Die Deutsche Bahn könnte ein liebenswerter Konzern sein. Da versuchen des Deutschen oder Englischen nur minder fähige Mitarbeiter das Servicechaos ihres Arbeitgebers irgendwie schönzureden, während ihre Kunden sich ärgern über Verspätungen, Fehlinformationen und ranzige Züge. Die Zahl der Peinlichkeiten im Bahn-Alltag ist reicher Schatz für Legenden, Kaffeeküchengespräch und für Bücher.
So sehr hagelt es Kritik, dass die Spitze insgesamt anscheinen eine gewisse Dünnhäutigkeit und Kritikunfähigkeit erzeugt hat, wie sie Big Boss Hartmut Mehdorn schon länger nachgesagt wird. Und deshalb wird zugetreten. Zum Beispiel gegen Medien, die interne Papiere veröffentlichen.Ob die Rechtsabteilung der Bahn wohl auch das Handelsblatt zu einer Unterlassungserklärung auffordern würde? Das zumindest tut sich bei Netzpolitik. Das Polit-Blog hatte kürzlich das Memo des Berliner Datenschutzbeauftragten erhalten, das auch weiträumig an die Medien gestreut wurde. Netzpolitik hat das getan, was Medien auch hätten tun können, nur denken Print-Redakteure manchmal eben nicht daran: Die Berliner haben das Memo veröffentlicht.
Das anscheinend mag die Bahn in einem Anfall von Presse- und Meinungsfreiheitsfeindlichkeit nun gar nicht. Mit der Begründung des §17 UWG – in dem es um den Verrat von Geschäftsgeheimnissen geht – fordern die Juristen nun eine Unterlassungserklärung.
Dass hier ein noch immer im Besitz des Bundes befindliches Unternehmen demokratische Prinzipien negiert, ist nicht nur traurig, sondern zeugt auch von der Realitätsfremdheit, die das Bahn-Management anscheinend beherrscht. Geradezu peinlich aber ist es, wenn ein Konzern seine Mitarbeiter bespitzelt – aber verhindern will, dass diese Vorgehensweise öffentlich diskutiert wird.
Allerdings: Einen Haken gibt es. Laut unserer Rechtsabteilung wäre es besser gewesen, die Namen der Beteiligten herauszulassen. Sie sind keine Personen der Zeitgeschichte, weshalb ihre Nennung in Teilen nicht gerechtfertigt ist. Allerdings: Um Persönlichkeitsrecht scheint es der Bahn ja nicht zu gehen.
Hartmut Mehdorn will sich nach Informationen der DPA in einem Brief an die Mitarbeiter für die Bespitzelungsaktion entschuldigen: “Aus heutiger Sicht waren wir hier übereifrig”, soll in dem Schreiben stehen. Vielleicht enthält ein Entschuldigungsbrief der Rechtsabteilung an Netzpolitik bald Ähnliches.
Nachtrag vom 5.2.09: Beckedahl will die Sache ausfechten – durch alle Instanzen, sagt er.
Nachtrag vom 6.2.: Die Bahn gibt auf.










14 Kommentare zu “Die übereifrige Meinungsfreiheitsanfeindung der Deutschen Bahn”
Mehdorn muß gehen, weil er sich im Parlament wie ein Elefant im Porzellanladen benommen hat, nicht wegen der Datenaffäre. Sein Nachfolger wird Ex-Staatssekretär Alfred Tacke, die “Notbremse aus Niedersachsen”. Der weiß, wie man mit Politikern umzugehen hat.
@Floetenmeyer: die “Blogger-Kollision” hat nichts mit Anfängertum zu tun, sondern mit dem real existierenden Zustand der PR -Branche.
Vielleicht nehmen mal die Bahn-Kollegen zu der “Kollision” Stellung.
Komisch, genau wo endlich die Gewerkschaftsverhandlungen für die Mitarbeiter positiv erfolgt sind, genau in diesem Moment kommt gekonnt ein Skandal und Mehdorn soll gehen.
Die Bahn AG hat schon lange ein Problem damit, dass ihr die Schuld als Betreiber zugeschoben wird.
Lange genung habe ich in der Zulieferung gearbeitet um zu sehen, dass keine konstruktive Beratung erfolgt und die Bahn verantwortlich ist. Lange genug habe ich dort gearbeitet um zu sehen, dass “Fallen gestellt” und die Schuld dann dem Anderen zugeschoben wird.
Am beispiel Transrapid wurde erläutert die Bahn habe die dort aufgeschriebenen Sicherheitsregeln nicht beachtet. Nun ich habe auch solche Sicherheitsregeln in der Industrie geschrieben. Diese werden einfach an der Schnittstelle weitergegeben, dann fertig. Ich konnte aber bis heute nicht feststellen, ob diese Sicherheitsregeln “richtig” umgesetzt werden.
Zudem wurde ich anschließend aus dem Berufsleben gedrängt und zwar alles indirekt bis hin unter Aufsicht von Suwe!
In diesem Zusammenhang wurde meine damalige echt unabhängige Abteilung zugunsten der Geschäfte von “Gutachterunternehmen” geschlossen. Hochqualifizierte Leute wurden herausgedrängt aus der Bahnsicherheit um proletenhaft verhaltenden Subunternehmen die Aufträge zu sichern.
Es ist kein Wunder, dass in der Vergangenheit so viele Bahnunfälle passieren, weil die Sicherheit in die Hand von miserabel geführten Ausbeutern gelegt wurde, denen es nur um Platzkampf geht.
Weiteres Beispiel: Warum wurde die allgemein bekannte Studie über die ICE Achse des Fraunhofers Institut nicht vom elfenbeinturm Eisenbahnbundesamt berücksichtigt?
Nun ist Mehdorn alles schuld. in diesem Fall leider falsch. Das Eba und Suwe ist verantwortlich.
Was mir noch auffällt:
Selbstverständlich sind mündliche Verträge unter Kaufleuten gültig.
Steht so im Gesetzbuch. Ob hier ein anderes Gesetz gilt, ist zu klären.
Daher habe ich ein Problem damit, wenn ich mündlich im Unternehmen von “sogenannten” Führungskräften die ein hohes Ausbildungsniveau habe, angelogen oder hintergangen oder sonstiges werde.
Die Führungskräfte mit denen ich in der Vergangenheit viel zu tuen hatte, tuen das nicht. Ich kann mich blind verlassen und vertrauen.
Das Wort gilt.
Aus Sicht der Öffentlichkeitsarbeit ein klarer Fall von Streisand-Effekt. Dazu ein ausführlicher Beitrag hier: http://www.pr-agentur-blog.de/archives/237-Anfaenger-in-Online-PR-Bahn-geht-mit-Blogger-auf-Kollisionskurs.html
Ist schon interessant der Bericht, dass ganze Triebfahrzeuge verschwinden…
Unabhängig vom Datenschutz wird gegen Wirtschaftskriminalität in BRD nicht ernsthaft vorgegangen.
Wie soll sich ein Konzern helfen, wenn sich Teile von Mitarbeitern wie in einem Selbstbedienungsladen verhalten? Und wieder fällt auf: Es sind nicht die hart Arbeitenden, die Lokführer die Rottenmitarbeiter an den Gleisen, die haben für sowas garkeine Zeit, sondern die Leute die gut bezahlt in den warmen Büros sitzen.
Die Selbstbedienungsmentalität der Chefs geht leider immer mit gutem Beispiel voran.
“nicht daran denken”? Och, ich würde sagen, da lebt einfach noch die alte Gatekeepermentalität.
Also ich habe auch lieber das komplette Originaldokument zum Lesen, zu dem ich mir dann mein eigenes Bild machen kann, als dass irgendwelche Journalisten das für mich analysieren. Heutzutage hat man ja elektronisch auch für alles Platz, so dass es vielleicht nicht gedruckt steht, aber zumindest erreichbar ist.
Das würde ich mir auch für komplette Interviewmitschnitte etc. wünschen, denn auch da versteht vielleicht ein Journalist der nicht 100% vom Fach ist, nicht immer alles richtig. Problem mag dann natürlich sein, dass diese Fehler dann auch schneller auffliegen
Natürlich halte ich trotzdem niemanden davon ab, mir das zusammenzufassen, aber Transparenz ist doch heutzutage alles (nicht nur im Journalismus, mehr noch natürlich in der Politik).
Viele Medienberichte bestehen doch nicht aus mehr als der Beschreibung eines Dokumentes, das der Journalist bekommen hat. Wenn der Leser sich nun zusätzlich ein komplettes Bild machen kann, ist das doch nur gut.
So muss die Bahn das als vorsätzliche Schädigung auffassen. Das war ein Leak und kein Journalismus.
Das Handelsblatt hätte die pdf-Datei nicht auf den eigenen Server gestellt und auch nicht im Volltext zitiert. Weiterhin wären die Namen getilgt worden (siehe Rechtsabteilung). Dazu: das Memo wurde als Dokumentation veröffentlicht, ohne eine Story, Kommentar oder einen auf das Dokument bezogenen Hintergrund drumherum, war also nicht Teil einer Berichterstattung. Das hätte das Handelsblatt auch nicht gemacht.
Fazit: Das war schlampige journalistische Arbeit. Was das Vorgehen der Bahn nicht entschuldigt, aber den Märtyrer und Markus B. relativiert.
Respektabel wäre es gewesen, Sie hätten zum fraglichen PDF nicht auf den Server der Netzpolitik verlinkt sondern Ihre fettgedruckte Frage “Ob die Rechtsabteilung der Bahn wohl auch das Handelsblatt zu einer Unterlassungserklärung auffordern würde?” nicht nur so ins Blaue hinein gestellt und das Memo selbst gehostet bzw. hier in voller Länge abgebildet.
“Netzpolitik hat das getan, was Medien auch hätten tun können, nur denken Print-Redakteure manchmal eben nicht daran” klingt in meinen Ohren doch etwas schal. Es sind nicht nur Printredakteure, die das Recht zur vollständigen Veröffentlichung wahrnehmen können.
ClapClap!
Danke Herr Knüwer, dass Sie Ihre Plattform nutzen,
um den anderen ein wenig Deckung zu geben.
- Respektregierung.
Vom Regen in die Traufe… Spannend ist zu sehen, wie sich diese “Affäre” gegenwärtig lawinenartig durch die Twitter-Landschaft wälzt; und so die Reputation der Bahn noch mehr Schaden nimmt, als dies durch die Veröffentlichung bei Netzpolitik (äh, natürlich durch die Bespitzelung!) schon vorher der Fall gewesen ist.