Bürgerjournalismus. Ich mag dieses Wort nicht. Zum einen, weil jeder Journalismus qua Grundgesetzj schon Bürgerjournalismus ist – zumindest, solange Journalisten nicht die Bürgerrechte entzogen werden.
Zum anderen, weil es wie minderwertiger Journalismus klingt und somit auch der nicht journalistisch angestellte Bürger in seiner sozialen Stellung unter den Journalisten gestellt wird – zumindest gefühlt.
Zahlreiche Vertreter der Medienbrache haben schon gegen die Idee des Journalismus, der von Nicht-Journalisten produziert wird gewettert. Was sie vergessen: Bürgerjournalismus ist längst da. Gedruckt. In der Zeitung. Seit Jahrzehnten. Man muss nur der Realität der Branche ins Auge sehen.Ich habe mich ein wenig geärgert, am Dienstag Abend, auf dem Podium des Media Coffee. Weil sich eine Haltung einschlich, die nach meiner Meinung derzeit ein Problem des journalistischen Berufsstandes ist: Er definiert Journalismus und Journalisten so, wie es ihm gerade passt.
Das Internet verdränge ja den Journalismus gar nicht so fürchterlich, hieß es da. Ich warf daraufhin ein, dass zum Beispiel Wein- oder Strick-Redaktionen das ganz anders sehen dürften. “Special Interest”, hieß es sofort – also klein, unbedeutend und nicht für größere Thesen geeignet.
“Yellow Press” ergänzte ich im Hinblick auf die Möglichkeit, dass die Berichterstattungsobjekte jenes Medienfeldes sich künftig direkt an jene richten, die an ihnen interessiert sind. Doch allein der Gedanke, dass dieser Bereich Journalismus sein könnte, löste Gelächter aus.
Tja, und dann sprachen wir noch über Lokaljournalismus. Und viel zu kurz kam dabei eine sehr nüchterne Realität: Lokaljournalismus hat, je kleiner die Lokalität ist, immer weniger mit den hohen Ansprüchen zu tun, die wir an Journalismus richten. Mehr noch: Er ist faktischer Bürgerjournalismus.
Die Zeilengelder, die freie Mitarbeitern in kleinen Gemeinden, Ortschaften oder Dörfern verdienen, würden sie nur dann am Leben erhalten, wenn sie in eine Manchester-Kapitalismus-artige Massenproduktion einsteigen würde. Die aber könnte gar nicht gedruckt werden – und für Online-Artikel gibt es noch weniger Geld oder gar nichts.
Die Folge: Dort schreiben schon seit Jahrzehnten nicht nur Journalisten. Spielberichte über die Kreisliga stammen vom Pressesprecher des Vereins, Berichte von der Jahreshauptversammlung der Taubenzüchter ebenfalls, zur Ratssitzung geht ein freundlicher Rentner.
Einer, wenigstens, hat das zugegeben. Lutz Schumacher, der Geschäftsführer des Kurierverlags, in dem der “Nordkurier” erscheint. Kürzlich geriet er unter Beschuss, weil er Aufträge für freie Mitarbeiter über eine Web-Plattform vergeben wollte. Zwischenzeitlich aber hieß es, diese würden versteigert, es begann eine wütende Diskussion, die Stefan Niggemeier in seinem Blog nachzeichnet.
Ganz nebenbei: Generell ist die Idee einer solchen Plattform nicht schlecht. Zumindest könnte sie eine elende Situation auflösen, die sich oft in Städten einer gewissen Größe abspielt, in denen eine Uni werdende Journalisten lehrt. Dort sitzen dann die freien Mitarbeiter über Stunden auf Abruf in einem Kämmerchen und warten wie einst Stundenlöhner darauf, einen Auftrag zu bekommen. Dies digital abzuwickeln scheint mir erstmal sinnvoller – solange es nicht um ein Drücken der Honorare geht.
Aber zurück zum Thema. Heute schreibt “Nordkurier”-Chefredakteur Michael Seidel in einem offenen Brief an Medienjournalisten:
“…ich gebe zu: die Honorare, welche wir unseren freien Mitarbeitern zahlen, sind unterirdisch niedrig. So wie die Honorare der meisten freien Mitarbeiter fast aller Tageszeitungen in unserem Land. Ich wünschte, das wäre anders…”
Diese Honorarhöhe hat Folgen, wie Verlagsgeschäftsführer Schumacher gegenüber dem Mediendienst “Kress” zugab:
“Ohnehin habe der “Nordkurier” nur wenig professionelle Freie, die von ihrer Arbeit leben müssten. Die meisten Freien seien “Schüler, pensionierte Lehrer und Hausfrauen”. Von den rund 2.000 freien Mitarbeitern würden lediglich 10 bis 20 ihren Lebensunterhalt mit den Aufträgen bestreiten, so Schumacher gegenüber kress.”
Endlich sagt es mal einer. Lokaljournalismus ist oft heute schon Bürgerjournalismus. Und was heißt “heute”? Seit Jahrzehnten ist es so. Wer also heute gegen den Bürgerjournalismus wettert, verschließt entweder die Augen vor dem Alltag der Medien – oder hält Lokalzeitungen nicht für Journalismus.
Nachtrag: Einen Überblick über die Honorare freier Journalisten bei Zeitungen hatte im April Meedia aufgestellt.










12 Kommentare zu “Real existierender Bürgerjournalismus”
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*Hier stand ein Kommentar, der nichts mit dem Thema zu tun hatte.*
Endlich mal Klartext! Danke für diesen Artikel!!!
“Generell ist die Idee einer solchen Plattform nicht schlecht. Zumindest könnte sie eine elende Situation auflösen, [...] Dort sitzen dann die freien Mitarbeiter über Stunden auf Abruf [...]“
Vorm Internet zu sitzen und warten bis die neuen Aufträge online gehen, ist aber auch nicht groß anders. Und definiete Zeitpunkte bekommt man auch mit dem Anrufverfahren hin.
Viel erschreckender finde ich, warum Michael Seidel diesen Brief geschrieben hat. Weil nämlich angebliche Qualitätszeitungen wie die Süddeutsche Zeitung einfach Pressemitteilungen der Gewerkschaft ungeprüft als eigenen Artikel übernehmen und Falschmeldungen verbreiten.
Bei solcher Ignoranz und schlechter Arbeit darf man sich nicht wundern, wenn die Leser flächendeckend andere Medien für sich entdecken…
Der Begriff Bürgerjournalismus wird doch sowieso nur noch von Kritikern benutzt. Ich arbeite für die Madsack Heimatzeitungen in der Region Hannover, wir sind am Portal http://www.myheimat.de beteiligt. Wir nutzen die Beiträge unserer Bürgerreporter unter anderem, um Anregungen und Informationen für unsere Journalisten zu bekommen. Weit mehr als 1000 Menschen aus unserer Region haben bereits Beiträge auf dem Portal veröffentlicht. Diese Menschen sehen sich zum ganz überwiegenden Teil nicht als Journalisten. Sie haben schlicht keine Lust, sich in ihrer Freizeit professionellen journalistischen Kriterien wie Unabhängigkeit, Distanz oder Ausgewogenheit zu unterwerfen. Warum auch? Sie schreiben ganz subjektiv über die Dinge, die sie bewegen.
Das ist doch kein Journalismus? Nein, natürlich nicht. Soll es auch gar nicht sein. Es ist eine spannende Ergänzung und Bereicherung der klassischen Berichterstattung. Es ist für uns Journalisten die Möglichkeit, mehr über die Menschen, ihr Leben, ihre Sorgen und Nöte und ihre Interessen zu erfahren. Mehr, als uns alle Pressesprecher, Verwaltungsmitarbeiter, Vereinsvorsitzenden und Gewerbevereinsvertreter erzählen wollen/können. Wir wären dumm und ignorant, wenn wir das nicht nutzen würden.
Das könnte auch eine Debatte zu folgendem Thema werden: “Welche Art Journalisten ist in welchem Maße unabhängig – und warum?” Wenn der Pressesprecher des Fußballklubs den Spielbericht in der Lokalzeitung schreibt, ist die unabhängige Berichterstattung so gut wie ausgeschlossen. Schreibt ein BILD-Schreibknecht über den FC Bayern, dann auch. Dürfen Fans über das schreiben, was sie lieben? Kann das noch Journalismus sein? Machen hohe Gehälter Journalisten unabhängiger? Mir fallen noch so viele Fragen dazu ein…
Tach, Herr Knüwer, erst mögen Sie den Begriff Bürgerjournalismus (B-Journalismus?) nicht, um sich dann daran abzuarbeiten?
Werde demnächst mal überprüfen, ob im GG überhaupt das Wort vom “Bürger” vorkommt. Behaupte erst mal das Gegenteil. Na, und wenn Frau Langer noch den “citizen” in die Runde wirft, dann sind wir schließlich doch bei der leidigen Terminologie. Mensch, Bürger, Citoyen, Bourgeois …
Wenn überhaupt, dann ist der Lokaljournalismus eher Bourgeois-Journalismus, oder?
@Ulrike Langer: Ich habe den Brief nur als PDF. Hier die Meedia-Berichterstattung: http://meedia.de/nc/details/article/honorare-sind-unterirdisch-niedrig_100020256.html
@Mathias
Nein genau umgekehrt. Die Leute müssen von was anderem leben. Sind also meist von der Stadt, in der sie leben und berichten, in irgendeiner Art abhängig.
So wird viel über “Katzencontent” geschrieben, aber die interessanten Dinge bleiben verborgen. Auch weil es Recherche, Mut und Zeit braucht, also eigentlich Dinge für gute Journalisten mit guten Verlegern im Hintergrund.
Einen Unterschied sehe ich doch. Zumindest der amerikanische Begriff “citizen journalism” oder “community journalism” bedeutet mehr als Hausfrauen, Rentner und Lehrer in der Rolle billiger Lohnschreiber. Echte citizen journalists sind ähnlich wie Blogger kollektiv oder einzeln, aber jedenfalls in eigener Verantwortung für Themenauswahl, Recherchewege, Aufmachung und das Redigieren zuständig. Manchmal gibt es auch redaktionelle Anleitung von Profi-Journalisten, aber das geschieht kooperativ. Solche Organisationsstrukturen erforscht Jeff Jarvis an der CUNY gerade mit seinen Studenten. Hierzulande bleibt vom Konzept “Bürgerjournalismus” aber in der Tat meistens nur das ”billig” übrig, während man die dazugehörigen kooperativen Arbeitsweisen lieber nicht ausprobieren mag. Aber vielleicht ändert sich das ja bald.
Noch eine Bitte: Könntest Du den offenen Brief von Seidel hier auch verlinken?
Ja, so ist es, danke für den Beitrag.
Aber garantiert dieser Bürgerjournalismus in der Lokalzeitung nicht sogar eine gewisse Unabhängigkeit, denn wenn die Leute davon nicht leben müssen, schreiben sie dann nicht auch freier ihre Meinung?