Leider neigt der Online-Journalismus in Deutschland zu extremer Experimentier-Unlust. Nur selten wagt eine Redaktion mal, vorhandene und kostenlose Instrumente auf ihrer Seite einzubinden. Es ist wieder einmal der “Guardian”, der es vormachen muss. Während der G20-Proteste in London setzte er etwas auf, was für mich eine kleine Sensation ist – und beispielhaft dafür, wie Leser über ein Ereignis informiert werden können, dass sich über eine gewisse Zeit in einem einigermaßen absteckbaren Umfeld ereignet. Einer der traurigsten Auftritte des Web-Kongresses Re-Publica lieferte Helmut Lehnert ab, zuletzt Unterhaltungschef des RBB. Unter anderem sagte er: “Alle chatten, alle twittern, nur hat keiner das Handwerk, mir etwas Sinnvolles zu sagen… Geschwindigkeit ist kein Wert an sich.”
Klingt schön – ist aber natürlich nur die halbe Wahrheit. Wenn Geschwindigkeit an sich im Journalismus wertlos wäre, dann müssten sich die geschätzten Kollegen von DPA nicht so beeilen mit dem Schreiben, dann würde sich kein Zeitungschefredakteur ärgern, wenn die Konkurrenz “was hat, was wir nicht haben”, dann müsste kein TV-Sender möglichst schnell bei einem Ereignis auf Sendung gehen.
Fakt ist: Geschwindigkeit hat einen Wert. Bei fast allen Ereignissen gibt es eine gewisse Zielgruppe, die schnell informiert sein will oder muss. Wenn ein Flugzeug abstürzt wollen jene, die Freunde oder Verwandte haben, die auf der gleichen Route unterwegs sein wollten, möglichst schnell wissen, welcher Flug es war; Fußball-Fans wollen möglichst schnell – wenn es geht noch während des Spiels – wissen, wie es steht; und manchmal, das ist menschlich, ist man einfach fasziniert vom Grauen oder der Freude.
Wenn man nun beispielsweise in London wohnt hat man am Tag der G20-Proteste mutmaßlich ein sehr hohes Informationsbedürfnis. Weil es die eigene Stadt ist. Weil man wissen möchte, wo man mit Verkehrsproblemen zu tun hat. Oder weil einen die Sache der Demonstranten interessiert.
Bisher reagierten Online-Nachrichtenseiten darauf mit einem Live-Ticker. Ein gewöhnlicher Artikel müsste ständig aktualisiert werden und diese Aktualisierungen kann ein Leser nicht richtig wahrnehmen.
Der “Guardian” hat nun gezeigt, was auch möglich ist. Er schickte Berichterstatter aus, die alle twitterten. Doch dabei hatten sie durchaus Funktionen. So saß David Teather im noblen Restaurant “Coq d’Argent” und berichtete, wie dort die Proteste wahrgenommen wurden – entstanden ist ein Sittenbild in 140-Zeichen:
“The balcony at coq d’argent overlooking the riots is full of people drinking chilled chablis”
“It is like apocalypse now, but with decent food”
“A banker in pinstripe tells me he is lunching as an act of defiance”
Mehrere “Guardian”-Leute waren so unterwegs. Ihre Meldungen flossen mit externen Tweets und Berichten in das Live-Blog ein, außerdem wurden die Meldungen der Redakteure noch mal extra aggregiert. Auch Audio-Elemente wurden eingesammelt mit dem recht frischen Dienst Audioboo, einer Iphone-Anwendung, mit der kurze Hörbeiträge auf Internet-Seiten integriert werden können. Hier ein Beispiel:
Audioboo, übrigens, wird finanziert vom Wagniskapitalfonds des britischen TV-Sender Channel 4 namens 4ip. Medienunternehmen, die in Online-Mediendienste investieren, sind in Deutschland ja auch nicht ganz so häufig zu finden.
Mehr noch: Tweets, Berichte, Fotos, Audioboos wurden dann noch hineingesetzt in eine Google-Karte – und zwar während der laufenden Ereignisse. Das Ergebnis sah so aus:
So entsteht im Kontext ein Gesamtbild, das einerseits journalistische Filter enthält, gleichzeitig aber dem Konsumenten in der Interpretation nicht entmündigt. Gleichzeitig ist die Kürze von Twitter kein Problem: Denn es gibt oft genug ja nicht mehr zu sagen, ein Tweet reicht als Stimmungsüberblick – RTL hätte man in Winnenden auch eher zum Twittern denn zur Live-Schaltung raten sollen:
Was der “Guardian” da probiert hat, ist erst ein Anfang. All das ist nicht teuer und nicht schwer umzusetzen. Und, nein, das funktioniert nicht bei jeder Art von Nachrichtenereignis. Und doch ist es eine großer Schritt nach vorn: Weil sich eine Online-Redaktion Gedanken gemacht hat und vorhandene, externe Dienste nutzt – einfach so. Das Ergebnis ist ein Musterbeispiel dafür, wie Journalismus im Internet funktionieren kann.
Und für Herrn Lehnert der Zusatz: “Obwohl Twitter im Spiel ist.”










9 Kommentare zu “Der “Guardian” und die G20-Proteste – ein bemerkenswertes Experiment”
Ich kann Herrn Lehnert nur uneingeschränkt zustimmen. Für mich hat er nicht einen der traurigsten sondern einen der besten Auftritte absolviert. Zum einen ist Geschwindigkeit natürlich wirklich KEIN Wert an sich. Das weiß natürlich auch Herr Knüwer. Zum anderen haben tatsächlich sehr viele Blogger, Twitterer oder andere Zeitgeistreisende nicht das Handwerk erlernt, wirklich wichtiges wertvoll in Worte zu packen. Denn das geschrieben Wort ist auch kein Wert an sich. Das aber ist vielen offenbar nicht klar die der Meinung sind, die Welt an ihrem Wortdurchfall teilhaben lassen zu müssen – und zwar vor allem erst einmal deshalb so unüberlegt, weil es heutzutage nichts mehr kostet.
Herr Knüwer,
wenn jemand sagt “Geschwindigkeit ist kein Wert an sich”, dann beweist man nicht, dass dieser jemand falsch liegt indem man den Wert von Geschwindigkeit erklärt.
Man beweist vielmehr, dass man die Worte “an sich” überlesen oder nicht verstanden hat.
Das ist ja old school, nur twittern.
Attac_Austria hatte einen Livestream von der Demo “Wir zahlen nicht für eure Krise!”
http://qik.com/video/1335831?page=2
@ring2: Stell Dir mal vor, Deutschlands Fußball-Fans entdecken Audioboo…
Der “Freitag” hatte einen Mitarbeiter beim Nato-Gipfel vor Ort, der auch getwittert hat: z.B. http://twitter.com/derfreitag/status/1451208298
status.net – und was Journalisten und berufliche webber oft verkennen: Relevanz kann auch zeitlich begrenzt entstehen. Was gerade bei “Fußball-Fans wollen möglichst schnell – wenn es geht noch während des Spiels – wissen, wie es steht” – wahrhaftig wird. Thomas, lass uns dafür kämpfen und streiten, dass die im Stadion denen draußen mitteile dürfen, was sie erleben und meinen!
Herr Knüwer,
werden Sie eigentlich von Twitter bezahlt?
Also das mit den privaten Staumeldern? Das kommt mir jetzt irgendwie bekannt vor, so als Idee.
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Der WDR nimmt seit August 1997 alle Informationen von Staufindern in seine Verkehrsmeldungen auf. Mittlerweile beteiligen sich rund 35.520 Autofahrerinnen und Autofahrer an unserer Aktion (Stand Mai 2004). Die Verkehrsinformationen haben dadurch erheblich an Schnelligkeit und Zuverlässigkeit gewonnen. [...]
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Quelle: http://www.wdr.de/themen/verkehr/verkehrsservice/staufinder/
muss gestehen, dass mir das ein wenig zuviel ist, die Karte usw.
aber interessant sind auf jedenfall diese Stimmungstweets aus den umliegenden Gegenden, besser als ne Live Schalte vor allem, die Facetten und es ist echt originell in dieses Restaurant zu gehen.