»Thomas Knüwer 09. September 2008, 20:44 Uhr

Techcrunch 50 – zweiter Tag

So sind sie, die Amerikaner. Auch der zweite Tag der Web-Konferenz Techcrunch 50 wurde mit dem Absingen der Nationalhymne eröffnet – zur Belustigung der ausländischen Gäste.

Andererseits dieser Hands-on-Approach. Die Organisatoren hatten gestern Abend – ebenso wie ihre Aussteller und Besucher – offen gesagt die Schnauze voll vom katastrophalen Wlan. Also haben sie über Nacht Hunderte von Ethernet-Kabel gelegt. So sitzen wir zwar jetzt in einem Dschungel von Kabeln – aber sind online.

Ein Wort noch zu den Präsentationen gestern. Es waren tolle Ideen dabei. Überraschend ist aber die häufig mittelmäßige, gar blutleere Präsentation. Manchmal war das noch mit der Sprachbarriere zu erklären, doch “kick ass presentations” waren die absolute Ausnahme.

Aber nun springen wir in den zweiten Tag…Die erste Session habe ich verpasst – zu Gunsten eines Interviews mit Ashton Kutcher. Sehr netter Typ, das Gespräch gibt es demnächst in unserem Medienpodcast bel étage. Demi Moore übrigens ist auch hier und wirkt extrem entspannt. Und, ja, für die Männer unter uns: Sie sieht toll aus.

Personal RIA eröffnet die Runde der Finanz- uns Statistik-Firmen. Die Jungs setzen sich ein atemberaubend hohes Ziel: Sie wollen Aktienfonds ersetzen. Personal RIA listet auf, in welche Anlagen private Finanzberater, die sonst nur extrem reiche Kunden bedienen, investiert sind. An Hand ihrer Empfehlungen kann man nun seine eigenen virtuellen Fonds aufsetzen.

Eine grandiose Idee – aber werden die Berater mitspielen? Also jene, die wirklich Qualität mitbringen?

Die Jury zweifelt auch an diesem Punkt. Es gebe mehr Fonds als Aktien: „Good luck“, meint Don Dodge von Microsoft.

Kommen wir zu Emerginvest. Hier geht es um Investitionen in Schwellenländern und Informationen darüber, die in der Tat häufig schwer zu bekommen sind. Neben den üblichen Markt- und Ökonomiedaten gibt es auch Berichte „on the ground“ von Bloggern und Nachrichtenseiten.

Die Jury ist skeptisch. Mark Cuban meint, diese Informationen gäbe es auch anderswo, erst recht für Profi-Anleger. Das aber bestreiten die Gründer – auch Morgan Stanley habe nicht diese Daten derart aggregiert. Don Dodge sieht den Markt für Finanzdaten als extrem kompetitiv. „Aber Ihr braucht nur einen winzigen Teil des Marktes, um eine Menge, Menge Geld zu machen.“ Kevin Rose, fragt sich, was Yahoo Finance braucht, um das Yahoo Finance der Emerging Markets zu werden. Reaktion von Emergeinvest: „Sie hatten 10 Jahre Zeit das zu machen und haben es nicht geschafft.“ Viele der Informationslieferanten in den Emerging Markets hätten spezifische Techniken.

Nun Exchange P, ein virtueller Aktienhandel nicht börsennotierter Unternehmen. Nutzer können mit deren „Aktien“ handeln, die besten Trader bekommen Geldpreise. Das Wort „Totgeburt“ hängt zum ersten Mal im Raum.

So sieht es auch Mark Cuban – ein Spielzeug für eine gewisse Zielgruppe sei das. Er schlägt vor, das Modell soll erweitert werden. Warum nicht eine Börse für die süßesten Hunde? Ach ja, und natürlich gibt es auch schon Gegenstücke in anderen Ländern.

Kommen wir zu Me-trics, einem „Google Analytics für das Leben“. Es verbindet Daten wie Blutdruck mit dem persönlichen Stresslevel und den daheim vor dem Computer verbrachten Stunden, den verschickten Twitter-Nachrichten. Dann kann man die weiteren Verbindungen ebenfalls darstellen. Zum Beispiel, wie die Zahl der Twitter-Nachrichten verbunden ist mit den Restaurant-Ausgaben. All diese Daten, von Sport-Einheiten bis Facebook-Kontakte, sollen so weit wie möglich automatisch über offene API angesaugt werden. Die Nutzer werden auch automatisch auf Korrelationen und Trend-Veränderungen aufmerksam gemacht.

Eine… abgefahrene Idee. Kevin Rose meint, es erinnert ihn an einen gestorbenen Dienst namens Moodstats. Das Design mag er, aber „Moodstats war Spaß für eine Woche“. Über die Zeit sei es aber frustrierend, ständig Daten einzugeben, deshalb sei die Automatisierung extrem wichtig. Don Dodge sieht einen Trend bei Fitness-Seiten, es gebe immer mehr Angebote, die Aktivsport online bringen.
Mark Cuban mag die Idee, aber sieht keine geschäftliche Zukunft. Er empfiehlt die Hersteller von medizinischen Geräten einzubinden um die medizinischen Daten einzusammeln.
Don Dodge fragt nach dem Business-Modell. Antwort: Die aggregierten Nutzerdaten sollen ans Marketing gehen.

Da sag ich mal: Super Idee – aggregierte Blutdruckdaten für die Werbung.

Zum Schluss: Icharts. Der Dienst will Charts leicht erstellbar und teilbar machen. Es sei einfacher, ein Ichart zu erstellen, als ein Chart aus einer Excel-Datei. Und was die hier vorführen ist grandios: Teilweise mit Drag & Drop lassen sich Grafiken erstellen – und die sind für den Betrachter interaktiv veränderbar. All diese Grafiken sind dann auf Widget-Basis auf jeder Seite einbaubar. Und: Die Grafiken sind auch als interaktive Flash-Datei herunterladen. Und: Sie sind auch noch durchsuchbar. Die Charts können auch noch auf einer Plattform gespeichert und öffentlich gemacht werden. „Was Flickr für Fotos getan hat, wollen wir für Charts werden.“

Springer Fachverlag wird dann zitiert, sie seien beeindruckt. Ich auch. Wäre ich von Microsoft, Google oder jemand anders im Markt für Bürosoftware – ich würde das Team von der Bühne weg entführen und nicht eher freilassen, bis sie mich an Icharts beteiligen.

Roelof Botha von der Jury interessiert sich für die, ist aber nicht sicher, ob sich Geld machen lässt. Don Dodge „mag es sehr“, die Durchsuchbarkeit sei „huge“ – es sei aber vielleicht ein Feature, kein Unternehmen. Mark Cuban meint, das Business-Modell sei ganz einfach. Aber sie sollten dieses ganze Plattform-Ding vergessen, sondern einfach Lizenzen an all die Anbieter verkaufen, die Charts online haben, zum Beispiel Statistik-Dienste: „Viele Gründer folgen nicht dem Geld, sondern ihren Helden – das ist ein Fehler.“

»Thomas Knüwer 09. September 2008, 20:44 Uhr

    3 Kommentare zu “Techcrunch 50 – zweiter Tag”


  1. Pat says:

    Metrics klingt nach einem weiteren Gadget, dass die Welt nicht braucht. Jeder sollte doch in der Lage sein, zu spüren ob es einem psychisch oder physisch gut geht.

  2. websimultan says:

    Insider bei Techcrunch 50 mit unvollendete Geschäftsideen: Wenn die ersten Verluste die geringsten sind, so wäre analog eine Geschäftsidee die gleich seinen Käufer findet, die Empfehlenswerteste. Darum erscheint mir auch die Idee von Mark Cuban, “einfach Lizenzen an all die Anbieter verkaufen, die Charts online haben, zum Beispiel Statistik-Dienste…” als die allein praktischste und beste Lösung.

    Sollen sich mit der Vorlaufzeit bis zur Einführung, andere, die das besser können, befassen. Ideengeber oder Erfinder sind ja gleichzeitig meist keine guten Geschäftsleute.

  3. feel the difference: sind aber online – und ich war heute auf einer Handelsblatt-Konferenz in Berlin, bei der die Frage Gibt’s ein WLAN? erst nicht verstanden und dann nur mit großen Augen (nicht) beantwortet wurde…