»Thomas Knüwer 15. June 2009, 22:26 Uhr

Was Teheran, SPD und Ursula von der Leyen gemeinsam haben

Gerade verlor ich mich im Internet. Oder besser: Ich verlor mich auf Twitter. Dort ist das aktuell meistverwendete Stichwort “Iranelection“. Auf Platz drei “Functioning Iran“. Platz vier: “Teheran“. Platz sieben: “Functioning“.

Wir sehen eine Revolution. Nein, wir sehen zwei Revolutionen. Der Ausgang der einen, der politischen, ist ungewiss. Die zweite, die technische, wird uns erhalten bleiben. Denn die Welt hat sich nicht nur solidarisiert mit den Protestzügen in Teheran – sie wird Teil der Proteste.

In der Woche, da das “Time”-Magazin Twitter scheinbar haltlos in die Höhe geschrieben hat, verpuppt sich der Dienst ein weiteres Mal. Denn nicht nur Nachrichten und Links zu Fotos oder Videos werden nun weitergerreicht: Menschen weltweit richten selbst Proxy-Server ein und reichen deren Adressen weiter. Sie ermöglichen es, die iranische Internet-Zensur zu umgehen. Kein anderer Dienst wäre in der Lage, dies so schnell und effizient zu organisieren. Die Welt protestiert nicht nur mit – sie wird Teil des Widerstands.

Dies mögen sich all jene anschauen, die derzeit Glauben machen wollen, das Internet bestünde aus Kinderschändern, Killerspiel-Süchtigen und Betrügern. Es mögen jene hinschauen, die vor allem das Ziel haben, die Kommunikationsfreiheit zu beschneiden. Es möge Wolfgang Schäuble hinschauen, Ursula von der Leyen, der verknöcherte Teil der “Zeit”-Redaktion, die SPD-Spitze und die Polit-Kommentatoren der “FAZ”.

Das Internet ist so gut oder so böse wie die Menschen, die es benutzen. Wer das Internet über das normalgesetzliche Maß hinaus – es ist kein rechtsfreier Raum, war es nie und wird es nie sein – beschneiden will, der behindert Meinungsfreiheit, Nachrichtenfluss, Demokratie. Er will das Bösen bekämpfen und trifft allein das Gute.

Hinweis: Einen guten Leitfaden, wie sich das Geschehen im Iran im Web verfolgen lässt hat Mashable erstellt.

Nachtrag: Twitter verschiebt sogar eine geplante Wartungszeit in die iranische Nacht.

Nachtrag II: Für Handelsblatt.com habe ich das ganze nochmal detaillierter aufgeschrieben.

»Thomas Knüwer 15. June 2009, 22:26 Uhr

    19 Kommentare zu “Was Teheran, SPD und Ursula von der Leyen gemeinsam haben”


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  4. COPIC says:

    Ich schließe mich den Vorrednern an… Die Medien, allen voran die Printmedien sollten ihre Macht nutzen und solche Kritiken auf die Titelseiten bringen.

    Leider hat man den Eindruck, dass es jeseits des Webs keinen objektiven und Systemkritischen Journalismus mehr zu geben scheint.

    Also.. vielleicht können Sie etwas bewegen!

  5. @stoltenow: Wahrscheinlich hat Ahmadinedschad die Wahl tatsächlich gewonnen. Aber es geht hier nicht um die Legitimität des Protests, sondern um die Möglichkeiten der Berichterstattung.

    Ich finde, der Fall Twitter macht wieder einmal deutlich, dass Pauschalisierungen á la “Was interessiert mich, was der und der aufm Klo liest” grundsätzlich falsch sind. Mit Ausnahme dieser Pauschalisierung natürlich. :)

    Das Beispiel Iran zeigt jedenfalls wie Twitter sinnvoll eingesetzt werden kann, aber keinesfalls, wie Twitter von jedermann eingesetzt wird.

  6. Die (begründete) Euphorie in allen Ehren, aber a) kann ich mir tatsächlich vorstellen, dass in Iran ein Großteil der Menschen NICHT Mussawi gewählt hat (wenn auch nicht vielleicht derart deutlich) und b) halte ich es in der Tat für eine Zukunftsaufgabe für uns alle, das Projekt Aufklärung (Habermas ist 80) fortzusetzen – auch un gerade im und mit dem Internet.

    Allerdings: Die sich durch alle Parteien ziehende Verbots- und Kontrollmentalität ist dafür denkbar ungeeignet. Sie ist aber auch ein Hinweis auf eine strukturell konservative Mehrheit in Deutschland, die dem Ideal einer Freiheit in Selbstverantwortung misstraut. Ein bisschen Iran ist also auch in uns.

  7. Dieser Kommentar ist ein weiterer Beleg dafuer, warum ich taeglich auf diesem Blog bin und Hoffnung habe.Viele Gruesse aus Taipei

  8. Sehr guter Kommentar. Die Iraner zeigen in ihrem Freiheitsstreben, wie sehr das Internet Medium der Freiheit, des Ausdrucks, der Selbstentfaltung, der dezentralen Information und der Selbstorganisation ist. Die Bundesregierung verhandelt das Internet hingegen allein unter den Aspekten der Gefährdung, der Schädigung, des Missbrauchs, der Sucht und der Illegalität und sucht nach Möglichkeiten der Einschränkung, Kontrolle und Überwachung für beliebige Politikgegenstände (verbunden mit der Falschbehauptung über Internet als ‘rechtsfreien Raum’), wie in diesem Weblog zuvor dargestellt. Der Wahlkampf ‘gegen das Internet’ wird sich nicht ein Wahlkampf gegen die Internet-Technologie oder das Medium als Abstraktum auswirken, sondern vielmehr ein Wahlkampf gegen eine Generation derer werden, die das Internet zu ihrer beruflichen oder persönlichen Entfaltung nutzen und gestalten und sich – mit etlichen fachlichen Spezialisierungen – darauf verstehen.

  9. sebba says:

    Sehr guter Kommentar! Trifft den Kern einer neuen Bewegung.

  10. Ponch says:

    Die Welt wäre ein besserer Ort, erschienen solche Kommentare auch auf den Titelseiten der Printausgaben.

  11. Der Gedanke der zwei Revolutionen trifft es genau. Im Link unten noch ein paar Gedanken dazu bei uns im Hopfen-Post-Blog.

  12. Können solche Parallelen nicht mal auf die Titelseite beim Handelsblatt, oder so? Da, wo es den #zensursula-Spinnern mal weh tut?

  13. Hallo zusammen,

    ein sehr guter Kommentar, der, auch weil er nicht in irgendeinem Blog, sondern hier im Handelsblatt steht, zeigt, wie schief unsere Regierung bei ihren Zensurplänen liegen. Liebe Abgeordnete im Bundestag: Ihr seid nur Eurem Gewissen gegenüber verantwortlich und nicht den Leyenpolitikern in Euren Reihen. Sagt NEIN!

    Liebe Grüße

    Erik

  14. Mirko Lange says:

    Ich persönlich bin auch für eine freie Internetkultur. Punkt. Mit allen Konsequenzen. Ich persönlich glaube auch, damit umgehen zu können.

    Ich bin aber auch für die Legalisierung von Drogen. Punkt. Mit allen Konsequenzen. Ich persönlich weiß nämlich, dass ich damit umgehen kann.

    Trotzdem gibt es Gründe eine gesetzliche Zugangsbeschränkung für Drogen. Und diese Zugangsbeschränkung beschränkt die Freiheit des Menschen.

    Ich persönlich meine, man sollte auhören über Gut oder Böse, über Zensur und Demokratiebeschneidung zu sprechen. Es geht einzig und allein um die Frage: Sind wir bereit, die Konsequenzen der Freiheit zu tragen? Oder genauer: Sind wir reif genug, die Konsequenzen zu tragen.

    Ich finde das eine sehr schwierige Entscheidung. Für mich pesönlich habe ich sie getroffen. Ich halte mich für bereit und reif genug. Sie für andere zu treffen – und das ist die Aufgabe von Politikern – würde ich mir nicht zutrauen. Deswegen habe ich großen Respekt, auch vor Frau von der Leyen, über die ich ansonsten persönlich nichts sagen will und kann.

  15. Cem Basman says:

    Twitter hat seine geplanten Wartungsarbeiten wegen den Ereignissen im Iran auf den 16. Juni 2009 01:30 Ortszeit Teheran verschoben. Öffentlicher Druck (via Twitter) kann etwas bewirken wie man sieht.

  16. abö says:

    Was für mich unklar ist: Was hat dieser Artikel mit der SPD zu tun? Diese Falschmeldung (http://www.berlinonline.de/berliner-zeitung/archiv/.bin/dump.fcgi/2009/0608/politik/0063/index.html) war ja sicher nicht damit gemeint.

  17. Grumpy says:

    Danke, für den Hint (Obacht – neudetsch) im klassischen Journalismus-pseudo-adäquaten-Hinweis.

    1. Iran möge genau damit klarkommen und es vielleicht sogar akzeptieren (Neuwahlen, etc.).

    2. Europa würde es zur Kenntnis nehmen und IPRED fallenlassen.

    3. Deutschland würde es wie 1. und 2. verstehen und … umdenken?

    Aber das sind alles nur digitale Träume – auch Ihr Blog, leider – kann das Netz wirklich soviel bewegen?

  18. zz says:

    Danke.

    Ich hatte auch die Hoffnung, daß das Geschehen im Iran in Berlin noch mal zum Nachdenken anregt. Aber das hat sich ja, wie netzpolitik.org gerade vermeldet hat, wohl erledigt. Das interessante ist, daß sich die SPD aufgrund ihrer Soziologie die Zukunft absichtlich und dauerhaft verbaut. Das ist es, was die gegenwärtige Situation nicht nur für Art. 5 GG relevant macht, sondern auch für das gesamte deutsche Parteiensystem.

    Die Achsen haben zum zweiten Mal seit 1980 verschoben und die Handelnden in der SPD haben das nicht gesehen, weil sie sowohl Netzausdrucker sind, als auch wie paralysiert nach links gestarrt haben.

    Was bleibt? Grün wählen. Und ich bin vermutlich nicht der einzige, der das noch nie gemacht hat.

  19. hatte zum Thema Twitter und die Seriösität, Authentizität und Identität der Quellen in meinem Blog das ganze etwas kritischer betrachet:
    http://soziolot.de/2009/06/twittern-twitterer-iran-zur-revolution/

    muss aber zugeben, dass ich die Bereitstellung und Verbreitung der sicheren Proxy-Server bislang nicht beachtet hab – bei diesem Punkt ist Twitter tatsächlich allen anderen Medien einiges voraus