathletik-Weltmeisterschaft gepflegt um die Ohren hauen. Und es sollte allen deutschen Medien zu denken geben, ob sie über die Veranstaltung berichten wollen. So steht es auf der Rückseite jedes Presseausweises:
“Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe. Die Behörden sind nach Maßgabe der Landespressegesetze verpflichtet, den Vertretern der Presse die Erfüllung ihrer öffentlichen Aufgabe dienenden Auskünfte zu erteilen. Institutionen und Unternehmen werden gebeten, den Vertetern der Presse die der Erfüllung dienenden Auskünfte zu erteilen.”
Nun geht es im vorliegenden Fall nicht um die Erteilung von Auskünften, sondern um den Zugang zu einer wichtigen Veranstaltung. Doch ist das unverschämte Papier, das Berichterstatter, die bei der Leichtathletik-WM vor Ort sein wollen, unterschreiben müssen, ein Hinweis darauf, dass im Bundesland Berlin die Achtung vor der Erfüllung öffentlicher Aufgaben ungefähr den Wert eines auf die Straße gespuckten Kaugummis hat.
Alle, die sich akkreditieren wollen, müssen eine ausführliche Sicherheitsprüfung genehmigen, die bis in Staats- und Verfassungsschutzdaten hineingeht. Die “Taz” hat sich deshalb entschlossen, der Leichtathletik-WM fernzubleiben.
Jens Weinreich, sonst einer der kritischsten deutschen Sportjournalisten gesteht, so klingt es zumindest, ein wenig reumütig ein, das Schreiben unterzeichnet zu haben. Bei ihm ist das Dokument aber einsehbar.
Bemerkenswert ist der zynische Grundton der Erklärung: Es stehe jedem frei, zu unterschreiben – nur werde halt jeder, der nicht unterschreibe nicht akkreditiert.
Es ist eine bemerkenswerte Einstufung von Journalisten: der Reporter, ihr freundlicher Terror-Verdächtiger von nebenan. Und es spricht von der generellen Grundhaltung der Sportinstitutionen und der öffentlichen Hand gegenüber der “öffenlichen Aufgabe” Journalismus: Für den Leichtathletik-Weltverband und das Land Berlin sind Journalisten Sicherheitsgefährder.
Jemand wie den Berliner Sportsenator Ehrhard Körting darf man eine stetige Entfernung von demokratischen Grundhaltungen bescheinigen, wenn er über seinen Sprecher ausrichten lässt:
“Sie dürfen frei berichten, dürfen ohne Akkreditierung nur nicht ungehindert in die Sicherheitsbereiche.”
Die “Taz” ergänzt, dass dies bedeutet, man dürfe eben auch nicht ins Stadion.
Derzeit gibt es allerlei konzertierte Aktionen von Chefredakteuren und Verlagsgeschäftsführern und Mediengewerkschaften. Warum eigentlich nicht in diesem Punkt? Es geht hier um ein wichtiges Ereignis in Deutschland. Das weiträumig im TV übertragen wird, dem Zeitungen ganze Seiten widmen werden. Warum also kein Aufschrei der Chefredakteure und Verleger?
Ach ja, es geht um die Qualität von Berichterstattung und das Ansehen von Journalisten. Also um Zweitrangiges.










17 Kommentare zu “Leichtathletik-Weltmeisterschaft Berlin: Willkommen in Nordkorea”
Die große Frage ist doch, warum es in dieser Angelegenheit nicht vorab zu einer Verhandlung zwischen den Beteiligten gekommen ist. Der im Sport bekannte Verhandlungsexperte Friedhelm Wachs hatte dazu in einem Vortrag in der Otto Fleck Schneise mal ausgeführt, dass die Medien es versäumt haben im Palaver um Übertragungsrechte auch die Arbeitsbedingungen gleichzeitig festzuschreiben. Das kann man ja in Zukunft mal ändern.
Wie laut wäre der Aufschrei, wüssten die Journalisten,
daß diese Überprüfungen schon immer üblich waren?
Neu ist lediglich, die zu Überprüfenden vorher zu fragen.
Nicht zum Schutz der Daten von Journalisten, sondern zum Schutz
der überprüfenden Institutionen wird Datenschutz ein
wenig ernster genommen.
“Die Presse erfüllt eine öffentliche Aufgabe”
Muhahahaha, das ist aber schon lange her, das war vielleicht mal!
“Lässt sich der durch das BOC ausgeübte Zwang gegenüber Journalisten, ihre Zustimmung geben zu müssen dazu, dass das nicht-staatliche BOC Zugriff erhält auf viele schutzwürdige Daten, die bei Polizei, Verfassungsschutz und anderen Geheimdiensten über sie gespeichert sind, vereinbaren mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen (journalistischen) Arbeitnehmern?”
Ist das ein deutscher Satz oder ein Monster?! Unlesbar.
Wie Adox bereits kommentiert hat, verstehe ich die ganze künstliche Aufregung nicht. Sollte eigentlich jeder Journalist spätestens seit der WM mitbekommen haben, dass sich einiges geändert hat. Jetzt so zu tun, als wüsste man von nichts, ist absolut heuchlerisch. Hauptsache wieder ein Thema gefunden, hm?! Dann einfach nicht drüber berichten und nicht rumheulen. Die gute Taz macht’s vor und hat sowas nicht nötig.
Im übrigen: Leichtatlethik-WM interessiert doch niemanden mehr, nachdem sich der Sport in den letzten Jahren immer weiter von seinem Publikum entfernt hat. Berichte wer wolle. Es ist wayne! Eine absolute Farce! Sicher werden die 100m dieses Mal in 9,0 gelaufen, man lässt sich feiern und alle klatschen freudig. Jubel, Trubel, Heiterkeit (oder auch nicht, denn die Leute haben es satt sich von Dopingverbrechern verarschen zu lassen). Die deutschen Sportler sind davon leider nicht ausgenommen – jüngstes Beispiel unsere “vorbildliche” Frau Pechstein. Ich wette mal auf mindestens 20 neue Weltrekorde. Wer bietet mehr?
Wie sieht das eigentlich mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers für seine Mitarbeiter aus? Journalisten sind ja auch Arbeitnehmer.
Lässt sich der durch das BOC ausgeübte Zwang gegenüber Journalisten, ihre Zustimmung geben zu müssen dazu, dass das nicht-staatliche BOC Zugriff erhält auf viele schutzwürdige Daten, die bei Polizei, Verfassungsschutz und anderen Geheimdiensten über sie gespeichert sind, vereinbaren mit der Fürsorgepflicht des Arbeitgebers gegenüber seinen (journalistischen) Arbeitnehmern?
Die Auflagen für Journalisten bei der Leichtathletik-WM sind nicht neu. Seit September 2001 sind die Sicherheitsstandards auch bei Akkreditierungen gestiegen. Das hat spätestens jeder Journalist registriert, der bei der Fußball-WM 2006 in Deutschland dabei war. Im Vorlauf waren da ganz ähnliche Auflagen zu erfüllen. Seither gilt dieses Verfahren als Standard bei großen Sportereignissen. So war es bei der Fußball-EM 2008 in Österreich, so war es bei Olympia 2008 in Peking.
Dahinter steht eine Diskussion, die mit grundsätzlich verschiedenen Auffassungen über Datenschutz in Europa und in den USA (Google, Apple, Zugriff von US-Behörden auf die Daten Flugreisender usw.) zu tun hat.
Ein komplexes Feld, auf dem es keine einfachen Antworten gibt.
Die TAZ tut das einzig richtige: laut ignorieren.
Herr Finkehnthei, es fällt so schwer, weil es den Wichtigen in der deutschen Journalistenschaft offenbar wichtiger ist, gegen das ewig-böse Internet zu wettern, als sich der Aushöhlung der Pressefreiheit entgegenzustellen.
… wäre zum Beispiel auch mal interessant, was unsere Freunde vom DJV dazu sagen – und dann zu sehen was sie tun!
Mich wundert es ein wenig, dass Journalisten bei einer solchen Behandlung nicht viel lauter aufschreien, schließlich haben sie alles Möglichkeiten dazu.
Der Weg von dieser “Kontrolle” wegen “Sicherheitsaspekte” etc. bla. bla. auf Zensur ist kein weiter. Oder handelt es sich dabei nicht bereits um eine gewisse Form der Zensur?
Im Ernst: wo bleibt der Aufschrei? Es scheint also alles schon so zu sein wie befürchtet, oder? Der Journalismus, der noch was in der Hose hat, ist tot.
So neu ist das Thema aber nicht. Auch bei der Fussball-WM gab es eine “Zuverlässigkeitsprüfung”, durch das BKA und den Verfassungsschutz. Zumindest bei den IT-Journalisten, die über die technischen Leitstände u.dgl. berichteten. Ich nehme an, dass das Prozedere in leichterer Form auch für die Sportjournalisten galt. Ich habe das Verfahren übrigens akzeptiert und sehe es in bestimmten Bereichen wie dem Zutritt zu Hochsicherheitsräumen als legitim an. Was ich bei einem Stadion allerdings nicht sehe….
@Weltenweiser, das stützt meine Theorie, derzufolge freier Journalismus eigentlich nur noch als Nebenerwerb machbar ist. Ansonsten – zuviele Abhängigkeiten.
Das Bittere ist doch, dass es sich freie Journalisten teilweise gar nicht leisten können, da “Nein” zu sagen.
In einem Staat der Bürger unter Generalverdacht stellt, ist das doch nur konsequent. (Ironie off)
“Und es spricht von der generellen Grundhaltung der Sportinstitutionen und der öffentlichen Hand gegenüber der “öffenlichen Aufgabe” Journalismus”
Nein, es spricht von der generellen Grundhaltung, jeden Menschen in diesem Land als Verdächtigen und Gefährdungspotential zu begreifen – und davon, dass Journalisten davon jetzt einfach auch nicht mehr ausgeschlossen sind.
Mal im Ernst – früher konnte man sich innerhalb der Presse noch einigen, über bestimmte Dinge einfach nicht zu berichten, z.B. bei der Reemtsma-Entführung. Warum fällt das heute so schwer?
A gehn’s, hörn’s halt a Radio…
)