Welche Zeitung ist es wohl, die heute folgende Schlagzeilen auf ihrer Seite 1 hat?
“Der Tod in der Tüte”
“Nun wohl doch: Horst Seehofer”
“Klitschko: Schiebung!”
“Aus für Billigkassen?”
“O.J. Simpson ist schuldig”
“Bangen um die Hypo Real Estate”
Die “Bild am Sonntag? Falsch.Es ist die “Frankfurter Allgemeine Sonntagszeitung”. Und die heutige Ausgabe ist für mich ein neuer Höhepunkt eines Trends, den ich seit Monaten beobachte: die Verdschungelung des
Blattes.

Die “FAS” ist auch weiterhin für mich die beste deutsche Sonntagszeitung. Was ja leider nicht ganz so viel heißt, da die “Süddeutsche” ihre Sonntagspläne zwar in der Schublade hat – sie aber nicht rauslässt. Trotzdem: Die “FAS” hat wirklich gut gemachte Rubriken und eine oft sehr schöne Optik.
Jedes Blatt aber, egal ob Zeitung oder Magazin, ist wie ein neues Auto. Am Anfang hegt und pflegt man es, dann immer seltener, dann nimmt man in der Waschanlage die billigere Waschvariante, schließlich verschludert man auch die Inspektionstermine. So ähnlich ist das bei Redaktionen. Da wird eine Publikation überarbeitet und mächtig aufgehübscht – und mit der Zeit wird der Umgang der Journalisten und Layouter mit den Vorgaben immer liderlicher.
Vor zwei oder drei Jahren hätte es jener “Tod in der Tüte” wohl nicht zum Aufmacher geschafft, erst recht nicht in Zeiten einer solchen Finanzkrise. Es geht da um eine US-Gesellschaft, die Tüten zum Über-den-Kopf-stülpen-und-sich-so-umbringen verschickt. Nach Deutschlang ginge das theoretisch auch, die “FAS” schreibt: “Praktisch jeder kann hierzulande mühelos an einen sogenannten ,Exit Bag’ gelangen…” Nur: Die Geschichte ist dünn, eher eine Kritik an der Deutschen Gesellschaft für humanes Sterben.
Genauso merkwürdig die Klitschko-Geschichte. Nein, es geht nicht um Schiebung bei einem Boxkampf, sondern um die Wahl zum Bürgermeister Kiews, bei der Witali Klitschko kandidiert hatte – im Mai dieses Jahres.
Oder die O.J.Simpson-Story: Magere 6 Zeilen lang auf der Seite 1. Hinten folgt eine längere Geschichte mit Hang zur Holprigkeit. So werden Blogger zitiert, ohne sie zu nennen – bei Zeitungen würde das wohl nicht passieren. Oder über Simpson heißt es: “der ehemalige ,running back’”. Entweder ich erkläre, dass dies eine Spielposition im Football ist, oder ich lasse es weg. Sie dann noch in Tütelchen zu setzen ist so, als schriebe man “der ehemalige ,Torwart’ Oliver Kahn”.
All dies sind keine großen Sachen. Aber die Entwicklung ist typisch für ein Produkt, dessen Macher sich lange schon keine grundsätzlichen Gedanken mehr gemacht haben. “Relaunch” ist ein hässliches, englisches Wort, aber die branchenübliche Beschreibung, für das, was die “FAS” dringend bräuchte. Denn solch eine Neugestaltung fokussiert das Denken und mobilisiert die Redaktion – positiv, wie negativ, denn es wird auch Reibereien geben, wie immer, wenn sich etwas ändert.
Es wäre Zeit, den Garten “FAS” wieder besser zu bestellen – bevor er zu einem Dschungel verwuchert, durch den die beste Machete nicht mehr durchkommt.
Die “Bild am Sonntag”, übrigens, macht heute auf mit: “Telekom-Chef entschuldigt sich bei 17 Millionen Kunden”. Eine Geschichte, die in der “FAS”, wenn ich das richtig sehe, mit keinem Wort erwähnt wird.










11 Kommentare zu “Zeit für einen Relaunch”
Vielleicht geht die (überregionale Ausgabe der) FAS wie die Schwester FAZ einfach viel zu früh in den Druck?
Durch Zufall kam mir diese Woche die letzte FAS noch mal als Rhein-Main-Ausgabe in die Finger. Da sah die Titelseite wirklich ein bisschen anders und auch aktueller aus: Links oben verdrängt das neue Finanzloch der Hypo Real Estate Seehofer, und auch der hier vermisste Datenklau bei der Telekom fehlt nicht, er steht als Titelseitenmeldung direkt an der Stelle von O.J. Simpson.
Wir müssen also ab sofort alle ins Rhein-Main-Gebiet umziehen, um eine ordentlich aktuelle Titelseite der FAS zu bekommen…
Turi: Was würdest Du machen, wenn Du König von Deutschland wärst?
Knüwer: Ein neues Stadion für Preußen Münster bauen.
Turi: Was würdest Du machen, wenn Du Stefan von Holtzbrinck wärst?
Knüwer: Ein neues Stadion für Preußen Münster bauen.
Knüwer: Ich träume davon, im Lotto zu gewinnen und dem SC Preußen Münster mit dem Geld in die Bundesliga zu verhelfen. Ansonsten kann ich mir meine Träume nie merken.
Auf jeden Fall ist diese Zeitung ne weitaus bessere, als die “bei den meiste beliebte” BamS … in meinen Augen … nun denn ..
“Der Tod in der Tüte”
“Klitschko: Schiebung!”
“O.J. Simpson ist schuldig”
waren in der Tat Panne. Der Rest völlig legitim. Verstehe also die Aufregung nicht. Die FAS ist die beste deutsche Sonntagszeitung und wird es wohl auch bleiben. Da würde auch eine Sonntags-SZ nix ändern.
Ich beobachte vor allem das in letzter Zeit wieder besser werdende Feuilleton der FAS mit Wohlwollen.
Ja, die Seite 1 ist mir heute auch unangenehm aufgefallen. Besonders unangenehm, soll heißen: sonst eigentlich nicht. Ich würde hier also keinen Trend sehen bei der FAS, sondern einen Ausrutscher. Nachdem ich die Zeitung durch hatte, habe ich mich gefragt: Warum haben es ausgerechnet diese Ausschnitte auf die Seite 1 geschafft? Es gab doch viel interessantere, kompetentere und schönere Beiträge … Gibt es eigentlich einen Redakteur speziell für die Seite 1? Hat der vielleicht gerade Urlaub und sein Vertreter hat das leider vergeigt? Wie auch immer: Bis mir jemand eine bessere Sonntagszeitung zeigt, bleibe ich der FAS treu …
Ja, ich kann Th. Knüwer durchaus zustimmen. Habe ich mir doch heute nach langer Zeit mal wieder die FAS gekauft, weil sie wirklich die beste Sonntagszeitung (FAS, Welt am Sonntag, BamS) und damit für mich als Linken durchaus lesenswert war.
Und ich habe den Mantelteil innerhalb von 10 Minuten abgehakt. Inhaltlich einfach nicht mehr lesenswert.
Ich fürchte, die Auflösung ist ganz einfach: Am Wochenende, vor allem am Sonntag, wollen die Menschen vor allem eines: Unterhaltung. Auf welchem Niveau, hat die FAS für sich inzwischen beantwortet: meines erachtens auf einem sehr, sehr niedrigen.
Schade.
@KS: Was für ein Schwachsinn.
@KS: grow up.
Ich denke, wir sollten froh sein, dass es nicht “Der Tot in der Tüte” hieß. Bei vielen Zeitungen wäre das mittlerweile Standart. Entgültig.
Hm. Revanchefoul an Stefan Niggemeier wg “Kurz velinkt (24)”?