Auch ich mag ja offene und ehrliche Worte. Es gibt aber Momente, in denen man einfach mal diplomatisch sein sollte. Erst recht, wenn man im Auftrag seines Arbeitgebers die Beziehungen zur Öffentlichkeit pflegen sollte.
Ein bemerkenswertes Beispiel dafür, wie man als Pressesprecher nicht agieren sollte, liefert derzeit Udo Kampschulte ab, Sprecher der Deutschen Bahn in NRW. Den Bahnhof zu Münster hat Götz Alsman einst als “Klo mit Bahnanschluss” bezeichnet. Wer die Bau gewordene Kloake kennt, wertet dies als Kompliment.
Dort nun hat sich etwas sehr Tragisches ereignet. Ein emeritierter Professor im gesetzten Alter von 78 oder 79 Jahren (da widersprechen sich die Berichte) ist anscheinend beim Besteigen der Treppe gen Bahnsteig gestolpert, hinuntergefallen und an den Folgen des Sturzes gestorben.
Dies ist natürlich ein Zeitpunkt, um mal wieder nachzufragen, wann es mit der seit Jahren versprochenen Instandhaltung des Bahnhofs etwas wird. Und wieso zum Beispiel die Gepäckbänder, die das Hinaufwuchten von Koffern erleichtern sollen, weiterhin nicht funktionieren.
Für Udo Kampschulte, den zuständigen Bahnsprecher scheinen all dies majestätsbeleidigende Fragen zu sein. Zumindest zitieren ihn einstimmig die Lokalmedien mit Äußerungen, die nicht nur Rentnerverbände erzürnen dürften:
“Der Mann hätte auch woanders stürzen können. Dass es ausgerechnet im Bahnhof passierte, ist ein unglücklicher Zufall.“
“Wenn jemand aber eigensinnig ist, für den Fall kann man eine gewisse Mitschuld nicht verneinen.”
“Es gibt keine Garantie, dass immer ein Aufzug, eine Rolltreppe oder ein Gepäckband auf allen Bahnhöfen im Land zur Verfügung steht. Das gilt für Rollstuhlfahrer und Eltern mit Kinderwagen ebenso wie für alle Reisenden.”
“Er hätte sich helfen lassen können.”
Fasst man dies zusammen, darf man wohl folgern: Der Deutschen Bahn nach sollen alte Menschen daheim hocken bleiben, nicht mobil sein und wenn ihnen etwas passiert, dann sind sie halt selbst Schuld. Gestorben wird halt immer.
Zumindest haben wir somit nicht nur etwas über die Kinderstube von Udo Kampschulte erfahren, sondern auch darüber, wie er sich seinen späten Jahre so vorstellt.
Nachtrag: Die Bahn wird hektisch. Nun gibt es eine Gegendarstellung. Kampschulte behauptet, er habe nur gesagt, niemand müsse mit Koffern verreisen – was auch schon merkwürdig genug ist. Bemerkenswert aber bleibt: Sowohl Echo Münster, “Westfälische Nachrichten” und “Münstersche Zeitung” kolportieren merkwürdige Zitate. Sollen alle falsch mitgeschrieben haben?










23 Kommentare zu “Bahn rät: Alte Menschen, bleibt daheim”
@ Christian Kirchner:
“Selbst wenn ein hauptamtlicher Bahn-Pressesprecher erklärt, ältere Leute müssten ja nicht verreisen (was ich schon mal per se für wenig glaubwürdig halte)…”
Ich halte das schon für glaubwürdig. Ein Herr Mehdorn hat ja auch behauptet, bei größeren Entfernungen nähme er lieber den Flieger. Insofern passt das genau ins Bild, was die Bahn-Oberen von den Beförderungsfällen, ääh, Fahrgästen halten.
Oh Mann, da fällt einem doch nix mehr dazu ein… Die Bahn. Meine Nemesis! :-/
@ georg
“Aber jeder ist dafür verantwortlich, selbst mit seiner Lebenslage zurecht zu kommen oder sich ein Zurechtkommen zu organisieren.”
ach – und deshalb werden einstiege für rollstuhlfahrer in bussen angelegt, oder buckelfreie wege auf kopfsteinpflaster, oder rampen für behinderte in arztpraxen….weil ein contergangeschädigter, eine 90jährige, eine mutter mit drei kindern alleinreisend, eine ms-kranke selbst zurecht kommen muss ??? brave new world….ich hoffe, sie bleiben auf ewig jung und gesund.
Naja man kann jedes Wort auch auf die Goldwaage legen – in dem Fall ist ein Satz zuviel des Guten gewesen. Jeder von uns macht mal einen Fehler – der Mann ist ja nicht wegen dem Pressesprecher gestorben und es gibt wohl auch viele Leute die sich am Bahnsteig in Münster nichts brechen oder stürzen.
Übrigens kann die Bahn froh sein dass alte Menschen reisen – da diese oft kein Auto mehr haben nutzen sie eben die öffentlichen Verkehrsmittel. Ohne Rentner wäre so mancher Zug leer…
Hier kann man klar erkennen, dass der Bahnsprecher offensichtlich seinen Beruf verfehlt hat. Auf der einen Seite schon schlimm genug, dass so etwas passiert, dass dann aber die Schuld noch beim Reisenden gesucht wird ist schlichtweg eine Frechheit. Hier sollten sich die Verantwortlichen mal konstruktive Gedanken machen…
Siehe auch
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2009/07/14/lokalzeit_muensterland.xml?offset=36&autoPlay=true
und
http://www.wdr.de/mediathek/html/regional/rueckschau/2009/07/15/lokalzeit_muensterland.xml?offset=36&autoPlay=true
“[...] sondern auch darüber, wie er sich seinen späten Jahre so vorstellt.”
Dazu hat er ja hoffentlich bald genug Zeit. Auch wenn man annehmen muss, dass er sich zunächst Gedanken um seine unmittelbare berufliche Zukunft machen wird.
@ thomas knüwer: haben sie vorher mit dem bahnsprecher gesprochen?
bravo @ christian kirchner!!!!
er hat den deutschen journalismus verstanden!!!
@Georg: Die Bahn darf nicht nur niemanden diskriminieren, sie darf auch niemanden aufgrund seiner Behinderung in der Benutzung der Bahnhöfe, Treppen und Züge benachteiligen. Wenn jemand irgendeine Einschränkung hat, ist es nicht seine Aufgabe, Maßnahmen zu ergreifen, dass er aufgrund dieser Einschränkung nicht auf einem Bahnhof zu Tode kommt, sondern es ist die Pflicht der Bahn, dafür Sorge zu tragen, dass man trotz Behinderung sicher zum Ziel kommt. Siehe dazu auch: Art. 3 GG
na, dann soll sich die deutsche Bahn mal ein Beispiel vön der ÖBB nehmen. die haben den railjet angeschaft der ist für ältere Fahrgäste und Behinderte Menschen bestens ausgerüstet.
Selbst wenn ein hauptamtlicher Bahn-Pressesprecher erklärt, ältere Leute müssten ja nicht verreisen (was ich schon mal per se für wenig glaubwürdig halte), dann gibt es für einen Journalisten in der Situation zwei Möglichkeiten: Mal nachfragen, ob er das ernst meint oder sich versprochen hat. Oder aber mit feuchten Flossen in die Redaktion schleichen und den Scoop wittern und gleich mal bei Politikern anrufen, was sie von dieser bodenlosen Frechheit halten.
Im Hinblick auf die demographische Entwicklung sind das ja feine Aussichten.
In einem Punkt muss ich der Bahn Recht geben: Sie ist nicht dafür verantwortlich, wie Reisende mit ihrem Gepäck zurecht kommen. Ich fahre wöchentlich weite Strecken im ICE und erlebe grauenhafte Dinge. Typisch: Frau mit zwei schweren Koffern beschwert sich darüber, dass sie die zwei Koffer die Treppe nicht hinaufbekommen. Sorry, aber: Nicht das Problem der Bahn. Man muss doch so gut selbstreflektieren können, um zu wissen, dass man als zierliche Person diese Koffer unmöglich nach oben bekommt. Und dann organisiert man sich eben entweder eine Gepäckabholen, die die Bahn explizit anbietet, oder aber jemanden, der einen begleitet.
Versteht mich nicht falsch: Die Bahn darf niemanden diskriminieren. Alte, Schwache, Junge, Starke, Frauen, Männer, Kinder, Einbeinige und Dreiarmige: Alle sollen Bahnfahren dürfen. Aber jeder ist dafür verantwortlich, selbst mit seiner Lebenslage zurecht zu kommen oder sich ein Zurechtkommen zu organisieren.
Wenn mich jemand unten an einer Treppe fragt, ob ich ihm beim Gepäck helfe, mache ich das gerne. Aber wenn jemand sich einen Ast schleppt, dumpf herumflucht auf die Bahn, die gemeinerweise schon wieder absichtlich die Rolltreppen kaputt gemacht hat, habe ich kein Verständnis mehr. Füttern lassen sich diese Menschen doch nicht auch noch, oder?
Vor mehr als 25 Jahren bin ich in eben jenem Bahnhof auf einer Treppe zum Gleis mal so richtig auf die Schnauze gefallen. Ich war damals etwa 12 Jahre alt und hab wohl genau den Solarplexus getroffen. Sicherheitshalber hat man mich damals ins nächstgelegene Krankenhaus überwiesen. Damals war der Schreck wohl die schlimmste “Verletzung”.
Die Bahn bekleckert sich im Münsterland allgemein nicht mit Ruhm. So schafft sie es seit etwa 15 Jahren nicht den Bahnhof von Warendorf wiederaufzubauen, der einem BRand zumn Opfer fiel. Dort finden sich ein paar offene Unterstände und ein Fahrkartenautomat. WIMRE haben die nichtmal nen Klo…
Was für ein übles Stück …
“Wenn man als älterer Mensch verreist – was man nicht tun muss – , dann muss man sich halt vorher erkundigen, wie man auf den Bahnsteig kommt.”
WAS MAN NICHT TUN MUSS !!!! ??????
Halloooooo ??????
btw – ich hab letzte woche versucht meinen 30 kg koffer in stuttgart über diese angebliche kofferrampe zu hieven, no way. es gab noch nicht mal irgendwo einen hinweis auf einen lift. weit und breit nicht !
Als Münsteraner und ehemaliger Dauerpendler weiß ich:
Die Treppen am Münsteraner Bahnhof zwischen Gleis 2 und 3 (da, wo der Prof verunglücktet) sind nicht nur für ältere Menschen mit Koffer ein Problem.
Die Stufen dort sind derart abgetreten und abgewetzt, dass man schnell ins Rutschen kommt – auch als junger, sportlicher Mensch.
@Arnulf und Christoph: Danke, das wuste ich nicht. Klicken hilft ja manchmal auch bei der Wahrheitsfindung…
In Harburg am Bahnhof hing aber eine Zeitlang ein Schild an den Bändern, die wären defekt und es wären gerade keine Ersatzteile zu bekommen und man solle bitte Verständnis haben. Andererseits war ich vor zwei Jahren mal auf einem Bahnhof (weiß leider nicht mehr, wo), dessen Bänder in Betrieb waren. Wie passt das denn alles zusammen?
Irgendwo in NRW hat sich ein kleines Kind an diesen Bändern schwere Verletzungen zugezogen, deswegen wurden sämtliche Bänder stillgelegt.
@Muriel: Steht doch in den verlinkten Artikeln: “Sie [die seitlichen Bänder] waren nach einem Unfall in Köln bundesweit angehalten worden.”
Und so tragisch der Unfall ist, hinterher jemand anderem die Schuld zu geben (der Bahn, den Treppenstufen, dem Wetter) sagt auch wieder viel über die Mentalität in diesem Land aus.
@Muriel: Wenn man, speziell als älterer Mensch, unglücklich aber doch ohne tragische Folgen die Treppe hinunterfällt, könnte es sein, dass man auf einem dieser Bänder landet – und dann geht’s aufwärts
Ansonsten wäre mir auch kein Zweck dieser Dinger bekannt, den die namengebende Funktion kann es nicht sein….
Weiß eigentlich jemand, was das Geheimnis dieser Gepäcksbänder ist? Die funktionieren an keinem mir bekannten Bahnhof, und meistens hat sich nicht mal jemand die Mühe gemacht, ein Schild daran anzubringen. Es versucht auch niemand, sie zu reparieren. Das ist einfach selbstverständlich, dass die nicht gehen, oder wie?