Früher war der “Spiegel” dafür bekannt, gegen alles zu sein. Heute ist er vor allem gegen das Internet, scheint es. Und diese Haltung setzt sich fort gen Spiegel Online. Dort ist heute ein dummer Artikel über Hubertus Heil und seine ersten Schritte im Bereich Twitter zu lesen.Carsten Volkery hatte es bestimmt leicht, diese Geschichte zu verkaufen. “Wisst Ihr was”, hat er den Chefs vom Dienst, oder wer immer für die Story-Auswahl bei Spiegel Online zuständig mag, gesagt, “der Heil vonne SPD ist beim Demokraten-Parteitag und macht dieses Micro-Blogging, dieses Twitter, da. Und das ist unheimlich peinlich.”
Ja, so eine Geschichte kauft man doch gerne. Und so setzt Volkery an, Heils Twittereien darnierzurichten:
Schon sehen wir da erste boulevardistische Absichten, gepaart mit Unkenntnis. Twitter ist kein klassisches soziales Netzwerk, es sei denn man möchte Spiegel Online auch als soziales Netzwerk seiner Autoren… Obwohl, irgendwann hat ja mal ein führendes Mitglied der Spiegel-Online-Redaktion behauptet, das Angebot sein ein Blog. Spiegel Online also kann alles. Oder glaubt es.
Interessant auch der hervorhebende Gedankenstrich beim Blackberry. “Hohohoho! Ein Blackberry”, soll der Leser denken, “das war aber teuer”. Auch wenn es aber für Spiegel-Online-Mitarbeiter schwer vorstellbar ist: Der Blackberry ist ein so alltägliches Arbeitsgerät geworden, dass ihn sogar Mitglieder von Redaktionen mit schwäbischen Mutterhäusern anstandslos bekommen.
Aber weiter aus Denver:
“Die Demokraten-Show in Denver wirkt wie ein Jungbrunnen auf den 35-Jährigen – oder es liegt am Internet. Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.
Das demokratische Urgestein Ted Kennedy fand der deutsche Gast “super”. Die Rede von Obamas Frau Michelle war “der Kracher”. Auf den Straßen herrsche “unglaublicher Trubel”. Mit der gleichen Begeisterung kommentiert der SPD-Generalsekretär auch noch die banalsten Reiseeindrücke. Nach einer Erfrischungspause auf einem Markt notiert er: “Lecker Icetee”.”
Nun verschweigt Volkery einige Dinge, es hätte seine Geschichte ramponiert. Zum Beispiel Tweets über die Stimmungslage auf dem Parteitag. Oder, dass die meisten der Tweets Antworten auf Fragen Mitlesender sind.
Und genau hier ist der Knackpunkt: Sollte sich in der SPD-Zentrale tatsächlich jemand lustig machen über Heils Aktivitäten, so macht er sich darüber lustig, dass ein führendes Mitglied der Partei mit potenziellen Wählern kommuniziert – und ihnen einen Einblick in seinen Tagesablauf erlaubt. Auch Volkery erwähnt das nicht, vielleicht hat er auch nicht verstanden, was bei Twitter ein @-Zeichen mit einen Namen dahinter bedeutet. Sogar vor inhaltlichen Klitterungen macht er nicht halt: Heil finde vieles “spannend”, schreibt er. Nur: Dieses Wort taucht nur einmal auf. Und mal zu erwähnen, dass maximal 140 Zeichen möglich sind – och, nö, man muss dem Leser nicht alles erklären.
Es ist leicht, Heils Twitter-Berichte runterzumachen. Manche sind wirklich platt, andere bringen kurze Stimmungsmomente, einige auch kleine Schmunzler. Aber: Hier macht sich ein Politiker ansprechbar. Und dieser Versuch verläuft bisher besser als all die auf TV-getrimmten Langeweiler-Videos.
Das aber ist eine abwägende Beurteilung mit der These “Nicht schlecht, kann man sich angucken, mal schauen, was draus wird”. Viel zu wenig sensationsheischend eben für Spiegel Online.










25 Kommentare zu “Keiner darf Internet außer Spiegel Online – erst recht nicht Hubertus Heil”
Ist Hubertus Heil überhaupt ein seriöser Journalist?
Der darf also doch schonmal gar nichts von sich geben.
Hat die FAZ noch nichts dazu gesagt? Die geben doch sonst immer sehr Qualifiziertes zu den Neuen Medien von sich…. http://www.faz.net/s/RubD87FF48828064DAA974C2FF3CC5F6867/Doc~E32A9899EBBDA4639A8329BEF70D1E10B~ATpl~Ecommon~Scontent.html
Wohlwollend formuliert belanglose Sätzchen sind also eine moderne Art mit Wählern zu kommunizieren?
Ehrlich gesagt, ist es mir völlig egal, ob eine Partei tolle Blogs betreibt, auf Youtube Videos zeigt oder twittert. Die sollen vernünftige Arbeit im Parlament machen und fertig.
“..finde vieles “spannend”, schreibt er. Nur: Dieses Wort taucht nur einmal auf.”
Nur einmal? Das macht mir diesen SPD-Mann ja beinahe sympathisch; ist doch heute “spannend” die Lieblingsvokabel vor allem der Radiosprecher und von Interviewten. Jeder Quark ist heute “spannend” – andere Adjektive kennen sie kaum noch.
Zum Thema “Twitter und soziale Netzwerke”: Twitter ist in meinen Augen aufgrund des Prinzips des “following” definitiv ein social network. Hinzu kommt auch noch die Möglichkeit, seinen momentanen Aufenthaltsort dort anzugeben. Und das unterscheidet es von klassischen Weblogs.
Was Herr Heil da macht, geht mir relativ irgendwo vorbei: es ist ein netter Versuch, sich volksnah zu präsentieren, allerdings ist der Versuch auch so unpersönlich, dass das wenig effektiv sein dürfte.
“Jedenfalls sind die Einträge durchweg in einem Jargon gehalten, der selbst manchen Teenager erbleichen lassen dürfte.”
“Super”, “der Kracher” und “unglaublicher Trubel” ist vielleicht aus der Jugendsprache des Herrn Heil (also vor 20 Jahren), aber sicher lockt das keinen heutigen Teenie hinter der PS3 hervor. Aber interessant, dass SPON das judendlich findet. Und überhaupt – was soll die Assoziation mit dem Jungbrunnen. 35 Jahre! In Politikerkreisen ist das noch blutjung, da taugt diese Assoziation nicht! Also wenn schon lustig, dann bitte auch gut, liebe/r/s SPON!
Und ja, auch ich finde es gut, wenn sich ein Politiker mal authentisch! äußert. Dann kann man diesen Menschen und seinen Stil doof finden oder auch nicht. Wegen dem SPON-Artikel finde ich Herrn Heil jetzt aber nicht doof!
@wortwart. Dann sind wir uns ja einig. Exakt das würde ich nämlich auch empfehlen.
Neulich fand ich bei einem Kollegen einen Link zu seiner Twitter-Seite. Er hatte irgendwann Ende Dezember letzten Jahres angefangen zu twittern. Man erfuhr so Dinge wie “Puh, war das anstrengend. Freue mich schon auf zuhause” und “Geh noch ein Bier trinken”. Letzter Eintrag: Mitte Februar 2008. Meines Wissens lebt der Kollege immer noch. Und geht jetzt ein Bier trinken, ohne dass ich davon erfahre
“Hey” Klardeutsch,
es gibt durchaus Menschen, die Twitter nicht schon nach ein paar Tagen “gähnend langweilig” finden. Den anderen würde ich empfehlen, es einfach sein zu lassen, zwingt einen ja keiner zum Lesen.
Ich find es eine wirklich super Sache, wenn Politiker in der Lage sind die Möglichkeiten des neuen Webs zu nutzen und es damit vielen ermöglichen, einen besseren Draht zu ihnen aufzubauen, die sonst im Leben nicht einen bekommen würden.
Was die “wohle Überlegung” einer jeden Nachricht angeht: Wenn man bei Twitter jede Msg auf die Goldwaage legen würde, wäre das Ganze lange nicht mehr so authentisch und würde seinen Wert einbüßen.
In dem Sinne sollten sich andere Politiker eher ein Beispiel dran nehmen. Eine erfolgreiche Demokratie läuft nun mal vom Volk aus und wenn einige Politiker irgendwann verstehen, dass sie über neue Wege eine bessere Art finden breite Zielgruppe zu erreichen, dann gratuliere ich dazu!
Die Twitter-Meldungen von Herrn Heil haben tatsächlich geringen Informationswert und sind nicht unbedingt professionell. Trotzdem darf man anerkennen, dass die SPD sich an Twitter überhaupt herangwagt und beginnt es zu nutzen. Soll Herr Heil erst twittern üben müssen, bevor er anfängt? Soll er dpa-reife Meldungen twittern und welche Kriterien der Professionalität soll er erfüllen? Ich finde es eigentlich ganz angenehm, dass er so unbedarft an die Sache herangeht, denn diese Ego-Gewichse dass sich viele auf Twitter erlauben, in stillem Glauben an die Krönung mit dem Grimme oder besser noch dem Bachmannpreis, bedürfte vielleicht auch mal eine Kritik auf Spiegel Online oder einem geeigneteren Medium.
Die Grundidee finde ich ja gut. Twitter dagegen finde ich aber wirklich nur albern. Ich mag den Sinn in 140-Zeichen-Nachrichten nicht wirklich erkennen.
Ausserdem lässt der Skateboard und Schuhkauf …ähm… Satz irgendwie durchblicken: “Gott, die müssen alle nur shoppen, können wir jetzt endlich mal arbeiten?”
Interessanter wäre ein netter Blog. Da müsste man die Sätze nur ein bisschen rund machen, 1-2 Bilder dazu und schon hat man mit weniger Aufwand tatsächlich eine nette Geschichte.
Hey Leute. Twitter ist nicht nur eine Microblogplattform, sondern eine Microplattform. Wer sollte sich den ernsthaft dafür interessieren, was Hubertus Heil (!) Minute für Minute macht und denkt? Twitter ist eine Spielerei – und wird nach ein paar Tagen gähnend langweilig.
Soll ich das wirklich für ungefilterte Kommunikation der Politik mit den Bürgern halten, wenn Hubertus Heil (!) die Rede von Michelle Obama super findet und mir sagt, heute sei “Hillarys Tag” (wäre ich selbst nie drauf gekommen)? Wirklich interessant wäre doch nur, wenn er schriebe, Hillary sei eine alte Schlampe und Obama ein Gauner.
Also: Runter von den Barrikaden. Etwas ist nicht nur allein deshalb schon gut, weil sich SpOn darüber lustig macht.
Da freut sich der “Papa Duden” auf ein neues Verb, am besten direkt mit Vergangenheitsformen: twitterte, hat getwittert…..
Politiker wollen gewählt werden. Und die meistgelesene Kritik an Politikern ist doch, dass sie Volksfremd und nicht nah genug am Wähler sind, dass sie nicht die Sprache des Volkes sprechen und abgehoben wären.
Verhält sich ein Politker aber genau nicht so, dann ist das anscheinend auch wieder nicht gut. Ist er dann zu nah am Wähler? Drückt er sich zu sehr aus wie “das Volk”? Ist er nicht abgehoben, sondern gibt sich wie “Du und Ich”? Zeigt er, dass Politiker bei einem USA Besuch unter anderem das gleiche tun, was “das Volk” vielleicht auch tun würde?
Das was Herr Heil dort macht, kann für mich als Wähler nur gut sein. Und zwar völlig unabhängig davon, wie ich als Wähler das bewerte.
Wer mit Politikern zu tun hat, weiß, dass die zum Teil echt weit entfernt von ihrem eigentlichen Klientel, den Wählern, sind. Insofern kann man es nur begrüßen, wenn sich Herr Heil daran versucht, Kontakt aufzunehmen.
Gut, seine Tweets könnten gewitzter, intelligenter, tiefgängiger sein – aber so zeigt er wenigstens sein wahres Gesicht.
Ehrlich kommt weiter. Ich find’s gut, dass er es macht! Respekt.
“Hohohoho! Ein Blackberry”, soll der Leser denken, “das war aber teuer”.”
Tut er aber nicht. Der denkt erstmal “häh?” und fragt sich dann, ob Blackberry wohl eine neue Tee- oder Marmeladensorte ist.
Twitter als soziales Netzwerk zu bezeichnen ist geschenkt, die fehlende Erklärung nicht.
Mdb muetze hat ein skateboard, mdb annen schuh gekauft. Wir koennen jetzt weiterarbeiten…
Genial, wie er die komplexen Themen “ich will nicht erwachsen werden” und “Ausbeutung in chinesischen Schuhfabriken” runtergebrochen hat. Botschaft angekommen.
Don Alphonso:
Das ist mir zu elitär gedacht. Der Infostand auf dem Marktplatz und das Verteilen von Kugelschreiben sind ebenfalls nicht gerade hochkomplex, dennoch ist das ein typisches Mittel der Wählermobilisierung.
Komplexe politische Themen muss man runterbrechen, ansonsten kommen die Botschaften nicht an.
Was mir an der ganzen Sache bauchschmerzen macht, ist einerseits die baracköse Pseudokumpelei und andererseits das Runterbrechen von komplexen politischen Themen auf eine Form, die auch ein besoffener Lobo noch vorlesen kann. Politik hat eigentlich was besseres verdient.
Ich die Passage aus dem Sz-Artikel gut:
“Es ist wahrscheinlich abgeschrieben aus der Selbstdarstellung von Twitter (englisch für zwitschern): “Die Social Network und Mikroblogplattform Twitter macht es möglich, SMS-ähnliche Textnachrichten, ‘Updates’ oder ‘Tweets’, mit maximal 140 Zeichen über verschiedene Dienste zu versenden.”
Nicht nur dass ich nun weiß dass twitter übersetzt zwitschern heißt (übersetzt die SZ grundsätzlich? Apple zu Apfel und so Sachen?), nein ich weiß auch dass sie auch nicht besser sagen können was ein Twitter ist.
Ansonsten…SpOn übertreibt, aber ich bin auch eher der Meinung dass so eine Aktion zwar in gewisser Weise fortschrittlich, aber in der Umsetzung eher zu belächeln ist.
Facebook, StudiVZ, Xing etc. sind soziale Netzwerke, Twitter hingegen ist ein Microblogging-Service.
Auch wenn ich den Ausführungen ansonsten voll und ganz zustimmen kann: Twitter ist ein klassisches Social-Networking-Tool und erzeugt damit auch ein soziales Netzwerk. Das sehen diverse Webseiten und auch Buchautoren zum Thema Web 2.0 nicht anders.
Was ist es denn Ihrer Meinung nach?
Das Nutzerkommentar-Moderations-Blatt SZ ist jetzt mit einem noch peinlicheren Artikel nachgezogen:
http://www.sueddeutsche.de/politik/924/307874/text/
Herr Knüwer, was Spiegel und Internet betrifft bin ich ja grundsätzlich bei Ihnen, aber haben Sie das getwitter von Herrn Heil mal gründlich gelesen? Der Informationswert – von wegen Wähler ansprechen – geht doch gegen null. Also, ich finde das genauso peinlich wie seinen “Yes we can” Auftritt in Nürnberg.Ein bisschen professioneller sollte ich das als Politiker schon angehen.
“Viel zu wenig sensationsheischend eben für Spiegel Online.”
)
Das ist der Knackpunkt. SPON lebt davon, alles so sehr zuzuspitzen, dass der Wahrheitsgehalt einer Nachricht schon fast bezweifelt werden darf. (Richtig zitieren können die SPON-Recken auch nicht richtig.
Jede Wette: Demnächst kommt dann wieder ein “Deutsche Politiker nutzen das Internet überhaupt nicht!”-Artikel bei SPON. Ying/Yang quasi…